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Freies Blatt · 1894-07-01 · 117 (1.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
117 (1.7.1894)
Date
1894-07-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 117. Freies dem Bericht hervor, welchen seinerzeit die nach Europa gesandten Bereinigten Staaten-Commifsäre über die Lage der Juden in Rußland erstatteten. Sie fanden zahlreiche jüdische Ackerbaucolonien innerhalb deS „Judenrayons" - jo in Wolhynien, wo die Jude» OOO.OOO Acres oder 6 Percent des cultivirten Landes der ganzen Provinz bebaute». In allen diesen Eolonien wurden die Pächter durch die berüchtigte» „Maigesetze" gezwungen, ihr Land anfzngcben und in die Städte zu ziehen. Im Gouvernement Minsk wohnten;">0()ü jüdische Landleutc ans .'>.'>.000 AcreS und wurden durch eine außerordentliche jährliche Kopfsteuer von 5)0 bis 00 Rubel bedrückt, in Kownö 4« >00 jüdische Arbeiter aus ';'>8.00ü Acres; in Grodno 4000 ans 00.DUO Acres. Sic leistete» 1 als Pächter Tüchtiges, was durch die allerdings vergeblichen Versuche i der Gutsbesitzer, die AiiswcisnngSdecrete rückgängig zu machen, be wiesen wird. Der Versuch, den Baron Hirsch init ci»cr Ansiedlung von Jude» in Argentinien gemacht hat, scheint, nachdem'die erste» Schwierigkeiten ' überwunden sind, den besten Erfolg zu versprechen. Die vier Ackerbau colonien weisen nach zweijährigem Bestehen eine Zahl von 3000 jüdischen Cvlonistcn auf, deren Erwerbsleben sich so günstig gestaltet hat, daß der an der Spitze stehende Bcrwaltungörath damit unigchi, ’ im nächsten .Frühjahr einen Nachschub von weiteren 4000 kommen zu lasten. Es sind von einem Besitz von 132.000 Hektar bereits '.»»'«> Hektar mit Weizen »nd Kukuruz bebaut. * Auch in Palästina sind in neuerer Zeit Ackerbaucolonien in er frculichcr Entwicklung begriffen. Ihr Protektor ist Baron v. Roth schild in Paris, und es widmen sich jetzt schon im heilige» Lande über 1000 jüdische Familien, di" mehr als :'>U> 0 Seelen umfassen, der Weincultnr und kommen als Weinbauer neben anderen Ansiedlern, > besonders den eingewandcrten Schwaben, gut vorwärts. Dazu komme». : über 1300 jüdische Handwerker in Jerusalem selbst./ BcachtungSwcrth ist auch ein Unternehmen, da.S durch private : Mildthätigkeit im vorige» Sommer hier in Deutschland ins Leben ge , rufen wurde. Es ist dicS eine Erziehungsanstalt bei Limitier in j Hannover, welche zur Aufnahme von zunächst 00 jüdische» Knaben I bestimmt ist. Hier sollen die Zöglinge'»eben dem Unterricht in den . BolkSschulfächern dazu angchaltcn werden, durch ihrer Hände Arbeit i den Lebensunterhalt zu verdienen. Zu dem Zwecke sind mehrere Werk! stätlcn eingerichtet, in denen die Knaben in dem von ihnen erwählten; Handwerk durch competente Lehrer unterwiesen werde». Außerdem haben 1 sic Gelegenheit, Gärtnerei und Ackerbau auf einem größeren zur An stalt gehörigen Landconiplex praktisch zu betreiben. Wenn es sich bei solchen wohlgemeinten Versuchen lediglich darum handelte, der antisemitischen Agitation etwas von ihrer Schärfe zu nehmen, indem man einen sociale» Schaden, der sich bei den Inden hcrausgestellt hat, zu heben trachtet, so könnte man über den Erfolg dieses Experimentes berechtigten Zweifel hegen. De» Antisemiten würde man mit der Beseitigung eines Bcschwcrdcgruudcs wenig Gefallen thun, da eine Regeneration der Israeliten gewiß keinen Dhcil ihres ProgrammeS bildet. Um so ernstlicher spreche» jedoch andere (Gründe für den Versuch, das jüdische Volk zur größeren Antheilnahmc auch a» der Rohproduction und Verarbeitung wirthschastlichcr Güter z» bewegen. Zwar wird man nicht in den Fehler verfallen, die mehr mechanische Thätigkeit für nützliche Arbeit pur oxonllr-,»-,- zu halten und demnach die Eigenschaft der Nützlichkeit jeder anderen Beschäftigung in gcringcrci» oder höherem Grade abzusprcchen. Dazu ivürdc man sich auf dasjenige national-ökonomische Niveau begeben müssen, welches leider von den Conservativcn und Antisemiten ciiigcnommcn wird. Aber immerhin wäre eS aus allgemeinen wirthschaftlichcn Gründen zu bedauern und ^würdc zu bedenklichen Folgen führen, wenn ein bestimmtes Glied der Völkerfamilic sich von einem wichtigen Zweige der Eulturarbcit gänzlich fern halten wollte. Ist nun gegen die Juden ein derartiger Borwurf;n erheben?^ Die angeführten Beispiele, und, sie können vermehrt werden (so besteht^ in Berlin ein Verein aus jüdischen Handwerkern, nicht Handwerks s meistern, der 050 Mitglieder zählt, die sämmtlich praktisch thätig sind), ergeben, daß sie nicht etwa eine angeborene Abneigung gegen körperliche Anstrengung an den Tag lege», daß sie vielmehr i» viele» Fällen mit seltener Ausdauer und unter den widrigsten Verhältnissen bei der Arbeit auSharrcn, und daß sic eS, wenn die Umstände günstig sind, zu hervorragender Tüchtigkeit bringen. Sic entsprechen zwar meist noch nicht dem Ideal eines Handarbeiters, aber man muß sich vergcgenwärtigcn, daß wirDS mit einem Volke zu thun haben, das wegen der durch Jahrhunderte fortgesetzten Bcrfolgungen auch in physischer Hinsicht -gelitten hat, dem es ferner an den Traditionen deS gelernten Arbeiters fehlt, weil man den Juden vom Erwerb deS Bürgerrechts ausschloß und deshalb zu keinem JnnungSverbande zulicß. Man verschloß ihnen alle ErwerbSartcn bis auf den Handel und Wucher und Blatt. ' reite 3. vertrieb ihnen die Lust an der Landwirthichatt, indem man ihnen-nocki biS vor wenigen Jahrzehnten de» Erwerb von. Grnndeigenihum nn möglich machte-. Der Stempel, der den, jüdischen Eharatler durch die erfahrene Behandlung, ansgcdrückt isi, ivird sich zwar nicht im Hand ttmdrehe» verwischen laue», cs wäre jedoch verkehrt, deshalb die 00 dnld zu verliere» und eine Schjild der n'esellich.rs, nngesiilmi zn lassen („Was ltst» Sic'?", Wir erhalte» solgendc .Fnschnt't: Süinmtlichc anonnmen Schimm' »»d Schmähkarlen, womit ich nencstens beglückt worden bin, enthielten die Frage: „Was leien 2ie Einige sagten bei: „Lei'eiz Sie doch das .Deutsche Volts blan-!" Damit ist die Hanpiguelle des Antisemitismus getenn zeichnet. Die Lcctüre trägt die Hauptschuld,- daß sich Tausende, in den Anliseniilismns, richtiger Aulisndaismns, verbohre». „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich nage dir. wer d» bin." Dicker Spruch kann ganz luolrf auch so geiaßt werden: „Sage mir, was du lieft, und ich sage dir, was du denkst und wie du bist “ Wer jahraus jahrein ausschließlich anlisemilische Blätter 'liest, in dem muß der Haß gegen nnscrc jüdische» Mitbürger Wuizel fassen. So lompien selbst Leute, die vielleicht zeitlebens leinen Inden geiehen, zn grim uiigcm Haß. Ich, kannte Einen, der .niemals :»it Indens er lehn hatte mib dennoch ein wnihender Antisemit war. D ie tägliche Lcctüre war die llrsächc. Soll demnach der abscheuliche Anlij'emiiismn---..' diese Schmach unseres FahrhnndcrtS, - ansgeroiieiwerden, ' so »ins; an die Stelle der antisemitischen Lectüre eine andere trete,,, zumal die wenigsten Menschen ko durch'gebildek nnd selbstständig sind, daß sic sich unabhängig von der Leclürc ihre'Aieschannng bildcisi.' Da.s . .ist allerdings ein 'I'>-lin,»nii,in pau~ und eine Seliwäche, deren sich jeder Eharaklcr schämt,: aber eö ist so. Also „Was lese» Sic'?" Diese Frage richte ich an chie Schreiber der an mul) gerichtete» Karte». Was mic>> betritt!, darf ich ohne Ueberhebnng sagen, daß ich die gelaininte pro nnd anlisemilische Liieratnr leune und studirt habe. Macht'S auch >0 und ihr werdet bald anders nrlheilen - 'D.r. Schöpf. llLtlic (^stik'odt »ins dc»l Vcücil Gllstcilhüticr's. LA an schreibt uns: Mit Bezug ans Ihre Informationen über Professor Gusse» bauer tann auch ich Ihnen bestätigen', daß der berühmte Ehirurg" keine Spur von Antisemit ist. Ich weiß selbst cinen Fall, ivo er einer jüdischen Dame, die er am Brustkrebs operirt und von der er 4««> s>. Honorar erhalten hatte, eine Enr in -Meran aniicih, -und als sie sagte: Meine Mittel erlaube» mir dies nicht — wönlich antwortete: Das dachte ich mir, Sic und eine Begleiterin benöihigcii für den- Winteranfenthalt 1;"><»0 s>. in Meran, da sind sie! Die Dame hat das Anbot nicht angenommen, wohl aber auf Einladung «Msscnbauer's mehrere Sommer alS sein (''au in D ber Villach zngebraehl. Ich habe auch von cincni ähnlichen Falle mit einem Slndenren gehört und glaube, daß derselbe Jude war. Allein, auch rüenn das Letztere nicht der Fall gewesen wäre, würbe ein Mann, der wie "siisienkinerhandelt, ein Antisemit sein können L lAns dcm Büvcncr Gcllicillvclchc». In einer vorige Woche in Baden stältgchabtc» Wühlerversainmlung wagt-, >s ein Aätiseniil, Namens Herzog, der gar nicht Wähler ist, dem st^io'eisor Dr. von R c i» ö h l zuznrusen, er wäre ein „ Fremder",-wurde aber mit folgende» Worte» abgcfcrligl: „Ich bin kein Fremder und lasse nur das nicht sage» von einem Brenschen mit abgcsessencn Str-asen'und unterlassenen Prüfungen. Ich lasse mir das nicht biete» von einen, Menschen, der »och nicht gezeigt hat, daß er durch tüchtige Arbeit etwas leisten will. Ich bin Bürger, ich habe hier geheiratet, »reine Kinder find geborene Badener, nnd' ich habe das Recht, hier, zn sprachen." «großen Eindruck ries die Rede eines Wählers, Herrn F u ch s, hervor, der sich der Per saminlung als Jude vorstellte und gegen die aniisemitiichc Partei in. scharfer Weise Stellung nahm. Erpccloralioncn dcö Llnlisemiten F 0 l I c r vcranlaßten dann eine Entgegnung des Professor Dr. v. Reindhl, weichet unt-er Anderem sagte: „Wenn Herr Follcr zugibt, daß cs anständige und unanständige Inden gibt, so gibt cs gewiß auch eben solche-Ehristc». -Tic-unanständigen Juden zn schützen, wird Niemandem cinfallcn, aber der anständige Jude soll Schutz finden, er soll nicht beschimpft werden. Nun verlangt Herr. Folter einen Fall zu hören, in dem ein Enrgast beschimpft wurde. Ja, muß es denn so weit kommen, daß die Leute ans der Straße nicht mehr sicher sind'? Ist eS nicht genug, wen» eine Zeitung erscheint, wo die Leute in der

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