Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 123 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnementSprei». Kür Lesterreich-Ungarn: ^auziadrig mit Postzulendung.fl. S.50. Haldjäbrig fl. l.Sft. BieNeljährig ... fl. —.75. Kür das gesammte Ausland: «Vanttährig.fl. S — Halvjadrig.st. i.SO. Einzelne Nummern <» kr. Nnsrankirte Briefe« werden nicht angenommen ttiedaction »nd '.'Uminmratioii: ®iwm zur ^Ibwehr des Antisemitismus. «ciimi«»? Jnicratc werden mit H'fr. für ric t\? .. - tt'altenc NonpareiVeu'ile tere^uer. .üie:-er Än lLrjchcint an jrdeiu Sonntage. rs»r, kr.-a„-,>.>i»n, »»„ i» unsrer Tldminkürarion (puhc im '.ItiutcmcattuiiY.m M L' n keS. I. ^oüuile *. Mummtr 12.5. Wien, 12. .Aiigiift 1894. III. Jahrgang. 3in 3ociolocjc v>om jScblaac 3cheicl?er's>. Bor einige» Tagen wurde der von der clcricalen Leo-Gesell ichaft cingcrichlele „sociale Eursuö" mit einem Bortragc deS k'. A. M. Weiß „lieber hje Grundlage» der allgemeinen Gesell schaftSlehre" eröffnet. Die Sociologie ist die modernste und dem nach auch die dunkelste Wissenschaft. Zumeist wird sie aber von denjenigen unaufhörlich im Munde geführt, die von ihrer Grundlegung wie von ihren Exaetheiten und Hhpothesen nicht die blässeste Ahnung habe». Agitatoren, die kaum das Trivium und Onadrivium gelernt haben, operire» mit sociologischen Grundsätzen, an deren wissenschaftlicher Bewältigung sich die gründlichste» Fachmänner der Gesellschaftslehre, die noch lebenoen Bälcr derselbe» kaum schüchtern heranwagen. Anarchisten, Socialisten, Antisemiten, feudale, Alle bemühen sich, die Berechtigung ihrer Ansichten und Aussichten aus derselben Wissenschaft hrrzulciten; was Wunder^ wenn auch die Geistlichkeit, die sich ehedem ausschließlich dcü Scheiterhaufens und der Inquisition zur Argumentation bedient, wenn auch die frommen Herren heute statt der von manchen. Antisemiten perhorrescirten Patriarchen und Propheten Spencer und Eomte für die Richtigkeit ihrer GesellschaftSdoctrinen ins Feld führen? Sociologen vom Schlage Schcicher'S zählen heute nicht mehr zu den Seltenheiten. Wir vergönnen sic der Sache, der sie diene». Nicht einmal rechten wollen wir mit ihnen. Aber schaden kann eS nicht, wenn man sich daS Inventar der sociolo gischen Grundsätze dieser Herrschaflen einmal etwas näher befiehl, und zu diesem Bchufe dürfte sich wohl die Auseinandersetzung deS I'. Weiß wegen ihrer programmatischen Bedeutung und Kürze besonders eignen. Dj Was man in den die Leo-Gesellschaft frequenlirendcn Kreisen unter Wissenschaftlichei Erkenniniß der Gesellschaftsformen versteht — und daS ist nicht gleichgiltig für die politische Stellungnahme jener Kreise — daö ist mit dankenöwcrlhcr Klarheit von I'. Weiß ausgesprochen worden. Die Rechte deS Menschen sind »ach diesem Sociologen vom Schlage Scheichcr'ö ungleich, ungleich wie ihre Kräfte und Fähigkeiten. Diese Ungleichheit ist Gottes Anordnung, ja. die Grundlage der Gesellschaft. Dieser angeborenen und von Gott durch Bcrleihnng verschiedener „Kräfte und Fähigkeiten";i priori fcstgcstellten RechtSungleichhcit der Menschen entspricht die Gliederung der Gesellschaft. Run kommt erst daS Wahre. ..Inner halb der Gesellschaft," sagt U. Weiß, „sind die einzelnen Menschen sich zwar nicht gleich, sondern verschieden, doch sind sie alle gleich berechtigt, jedoch nur in dem Sinne, daß Jeder das gleiche Recht hat, sein Recht geschützt zu sehen. Diese Rechte sind aber ver! schieden." Hat man so eine Logik je erlebt? Ist eS noch jemand Anderem als der pfäffischen Scholastik möglich, zu beweisen, daß die eigentliche Rechtsgleichheit die RechlSungleichheit sei? ' Wen» der Staat oder die Gesellschaft dem Bauer daS Recht gibt, immer nur seine Scholle zu bebauen, nie aber ein anderes Gewerbe zu ergreiscn, den Adelige» aber berechtigt, von eben diesem Bauer Zehent, Robott, Mortuar und hunderterlei andere Abgabe» zu fordern, rücksichtslos einzutreiben, und wenn nun dieser Staat auf die Beobachtung beider Rechte, deS bäuerlichen wie des adelige». strenge sicht, d. h. sie schützt, so nennt I'. Weiß und andere Sociologen vom Schlage Schleichers diesen neuen Zustand „Rechtsgleichheit", Oder ein anderes Beispiel: Tie katholische Eon fcssion ist die einzige, welche ihren Bekenner» das Rechl der freien bürgerliche» Selbstbestimmung gewährt Die Juden haben aber daS Recht, sich in gewissen Orten aufznhalten, anzusicdcln, gewisse Gewerbe zu treiben und ihren Gottesdienst, allerdings in unauf fälliger, für die Katholiken unanstößiger Weise, zu begehe» Tie Wahrung dieses Zustandes ist auch Rechtsgleichheit. Wenn der Herr Ministerpräsident »ach Wiedereröffnung des Parlanicnlep von einem liberalen Abgeordneten wegen der famose» Rede des Salzburger Statthalters interpellirt werden wird — was wir als bestimmt vorauSsctzen — so empfehlen wir ihm die Argumentation deS I'. Weiß als billigsten Ausweg ans aller Bcrlegenheit. Indem er sich bald zu den Ministern Falkenhah», Schönborn,. bald zu Herr» v. Plencr wendet, sage er: Gras Thun hat einen Staat gepredigt, der ans der RechlSungleichheit der Eönsejsionen auf gebaut ist. Run ist aber diese RcchtSungleichheil die eigentliche Rechtsgleichheit — r i>1>- l\ Weiß erir» standen die Worte des gräflichen Statthalters in vollstem trinklange mit dem Geiste unserer Perfassung, die ans dem Prineip vollständiger Rechts gleichheii errichtet ist. Doch Scherz bei Seite! Solcher Unsinn wird nicht bloß ge sproche», er wird geglaubt, von Menschen geglaubt, die alle fünf Sinne beisammen haben, und cö wird das Handeln »ach diesem Glauben eingerichtet. Jilkr erkennt nicht die doppelte Strömung, die unter den .".Ehrisllich-Sveialen" herrscht und wie natürlich einen Strudel bildet, in dem der Perstand der ohnedies Armen am Geiste rettungslos unlergcht? Aus der demokratischen Be wegung der Sicbzigerjahre hcrauSgcwachsen, habe» diese reute, die heute hinter dein Prinzen Ronge ct »vir herlaufe», noch keines wegö daS demokratische A und O, daS Wort von der Rechts gleichhcit ganz vergessen; ihr demokratischer Kern ist nur'ini: lausend falschen Schalen verklebt und verkleistert worden, unter denen er aber immer wieder, znm heillosen Schrecken der frommen Herren, heroorguckl. Es war fast das Werl eines ciuzigen Bkanucs, daß sich diese neulich noch demokratische Masse mit den Anhänger» der Rechtsungleichheit pur ouvllomv, mit den Elcriealen und de» Feudale» .;» einem Brei schlagen ließ. Ein jeder der.beiden Theile dachte dabei wohl im Stille», den anderen zu treiben und für seine Zwecke auSzubente». Eine Zeit, lang ging cs auch mit dem merkwürdigen Gemisch von Oel und Wasser; aber eS konnte nicht auSbleiben, daß die unversöhnliche» Elemente jeden Angcpblick sich zu trennen drohten. Und daS kam auch so. Wir haben gewissenhaft alle jene Momente rcgistrirl, welche ans den natürlichen Scheidungs proeeß innerhalb der christlich-socialen Partei hinwiesen, und gegenwärtig steht im Pordergrnnd der innerpolitiichen Ereignisse eine Erklärung des Grafen Shlva-Tarouca, welche das Unterbleiben deS diesjährigen Katholikentages dadurch molivirt, weil.-durch den selben die Zerklüftung innerhalb der Partei anfgcdeckt »>1d erweitert werden könnte. Graf Shlva-Tarönca scheint dabei übersehenzu habe», daß eine Einigkeit, die sich nur durch das Unterbleiben einer einigen Action erhält, längst anfgchört hat, Einigkctl zu sein; die Bulle dieses Papsteö der Bereinigten Ehriste» beweist, daß die Trennung des demokratischen und deS aristokratisch elerieale» TheileS innerhalb derselben bereits unheilbar geworden.