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Freies Blatt · 1894-08-05 · 122 (5.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
122 (5.8.1894)
Date
1894-08-05
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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„DaS wäre also die Mathematik," sagte der freundliche Herr. „llnb Mechanik," ergänzte der junge Mann und fügte hinzu: „beider sind meine Kcnntnisie in diesen Dinge» sehr gering und vollends von der Astronomie habe ich keine Ahnung. Ich habe ein Gefühl innerer Scham, wenn ich des 'Nachts zum Himmel empor blicke und von all den unzähligen Sternen nichts zu sagen weiß, als daß cs Sterne sind. Man hat mir gerathe», mir .Die Wunder de» Himmels' von Littrow anzuschasien. Dieses Buch soll am besten dazu geeignet sein, einen noch so ganz unvorbereiteten Anfänger, wie ich cs bin, in diese Wiffenschaft cinzuführen." „Mau hat Ihnen da keinen schlechten Rath gegeben," sagte wohl svollend der ältere Herr, „das Buch setzt allerdings nicht sehr viel voraus, und so viel als es von Geometrie und Mechanik vorausfetzt, bringen Sic reichlich vom Gymnasium mit. Sollten Sic gleichwohl bei einem oder dem andern Punkte Schwierigkeiten finden, wird man Ihnen ja gerne unter die Arme greifen." „beider," erlaubte der junge Mann sich einznwcnden, „sindct man nicht so leicht Jemanden, den man in solchen Dingen um Rath fragen, kau»; denn gerade mit dieser Wiffenschaft beschäftigen sich so Wenige." „Dann will ich Ihnen gerne »icincn Beistand leihen," sägte der ältere Herr. Der junge Mann blickte de» würdigen Herrn, der ihm so thcilnehmend und bereitwillig cnlgcgcnkam, fragend an. Dieser aber hatte mittlerweile a»S einem Bricftüschchen eine Bisitkartc hcrauSgcnonimcn und überreichte sie dem junge» Manne. Der Student warf einen raschen Blick auf die Karte und wußte nun, wen er vor sich habe. Auff der Karte' war zu lesen: i,Karl von Vittroiu, Direktor der Sternwarte und Proseffor der Astronomie an der k. k. Universität zu Wien". Er machte eine tiefe Bcrbcugung und fragte schüchtern, ob er sich gleichfalls erlauben dürfe, seine Karte zn überreichen. Der Proseffor erwiderte: „Sie dürfen dies nicht nur, sondern ich bitte Sic darum." Mit zitternder Hand überreichte der Student seine Karte und der Professor las darauf den Rainen: MoseS Kohn. „Auf Wiedersehen also, Herr Kohn!" sagte der Proseffor, indem er dem jungen Manne leutselig zum Abschied die Hand reichte. Der Student bezahlte seine Schuldigkeit, nahm das Werk, welches inzwischen hcrbcigeschasft und cingcpackt war, unter den Arm und trug mit hoffnnngSfreudigcm Gemütht den erworbenen Schatz nach Hause. Während des Gespräches zwischen Professor littrow und dem Studenten MoseS Kohn waren ab und zn Kunden ein- und auSgegangen, die ihre Einkäufe besorgten und sich um daS, was dort ain Lesctische gesprochen wurde, wenig kümmerten. Rur der Buchyändlcr selbst war, während die hier beschäftigten Leute die Kunde» bedienten, dem Gange dcS Gespräches aufmerksam gefolgt, und nachdem der Student sich entfernt hatte, sagte er: „Ein inlercffanter junger Mensch!" \ „Weit mehr als intereffant," sagte Littrow. „Er kommt oft hieher," fuhr der Buchhändler fort, „und kaust viel; ,ich habe ihn aber erst heute so recht eigentlich kcnitcn gelernt. Man hat eine rechte Freude, ihn sprechen zu hören. Tic schöne Aussprache! Man hört ihn« den Juden gar nicht an." „DaS ist Nebensache," sagte der Proseffor, „aber die Gesinnungen! Man muß nur bedenken, waS daS heißen will! Ein junger Mensch studirt Jurisprudenz ganz und gar gegen seine Neigung, bloß weil cS der Bater will. DaS ist eine ethische Höhe, eine Selbstvcrleugnyng, eine Hingebung, eine Pietät, wie man sic nur äußerst selten sindct." „Gerade bei den Juden," bemerkte der Buchhändler, „findet sich diese Pietät der Kinder gegen die Eltern häufiger; eS scheint dicS eine jüdische Eigenschaft zu sein, ein alttcstamcntarischcS Erbstück." „Nicht doch," cntgcgnetc der Proseffor, „cS ist eine allgemein menschliche Eigenschaft und sic findet sich wie jede Eigenschaft, sei eS Tugend oder Laster, nicht sowohl bei ganzen Stämmen und Völkern, als vielmehr bei einzelnen Individuen eines jeden Stainnics. Was bei diesem jungen Manne aber noch weiter in die Wagschale fällt, das ist sein Idealismus, sein Schwung, seine Begeisterung! Man pflegt doch den Juden so häufig den Sinn für das Ideale abzu sprechen; sic haben für nichts Sinn als fürs Geschäft, sagt man, sie kennen nichts als Handel und Gelderwerb. Da haben wir nun einen jüdischen Jüngling, der trotz dcS Zwanges, den er dem Vater zulieb sich anthut, doch seinem Wissensdrange gcnugzulhun sucht, ohne jede Aussicht auf äußeren Erfolg, ohne Aussicht auf Stellung und Erwerb, völlig selbstlos und uneigennützig." «Der junge Mann ist wirklich eine Ausnahme," bemerkte der Buchhändler. Der Professor aber sagte daraus: „Die Möglichkeit einer solchen Ausnahme'ist Beweis genug, daß der Vorwurf gegen einen ganze» Slamm in solcher Allgernrinheit er hoben nicht berechtigt ist Der Vater, der den Sohn zwingt, sich seiner Neigung entgegen. für ,die Jurisprudenz;u entscheide», mag ja immerhin bloß die matcriclle Seite der Sache im Auge bcbaltcn; die Mutter aber, die dem Pater die Erlaubniß. daß der Soh» stndirc» darf, abnöthigt, scheint den Sinn aus ctivas Höheres gerichtet zu babr» " Während hier in der Buchhandlung in solcher Weise über ihn gcurthcilt wurde, saß Mores bereits in seiner Siudirnube und begann „Die Wunder des Himmels" zn lese». :Viit außerordentlichem Eifer warf er sich auf das Buch, und mit wabrem Heißhunger verschlang er eine Seite »ach der aizdercil. Dieser Drang, in d^e Ertenntniß des Wellenbaues einrndringcn, > war bei ihm aber nicht cm von heule und gestern: er ist bei ihn; vielmehr schon in der Knabenzcit hervorgellctc», freilich nicht mit Be wußtsciii, wie cS jetzt der Fall war, dafür aber mit einer Heiligkeit, welche cS offenbar machlc, daß er als .Knabe schon gewissermaßen . feinen eigenen Geist entdeckt hat und unicr Umständen, welche biete in einem kindlichen Gemülh ansdämmernde ahnungsvolle' Selbsterkenntnis; incrkwtfrdig genug erscheinen lasse». Moscö war daS einzige Kind seiner Eltern. Sein Vater Eiuanncl Kohn war der reichste Mann in jener Gaffe, die man schlechtweg die „Gasse" nannte, weil Jedermann wußte, daß man darunter die Inden gaffe versteht. Diese Gaffe lag in einem kleinen Städtchen im südlichen Mähren, in wÄchcm seit-»nvordcnklicher Zeit das Töpserhandwerl in hoher Blüthc stand. Eine ganze Gasse entlang stehen die Töpfcrösen in der Gestalt von halbkugclsörmigen Kappen wohl gereiht neben einander. Die sonst ziemlich öde Gaue sühn de» Ra'i»en^„llnter den Schanzen", welche» man davon ablcitet, daß die gegenwärtig kleine 'Stadl dereinst befestigt gewesen sein soll. Die Schweden, so wollen ältere Leute in der Ehronik gelesen haben, Hütten in der Gegend mit wenig Schonung gehaust und die Festung zerstört. Von den ehcmaligcn „Schanzen", wenn solche wirklich jemals daselbst cristirt haben, ffl nichts zurückgeblieben als der Raine, und -arzf dem Platze, welcher dereinst dem andringcnden Feinde einen, wie «ich zeigt, nicht eben un bczwinglichen Widerstand entgegensetzte, werden heutzutage bei mächtige» FcuerSglulhcn unzählige irdene Töpfe gebrannt, und der Ranch, der ans den Hefen emporsieigt, gehört für die Bewohner der umliegenden. Gaffe» und Plätze nicht gerade zu de» Annehnilichkcitcn dcS HrteS. ■ Die ST CK» lehnen sich an die nicht sehr ansehnliche Böschung, welche ehemals eine Schanze gebildet'hat, so daß die ganze Gasse hiedurch ihrer Länge nach in zwei parallele Halste», cine.hvhcr und eine tiefer gelegene, gcthcilt wird, lieber den' höher gelegenen Lhcil führt nnr ein sehr schmaler Fußweg längs der Getreidefchenern hi», und die Kinder des Drteö hatten diesen Steg um so lieber, je schärfer ihiicn von den Eltern cingcprägl worden war, denselben wegen der Gefahr eines Ab sturzcs zu »icidc». Die tiefer gelegene Gassenhälfte hat für ein Fuhrwerk wohl Breite genug, doch nicht für zwei, so daß zwei einander begegnende Fllhrwcrke nicht ausweichcn könnten, weshalb sich auch-Nie-, »tand erinnert, jemals daselbst ein Fuhrwerk gesehen zu habe». Den Hefen gegenüber zog sich eine lange, niedere Mauer hin. Liese Mauer enthielt die Hintcrthüren der Gärte» und Höfe jener Hauser, die mit ihrer Front die nächstgclcgcne Parallclgasse bilden halsen. . Ans der Schwelle einer solchen kleinen Hintcrthür, im Schatten eines über die Gartenmauer weit emporragcndcn*, dicht belaubten Baumes saß einem der Cefen gerade gegenüber der kleine Mojes. Er mochte damals »11 gefähr zwölf Jahre alt fein und sah mit au'incrliamer Rengicrde nn verweilt in die-Helle Glnth, die ihm aus dem C fen entgegcnflammtc. So oft Töpfe gebrannt wurden, konnte man den Knaben auf der bczcichncten ThürfchweUc fitzen sehen : es war dies sein Licblingsaus enthalt in freien Sknndc». Der alte Meiner, denen Hfcn gegenüber der Knabe saß, hatte sich, wenn er ilm da?o |tiU und in sich gekehrt . auf der Thürschwclle sitzen sab, ivohl manchmal gedacht, was der Junge 'wohl haben möge, daß er sich immer da hersetzt: er that aber keinerlei Frage an den Knaben: er ging still und emsig feinem Geschäfte »ach und ließ den kleir-cn MoseS unbehelligt. z Fortsetzung folgt.) Briefkastell. „Ein Talmtldjudk": Wir habe» Ihre beachtenswert!,e Anregung dein Sekretariate des Abwehrvereine« milgelheill. G. E., Baden: Tie Meinung der Zwelller Siadtväter über dien» Jour »allste» dürste da« Verhalte» der Hamburger Antisemiten gegenüber demselben nicht ändern. Antisemiten lassen sich von ihrer Zu oder Abneigung niäu eimnal durch gerichtliche Eilennlnisse abbringen.

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