Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 124 (19.8.1894)
- Date
- 1894-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 124. Freier eigenem Antriebe die Erklärung ab, daß er in seiner Begrüßungs ansprache die antisemitische Strömung perhorreSciren werde, um auf diese Weise jedem Versuch, auf dem Gcwerbetag in Antisemitismus zu machen, die Spitze abzubrechcn. Gleichzeitig bcschied die Direktion der Landesausstellung das VeranstaltungS-Comits des GcwcrbctagcS zu sich und verlangte von demselben die Zusicherung, daß dem Mechaniker Schneider auf dem Gcwerbetage kein Referat anvertrant und daß er nicht in daS Bureau gewählt werden wird, da sich sonst die AuSstellungS-Direction veranlaßt sehen würde, von dem in Aussicht, ge nommcnen Empfang des GewerbetagcS abzuschen. DaS ArrangirungS Counts gab auch bereitwillig diese Erklärung ab. 'Viiit hieß eS allerdings von einer Maffcndcmonstration abstchen, wobei man sich beeilte, die Schuld' für das Unterbleiben jenes AuSstugcS auf die „jüdische" Presse zu schieben, welche durch die Verbreitung falscher Nachrichten über den Stand der Cholera in Galizien die Äkchrzahl der Wiener Antisemiten von der Theilnahmc an dem AuSstug abschrccktc. Ganz unversucht wollte aber McchajnicuS Schneider die Gelegenheit hoch nicht vorüber geben lasten, und so machte er sich an der Spitze eines kleinen Fähnleins auf die Socken, um ungeladen in Lemberg zu gastiren und womöglich den Stempel der, Absichten, welche der am 12. d. M ctöffnctc G e »erbe* und Handwcrkcrtag verfolgte, zu fälschen, ein Lemberg wurden diese „Gewerbetreibenden" von einigen obscurcn Leuten, welche auch hier den Raccnhaß gewerbsmäßig betreiben, erwartet und ohne »eitere Umstünde in ihr Äbsteigguarticr geleitet. Schneider wurde nicht, wie er erwartet hatte, ins Präsidium dcS GcwerbctagcS gewählt, trotzdem cS seine Anhänger - verlangten. Ja eS wurde ihm nicht einmal, die Genngthuung zutheil, zum Vorstande einer der Scetionc» gewählt;;i werden. Dagegen wurde ihm, und zwar in einem für seine Person .licht sehr respeclvoüc» Tone, eine Zurückweisung nach der anderen enheilt. Gleich nach der Erösiuung des allgemeinen GcwerbetageS im llathhauSsaale richtete Bürgcrmcister M o ch n a e k i, der die Versamm :uiig namens der Stadt zu begrüßen Hane, nnverkennbar an die: Adreste der berüchtigten Wiener Störefricde die nachdrückliche Er Mahnung, des Drtes eingedenk zu sein, an dem sie sich jetzt befinden, indem er zu ihrer Srientirung darauf hinwicS, daß auf diesem Boden und an diesem S'rte jede Nationalität und jede Confessio» der wahren Gleichberechtigung theil bafrig sei. Er schürfte ihnen zugleich ein, sich stricte än daS Programm des GcwerbetageS, daS so viele für den Kleingewerbesland ivichlige Kragen, namentlich die Einführung einer obligaten Vcrsichc rung für Wilw'n und Waisen, umfaßt, zu halten. Auch der zum Vorsitzenden gewühlte Kammerrath -V i e m c; y n o >v S k i, der seinerzeit alS ReichSrathSabgeordnclcr von den Antisemiten viel umworben wurde und auf besten Entgegenkommen die Wiener Antisemiten zuversichtlich tu rechnen schienen, gab den ungebetenen Gästen gleichfalls zu ver sieben, daß er ihre Art, von den eigentlichen Verhandlungsgegenständen al'tuschwcifcn und jeden Anlaß zu einer Erenrsion auf eonfessionellcS Gebiet zu benütze», nicht dulden werde. Die nachhaltigste Abfertigung wurde aber den antisemitischen Oclinmi-- voyastours von Seite deS AuSfteUungSdirecrorS Dr. v. Marchwicki zutheil, der bei der Be 'tvillkoinninung der Mitglieder des GcwerbecongresteS ans dem AnsstellungSplatze unter stürmischem Beifalle eine Ansprache hielt, in welcher er der Ucbcrzeugung Ausdruck gab, daß „die polnischen Gewerbe treibenden auch bei dieser gemeinschaftlichen Arbeit festhalten werden an den traditionellen nationale» Eigenschaften, deren Hauptmerkmale die wahre Vaterlandsliebe, brüderliche Liebe zu sämmt I i.ch e n M i t b ii r g c r n und d i c wahre ch r i ft l i ch e Toleranz Und". So verlief denn der Lemberger Gewerbetag, trotzdem sein. wirthschaftlicheS Programm ganz im rückschrittlichen Geiste dcS berüchtigten vierten GewerbctageS von Wien gehalten war, ohne daß Schneider eine seiner Brandreden gegen die Juden gehalten hätte, ja ohne daß daS Wort Jude während der Verhandlungen genannt worden wäre. Geradezu tragikomisch wirkte aber der Abschluß, den dieser Gcwerbetag, zu welchem Schneider ostenbar mit den SiegeShostnungen eines Hannibal auSgezogcn war, nahm. DaS Schlußbankelt, welches zu Ehren der Dheilnchmer gegeben wurde, muß in seiner Art einzig gewesen sein. Denn die höflichen Polen hatten Schneider mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit mitten unter jüdische Honoratioren gesetzt, in seiner nächsten Nähe saßen die jüdischen Handwerker beim — koscheren Mahle. Zu allerletzt hatte der Präsident des GewerbctageS Kammerrath RiemczynowSki noch den guten Humor, einen Toast zu sprechen,- in welchem er sagte, daß die enragirtesten Antisemiten mit ihrem Führer Schneider aus Wien hergckommen seien. Und doch hätten diese notorischen Antisemiten im Namen der Gerechtigkeit sich den hier besindlichen jüdischen Handwerkern genähert und ihnen im Nachbarsaale die Hand gereicht. So also endete Schneiders galizische Campagne, mit welcher er so viel und so oft gedroht hatte. Schneider wird sich Blatt. Seite 7.- nicht über Unhöslichkcit beklagen können, aber wir glauben, die ans gesuchte Liebenswürdigkeit der- Polen wird ihm einen zweiten Besuch LembergS gründlich verleidet haben. (Christcnthllm und Naccilanliscmitisnms.- Wie wir bereits ge meldet, ist Ahlwardt, um den RacenantiieinikiSmuS mit. dem Christenthum zu versöhnen, ans die wahrhaft geniale Idee verfalle», Christum und seine Jünger zu Germanen zu stencpeln. Tiefe Albernheil wurde von der cleriealc» „Kölnischen Volkszeitung'' in nnver blümrer Weise gekennzeichnet und de» Katholiken vor Augen geführt, „die noch immer glauben, der RacenantiseinitiSmuS. destc» Schreckens kind Ahlwardt ist, . gehe nicht gegen das Christeiithui»".. Tic nicht minder clerualen „T iroler Stim in e n" drucken diese derbe Xanzel. rede der Kölnischen Schwester gegen den RaeenantisemitiSmnS ab und geben denn aus eigenen Mittel» noch folgende Daraufgabe: ,h'Wir wollen nur aufmerkianl machen, daß unsere Vonichn^gegeiuiber , jedem AntiscinitiSiiillS, die wir von jeher beobachtet habe», sehr begründet i|t. Wir finden, daß in dem Worte .Antisemitismus' schon der Raren Itandpilnkl ausgesprochen ist. Wenn uns ab»r einige Blätter erklären, sic bekämpften die Silben weder wegen ihrer Religio»! noch wegen ihrer Rare, so fragen wir: waS bleibt noch für ein Grund übrig? Man' verweist auf die sittlichen Ausschreitungen der Knde».. Aber dieselben haften doch nur Eiiizeluen an und nicht-dem Vo^tr, dem SciniliSmiiS als solchen: sonst müßte enlwkder die stzae. oder die Religion daran schuld sein. Wen» man die einzelnen finken wegen betrügerischer, gewinnsüchtiger Handlungen, wegen Corrniiipirung des Volkes durch Schrift und Wort :r. bekämpfl, >'o werden wirimmer gerne mitthnii und haben nur den' sehnlichsten Wunsch, daß wir dabei nicht auch Arier nnd .Christen' bekämpfen müssen Leider ist dieser Wunsch biSjetzt nicht in Erfüllung gegangen nnd Alttisemiien wie Ahlwardt verhöhnen das Heiligste für eine» Christen, wie obiges Beispiel;ctgt, frecher; atS die meisten Inden." Wir haben zu dieser von unzweifelhaft christlicher Seile koininenden Abfertigung des Aüli semitiSmllS abfotlil nichts hiilznznfetzen, alS,. daß leider die Freunde der „Tiroler Stimmen" nicht immer und überall kieie Wahrheiten beherzigen und danach handeln. Alllistlllilischt Hliäneit. > fin S r r o p t o (S berungarn hckber dieser Tage einige Bauern ans der llmgebniig den jüdischen Friedbös ans vandalische Art verwüstet. TaS Thor wurde zerschmettert, Grabsteine zertrümmert und der Boden mit llnraih - überschüttet. Auch da-' Vieh wurde durch de» Fricdhhf getrieben. Tie Behörde hat bis nun keine Schritte gethan, die Thätcr zu cruircn. Bc'aii glaubt, daß die oberungarische Geistlichkeit durch ihre Hetzereien indireet a» dieser Thar milschn'dig sei. ' >Antiscm im Constirtc mit dcn Striifsttsclrc».) Wegen zahl' reicher Betrügereien hatte sich dieser Tage der anliseniitischc „Führer" Bach mann vor dem Landgerichte Dresden;» verantworten Ter Angetlagkc, der früher Soeialdcmokrat war, später zur antisemitischen „Reform"-Partei übertrar und-häufig Anführer von antisemitischen Radaueolonnen war, betrieb ein „Jncasto nnd Hhpothekengeschäst" und besorgte gleichzeitig RechtSangclegcilheilen. Sein Hauptgeschäft war di^> Besorgung von Darlehen, wobei er sich smS ein „Draufgeld" geben ließ, ohne, daß eS ihm je ernstlich in den Sinn kam. üch. um die Besorgung der Gelder zu kiimmern. Aus diese Weise bat der „Reformer" nicht weniger als 7-1 Personen, darunter viele kleine Geschäftsleute, um reichlich >800 Mark geprellt- Er wurde vom Gerichts Hofe zu dreieinhalb Jahren Gefavgniß und drei Jahre» E h re n v.e r l u st verurtheilt. Tic „Deutsche Wach: ' vom >>. d. Bc. will Bachmann nach dem von der 'Wiener Antisemilenprefse jüngst ge gebcncn Bkustcr von den Rockschößen ihrer Partei abschüttcln. Sie behauptet, er wäre „alS ungeeignete Persönlichkeit ans der Partei auSgcschlosien worden". In der Seffentlichkeit ist chievon aber nie etwas bekannt geworden, l— Am 27. Juni d. I wurde der Aurtionalor und Mandatar Heinrich B ä r l> j e ans -Ahlden (Provinz Hannover), ein eifriger Antisemit,' vom Schwurgerichte zu Verden wegen Un tersch-lagung, "Untreue und Betrugs zu ein c i u h a l b Jahren' G c f ä n g u i ß verurtheilt. 'Neuerdings wurde er zu einer Zusatzstrafe von drei'Jahren sechs Monaten verurtheilt, weil er als Verwalter einer Annahmestelle für die Sparcasie in Rethem sich aberumls in 14 Fälle» dcS Betruges, der Unt reue und der Unterschlagung schnckdig gemacht und dadurch eine große Anzahl kleiner Leute um ihre Erspar niste betrogen hatte. (ArnsWÄde in Aufregung.) Der antisemitische Agitator Wähler versetzt ArnSwalde in große Aufregung. Dieser Mann, welcher dort dem Exrector Ahlwardt die Wege geebnet ünd mit dem Raeen antisemitismuS feine finanziellen Vcrhültniste wesentlich verbestert harte, hat sich in diesen Tagen laut einer Anzeige im „ArnSwaldcr Wochen