Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 134 (28.10.1894)
- Date
- 1894-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 134. Freie» „Nein/ sagte MoseS kleinlaut. „WaS/ sagte der Professor, „du unterstehst dich? Warum hast du sie nicht verdient?" „Weil ich das nicht gewußt habe, daß man etwas, was gut ist, nicht sagen dars." „Ob cS gut ist oder nicht gut, darauf kommt eö nicht an. WaS wäre das für eine Ordnung, wenn jeder Schüler sprechen könnte, was ihm beliebt? Da könnten ja auch Alle auf einmal reden! Sichst du das ein?" ..Ja" „Also mußt du auch cinschcn, daß die Strafe eine gerechte war." „Gerecht," sagte MoseS, der in diesem Augenblicke a» seine Strafe schon gar nicht mehr gedacht hatte, ,„gerecht ist die schiefe Stellung der Erdachse! Das heißt gerecht." i Der Professor war von dieser Acußcrung einigermaßen betroffen und fragte, wie er daS meine. MoseS sagte: „Weil die nördliche und südliche Hälfte der Erdkugel in gleicher Weise mit Sommer und Winter und mit der Haisgc der Tage bedacht sind." Der Professor war freudig überrascht von dieser Bemerkung. Er wollte die Borstellungskraft des Knaben auf die Probe stellen und fragte: „Welche Stellung der Erdachse würde-dir denn nicht gerecht erscheinen?" „Wenn sich die Erde," sagte Moses, „aus der Erdbahn so drehe» würde wie sin Wagenrad auf der Straße, so wäre die Achse horizontal —" „Ganz richtig," unterbrach ihn der Professor, „nun und was wäre da? „Das wäre ganz ungerecht," antwortete MoseS. -„Tic eine Hälfte der Erde hätte immerwährend Tag und die andere immerwährend "Nacht." ' „Wie wäre cs denn aber," fragte der Professor, „wenn die Erdachse auf der Erdbahn aufrecht stünde?" „Das wäre auch noch nicht so ganz gerecht wie die schiefe Stellung," antwortete -MoseS, „so ungerecht wie die horizontale Stellung wäre cS nicht; aber die schiefe Stellung ist doch noch gerechter für die verschiedenen Brcitegrade. Bei der senkrechten Stellung wäre ja gar keine Veränderung nach Jahreszeiten! In unserem Breitcgradc wäre cs das ganze Jahr hindurch so, wie eS jetzt am 2l. Mär; und am 23. September ist," „Das wäre ja angenehm!" sagte der Professor. „Ja, für uns vielleicht," cntgcgnctc MoseS, „aber höher nach Norden hinauf, da wäre ein ewiger Winter." Der Professor, der diese Dinge niemals auS dem Standpunkte der Gerechtigkeit betrachtet hatte, war höchlich erstaunt. Rasch erkannte er, was er gestern schon vermuthct hatte, daß er cs da mit keinem gewöhnlichen Kinde von zwölf Jahren, sondern mit einer AuSnahmSnatur zu thun habe. Der Knabe begann sein Interesse zu erregen, und er verschmähte es nicht, sich mit ihm näher cinzulassen „Wenn du mich über irgend etwas fragen willst," sagte er, „so kannst du cS jederzeit »»gescheut thun, nur nicht in der Unterrichtsstunde." „Darf ich gleich jetzt?" fragte Moses. „Ja, gewiß," erwiderte der Professor. ' „Wieso dreht sich die Erde?" fragte Moses. Diese Frage setzte den Profcffor in Verlegenheit. Er konnte dem ganz unvorbereiteten Knaben ja doch nicht die Kant Laplace sche Theorie auScinandcrsctzcn; also vertröstete er ihn auf die Zukunft. „Darüber," sagte er, „gibt es wohl Vcrmuthungcn und verschiedene Ansichten. Bis du etwas älter geworden sein und mehr gelernt haben wirst, dann wirst du auch erfahre», wie die großen Philosophen und Naturforscher dies zu erklären versuchen." Das war für Moses in seinem gegenwärtige» Zustande natürlich so viel wie nichts. Er fragte weiter: „War die Erde immer so hart, wie sie jetzt ist?" Diese Frage überraschte den Profesior »och uuchr als die frühere, und er fragte dagegen den Knaben, wohcrxx-^auf solche Gedanken t komme. Moses sagte: „Wenn die Drehuikgdcr Erde die Ursache der | Ausbauchung am Acquator ist, so müßte sich die Erde, da sic sich fortwährend um ihre Achse dreht, noch fortwährend am Acguator anSbauchen,, und da könnte sie, da sie an de» Polen fortwährend zusainmengcdrückt würde, nicht die Kugelform behalte», sie müßte plattgedrückt werden und aussehcn wie ein Laib Brot."! „Sehr richtig," sagte der Professor, „wenn die Erde jetzt »och \ die Plasticität besitzen würde, die sic früher einmal gehabt haben muß." „Was, ist daS," fragte der Knabe, „Plasticität?" „Bildsamkeit," sagte der Professor, „die Fähigkeit eines StosseS, eine Form anzunehmen." „Die Erde ist also einmal weich gewesen?" fragte der Knabe. Blatt. ' ' Leite S». „Sic muß eS gewesen sein," sagte der'Professor. „Tie Erde hat nach und »ach ihre Plasticität verlorst,, und nun ist sie hart." - Dieser Aufschluß war für Moies ein.C.iicll trendigster Erregung DaS hatte er aus eigener Betrachtung gc'unSen: der Professor . halte cS ihm nur bestätigt. Iorlsevung wlgi.» Literatur. Heinrich L ici»er H.;>>ort>. Anti — trroccoloS Lmiagogc - Ter barmlicrzigc Bruder. Drei Novellen Dresden, Leipzig und Wie,:, if P:.-r:cn's Vertag, lPreis •J.luuf. : Wir Minsen .ganz aufrichtig geneben, dag wir man Ume . nie» gewissen Unwillen: nach dein Büchlein gegriffen, was mi-? der Bersti--/ i.eundlich vergeben wolle. Aber die »»seligen.,.Ami" verleiten uns genug das r-.be». kein. Wunder, daß )vrk »nS nicht agch noch in der Literatur mit ilnien besiltäsligen möchten. Zudem waren wir der Meinung, daß sich dieses Thenn nur ini Tone herbster Dalire erträglich bebandel» liege, eine Meinung, von de:. Hnz mm einigermaßen abgekonimc» sind, r'lork Dleiner gibt in „Ami", um meln brama tucher als iatgrischer .'ütiift ein erichecctendes Bild der Berbecrnnä, welche der unter verschiedenem Name» lnnber'chlcichende Nacen und Elassenvaß anrichict. Wir sehen, wie in dem stillen ,friede» eines teuiich böhmischen DiädlchenS eine Bewegung entsteht, die unter dem Piäicrle, ei neu gar nicht vorhandenen indischen Einfluß zurüclzndrängan, grnndstürzend aualle Verhältnisse ivirtl ,m>d schließlich in dem stillen Weichbild des Diädichens die Dackel der Brande' und AusruhreS entzündet. Heinrich Irrgang, der Man», der diest- Bcivegung heivorgeiusen, ein velegirter Dindcnt und entlassener Beamter,' iii ein uns nur zu ivohlbelanmer . Ti-pns, nicht gerade vom bö'en Herzen, aber eitel, trotzig, >vo» verschrobenen Rechts- und Nalionalbegritse». Deine agitatorische vansbab» endet daiitit, daß er alS Anstviegler. Biandlegcr und Tvdtichläger Anßenbach, die Dtalie seiner Wirliamlcit, in einer allzngcrechlsertigten Eile verlassen muß, um sich nach Amerika einzuschisseu. In der neuen Welt lernt Heinrich Irrgang in der Dehnte des erbittertsten Erntenzlatbmes die Bedeaining. der Menschenbrüderlichleil er^ kennen und den leider auch jenseits der Atlamie unter allerlei biikgendem Bor. wand betriebene« Kamps gegen de» vermeintlich wirihschaiilicheii «llcguer und gegen eine angeblich inseribre Naee an» tieister Decle verachten. Es liegt etwas ro» wahrhaft dichterUchein Hnmoi darin, wie unser Bcrsasscr den großen „Anti" von 'Außenbach drüben in Amerika zunächst als Bekampser de» Ami Eliineien- Ihnttis und Beschützer eines Keinen ilhinejen „Iüngcls" ansiretn. später in „Neu-England" den A> üpapislcn gegenüber just in jene Dlellung gcralhen läßt, welche der Jude bei uns der katholischen b'laiibeii-'mehiheit gegenüber eliinimmt. Aork läßt den bekclilicn >->-I>-r:,nt „Anti" mit tragischer Unerbinlichlei: die herbe» Eo»seanc»;eii seiner Dchiild ziehe». Wir wären naäa'ichtiger tini Miseren tiverie» noch allhier herninbuminelnden Irrgang's, nnd wären s znfriedcn. wenn sie nur nach Amerika gingen : .inöchlen sie sich'» dort gut gehenund nicht mehr an die Rüclkrlck zu denken ein'aUen lassen. „EroeeoloS Dnnagogc" ist eine ganz neue Dchnnrre ans einem italienischen ivhelto. Dagegen erhebt'sich unser Verfasser in dem letzten Dliicte „Ter barmherzige Brndcr." zur höchsten Tendenz. Tics Dtiick mit seiner lnhrenden 'Natürlichkeit, mit seinen die Schranken des jüdische«, sowohl alS de»' christliche« <SheiioS übersliegenden tsleiste der Ber» iö'.ilichlcii und Liebe gemahnt un-S an, die best,» Dtiüte ssomvcri's. Das ist wohl der beste bieleitsbrier, den lvie unserem Verfasser schreiben lonnrei,.' l-r. i. Tic tffcschichtc des Locialismits in EiuzelSarstellnugeu. Im Verlag von I. H. W. Dietz in Dlntkgarl. Bon diesem Werke sind bisher die erstell vier He-!.- des ersten" Baute» „Tie Vorlänser des ncneren DociallSuins" er'chielien Im erneu Abschniii behandelt K. >t an ls f l) „ten plaiouischen und d-m urchristlich-n Eommnnisinns". Der ziveite Abschnitt erzählt kie-Eeschichie der tzolniarbei: im Mittelalter nnd uii Zeitalter -der Neiorination, nnd zwar die Emsteburg eines fveieii,- städtischen Haudwellerstandes, die Hörigleit, die Ail>ätz.',e des Handwerts, die die Anfänge des EeicllemveienS.. die Käinp'e zwischen (vesellen nnd Melsier», die Geselleiiverbände, die städtische Arbenciaristokraiie, Ma> kgenossenschafi nnd Berg recht u. i. w. Der drille Avichuin handelt von dem Eoinmnuismns im Mittelaller und im Zeitalter der Neiormativn. Der ici-tir Inhalt nnd der -i»it dem Tagesinlercsse. eng vcrknnpile Divis cmp-ehlcn dieses Werk, ans das wir noch! des AnSiührlichercn znrülkznkomme» buffen, von selbst Alle vierzehn Tage erschein! eine Licsernng 't -<> Pf. - - Neuer Datzburgischcr Hausnnd WirthschaslS-TchrribkalcnScr Iäns das ge- . meine Jahr nach unseres Herrn - nnd Heilandes Ie>n Ehrisli gnadenvollcr Geblltt IWiir» In kirchlicher Beziehung von dem hochivürdigen i sürsterzbischösliche» Eonsisiorinin approbirl. Truck und Verlag von Iokei j Dberer's seliger Wilwe Buchkandlung und Bnchdrntterei Io-er Dellacher, Salzburg. Für die Leser unscies Blattes hat dieser Kalender das besondere Interesse, daß er eine ausführliche Aulobiographie »»iereS hoclig'eschätzte» Mitarbeiters, deS Eonsistorialralh-s Dr. Joses Anton Dchöpf, nebst einigen Aussätzen ans der. Feder.dieses wahre» Priesters der Ehristlichlcit cnlhall.