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Freies Blatt · 1894-10-21 · 133 (21.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
133 (21.10.1894)
Date
1894-10-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt rlb-miementspreiS. Redaktion und Administration: Organ zur 2lbwehr des 2lntlsemitismu5. I. Seilerslätte HaldiShrig.s groncn (fl. 1.50) gör bat gcfammte Haflanb: 3nftrate werden mit S0 Heller-Nr die vier- Gan^Shrig fi Mark ' mal gelpallene Nonvareille(eile dehnet, «(einer H-IbiLhri, . . . r Mark so Pf. Erscheint an jedem Sonntage. «n,eiger d°»Wo<««H«llrr(, kr.!/D»-n>dme vm Einzelne Nummern « kr. Inseraten in unserer kldminiflkmian sowie im. Unsrankirte Briefe «erden nicht angenommen _ ilnnoncend'ureau M. Duke»sl^>oll,eil- Nummer 133. Wien, 21. Oktober 1894. III. ^rgang. Die katholische Universität und die Antisemiten in Salzburg. (Original - Mittheilung deS „Freien Blattes".) Salzburg, 16. October. Als der Unterrichtsminister die Versammlung deutscher Natur forscher und Aerzte zu Wien Ende September d. I. begrüßte und der Naturwissenschaften mit einem frommen Blicke nach oben gedachte, da sagte ich zu meinem Nachbar zur Rechten: „Sie werden sehen, jetzt wird die Agitation für die katholische Universität in Salzburg mit Dampf betrieben werden!" Wenige Tage darauf laS ich in einem Zeitungöblatte von der Bildung eines ComitöS, welchem sogar liberale Männer beitraten: daS ist natürlich, wenn von oben ein solcher Ton angegeben wird, nur frage ich, was die. Herren unter „katholischer Universität" verstehen? Zwar hat die Betrachtung des Leiters der BolkSbildung eine feine Parade von Seite eines ausgezeichneten Patrioten gefunden, aber die Thatsache ist nicht wegzuleugnen, daß der Minister vor der Versammlung der Naturforscher und Aerzte sich offen zu Ulrici und Consorten bekannte, welche vermöge ihrer amphibienartigen Glätte und ihrer Hermaphrodytennatur so häufig zum Beweise der Möglichkeit einer Verständigung zwischen freier Forschung und religiöser Zurückhaltung citirt werden, welche eine goldene Brücke von der Reaction deS Gedankens zur freien Naturwissenschaft bauen wollen!. Was strebt die „katholische Universität" an, vor Allem, waS soll die Bezeichnung llnivorgitas eatkoliea? Allgemeinheit, das universelle Wissen mit der Tonsur? Eine Bezeichnung, welche so unlogisch ist, wie z. B. „praktisches Geschenk" statt Geschenk zu praktischer Verwendung, „vermischter Waarenhändler" statt Händler mit vermischten Maaren; so müßten wir auch sagen „Universität von Katholiken oder für Katholiken", wenn nicht das Epitheton „katholisch" den Begriff „universelle Schule" vollständig unmöglich machte; asso ein Iueu8 a non lucendo, eine Specialität, aber keine Universität. Der Widerspruch zwischen dem Hauptworte, daS weltumfassend ist, und dem' Beiworte, welches die Allgemeinheit beschränkt, fällt in die Augen, denn zur Allgemeinheit gehört Unabhängigkeit; eine Hochschule aber wird zur Specialakademie, wenn sie den Stempel einer Partei trägt, weil in diesem Falle die freie Forschung ausgeschlossen, ja vielleicht die Zahl der Fakultäten sogar gemindert wird. Damit sollen wir also beglückt werden! Wie daS so rasch kam? Nun, die Ursache ist klar! DaS letzte Häuflein von Liberalen in Salzburg ist arg zusammengeschmolzen. DaS Lager der Urteutonen, der Sprachpuristen und Scmitenfresfer ist gewachsen, und man nimmt in demselben mit Befriedigung daS Traumleben der Gegner zur Kenntniß. Kein Ton einer liberalen Trompete ist von drüben zu vernehmen, und so ist eS kein Wunder, wenn sich die Herren Antisemiten für die ProphetendeS Jahrhunderts halten und eS ganz-natürlich finden, daß die Bevölkerung der Fremdenstadt nur Ohr für ihre Lehren hat. Mit zarter Rücksicht wurde Alles vermieden, waS diese Herren der Situation verletzen könnte, man opferte ihnen daS Linzerthor in ihrem Kampfe gegen Intelligenz und Kunstliebe, uneingedenk des Wortes Semper'S: „Die Museen und Denkmäler sind die wahren Lehrer eines freien Volkes." Aber diese Bevölkerung nimmt sich selbst die Freiheit, weil sie nicht auS Thatfachcn lernen will^Ke machte daS Linzerthor zum Portale der „katholischen Univerfität"^Männer der gleichen Färbung fördern die Realisirung jener Lieblingsidce - clericaler Kreise. ‘ Man denkt sogar ernstlich daran, durch einen Neubau daS Gymnasium und die Lehrerbildungsanstalt anS dem alten UniversitätSgebände in freiere Gegend zu verlegen und letzteres für die „katholische Universität" einzurichten, man spricht auch schon von den Jesuiten als den besten Leitern der Jugendbildung. AuS Rücksicht für die Entwicklung der Stadt haben sich jene Liberalen angeschlossen. Welche Verwirrung der Begriffe! Platte Phrasen von „national-ökonomischem Aufschwünge" werden gehört, aber die wahre Ursache der Stagnation sieht man nicht: cs liegt in der Unfähigkeit und dem Protzenthum, daß nar einzelne Gewerböleutc zur Geltung, kommen; der Dünkel des Kleinstädters will über Alles erhaben sein, und es schmeichelt dem Salzburger vielleicht, eine Universität zu haben, wenn sie auch keine ist. Die anwidernde Tendenz unbedeutender Menschen, welche die noch unbedeutendere Masse in Athem erhalten, wird durch den, Antisemitismus genannten anticapitalistischen Socialismus junger Beamter noch verstärkt, während VolkSschuldirectoren eS ihren Lehrern nicht untersagen, mit antisemitischen Allüren die erste Grundlage für fine christlich gefärbte Hochschule zu legen. Stets wird der Fremdenverkehr im Munde geführt, die Sitze in dem Gemeinderathe übergibt man aber den Feinden deS internationalen Geistes; man überließ das erste Fremdenorgan, welches den Großglockner 1895 als „größten Antisemiten" gefeiert hatte, der clericalen Partei und that ihr dabei nichts^Gutes, denn sie, welche dem damaligen Leiter „ju8cjn'ü!a bonrse“ entgegenkam, hatte kein Glück, kurz man stellt sich aus die Seite der Gegner des Fortschrittes, uiu einen Fortschritt zu erzielen. Wenn das die wahren Grundsätze zur Hebung deö Fremdenverkehres sind, dann — gratulier! Zum Mindesten sind diese Herren sammt und sonders sehr kurzsichtig. Welcher Vater wird denn feinen Sohn an einer Universität studircn lassen, welche die Freiheit der Selbstbestimmung im Keims erstickt? Einseitig und in beschränktem Ausmaße für das Leben gerüstet, auS persönlichen Rüclsichten der wahren Forschung entfremdet, wird er einer späteren Protection sehr bedürftig sein. Man rcchnel stark auf rheinische katholische Familien, welche die Naturwissenschaften mit Vorsicht yngcwendet wissen wollen. Man vergißt dabei, daß i» Deinschland ein Gesetz besteht, welches Zeugnissen fremder Hochschulen die Giltigkeit für die Carriere in Deutschland nimmt; man vergißt, daß eine Rumpfuniversität keine ist, selbst wenn sie von der Partei unabhängig wäre. Ohne lebensfähige Grundlagen kann ein solches Institut, auch wenn es sich richtiger Akademie, gegründet von' Katholiken für Katholiken, nennen würde, "einer Stadt weder Segen, noch Gewinn bringen. Wenn einmal die Summe, welche heute vorhanden ist, zum Zinsenerträgnisse eines großen Capitals geworden, mag vielleicht diese Merkwürdigkeit der Fremdenstadt Gestalt gewinnen; ein NonsenS wird der Name immer bleiben und daS, was geleistet wird, hinter den Erfolge» anderer Hochschulenweit . zurückstehen. Der Bürgermeister von Wien, welcher bei dem Eongresse nach dem Unterrichtsminister sprach, nannte Wien eine Stadt der Arbeit und des Kampfes. In der Provinz ist's wohl nicht anders; nur hier in Salzburg ist die Lage eine andere: der Kampf geht

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