Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 114 (10.6.1894)
- Date
- 1894-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Moniikiiiclltsprcis. nii r C cftttrcirf) II n f|" tu: . vmit ’i'OfUilfpnt'1111:1.fl. L.5". iviil’idtiri'i fl. 1 4<ierttljäflrrti ... fl. —.75.!>ür d»S gefammte Ausland: »'.iinjiNirig.fl. 3.—. '>alvjädrig.fl. 1.50. Sintclnc Wummern ß kr. llii'ranHrte Briefe werden nicht anzcnonimc» lliedactloli mit) ViamiliifUniiou: (Dnjan zur 2lbu?ebr des 2 lnti)Vmitif 111115/ * 1 ecucrftättc m. 4 . ' ^»icr.itc werden mit 1" kr. 'ue itMiltoitc VüMtvarciKctcUc verechnrl. k.-\v<-: * Erscheint an jedem «onntage. w«'* >—.^a« r fr. «n-n-d»iev»n i,«ier.:w unsrer Admintstratien iewre im Annonce.-..-- afctf, I. Lr.<oll;cile H. '.Hummer 114. Ulicii, 10. Zniii 11504. III. Iuhrgaltg. Pic „Zurückstellung" non Principien. Die Pforte» des Parlamentes sind geschlossen, die erste Reichsralhsscssioii in der EoalitionSära ist abgelaufe», und es drängt sich unwillkürlich die Artige ans: . wie hat sich die (Koalition vorn Standpunkte der Abwehrbcwcgung bewährt? Richl mit übertriebenen Hoffnungen begrüßten wir den Bund grundsätzlich verschiedener Parteigruppen zu einer geiiieinsaine» Action; wohl aber erwarteten wir .einen Umschwung zum Besseren und hielten »ns dazu namentlich durch den Eintritt des Führers der Linken in die' tHegierung für berechtigt. Wir waren nicht so unbescheiden, den Anspruch zu erheben, daß ein Ministerin»,, in welchem bis ans einen Liberalen lauter iSoufcioatioc verschiedener Färbung und ein Titnlar-Liberalcr sitzen, alle Brnlstältcn der Eonfessions und Raccnhctzc aushebcn lassen und etwa so entschieden vorgebc» solle, wie seinerzeit Koloman ^Tisza. gegen den AntiseiniliSmus in Ungax» oder Graf Loris-Melikvw gegen die asiatische Pest in Rußland. Wohl aber schienen dies die antisemitischen Exeedcnten zu befurchte», und a!S daS Negierniigsprogramm auch die Abwehr aller de» . Frieden des Staates und die allgemeine Wohlfahrt gefährdenden Elemente in Aussicht stellte, bemächtigte sich ihrer eine namenlvsc Angst. Sclbsterkenntniß verhehlte ihnen nicht, daß sie Friedens siörcr und der. aUgeincinen Wohlfahrt abträglich sind, und wie ein Sprichwort sagt, den schuldigen Man» gehl's Grausen an. Die Antisemiten besorgten Masscneonfiscniioncn ihrer Hetzschriften und die Auflösung der zur Organisation des wirihschastlichcn Kampfes nnlcr falschen Aushängeschildern ins Leben gerufenen.Bereinigungen. Ihr Zetergeschrei bestimmle aber das Organ des Grafen Hohe»' wart, zur Beruh'gung Derer ui» Liechtenstein mit hochofficiöscm PalhoS zu erklären, daß sie nicht zu jenen Elementen gezählt werde», deren eventuelle Bekämpfung,die Eoalitiviisregicrnng in Betracht gezogen habe. Schlechten Dank erntete Graf Hohenwart für diesen Liebesdienst. Die Radangesellschaft »ahm, nnchdem sie sich von ihrem Schrecken erholt, nicht nur ihre demagogische Arbeit mit verdoppeltem Eifer wieder auf, sondern glaubte sich auch den Luxus gönne» zu dürfen, den Führer der Eonservativcn selbst ans die PrvseriptionSliste zu setze». Statt eines Umschwunges zum Bessere» ist in der Eoalitionöära lhatsächlich eine Berschärsnng jenes Uebclstandcs eiiigetrcten, welchen das Ministerium Taasfe aus das Eabinet Windischgrätz vererbt hat. Die Sprache der antiscmitischen Schandpresse sowie die der Hetzredner wird immer heftiger und schamloser, und die Stätten ihrer öffentlichen Wirksamkeit beschränken sich nicht mehr auf WirthShäuser, sondern unifassen auch, tyie insbesondere der von einem liberalen Abgeordneten als Feuerprobe der Eoalition bezeichnete Fall Deckert beweist, Psarrhöfe - und Kirchen. Gegenüber den Freunden der Abwehridee, der Rechtsgleichheit, hat. die Eoalition die Feuerprobe schlecht bcstande», und es ist so weit gekommen, daß antisemitische Blätter die einzigen sind,, welche für manche officiclle Handlungen und Unterlassungen uneingeschränktes Lob haben. Eines derselben, allerdings vielleicht mit dem Hintergedanken, die CoalitionSrcgicrung zu compromiltiren, wagte es, den jetzigen Ministern zuzumnthcn, sie wären bereits zur Erkenntniß gelangt, daß die StaatSmajchine heutzutage mit antisemitischem Oel geschmiert werden müsse, und daü gcsammle Ministerium für noch entwicklungsfähig im Sinne des Anliseinilismns zu erklären. Die Eoalition stellt an die Parieien-iind 'Männer, welche in derselben vertreten sind, die Ansordcrnng, i»> Interesse des «'Hinein Wohls eine Zeillang das Trennende zu vermeiden »nd nur das Ein-igendc zn pflegen, l^nzühligcmalc wurde von allen Seilen betont, daß cs sich nur in» eine „Inrückstellnug", nicht aber um eine Prcisgcbnng von Programinpnnklen bandle. Wie sich die Dinge während der abgelaitfenen llteickisraihssejsion gestaltet haben, wäre es, 'meinen wir, dringend geboten, daß' während der parla mcnlarischen Ferien alle fortschrittlich Gesinnte», Wähler und Gewählte, darüber schlüssig werden sollen, ob die-in den Staats grnndgesetzen gewährleistete Rechtsgleichheit auch einer der Pro granimpnnkle sein dürfe, welche um der Eoalition willen und»m die eoniervativeil Berbündelen nicht zu verstimmen, „zurück znslellen" wärmen, und was als die äußerste Grenze einer „Inrück stellnng" betrachtet werden müsse. Im Brnderslaäle jenseits der Leitha handelte die liberale Partei stets nach dem einfachen, gemeinverständlichen Grundsätze: 1 'rim ij*ii-: <><>si:t! — und sie fuhr dabei mindestens nicht schlechter als die BerNeler des österreichischen Liberalismus, welche ans schwer verständlichen, angeblich staatsmünnischen OppoilunitätSrücksichte» so häufig den Lch-i» ans sich lade», daß sie Grundprincipien verleugn-.».. Hat die deutsch liberale Partei in Oesterreich keine Selbstmordgedanken, und will sie ihre Exisleiizberechliguiig nicht einbiißen, dann darf sie. nicht länger zandern und muß sich klar änsjprechcn : In dkr „Zurückstellniig" nnsertr ProgrammpilliUe ' gehe» wir — bis h i eher und nicht weiter. vH',. ts>uv ^lffairc pollitzcr/!laiser^ Tor Proccß' gegen den Aneenranzbcainlen Adolf Boltitzer, der sich in der vorigen Woche vor dein Strafgerichte adsvielle, har begreif lichcrwcisc die Orssenllichteit lebhaft beschäftigt'. War man sich doch in dein unbefangenen PublieniN klar darüber, daß das Anrircteü Potlitzcr's - . gegen de» Abgeordneten «taiier teines.ivcgs bloß ein Ael der «''einig lhuung für persönlich erlittene Unbil! war: daß vielmehr lauge an gcsaniincllc Erbittcriing über antiieiiinnche. mit allen 'Mitteln des Hasses betriebene Ansreiznng und Bcrleniiidnng, zu welcher nun noch ciye von Pollitzer individncll cinpsundene, leichtfertige und inuthwitligc Beschrildigung gegen eine Bcrstchernngsgcsetlschafl kam, sich hier crupnv entladen hatte. Tic- '.'eidenschait, die bisznni Acnßerstcn geht, thnd selten daü tlüchtige, und sie ist auch hier.in einer lxdauerlichcn Weise zum Ausbruche gelangt. Es braucht kanin gesagt zu werde», daß der Sieg über den AntiscmitiSnins'/nur mit ganz anderen, ernsteren und edleren Wassen zu erringen ist. Ter Bcrlaus der-Verhandlung ist aus den Tagceblättern genügend bekannt: mir fühlen uns heute gedrängt, einige bcinerkenSwerlhe Ergebnisse dcS BersahrenS besonders hervorzuhebcn. j Es ist zunächst interessant, daß Pollitzer die Bcrurihcilung wegen cincS Verbrechens, die ihn betroffen, gar nicht durch, den Ueberfalt auf Professor Kaiser hervorgcrufcn hat, sondern dnrch.de» Trvhbrics, den er vorher an ihn richtete. Der Angriff selbst, welcher.'so vieles Auf - sehen hcrvorricf, hätte für ihn »nr die vcrhällnißniäßig. geringe Strafe . zur Folge haben können, die ans Ihälliche Ehrcnbcleidignng gesetzt ist.