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Freies Blatt · 1894-12-02 · 139 (2.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
139 (2.12.1894)
Date
1894-12-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AbonnementSpreiS. ft fl r Oesterreich ^Ungarn: ^anzjabrig. . . fi Kronen (st. 2..'*0) <'alblädrig.S Kronen (fl. i.w»> Für das gefamntte Ausland: «^an;iäbrig.« Marl Halblährig .3 Mark :»0 Pf. Einzelne Nummern 6 kr. Unlrankirte Briese werden nicht angenommen Organ zur Abwehr bes ^lntisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. t Reduktion ii»d Adiiiiiiistraliou: I SciXcrncitte 10. ' Clnjerate tceibcit mit SO $ener;m kr ) iilt di« »irr iital' gehaltene Dant>areiae;rile berechnet. Kleiner Sinniger da» Wort » Heller (S kr.). Aufnahme va>> 3n[craten in an irrer Slbmimflratinn iowie im Slnironceulmreau Di. lute». I. Wall,eile R. Nummer IS!), Wien, 2. Dfccrabcr 1894. III. Jahrgang. Aus Salzburg. . (Ciiginal Millheilung de» „Freien Blatte»".) . — Ende November. Dreißigtausend Gulden för> die kalholische Universität ootirte I der Gemcinderath von Salzburg am 20. November. Mit Staunen! lasen wir von diesem kühnen Beschlüsse. Hatten wir doch immer i mir von Geldmangel im Stadlsäckel gehört; das Sladttheater > wurde mit Hilfe der Sparcasse gebaut, für die Andre'--Schule i war ein Fonds da, die Koste» der Mönchsbergstraße wurden zu! zwei Theilen von Privaten getragen; sogar für die Armenpflege! werden Beiträge bei angesiedelten fremden Familien gesammelt, und ein Circular des Bürgermeisters begehrt lebhaftere Betheili-! gung an dem städtischen Theaterabonnement. Was hätten die Väter der Salzachstadt für dieselbe ncch Alles zu thun, wen» es hnen nur nicht immer am Gelde gebräche? Aus Vrrkchrsrücksichtcn legte man das Linzerthor nieder, die Hauplader der Stadt jedoch, > wird wegen Geldmangels noch immer nicht von Obpacherbogen und Zellerecke befreit; man sollte Luft in die engen, ungesunden Straßen der linksseitigen Stadtlhcile und j.nseiis in die Steinj Vorstadt bringen, man sollte schon kein Schönheitssinne zuliebe daS Theater von der dasselbe verdeckenden Häuserbarricade und die schöne Dreifaltigkeitskirche Fischer'ö von Crlach von dem davorstehenden VersatzamtShause befreien; man sollte neue Wege schaffe», alte verbessern, canalisiren, den Kapuzinerberg durch, eine Fahrstraße der Stadt näherbringcn, man sollte daS Curhaus erweitern, ein neues Rathhaus bauen, die Festung übernehmen, eine Soolenlcitung von Hallein herführen, Volksbibliothcken gründen, endlich auch die Schüblinge in Schubwägen tranSportire» und den Vichlricb reguliren, der, trotz der Gefahr, noch immer wie in einem Gebirgsdorfe vor sich geht — aber da heißt eS immer: kein Geld, kein Geld!' Aber dreißigtausend Gulden für die Verfinsterung der Geister, für ein Privatunternehmen, das den Zweck hat, dem Hochschulunlerrichte durch ein Minus von Lehrstoff Concurren; 'zu mache», dreißigtausend Gulden für die Freunde der Antisemiten und für die Salzburg belagernden Jesuiten hat man. Es fand sich Niemand in dem ganzen Kreise, welcher die Stadtvätcr aufgellärt hätte, daß das Gesetz in Deutschland nusländische Zeugnisse ungiltig macht, daß es sich hier um eine pädagogische Mißgeburt handle, daß die „tobte Hand" stets nimmt und niemals gibt. Der Ge-, uilinderath hat damit Farbe bekannt, und zwei Antisemiten mußten seinen frommen Feucreifcr in der Förderung clericalcr Untcrnehmungen in der Form dcö Gebens mildern. Damit aber die Pflanzschule für den Parteikampf nicht zu kurz komme, schlug man Sie Zinsen zum Capital,' und die Salzburger „Specialität" (Universität wird eS keine), diese Rekrutenanstalt für die Streiter der Kirche, wird nun mit autonomem Gelde gebaut. Der Salzburger Gemkinderalh hat mit diesem Beschlüsse dem Liberalismus, der einst in der Rathsstube herrschte, ein Grabmonument gesetzt. Cs ist eben in Salzburg nichts so unmöglich, daß nicht noch Unmöglicheres hier greifbare Gestalt gewänne. „Hebung der Geschäfte" ist das Schlagwork; 'man glaubt an große Vortheile, welche die „Universität" mit sich führen werde, wie bei der Demolirung des LinzerihoreS an eine Hebung deS Verkehres. Wissen die Wähler von Salzburg noch nicht, was eine Saisonstadt blühend macht? Ich i glaube: urbanes, gastfreundliches Wesen und internationale Duldsamkeit! Sie sollen eS einmal versuchen, nicht hohe Politik zu treiben, die Antisemiten zum Schweigen zu bringe», sich das clericale Alluvium vom Leibe zu halten, einen neutralen Boden zu schaffen für den internationalen Verkehr und die- Pforten Allen offen zu halten, statt durch Unduldsamkeit gegen Andersgläubige Riegel vorzuschiebcn. Dann werden unlcrnchmcnde Industrielle, neues Leben bringen, dann wird das stästischc CurhauS den Ceiilralpunkt des Fremdenverkehres bilden, wie in. anderen Saison städten, dann wird das Volk in Volksbibliotheken sich mehr Weis ' heit holen als in den Kneipen, dann wird Luft und auch Licht in die Straßen kommen, über welche sich jetzt immer tiefer die Finsterniß. deS Clericalis.mus senkt. I>—i. (ßvaf Murmbrand's Aeformeifer. / (Zuschritl an da» „Freie Blau" ) Graf Wunnbrand entwickelt einen wahrhaft stauncnSwcithen Eifer in der Fertigstellung von Gesetzvorlagen. Offenbar im Sinne der ans gleichcnden Gerechtigkeit leitet ihn dabei daS Streben, all-n Parteien - im Abgcordnetcnhause, die außerhalb der Coalition stehenden mit . inbegriffen, cs recht machen zu wollen, ohgc daran, zu denken, daß derjenige, der eS Allen recht thun will, in der Regel cs Niemandciii recht macht. Daher die unerschöpfliche Flasche von Gesetzentwürfen' und Gesctzvorbeicitungen. Jedem soll womöglich rin Sträußchen zu geworfen werden. Wohin wir auf diese Weise gelangen, haben wir zu häufig wahrzunchmcn Gelegenheit. Dank den rcstrictiven Bestimmungen der gesetzgeberischen Arbeiten unseres HandclSininistcrs auf dem Gebiete " des Handels und Gewerbes ist eS beinahe vollständig aus unserem Gedächtniffe entschwunden, daß eS in unserem Batcrlandc eine Gewerbe freihcit gegeben hat, welcher auch der ehemalige Minister Dr. Ignaz Edler v. Plcner nicht ferne gestanden ist. Es wird nicht mehr lange währen, und man wird sich daran nicht zu erinnern vermögen, daß in Oesterreich für die Wahl eines Erwerbes keine gebundene Marschroute bestand, vielmehr Feder seiner eigenen Eingebung folgen konnte, wenn er heute den einen, morgen den anderen Erwerb ergriff, wenn er daS eine Geschäft, das ihn nicht zu ernähren.vermochte, aufgab und das andere wühlte, daS ihm eine beffere LebrnSexisten; in Aussicht stellte oder für das er eine befforc Eignung zu besitzen vermeinte.. Daß es der Menschenwürde mehr entspricht, sich auf den Stab der Selbsthilfe.zu stützen, als am Gängcl baudc bevormundender StaalShilfc sich führen zu taffen, davon, ist - überhaupt nicht mehr die Rede.. Das Prokrustesbett behördlicher Einflußnahme wird für jede gewerbliche und geschäftliche Thätigkeit auf gestellt und jede Bewegungsfreiheit eingeengt. Dabei passirt cs noch, daß die., gesetzlichen Bestimmungen an Prägnanz und Präcision im Ausdrücke so viel zu wünschen übrig laffcn, daß neben den Schranken, die der freien Bewegung gezogen sind, auch noch eine Sackgaffc bezüglich der Jnterpretationssicherhcit der gesetzlichen Be* stimmungcn nur zu oft besteht. Dieser Mangel an der bei jeder codificatorischcn Arbeit unerläßlich nothwendigen An- und Abgemessen heit ist entschieden nur auf die Ruhelosigkeit zurückzirführen, mit der Graf Wurmbrand bestrebt istauch die Störcstiedc im Abgeordneten < Hause durch Vorlage, ihnen genehmer Gesetze zum Schweigen zu bringen Der concise GcdankepauSdruck braucht zu feiner Faffung einige Zeit

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