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Freies Blatt · 1894-09-02 · 126 (2.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
126 (2.9.1894)
Date
1894-09-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AbonnementSpreiS. 2.50. Organ zur Abwehr -es Zlntise,nitismus. H^Ibjädrig fl. l.25. Biertrljädrig ... st. —.75. da-gksammtc «nSllisNd: 0>annSIirIg.st. 3.— L'->»iäbrig.fl. 1 '-o l5rr|dicint au jcdcm «ouutnnc. Einzelne Nummern 6 kr. Unttankirte Briefe werden nicht angenommen Redaktion und 'Jlbmiiiiftratioit: I. Lkilcrnäiik 10. oincratc werten mit 1“ fr. »ür die viermal tt'altenc Nonvarellle^cil^ tcfcifcitet. Nieiner An zeiger da^^ort 2 kr. Äu'nadmc vpu Inseraten »n unserer Administration sowie im Annoncendureau' 41i. LukrS. l. WoUzeile M. Siummer 12(i. Wien, ff. 'Lrptcmbrr 1894. HI. Jahrgaüg. Allerlei Mirtbscioaftsfragen. Noch mannigfache» Zwischenfälle», die unseren Lesern lüolil bekannt, Ijat nun der internationale Saatcnniarkl doch wieder in Wien getagt, allerdings nur sozusagen n» petit piod. da sich fast alle ausländischen Besucher von ehedem auö de» bekannten Gründe» von dem Markte fernhiclten; aber er hat dennoch stattgcsundc» der vielbesprochene Saatenmarkt, und kein Geringerer als Minister Graf Wurmbrand pries tut Streife der vcrfehintcn Fruchtliändlcr die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit dieser Institution. Der Herr Minister sprach von „Gegenströmungen, deren Gründe oft außerhalb der großen und für den Staat wichtigen WirlhschaftSfragen gelegen sind", die aber zu seinem, tcS Herrn Ministers, „Bedauern" durch eine Zeitlang die Abhaltung dcSXXII. inlcruritionalc» Getreide- und SaalenmarkleS in Frage gestellt hätten, und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß, dank dein wirksamen Eingreifen der Börse für landwirthschaftlichc Produclc, der diesjährige Saatenmarkt dennoch zustande gekommen sei. Wir erlauben uns ..ich:, an der Aufrichtigkeit dieser Freude und jeiuS Bedauerns zu zweifeln. Jedenfalls halte Graf Wurmbrand, ob der Nolh ge horchend oder dem inneren Drange, die Absicht, durch einen offiziellen Act dem Saatenmarkt eine vollgiltige Genugthuung zu gebe» und dadurch eine wirthschaftliche Institution unserer Stadt zu erhalten, von deren Zweckmäßigkeit und Nothwendigkcit die Regierung über zeugt ist. Allerdings kommt diese Genugthuung zu spät, den» der diesjährige Saatenmarkt war kaum mehr als eine übel' gelungene' Illusion, ein Polemkiu'sches Dorf, zum Greifen schlecht gemalt. Allein die Schuld daran lag an den maßlosen Wühlereien und Hetzereien der Antisemiten, nicht aber an der Regierung, die eben keine Beranlassung fand, gegen die Brandrede» derselben einzuschreiten. Wenn man sieht,' wie die Worte dcS HandcjsministcrS von den Antiskiniten glossirt werde», und wie diese nahe daran sind, ihn, den sie gestern noch als den Mann der „gesunden Reform", alS „ihren Manu" vergöttert, wegen seiner Rechtfertigung dcS SaalcnmarkteS über Bord zu werfen, wenn man die ganze furchtbare Tragweite dieser Thalsache überdenkt, dann wird man daS L?pfcr, welches Graf Wurmbrand seiner „Uebcrzrugung" gebracht, nicht hoch genug veranschlagen können. Minister Falkenhahn, meint der Antisemitennionitelir, der Ackerbaumiuislcr, hätte ganz anders zu den Fruchthändlern gesprochen, wenn er zugegen gewesen wäre. DaS wäre überhaupt ein ganz anderer Mann! Nun allerdings steht der Ackerbauminister den Ehristlich-Socialen noch um einige Fdec» oder Thaten näher als der HandclSminister. Jener ist der Pater des famosen Höfercchtes, er hat ein Gesetz über Rentengütcr und bäuerliche Berufsgenossenschaften ganz im Sinne des Linzer ProgrammeS entworfen und dem Hause vorgelegt. Graf Falkeuhahn besucht alle Katholikentage und MichaelSbrudcrschaftcU. Aber auch Graf Wnrmbrand ist „nicht ohne", und die Anliscmilcn lhun dem Herrn HandelSministcr sehr unrecht, wenn sie ihm seine kleine Schwärmerei für den Saatenmarkt, der ja offenbar nicht ganz arisch ist, so hoch veranschlagen. Die Herren vergessen eben in ihrer Danklosigkeit, daß der Handelsminister thatsächlich erst in zwölfter Stunde ein Wort für best Saatenmarkt fand, und daß er sich ängstlich bemühte, ja mit keinem Laulchen der antisemitischen Partei zu erwähnen. Sie vergessen ferner, daß Graf Wurnlbrand seinen Amtsantritt mit dem Ratcng»setze inauguNile, welches, ganz vom Geiste der antisemitischen WirthschaiiSpoliuk erfüllt ist, und daß eS nicht seine Schuld ist, wenn daS in dcnr famosen H.iusirgcsehcnlwurfc von ihm niedergelcgte Stück Soeialreform bis nicht Gesetzeskraft erlangt Han Ja, wie lange ist es denn her, daß die antisemitische Presse mit heimlichem Stolz puschen Handels minister zu blicken Grund batte, als nämlich verlautete, daß im Handelsministerium ein Gesetzentwurf fertiggeftelli worden sei, durch den die Beibringung des B ef ä h i g u n g s n a ch w e i s e s nicht »ur für eine weitere An za bl von Gewerben, sonder» a u ch für die Handelsgeschäfte obligatorisch erklärt wird. Außerdem enthält der Gesetzentwurf noch klare und strenge Strafbcslimniungen, »m den M ßbrüucken, welche sich betreffs der Erlangung von Befähigungsnachweisen besonders bei m Schneidergewcrbe cingcschlichcu haben»-zu begegnen. Die neue Novelle zum Gewcrbcgcsetze enthalt ferner noch zahlreiche und decidiric Bestimmungen, in welchen die Befugnißzrenzen der ver schirdenen handwerksmäßigen Gewerbe einerseits und des Bcrsäfleißes und deS Handels mit Erteugnifsen der handwerksmäßigen Gewerbe. lhätigkeit andererseits genau festgestellt werden. Der lsonfeetions branche ist in der Novelle ein eigenes Eapitel gewidmet. In dem selben werden die Befugnisse der zum Handel mit »Neidern befugten Kanfleulc sehr genau bcstimiut. Der antisemitische Moniteur «aunte diesen Entwurf, den die Regierung sofort nach Zusammentritt dcS ReichsratheS dem Hause vorlcgen wird,, unumwunden einen „glänzenden Erfolg" der anliseniilischfii Partei im Allgemeine» und der antisemilischen Handelsangestelltcn im Be sonderen, einen Erfolg, der um so höher anznjchlagen sei. als er — wie das „BolkSblan" übermüthig zugibl — direet gegen die in maßgeblichen Handelskrciscn herrschende, dem Befähigungsnachweis feindliche öffentliche Meinung — errungen uu|tbf. Wir haben natürlich dieser von antisemitischer Seite kam inenden Kritik nichts hinzuzuiügen, begreifen aber nicht, wie man sich dann auf eben dieser Seite so sehr durch die Worte de»- Grafen Wurmbrand am Saaleninartic irremachen lassen konnte. -Oii» nehme doch einmal güblgst eines der bekannten anliscm-ilische» Wirlhschaftsprogramine und vergleiche damit die verschiedenen Maßnahmen, welche im Berlaufe weniger I ihre getroffen wurden zur Beschränkung des freie» EigenlhuinsrechleS an liegenden Gütern, zur zünftlcrischc» .Organisation" dir Gciellichafi, zur Einschrän. kung der freie» Eonenrren; u. s. w. Man nehme das Börsen stcuergesctz, daS Höfcrechi, daS Raicikgcsetz, die Ge.wcrbegesetznvv.1lc mit ihren neuesten Ziikunnsphascn, die Borlagcn die Reutengütcr, die bäuerlichen Genossenschaften, das Haufirwesen betreffend- — Hilft nun sage man offen und ehrlich, welche zweite parlamentarische Partei, auch wenn sic älter, verdienter und stärk.r vertreten ist als die antiseinilische. hat derartige Erfolge aufzuwcisen? Wie wollen nicht zu lief graben und nach den Gründen dieser merkwürdigen Erscheiniing fragem Wir wollen hier nur die Antisemiten darauf aufmerksam machen, daß sic einen Großlhcil dieser „Errungen schäften" dem Herrn HandclSminister zu banken haben, und daß cS schnöder Undank wäre, wenn sie ihm seine Borlicbe für den__ Saatenmarkt ober dessen Besucher nicht vcrzcilze» löniilcn!

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