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Freies Blatt · 1894-06-03 · 113 (3.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
113 (3.6.1894)
Date
1894-06-03
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite l(i. Freies Blatt. Behauptungen, daß sich jcdcr Antisemit in einem pathologischen Zustande Innnden müsse, etwa geisteskrank sei oder gar an den Folgen einer anderen interessanten Krankheit leiden müsse, "wie ein rumänischer Arzt neulich;u behaupten vevsuchte, dürften sich kaum ernstlicb beweisen lassen. Aber im Sinüe eines ungesunden, schwächlichen Habitus der Volksseele, im Sinne einer verfehlten, krankhaften Gedankcnrichtung der Massen kann man das Wort vom pathologischen Zustande impicrhin gelten lassen. Doch kommt cS, nachdem man sich über die Sache klar geworden, nicht mehr auf Worte an. Wenn wir aber schon im mcdiclnischcn Gleichniß sprechen, so möge es gestaltet sein, das Gleichniß auch noch etwas weiter fort tuschen. Wenn turnt von Krankheiten der Massen spricht, so darf man auch unck Heilmitteln für derlei sociale Krankheiten fragen. Wir haben gesehen, daß das beiden, welches wir Antisemitismus nennen, auf einen habituellen Zustand zurückzuführcn sei, und daraus darf man wollt einen Schlüß aur die Art der Behandlung liehen, eine locale Behandlung der cijizelnen Krankheilserscheinungen wird st>ts nur von untergeordnetem und vorübergehendem erfolge begleitet sein. Wie schwer es ist. den Antisemiten, mit Argumenten bei zukc Minen und sic von der Unrichtigkeit jeder ein liliH'ii ihrer Ansichten zu überzeugen, habe« wir klargelegt. t>iichlsdestoweniger wird cs stets geboten sein, jedes eiuzckne Geschwür, welches;ur Erscheinung tritt, rücksichislos zu durckschnciden und ' das Mencr lies in die umgebende Fäullliß \u versenke». B,'uß doch der Aist gleichfalls jede» Absceß einjcln bekämpfen, wenn er auch weiß, daß der Sitz der Krankheit tiefer liegt, und daß die ' krankhafte erscheinung heute au" einer Stelle vertrieben, morgen! vielleicht schon an einer anderen stim Aii.sbruchc kommen wird, eine Aussicht auf gründliche Genciung lisgt freilich nur in der aUgeineinen Behandlung, in einer Uiiihestaltung des HabitnS, Reinigung des B.utcs, Kräftigung der Nerven o. dgk., und diese Metbode witd auch beim Antisemitismus sie einzig erfolgreiche sein. Man mi.y den geistigen. Habitus der Blassen wieder heben, man muß von weitem Wege her die Stimmung und das intclleetuelle Gepräge umarbcitcn, dann werden die kraukhastcu Eischeinungen von selbst verschwinden, eine stclbcwußie Bekämpfung des malet iellen, aber vorzüglich auch des geistigen Pauperismus allein kann st, dem erwünschten Ziele führen. Alles was das gesunkene und verachtete Jndchidnalgesühl zu heben und das einseitig ' auS gebildete Hecrdc»bedürsn;ß in die Bahnen des wohlverstandenen Altruismus tu lenken imstande ist, alles das ist auch geeignet,-als Waste der Bexiiichiung gegen den Anlisemjtismus stl dienen. Man darf nch nicht ^begnügen, .die Argumcjite der Antisemiten zu widerlegen oder stch aus Recht, Gesetz, Humanität u. dgl. berufen. Wie. weiiil der .Gegner einfach das Priucip leugnet? Wir haben die Gründe angegeben, warum sich auf diesem Wege geringe oder keine erfolge crst'cleii lassen. Man muß auch ein jedes wirth'chgfiliches Prineip oder Beginnen, ^uich wen» es gar nichts mit den Juden zu lhuit hat, entschieden bekämpfen, welches den Individualismus in brutalen Egoismus un > den Altruismus in fratzenhaften Gildcngeist umzusetzen beabsichtigt. Allem aber Allem cntgegentrelen, waS von schaftlich einmal erkannten und festgestcllten Nr. 113 Man muß vor der Bahn der wissen- Thatsachen seitab liegt oder geeignet ist, das Ansehen der Wissenschaft und der Bildung beim Volke zu schädigen und zu untergrabeii. Es ist ein Widersinn, zu gleicher Zeit den im Antisemitismus gelegenen religiösen Execß zu vcrurlheilen, denjenigen aber, den die Theosophen, Heilssoldalen, Egidyaucr u. A. begehen, gutzuheißen und zu entschuldigen. Lombroso mag ja nur von den edelsten lBoraussetzungen ansgehen, wenn er die einzige Lösung deö Antisemitismus darin findet," „wenn Juden und Christen gleichzeitig sich iüber ihre gegenseitigen Vorurtheile erhöben und sich in einer neuen Religion zusammenfänden, nicht der des BalicanS oder der Propheten, sondern in der, welche die Errungenschaften der Wissenschaft anerkannte, die neuen socialen Ideen, die schon Christus verkündete, auf ihr Banner schriebe; kurz wenn sich ein socialer Reuchristianismus bildete," und wenn er hoffnnngöfreudig der Ausbreitling des Hhpnotismus entgcgensicht, „auS der sich leicht jene Sminmung und Sphäre dcS Wunderbaren, des Unbegreiflichen entwickeln kann, in deren Dämmer eine neue Religion stets am leichteste» ihren Weg macht".S1) Was Lombroso wünscht, ist, wie wir gesehen haben, bereits reichlich da; in allen Spielarten treten »ns die Versuche zur Gründung eines „socialen Reuchristenthums' entgegen, nicht selten von jener Sphäre, des Wunderbaren und Unbegreiflichen umgeben, in deren Dämmer eine neue Religion aiigeblich am leichtesten ihren Weg macht. Allein wir sehen nicht!nur nicht, daß diese religiösen Reugründungen irgendwie zur Ab^chwächung des Juden Hasses beigetragen hätten, wir halten dicS j auch für ganz ausgeschlossen, da ja gerade sic Folgeerscheinungen einer Verschärfung dcS religiösen Geistes sind, in deren Bann allein der Antisemitismus gedeihen kann. I» der Thal schielen die jneisten der religiösen Helden, die wir hier kennen lernte», unbeschadet ihrer oft wider lichen Humanitätsduselei, mehr oder mindckr freundlich mit den Judeiihetzern. wogegen kein Stand so geschlossen gegen diese Zeilpesl marschitt wie derjenige der Vertreter dir Wissenschaft. Der rücksichtsloseste Radicalismus, wo cs gilt, dse freie Bewegung des Geistes zu wahren, ist daher die zuperlässigsle, wenn nicht die einzig richtige Methode zur Abwehr deS Ant scmttismus; selbst die sociale Seite der sogenannten „Judenfrage" der wissenschaftlichen Erkcnntniß, keineswegs kanipseö gelöst werden. wird nur im Zeichen in dem des Glaubens Wer äififfmüliJft nnt .'(imfi be Hai auch Religion: Beer jene beite» »lchl benot,! Ter babe Religio»! poinbroso, a. a. E. S 17 n iUl^nludiannnen des Jnferaft .mg.-nomm.-n. fettvM in uirerer Aöinin „Jrcint Vieltes". tlrntioii, al>5 auch ii» Annoncen Bureau Ul. Sn Irr». Liiilicz» vergriffen: „illr Jiibcn nitii kr Aufifrinitismiis“ 'Heran ^caiUtcu. Ae Überlingen von (Tnrl t>on Uinrrnti. Breve rcr. . .W '1. 1.— tu ich die Atniinigralio» des „Freien Blaues", I. S.vetüane 1>>, norto’rei;ij belieben. iijt, ST EM Pf/ SIEGEL Graveur Ignaz Kecht.Wien 25. Pralerskasse 25. .»Aufklärung". Verein jur Verbreitung gefdiiditlicticr Lil-ung. Aahrrabritrag ii. |U. ft. 1.—. Gritritts - {rkliraign linit rntgrgei D. Zenker «I I» ein ilimmer im Umfange v. 21» Weier für 'Plafond- »nd Spalierarbeit »nd tRar. dasselbe in goldenen rapete» ft. 13. (?benfo billig die bochfeinften la Pete» beiMIrh.t'olm. Wien. I. Aleifchmarkt Rr 1, 1. Stock. Kliener 10.000 95Lo^lii- | \\ Lost »w

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