Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 128 (16.9.1894)
- Date
- 1894-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Matt AbonnementSpreiS. ftür Qrsterreich-Ungarn: -^.r,i<jädrig mit Poftzufendung.fl. S.5«. Halt-iadrig ft. ISS. BierteljShris ... ft. —.75. ’4 ftür dagesammte Au-land: .^aiuiödrig.ft. S— Haldiahrig.ft. 1.50. Einzelne Nummern 6 kr. ttuieankirte Briefe werden nicht angenommen Orcran zur Abwehr des Antisemitismu (krschcint an jcdci» Sonntage. Redactiou »tid Vl&miuiltrnlioii: i. Scilcrftätie ln. Inserate wcrdcn mit i" Tr«' Mir die viermal i|ta(tcn< ^onpareille^Ue berechnet. Kleiner An- *<tfl?r d»S Wort kr. Äu-'nadme von -tnseralen in unsererÄdiniinstraUon sowie im Äinronceilbuic.itt M. L ükeS. I. ^oUzcile Nummer 12X. Wien, I<». Leptemlier 1894. III. Jahrgang. Dcutfd? und freisinnig. 1 Die provisorische Parteileitung der Deutschen in Böhmen hat ein Rundschreiben erlasse», welches alle nationalen Schutzvcreine, die dem Grundsätze „Deutsch und freisinnig" huldige», zu gemeinsamer Arbeit aufforderl. „Deutsch und freisinnig!" Wie lange ist cs her, daß eine solche Rcbeneinandcrstellnng eine Tautologie geschienen hätte? Wie lange ist es her, daß in dieser ReichShälfte wenigstens Dcutschthum und Freisinn sich vollständig deckle»? Dieselben Männer, welche diesem Staate unter harten Kämpfen ein freiheitliches Gepräge, die uns daS iinmerhin bestehende, wen» auch spärliche Ausmaß von Parlamentarismus, Glaubens-, Preß , Rede- und l5oalitionsfrcihcit errungen habe», dieselben Männer waren es auch, welche stets die Fahne des Deutschlhuniö hochhielten und von den in Oesterreich nur all;» zahlreichen und allzu mächtigen Gegnern stets als unüberwindliches Bollwerk des Deutschthums bezeichnet wurden. Diese Gegner aber, waren sie nicht vom Anbeginne ebenso die Feinde des Fortschrittes wie des Deut'cklhnmö? Wemi es galt, den deutschen Liberalismus zu b->- kämpfen, zogen da nicht der Slave und der Clericale und der Feudale stets einmüthig an einet» Strange? Und alle.österreichischen Regierungen bislang — daö sHeinbar germanisirende Regime Schwarzenberg-Bach nicht auögeschlosscn — dosierten ihre» Freisinn immer im gerade» Verhältnisse zu ihrer Deutschfreundlichkeit. Durch Decennien blieb cs so, und wen» sich auch innerhalb der beide Principien vertretenden Partei von Zeit zu Zeit Gährungs- und ScheidungSprocesse vollzogen, welche durch eine stärkere Belonung des einen oder deS anderen Princips veranlaßt waren, so blieben dies doch Streitigkeiten um das Mischungsverhältniß, zu einer Auseinandersetzung über die Elemente der Mischung selbst kam cs nie; die Parteien, sie möge» nun deutscher Club oder deutsch-österreichischer Club oder sonstwie geheißen habe», blieben stets unentwegt „deutsch und freisinnig". Ja, eine ausdrückliche Betonung dieser Doppelstellung hätte vor wenigen Jahren noch eine Tautologie geschienen, und heute ist es anders geworden. Nicht nur das große deutsche Volk im Allgemeinen bemüht sich, auf dem internationalen Theater wieder einmal die Rolle desreactionölüsternen Philisters zu spielen, auch die Deutschen in Oesterreich wollen ihren Theil an diesem zweifelhaften Ruhm haben. ES ist leider nicht hinwegznleugnen, daß der Antisemitismus in allen seinen rothen, schwarzen und schwarz-roth-gelben Nuancen auf deutschem Boden wuchert und fast ausschließlich seine Erfolge auf Kosten der deutsch-liberalen Partei errungen hat. Alle antisemitischen Gruppen bildeten sich unter dem Vorwände daß die Linke entweder nicht deutsch genug oder nicht liberal genug sei; kaum geboren, gingen sie dann mit den Erbfeinden des Deutschlhums wie des Freisinnes durch Dick und Dünn. Sollen wir nochmals das alte traurige Lied wiederholen, wie und warum das Alles so kam? Genug, das Nebel griff wie ein krebsigeS Leiden um sich, und wir haben es oft mit den bittersten ^Gefühlen erfahren, daß sich Deutschthum und Freisinn immer mehr und mehr auSschloffen, und daß selbst jene große Partei, welche so oft als'die Vertreterin deS DeutschthumS und des Freisinnes von den Gegnern bedroht, beschimpft und.verhöhnt wurde, sich nicht nur zu einem ernsten Kampfe gegen die geistige und sittliche Eorruption des Antisemitismus nicht aufraffte, sondern jetzt sogar eine Regierung »nterstützb,- welche all die rcactionären Wirthschasls forderungen der Christlich-Socialen ins Werk fetze» will. ■ „Ein süßer Trost" war uns stets geblieben, Deulschböhtzien, das eine rar» avis in v»M<> »nruito nicht nur stets das.Bchiner deS Deutschthums ruhmreich gegen das Anstürmen der ilavijchen Halbcultur verlheidiglc, sondern auch stets in dem unbestrittenen Ruf des nncrschütterlichcn Freisinnes stand. Die deutschböhmischen Vertreter, welche den kräftigen Stock der pailanicularischen Viii.tcii bildeten, waren uns eine Art Garantie für die Wahrung der freisinnige» Interesse» seitens der liberale» Panei überhaupt. Run ' ist auch diese Garantie in der letzten Zeit beträchtlich ins Wanken gerathcn. Seit der facultative Auiisemilchnius Sleinwenders in Böhmen Boden gewönne» und eine rührige Agitation entfallet hat, scheint sich merkwürdigerweise auch der nicht abgefallcncn Elemente eine gewisse Lauheit und Unsicherheit bemächtigt zu haben, welche den Gegnern unabsichtlich zwar, aber unmittrlbar doch in die Hände arbeitet. - Während inckn noch vor etwa zwei Jahre» sich von Seile der deutschen Parteileitung in Prag einer ‘ für uns ganr »»faßbaren Fl!»sio!> ül>,-r di- T'agwci'e de» Schuck-r Praoc'scheu Umtriebe hingcgcbe» und ruhig dem- Umsichgreifen deS facultaliven Aiitiseinitismus zugeschcn, ist man heute bereits kleinmülhig genug, den Feind durch tinzeilgcmäßc Concessione». beschwichtigen zu wolle». Cs ist noch nicht lange her, daß einer der hervorragendste» Führer der deutschliberalen Partei, einer der populärsten Namen in Deulfchböhmen, sich öffentlich zu Concessionen an den AiltijemitiSmils herbeilicß, welche bei allen wahrhaftigen Freunden des Freisinnes nur Trauer, und Bestürzung erwecken konnten. Allerdings besinnt sich jetzt die Parteileiiung wieder der allen Parole und sucht ihre Kämpen wieder um das Banner zu idnwrcn, auf welchem neben dem Worte deutsch auch das Wörtchen „freisinnig" steht. Wir möchten aber das Hauptahärticr der liberalen Deutschen in Prag darauf aufincrkürni machen, daß der „Frei sinn" kein inhaltsloser Begriff ist, daß. man nicht freisinnig ist, wenn man, auch ohne inilzuthun, doch ruhig znsieht,. wie der andersgläubige Mitbürger ob seiner Confesnon gelästert, beschimpft, verhöhnt und aus alle» öffentlichen Stellen verdrängt, wird, daß der Freisinn »»verträglich ist mit einer Ciiiscbrankung aller jener wirthschafllichen Freiheiten, welche selbst die trotzige Rcaclion des Bach'schcn Regiments dem unzweideutigen Begehren des Volkes nicht vorenthallen konnte, daß esnicht freisinnig ist, wenn ein hervorragend von der Opfcrwilligkcit deutscher Jpdcn lebender Verein mit einem antisemitischen Agitalionsvercin liebäugelt u. s. w. Es gibt — so viel sich auch gewisse deulschböhmische Abgeordnete , auf diese Idee zugute lhun — es gibt keinen Viertel- und halben, sonder» nur einen ganze» Antisemitismus, und jede Concession »ach dieser Richtung schließt den Anspruch auf den Ehrentitel „freisinnig" aus.. Aber »>a» muß sich doch auch darüber klar sein, daß dieses Opfer nicht einmal im Interesse des Deulschthumö gebracht werden kann, wie man sich vielleicht schmeichelt. Diese Partei, welche bereitwilligst den Clericalen Vorspann leistet, ist auch nicht deutsch, daS beweist ihr unheilvolles Wirken bei de» , letztest Wahlen in Kärnten, lind wenn-ina»-nach der criminellen Methode eui piockeLt? fragen will, so. sehe man nur zu, wie soeben ein ultratschcchischeü Blatt, die „öeska Straz", den Bund der Deutschen in Böhmen gegen die Prager VercinSleitung in