Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 121 (29.7.1894)
- Date
- 1894-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Abomiemeiitspreis. ftur Oesterreich Ungarn: 'Viniiadriq mit Postznlendnng.fl. 2.50. -.'•tiMafcriji fl-!•*»• BierteljStzrig ... fl. —.75. Hiir dagefammte Ausland: rnuädrig.fl. 3.— V-ibjubrifl.fl. 1 5tt. Einzeine Nummern 6 fr. -:n'rankirK Briefe werden nicht angenommen Organ zur Abwehr des ^lnttfemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Rkdliciiou mit) '.'löminiimuioii: I. «cilcrfihttf ln. .inuTiit-: weiden mit i" kr. ülr - ftnltcuc Nonvareillezeil'.' reiner -u, zrigcr daS'^ort 5 kr, Atn'ua!mle urm än!cr..'e:: iunsererAdministrarion ' :.'ie im Ännc.'.:c.id-rr?in 1*1. T nt, l *<. Rnmnier 121. Wien, 21). Inli 1894. III. Jahrgang. f %4n der nächsten Hummer beginnen mir mit der Veröffentlichung einer hochinteressanten Erzählung: Wpferlcheibe'" von Eduard KulKe. Ednard .^ulkc ist bekanntlich nächst Leopold Kompert der bcdcntcndstc österreichische Glietto-Schilücrer, »nd mir freuen uns daher, das neueste, eigens für das „Freie Blatt" geschriebene Werk dieses Dichters nnsercn l'. 4'. Lesern bieten zn können. Periculum in mora. Mfini* dlufgabe k<">" und da''» für die Machthaber des Staates so dringend und zwingend sein, -als dessen Organismus bis in seine kleinsten Theile stramm zusamincnzuhaltcu und nicht zu dulden, daß er von irgend einer Seile eine Erschütterung erfahre. In diesem Sinne hat daö oermalige Eoalitionömmistcrium die Bekämpfung aller destructiven Elemente zu einem seiner Programmpunkte gemacht. In der Thal besäße dieses Ministerium keine Existenzberechtigung, und es fehlte seiner Bildung jeder Sinn und jede Bedeutung, wenn cS nach wie vor in dem Fahrwasser deS Taaffe'schen: „Divido et impera“ sich bewegen wollte. Eben der destrnctivc Eharakter dieses Systems führte ja dazu, daß demselben ein seliges Ende bereitet und ein Regime installirt wurde, das die Bahnen ruhiger Entwicklung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens plan zu machen und Alles zu beseitigen berufen ist, was diese Kreise zu stören vermöchte. Umso berechtigter erscheint nun die Frage: Welche Besserung der Verhältnisse in dieser Richtung ist wahrnehmbar, seitdem daS vierzehnjährige „Ueber-den-Parteien-"Regiment vom Schauplatz verschwunden ist? Mag man es für eine Einseitigkeit halten, gleichwohl werden wir diese Frage dahin präcisircn: Welche Beweise sind bisher dafür geliefert worden, daß autorilativerseilS ernstlich und aufrichtig das Streben vorhanden ist, der Giflnatter „Antisemitismus" auf den Kopf zu treten? Spritzt sie nicht in Versammlungen, ja von der geheiligten Stätte herab, die der Verkündigung der ewigen Wahrheiten der Moral gewidmet sein soll, nach allen Seiten Gift und Galle? Es ist eine arge, nicht genug zu beklagende Verkennung deS causalen Zusammenhanges der in markanten Zügen sich voll .ziehenden Erscheinungen, wenn in dem Antisemitismus nichts Anderes als sine Judenhctze erblickt wird, denn in Wahrheit ist er gleichsam daö trojanische Pferd, in dem sich die feindlichen Mächte bergen, welche in die Bastionen dringen wollen, die schützend und schirmend die staatliche Autorität, die gesellschaftliche Ordnung und Gesittung umgeben. Und nicht oft genug kann es wiederholt werden: Der letzte Ausläufer deS Antisemitismus ist der Anarchismus. Wenn es auch gewiß ist, daß dieser seine Verkünder und Apostel schon hatte, bevor der Antisemitismus zu seinem fluchwürdigen Dasein gelangte, jo ist cs ebenso gewiß und sicher, daß die Empfänglichkeit für seine Doctrinc» in weiteren und breiteren Schichten erst durch die Wühlereien der Aniisemilen geschaffen wurde. Das ist ja der Fluch aller Bosheit und ait>'n Frevels, daß sie die Brutstätte bilden für weitere Tchlcchliqteil,» und Frevel, die in ihrem exeessiven und bedrohlichen Eharakter in . demselben Maße sich potenziren, als ihr Urguell befruchtend auf sie wirkt. Lassen wir aber de» zersetzenden und zerstörende» Eharattei des Antisemitismus, wie er sich im Allgemeinen darstellk, voll ständig beiseite und fassen wir ihn im Minialurbilde einer Juden Hetze inö Auge; muß er deshalb nicht mit der ganze» Macht staatlicher Autorität bekämpft werden? Darf in einem Rechts - staaie irgend Jemandem ohne Grund und Ursache ein Hgar ge krümmt werden? Machen die Slaatsgrundgesetze, wonach gleiches Recht für alle Staatsbürger herrscht, vor den Bekenner»' des JudcnlhnmeS Halt? Schon im Krcmsierer ReichstagSausschune sprach der unvergeßliche Wiener Prediger Mannheimer das bezeichnende Wort: „Wenn wir eine besondere "Rationalität sind, io »ehwen wir alle Rechte des Staatsbürgers in Folge der. Maxime der Gleichberechtigung all^x Rationalitäten für uns in Anspruch!" So zutreffend diese Aeußerung gegenüber der Rergele'i gewisser Kreise auch ist, so verdient sie i» deip Punkte berechtigte Anfechtung, als die österreichischen Juden sich nie und nimmer als besondere Rationalität fühlen. Sic sind O e st c r re ich e r: Oesterrcichcr deutscher Zunge in den deutschen Ländern Oester reichS, Oestcrrcicher czechischc» JdiomS im czcchischen Theile Böh mens und »Mährens, Oesterreicher italienischer Sprache in Triest und Gör; u. s. w.; immer sind sic Oesterrcichcr, die sich willig / und gerne der nationalen Eigenlhümlichkeit Wr Bevölkerungsclasse anpasscu, unter welcher sie leben. »Man wird auch der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs ihren reinen, unverfälschte», opferwilligen österreichischen Patriotismus in keiner Weise abzusprechen imstande ' fein. E» füllt sie im volle» Maße ihre Pflichten als Angehörige des Staates, so zeigen sich ihre Söhne —' mögen sie nun im Dienste deS Militärs, der, Verwaltung, der Justiz ihre Verwc» düng finden — als treuvrrlaßlich und hingebungsvoll. Nirgends wird man sic zurückbleibrn sehen hinter ihre» nicht glaubens genössischc» Eollegen. Die österreichischen Juden fühlen sich eben mit allen Fasern ihres Herzens als Oestcrrcicher uich bringe» aus voller Begeisterung jeden Tribut an Gert und Blut ans den Altar deS Vaterlandes. Ihre Raliouatität ist Oesterreich, »egg sie in welcher Zunge, ifl welchem Idiome, in welcher Sprache immer zum Ausdrucke gelangen. Man kann füglich die Juden in unserem Valerlande für die unverfälschten, wahren Oester reicher halttn. Verdienen sie es also, von den Machthaber» des Staates in der Wahrung der ihnen gesetzlich zustehenden Rechte „zurückgestellt" zu werden? Und noch Eines. Der Jude ist vermöge seiner Lehre, Erziehung und Herzenscmpfindung dlinnstcntreu. Die Liebe zu seinem Kaiser und der kaiserlichen Familie zählt zu seinen heiligsten, unverwiist licheu Gefühlen; er gravitirt mit seinen Gesinnungen nach der Wiener Kaiserburg; kann den Antisemiten welcher Färbung immer das scherzest nachgerühmt werden? —Und doch hatten noch immer die Beweise dafür aus, daß Ernst damit gemacht wird, dem Anti scmitismuö, wenn er nur gegen die Juden seine Angr.sfe richtet, das Handwerk zu legen. Der Jude wird wohl unter allen Ver