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Freies Blatt · 1894-10-21 · 133 (21.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
133 (21.10.1894)
Date
1894-10-21
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 133. Frei«» Blatt. Seite 'J. die Dampfwagrn, gelten die neueingeführten technische» Hilfsmittel in der Agrikultur unseren Bauern al« Ausfluß der .satanischen List', und al« Werke der menschenfeindlichen teuflischen Macht, dazu bestimmt, den GoUeSsegen für den Landman» in einen Fluch umzuwandeln. Nach mehreren vergeblichen Persuchen, die .Ungeheuer der Hölle' mit Erucifix und Heiligenbildern zu ver. scheuchen oder mit roher Gewalt zu zerstören, gegen die an vielen Crtcn nicht nur die OctSpolizei und Gendarmerie, sondern auch da« Militär au« der nächsten Garnison ausgeboten werden mußte, verlegten sich die Ileinrussischeu Bauern nunmehr auf den hartnäckigen passiven Widerstand. Werden sie vom 'Nachbar vom Großbauer, oder gar vom Gutsherrn zur Arbeit eingeladen, so lautet in acht von zehn Fällen die nachgerade stereotyp gewordene mtd schroff abweisende Antwort: ,Wa die Teufel mähen und schneiden, dort mögen die Hunde saiimtelii und die Garben binden!' Man sagt daher nicht zu viel, wenn man behauptet, der Triumph der Agriculturtechnik in unserer Provinz wird vornehmlich der wertthätigen und verständnißvollen Mithilfe der Juden zu verdanke» sei», ohne welche die große Mehrzahl unserer Gutsherren schon heute in die allerschlimmste Sackgaffe sich verrannt haben wllrde. Gegenwärtig mögen im «reise Lipowetz etwa 2500 Juden im Alter von 17 bi» 28 Jahren als Landarbeiter beschäftigt sein; sie 'arbeiten sehr fleißig und im Allgemeinen durchaus be friedigend. Ist die jüdische Arbeit zunächst auch weniger productiv als die unserer Bauern, so unterliegt er doch schon jetzt keinem Zweifel, daß sie mit Bet Zeit, vorausgesetzt, die Juden machen e» Ernst mit ihrer Betheuerung, nützliche Arbeit verrichten zu wollen, und laffen eS nicht bei diesem einen Persuch bleiben, auch die nöthige Uebung gewinnen und die ihnen Mangelnde Geschicklichkeit sich aneignen werden. DaS wäre aber ini Interesse unserer Landwirthschast höchlich zu wünschen, da diese im Hochsommer empsiudlich an dem Mangel an willigen Händen leidet. Mit Ausnahme der unmittelbaren Eoncurrenten, der bäuerlichen Tagelöhner, erkennt die gesammte Landbevölkerung die von den Juden geleistete Hilfe gern au und behandelt sie freundlich. Auch die ZemstwoS verhalten sich' wohlwollend, ermuntern die jüdischen Landarbeiter und laffen ihnen ihren Schutz angedeihen." it , Feuilleton. Die Töpferscheibe. Erzählung von Eduard KulKc. Emanuel und Jetti Kohn waren glücklich, und ihr Lohn Moses war es auch. Ter Brief, den er an seine Eltern geschrieben hatte, war keineswegs das Resultat einer vorübergehenden überinülhigen Laune; der Brief drückte vielmehr den glücklichen Zustand, in dem sich Moses unter den fortwährend neuen Eindrücken in der volkreichen Kaisersladt befand, in Wahrheit vollkommen aus. Aus dem kleinen Städtchen, wo er seine erste Kindheit verlebte, in das drängende Getriebe einer großen Weltstadt versetzt, ließ er die bunten und farbigen Bilder, die sich seinem ungewohnten Auge auf Schritt und Tritt darboten, mit Entzücken auf sich wirken. Dieses Häusermeer, diese engen, hohen und winkeligen Gasten, diese Menschenmenge, die prachtvollen Gebäude mit dem altersgrauen Gemäuer, die Bastei, die Thore der Stadt, das Glacis, die vielen Kirchen, die hohen Thürme, besonders der Stefansthurm, dann wieder die bunten Auslagen vor den KPifmannsgewölben, das Alles strömte mit dem Reiz der Neuheit auf den Knaben ein. Herr Rosenthal, der Geschäftsfreund seines BaterS, nahm sich seiner in liebevoller Weise an und war bestrebt, ihm nach und nach die Merkwürdigkeiten der Residenz zu zeigen. Da ging es einmal ins Belvedere, ein andermal nach Schönbrunn, einmal in den Prater, ein andermal in die Ambraser Sammlung, und so gab eS des fröhlichen Schauens kein Ende. Bei jedem solchen neuen Gange fühlte sich Moses in eine neue Welt versetzt und die Dinge wirkten mächtig aus sein empfängliches Gemülh. Schon kurze Zeit nach Beginn des Schuljahres hatte er ein für einen Gymnasialschüler große« Erlebniß. Der Geographie Profestor erklärte den Schülern den Wechsel von Tag und. Nacht. Moses lauschte der Auseinandersetzung mit athemloser Spannung, und da er von der Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse vernahm, rief er unwillkürlich- und ohne Rücksicht auf den Ort, wo er sich befand, in freudiger Erregtheit: „Deshalb ist auch die Erde in der Aequatorgegend ausgebaucht und an den Polen abgeplattet." Der Profestor, verwundert über diesen AuSruf, fragte ihn, was er damit sagen wolle, und MoseS antwortete, die Erde müste ausgebaucht sein, weil sie.sich drehe. Auf die weitere Frage deS .Professor«, woher er von diesem Zusammenhänge Keniitniß habe, erzählte Moses ich licht und treuherzig, er habe ° das i» seiner Heimat i» der Töpserwertsiäue gesehen, wie sich der. Thon unter der Hand des TöpserS erweitert uns ausbaucht, sowie die Scheibe gedreht wird. »Du hast gilt beobachtet, und deine Ansmerksamlei! in der Tvpserwerkstütte verdient Lob; allein hier hast du durch dein n Aitsruf den Unterricht gestört und dafür wirst du den Satz, den tu ' obste Aufforderung anfgesagt hast, zur Strafe zwanzigmal abschrethut." Moses hatte noch nie eine Strafe bekommen: es war die« zum erstenmal, und er schämte sich vor den Mitschülern. Et sichlie aber doch zugleich auch einige Befriedigung darüber, das; ihn der ProrFsor nur dafür gestraft, daß er unaufgefordert gesprochen, nicht aber dafür,' was er gesprochen. Ter Professor hatte ihm über den Zusammenhang .der Drehung der Erde mit ihrer Anpbanchung am Aeauatär zwar keinen Aufschluß gegeben, aber er hatte" ihn durch seine Frage indirect darüber belehrt, daß ein solcher Zusammenhang bestehe, und die'en Zusammenhang hatte er schoü in seiner Heimat, ohne saß es ihm Jemand gesagt hat, von selber heransgesundeu. Die Sache ist doch nicht so du mm, wie mein Lehrer daheim gemeint hat. 'Nur über Eines hätte er gern noch Aufklärung erhallen. Daß die Erde ansgejianchD ist, weil sie sich dreht, das war nun kein Zweifel mehr: aber wieso dreht sich die Erde'? Daß Gott sie dreht, davon halte der Professor nichts gesagt, sondern nur davon, daß sich die Erde in viernitdzwanzig Stunden einmal um ihre eigene Achse dreht. Tie Phantasie von der Riesentöpferscheibe, auf der Gott selber die Erde dreht, mußte er nun fallen lasten; aher woher kommt es, daß sie sich »dreht'? Diese Frage ging ihm jetzt im Kops hertun. '•* Als er des Abends an seinem Schreibtisch saß und den Satz: „Deshalb ist auch die Erde in der Aegnatorgegend ausqebancht ' und an den beiden Polen abgeplattet" zwanzigmal nach einander niederschrieb, siel ihm etwas aus, was ihm bisher nicht antgesallen war. Er hatte bisher bei beut Gedanken an die Drehung immer nur an die Ausbauchung gedacht; diese hatte er in der Werkstätte deS TöpfermeisterS aus eigener Anschauung kennen gelernt. Die Abplattung.an den Polen hingegen kannte er anS eigener Anschannng nicht: an diese' dachte er daher auch nicht, wenigstens «sicht mit der Lebhaftigkeit wie. an die AuSbonchnng. lind wenn ihm der Satz, den er jetzt zwanzig mal niederschrieb, auch sehr-geläufig gewesen und er ihn wörtlich int Kopfe hatte, so sagte, er das von der Abplattung an den Polen doch eigentlich nur mechanisch nach, ohne sich daran zu erwärmen. Jetzt aber, durch das wiederholte tlijederschreiben ans jedes einzelne Wort deS Satzes seine Aufmerksamkeit richtend, erkannte er erst, daß die Drehung der Erde nicht nur die Ansbanchnng in der Aegnatorgegend, sondern auch die Abplattung an de» Pole» bewirke: e« muß also, sagte er sich, zwischen der Ausbauchung ans der einen und der Ab plattnng auf der anderen Seite auch ei» Zusammenhang bestehen. Aber welcher'? Das war wieder eine neue Frage. Der O.nartier und Kostherr, unter dessen Aussicht er stand, kam ins Zimmer, sah ihm über die Schulter anss.Papier und: „Was machst du denn da, MoseS'?" fragte er, ..du schreibst ja immer wieder dasselbe! DaS ist sicher eine Slrafausgabe! WaS Haft du den», angestellt'? Ta« werd' ich ja dem Herrn Roseiithal sagen." Die Schamröthe stieg' dem Knabe» ins (Besicht, und er war nnfähig, etwas zu eripidern. ■ Aus dieser Verlegenheit befreite» ch'n die zwei Knaben des Kost»— Herrn im Alter von acht und sechs Jahren,' welche jn diesem Augenblicke in das Zimmer hereinstürzien mit dem Nnse: „Papa! Papa! sieh' her, was uns die Mama -gebracht hat." Bei diesem Ausrufe zog der ältere von Beiden, welcher den (Gegenstand in der linken Hand hielt, mit der rechteir rasch a» einer Schnur und ließ hierauf da« Ding zur Erde fallen, und das drehte sich und drehte sich summend auf der Erde lange, lange Zeit, ganz aufrecht auf einer Spitze; nach' und nach wurde die Bewegung langsamer, es traten Schwankungen' ein nach rechts und links, und endlich hörte die Drehung ganz auf, und das Ding lag »nn da wie tobt auf der Erde. Es war ei» Kreisel. DaS Spiel wurde einigemale wiederholt zum Ergötze» der beiden Knaben, die sich an den Drehungen ' des Kreisels nicht satt sehen konnten, während der Bater in der Freude über die Freude der Kinder vergaß, den ihm anvertranten Pflegling weiter zu ingniriren. MoseS aber, der dem Spiele deS Kreisels mit Aufmerksamkeit znge sehen, erkannte hier wieder durch die lebendige Anschannng, daß eine drehende Bewegung möglich sei, ohne daß Jemand vorhanden ist, der dreht. DaS war ein erfreulicher Aufschluß: Wenn sich dieses Ding > da — er erfuhr bei dieser Gelegenheit erst, daß man es „Kreisel" -

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