Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 137 (18.11.1894)
- Date
- 1894-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 137. Seite 9. Freie» Blatt. Lcilillcron. Die Töpfer sclieilöe. Erzählung von Eduard Kulke. VIII. Rorifclfimg.-j Der Schritt war getha». Moscö war i» die juridische Facultüt cingctrcten und suchte sich, so gut er cS konnte, in die neue Lage hincinzusindcn. Er hatte sich bisher zu wenig mit dem Menschen bc schäftigt; er hatte aber doch das Leben und Treiben in der großen Stadt schon einigermaßen kennen gelernt, genügend, um ans den Gedanken zu komme», daß der Mensch doch auch ein Naturwcse» sei, das der Betrachtung mindestens ebenso, wcrth ist wie irgend eine Naturerscheinung oder ein geometrischer Satz. Vielleicht, sagte er sich, hat die Mutter Recht: cS mag von Interesse sein, zu ersah, cn, auf welche Art und durch welche Ursachen der Mensch das geworden ist, waS er heute ist, aus welchem Ursprung alle diese Gesetze stamme», welche das Berhaltcn der Menschen vorschrcibcu und den Verkehr derselben regeln, und weshalb diese Gesetze gerade so sind, wie sie sind. Und so hatte er einem Ideal entsagt, aber ei» neues Ideal gewonnen. Nicht also, wie man »leinen möchte, mit Mißbehage» und Voreingenommenheit hatte er die neuen Studien begonnen. Er hörte die Professoren und beobachtete die Welt. Er hatte in Wien hinreichend Gelegenheit zu sehe», wie Menschen sich quäle», nur »m das Stückchen Brot des täglichen Bedarfes zu.erwerben, und wie selbst dieses wenige so Manchem unerreichbar bleibt. Er laS i» den Leitungen häufig genug von Selbstmorden, die aus Roth begangen, von Verbreche», die in Folge bittersten Mangels verübt wurden, und da hatte er sich denn cincS Tages allerdings sehr ernstlich die Frage vorgelcgt, wer eigentlich der Menschheit einen größeren Dienst leiste, der Naturforscher, dessen Erfindungen zum Vorthcilc der Mensche» qnSgcbciitct werden, oder derjenige, der den Menschen in ihren Leiden unmittelbar zu Hilfe kommt. Was nützt cS — so fragte er sich — einem Menschen, der sich in die Donau stürzt, weil er nichts zu essen hat, daß etwa zu gleicher Zeit eine wichtige neue Entdeckung gemacht worden ist? Wir fahren jetzt mit der Eisenbahn bequemer und sclsircller als man früher gefahren ist, und vielleicht wird man einmal mit dem Luftballon fahren, noch weit geschwinder als jetzt. Das wäre gewiß ein groß artiger Triumph für den menschlichen Geist; werden aber die Menschen darum glücklicher sein? Wird Hinz, dem. der Magen knurrt, zu essen baden, weil' cs dem Sinn;, der nicht weiß, was Hunger heißt, ermöglicht ist, von Wien nach Paris durch die Luft zn fliegen? Achnlichc Betrachtungen hatte er öfter angestellt nnd dies führte ihn nach und nach dahin, sein neues Ideal in einem »och schöneren Lichte zu . sehe» als das frühere, dem er entsagen mußte. Er war also schon weit davon entfernt, eS dem Vater zu verübeln, daß er ihn irf eine Richtung dränge, in der er gezwungen war, sich mit dem Schicksal der Menschen, mit deren Wohl und Weh ernstlich zn bc fasten, und was er anfänglich als. eine Sclavcnarbcit betrachtete, darin erblickte er nun eine des freien Mensche» im höchsten Sinne würdige Aufgabe u»d Beschäftigung. Er hatte wieder die Freude am Dasein gewonnen, die er durch die ihm abgcrungcne Entsagung cinzubüßc» in Gefahr gewesen war, und mit vollem Eifer gab er sich den Studien hin. Er studirte Rechtsphilosophie, Statistik, "Nationalökonomie, Strafrecht, RcchtSgeschichte, kur; .alle die Tisciplinc», wie sie der Jurist im Laufe der aufeinanderfolgenden Semester zu absolvireu hat; aber je mehr und je tiefer er in den Geist dieser Wistcnschaftcn cinzndringcn suchte, desto mehr und mehr sah er die Ideale zerrinnen, die er sich da aufs Neue gebildet hatte; er verlor die. Lust an de» Studien, und mit dieser auch de» Lebensmuth. Ei» Gedanke aus der Siinderzeit tauchte in seinem Geiste wieder auf, die Gerechtigkeit» die er überall gesucht hatte. Er suchte sic auch jetzt wieder, könnt? sic aber in den neuen Studien nicht finden; er fand da überall nur Gesetz und Recht, aber nicht Gerechtigkeit. Er sagte sich: die Menschen sind von Natur, ungleich. Der Eine ist groß, der Andere cklcin; der Eine ist stark, der Andere schwach; der Eine ist gesund, der Andere krank. Und wie mit den körperliche» Eigenschaften, verhält cs sich auch mit den geistigen : der Eine ist begabt, der Andere nicht; der Eine ist geschcidt, der Andere dumm; der Eine ist lebhaft, der Andere trüg, und so alles Andere, was man nicht auszuzählen braucht. Diese Ungleichheiten, die von der Natur herrühren, sind natürlich nicht zu beseitigen; man muß sie als Thatsachen gelten lasten. Aber die Gegensätze, die sich aus diesen Ungleichheiten ergeben, sollten durch das, was ’) tzn Nr. 13ti hieß t» irrlhümlich iS. stall 11. Zottsehung. nicht von der Natur unmittelbar, sondern durch die Menschen gemacht und festgesetzt wird, wenigltcns gemildert werden. Daö wärc eine aus gleichende Gerechtigkeit. Anstatt einer solchen Ausgleichung aber, was sehen wir? Zn den' natürliche» Ungleickiheilen fügen die Menschen noch andere künstliche Ungleichheiten hinzu, und die »Gegensätze, die .man linder» sollte, werden verschärft. Darin liegt leine Gerechtigkeit. Das war bei den mathematischen Studien doch anders. Wenn man zum Beispiel bedenkt, daß der Winkel im Halbkreis immer ein rechter ilt, so ist dies eine Thatiache, über die man. nicht genug staunen kann. Im Halbkreis sind unzählige Winkel möglich, und jeder ist von dem anderen verschieden nach Lage der Schenkels allein, rvie vcr-' schieden die Lage der Schenkel auch sein mag, sie ruhen alle auf den Endpunkten eines Durchmessers und haben ihren Scheitel iu einem Punkte der Peripherie, und darin liegt die Ausgleichung für ihre Verschiedenheit. Der Winkel int Halbkreis ist unter allen.Umständen ein rechter, darin liegt Gerechtigkeit: cS sind glcickstam alle Winkel im Halbkreis gleichberechtigt. DaS kann man von den Mensche» nicht sage». Die Menschen sind nicht gleichberechtigt. Sic sollten cS aber sei». Denn bei allen Verschiedenheiten, durch die sie. «ich von einander unterscheiden, haben sic doch daS Gemeinsame, Mensch zu sein: nnd dieser Titel sollte in der Thal genügen,, sie alte mit gleichen Rechten aüSzlistaticn, wen» sie schon von "Natur nicht mit gleichen Kräfte» auSgcstattct sind. 'Wo also ist Gerechtigkeit? Allein in der Wahrheit! Wo aber ist Wahrheit? Wo anders, als in der Mathematik! Einzig und allein in der Zahl, in dem Abgemessenen, in dem Abgewogenen liegt die höchste Gerechtigkeit. In solcher Slimmung befand sich ÄjoscS an jenem Tage, an welchem er - sich die „Wunder des Himmels" gekauft und die Bekanntschaft Liltrow'S in der Buchhandlung gemacht halte. Wie sehr cntmuthigt er war, geht deutlich genug a»S dem Gespräche hervor, welches er an jenem Tage »tit dem Professor Littrow geführt hatte. Wonach sein H^rz verlangte, und waS er meinte, das hatte er ver- ' gcblich in den Hörsäle» der juridisclzen Faeuliät gesucht: was er da kennen gelernt, war ein durch Jahrhunderte und Iahrhuudcrtc künstlich anfgcführtcr Bau, dessen Grundriß anfzusinden, er sich umsonst bemühte; nur zu bald mußte er csitschcn, er sei einen Weg gegangen, auf welchem ihm keine Früchte entgegen reiften: er hatte sich getäuscht. WaS aber daS Allcrschlimmstc bei der Sache war : der Fehler - war gar nicht wieder gut zu machen. Dein Vater das Geftündniß oblegen, daß er zn den juridische» Studie» feine Neigung habe, das hieße in dessen Augen sp viel, als erklären, daß er die'Studien gänzlich anfgebc. Hätte cs sich anders verhalten, so würde die Mutter damals, als sic ihn so sehr bestürmte und sei» Herz so sehr bedrängte, sich nicht aus die Seite des Vaters» gestellt habe». Es wäre also auch aussichtslos gewesen, sich an die Mutter zu wenden nnd sic vertrauensvoll ins Gchcimniß zu ziehen. Der Vater hätte cs ja doch über kurz oder lang erfahren müstcu, und dann hatte cS mit dem Stlidicren überhaupt ein Ende. In seiner Heimat hatten die Leute ohnehin lange Zeit sein ganzes Studieren nicht ernst nehmen ivollcn, da sic meinte», er werde als. einziger Sohncincü reichen Hauses ja doch einmal das Geschäft dcö ValcrS übernehmen. Gab er nun die Studien auf, so hätte» die Leute, die immer Alles vorher gewußt haben wolle». Recht behalten, und an spöttischen Bemerkungen über den „gelehrten Kaufmann" hätte es nicht gefehlt. Dem durfte er sich nicht aussctzeir. ja er dürfte dies auch seinen Elter» nicht anlhun; cs wäre eine Schande gewesen, und so blieb ihm nichts übrig, als seiner Neigung im Geheimen »achzugchcn. Vor der Welt galt er alö Jurist; in seiner Stnbc trieb er Mathematik und Mechanik. Er kam sich vor wie ei» unglücklich verheirateter Ehemann, der an seinem Weibe kein Wohlgefallen findet und für ei» anderes Wdscn eine unbczwingliche Neigung im Herzen trägt. DaS freiere llniversitätslebcit begünstigte diese Neigung und machte cS ihm leicht möglich, ihr »achzugchc». Auf dem Gnmnasium hatte er sich doch hie und da Zwang anthun müsic»; da durfte er auch jene Gegenstände, die ihn weniger anzogen, nicht vernachlässige». DaS Semcstralzeugniß war eine unvcrmcidlichc Eontrolc seiner jeweiligen Bemühungen. Auf der Universität fiel diese Eontrolc weg. Zu einem Eolloquium kann inan nicht gezwungen werden; er machte daher auch keines. Sobald er die Uebcrzcugung gewonnen hatte, daß die juridischen Vdrlcsungen seinem Geiste nicht die Erquickung zu bieten vermögen, deren er bedurfte, hörte er auf, ein regelmäßiger Besuchet derselben zu sei», und dies führte allmälig dahin, daß er sic gänzlich bei Seite liegen ließ. Er hielt den Kampf gegen das Gewordene für die Aufgabe der Vernunft, aber er hatte zugleich erkannt, daß ber Einzelne unvermögend sei, diesen Kamps auszunchmcn. Er hatte sozusagen eine theoretische Energie, aber keine praktische; seine Energie war nach Junen gerichtet, auf sein eigenes GemüthSlcbc», aber nicht »ach