Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 111 (20.5.1894)
- Date
- 1894-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441521--1284-4887749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 111. Frei«, Blatt. Seite!'. der religiösen Seite nicht zu trennen ist, so sind auch im Antisemitismus die drei genannten Factoren bloß verschiedene Erscheinungsformen .ein- und derselben Thatsachc, heS vollständig gesunkenen und verloren gegangenen Jndividualbcwußtseins in den mittleren VolkSclassen. Deshalb gehört auch der AntisemiliSniuS nicht bloß per analogiam, sondern vollkommen rechtmäßig in die obenangeführte Reihe der religiöS-socialistischen Auswüchse unserer Warum sich diese rcligiöS-pietistischc Veranlagung bei unö gerade in der Form deö AinisemitiömuS auSleben mußte, warum sie ihre Spitze just gegen die Juden kehrte, daö erschöpfend be, antworten zu wollen, würde weit über den Rahmen dieser Mono graphie hinausführen. Rur auf ein Moment wollen wir hier einige Rücksicht nehmen. Man pflegt bei der Beurlhcilung des Antisemitismus in der Regel seine besondere bildungöfeindlichr Seite zu übersehen oder als etwas Zufälliges zu unterschätzen. Wir glauben dargcthan zu haben, daß diese Seite eine Hauptsache bilde: der Antisemitismus kehrt sich nicht bloß gegen die materiell Bcrmögende»; sondern ebenso heftig gegen die geistig Vermögenden, sein Bestrebe» geht nicht nur auf die DiScreditirung des materiellc» Besitzes der Juden, sondern auch ihrer geistigen Fähigkeiten hiliauö, und weil er stets mit den Juden zugleich alle Jene, welche nicht in das wüste Hepp Hepp cinstimmen, mit seinem Aitathci» belegt, ist cs ihm thatsächlich gelungen, daS Ansehen der Bildung überhaupt, daS Bertrauen dcS BolkcS auf die Wissenschaft zu untergrabe». „Die Juden drangen sich übermäßig in die gebildete» Stände, sie überwuchern unser Schristthum, sie benützen die Presse, sie stehen überall an der Spitze oder doch hinter de» liouliffcn, wo eS sich darum handelt, unsere -Gesellschaft deö religiöse», des specifisch christlichen Charakters zu entkleiden." So und ähnlich lauten bekanntlich die ständige» Anklagen der Antiscmitc» gegen die Juden, und mit gehöriger Cinschrünkung mag ja auch viel Wahres daran sein, was allerdings den Inden nur zur Ehre, den hinter ihnen zurückbleibcnden Anklägern vielmehr zur Schande gereichen sollte. Mag immerhin der Satz, daß die geistige Revol lirung Europas einfach ein Werk der Jude» sei, nur sehr mim grauo salis zu nehmen fein, man kann doch nicht läugnen, daß sich die Juden allerorts um die Fahne deö Fortschrittes, der Aufklärung, der Freiheit und, wenn es nölhig war, auch der.Revv lution geschaart und für diese Güter oft alS Officiere, stets alö begeisterte, treue Soldaten gekämpft, ihr Gut und Blut geopfert haben. „Der Jude ist der Lehrer dcS Zweifelsgewesen," sagt Lombroso/*) „alle Rebellen sind zu ihm gekommen im Geheime» oder bei Hellem Tageslicht." Diese Thalsache läßt sich nicht hinwegleugnen, und »mit soll cS nicht lhun, da sie ehrend und rühmlich für die Juden ist und man ihnen zu anderen Zeiten dafür dankbar war und voraussichtlich auch wieder sein wird. Leroy-Beaulieu") jst der Ansicht, das jüdische Genie habe zu seinem Aufflug jederzeit die Schnellkraft von Anderen gebraucht; alö ob seine Schwingen sich nicht von selbst auszubreiten vermocht und zur Entfaltung fremder Nachhilfe benöthigt hätten. Er will de» Juden keineSwtgs jene geistige Bedeutung zugestehen, welche die Antisemiten den Juden mit demselben Athem einräuinen, in welchem sie dieses Bolk zu einer tiefere» Race stempeln wollen. Lombroso ist ganz entgegengesetzter Meinung; nach ihm haben die iJuden eine verhältnißmäßig größere Zahl genialer Männer hervorgebracht^alS die übrige Bevölkerung. „So haben sich in der Politik Abarbanel und DiSracli ausgezeichnet, in der Metaphysik Spinoza und Maimon, in der Satire Heine, im Journalismus ^jung, Wolf, in der Musil Meyerbeer und Halevy, die genialen Mediciner Schiff, Balcnlin, Cohnheim, Traube, Fränkel sind alS Juden geboren, kurz, sic ergeben, mit ihren nichtsemitischen Mitbürgern verglichen, eine relativ gleich bedeutende, wenn nicht vielleicht bedeutendere Reihe geistiger Capacitäten; eS ist besonders beachtenöwerlh, daß dies auch auf dem Gebiete derjenige» Wissenschaften gilt, für die sie sich von vornrherein sehr wenig beanlagt gezeigt haben, z. B. in den mathematischen und exacten "Naturwissenschaften, in denen sich heute Segre, Sylvester, Goldschmidt, Beer, Kronecker, Mareuü, Besso, Loria, Castelnuovo, Bolterra u. A. auSzeichncn." >») Der Antisemitismus, und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Aulorifirte deutsche Ausgabe von Dr. H. Xurella. Leipzig 18Ü1. S. Ol. >») Die Juden und der AnlisemitiSniuS. Deutsch von <£. v. Binceiui. (Wien, Vertag des „Freien Blattes", 18N3.) Drittes Copitel. "Noch günstiger für die Juden find die genauen Äcrechiiungeu und Vergleiche des Engländers Jacobs. Dieser hat über eine Million Individuen, die sich in den huuderl Jahren,- von 17*.~> biS 18Sö, in irgend welcher Beziehung ausgezeichnet haben und mindestens fünfzig Jahre alt geworden, durchmustert und nach dem Grade ihrer Begabung in verschiedene» »laiegorie» gelheilt. In der ersten Kategorie findet er 4 jüdische Beriihiniheiien, in der zweiten 17. Ui-.tcr 1'/» Millionen Individuen findet er 2!> der ersten beiden Italegorien, während er die entsprechende Zahl nichljüdischer Engländer auf 'J'J bis I", angibt. Weilers zeigt er an einem reichen'statistischen Material, daß unter gleichen Mengen von Juden und Nichtjudcn jene eine Superioriläl in der Zahl ihrer hervorragenden Genies, eine Jnfeiivriläl der bloßen Talente erkennen lassen, während Engländer und Schollen in der. letzteren Beziehung entschiede» superior sind, linier je lco beli-big aus gewählten Individuen fand Jacobs unbegabt 7- Juden, 74 Schollen und 7t» Engländer. I,vüvev»»g folgt > Die Grnpövevin. l'iüiiuui »ääi dein englische» der Waller Beiant V0i, M>>rie a'i-»>e e. - Wer weiß, waS sich zugeirage» hülle »ach diesem Geständnisse, wäre cö nicht nnierbrochcn worden. Harold öffnete die '".'ippen, feine Hand war bereit, seine Augen waren bereit, aber er prahle zürnet, denn in diesem AngcMicke erschien.Emanuct in der Garienihür, die »ntergchcnde Sonne schien ihm voll ins Angesicht, Ihm solgte der Herausgeber des „Freundes der Arbeit", Vir. Hanling. 'Was nun folgte, ließ wenigstens für einige -Zeit keine 1'iebrsgcdankc» in den Siöpfcn dieses jungen Paares anfkommen. Emannct schritt voran und begrüßte Harold. „Ich freue mich,' daß du gekomiucn bist," sagte er. „Franziska sagte mir, daß du tommcn werdest; ich freue mich, Harold,- denn die Zeit ist nun cha, wo ich dir sagen muß, waS ich. zu sagen habe den Grund, warum ich »ach England kam." Er hielt inne; über legend, was er beginnen sollte, blickte er um sich, r a fiel ihm sein Genosse ein und er führte diesen einv „ TaS ist mein Freund Anton, welchen ich schon seit vielen Fahre» kenne." Er legte seine Hand dem Freunde ans die Schulter. „Tn wünschtest dämalö das gemeine Los'/ Du hast cs erhalten. Deine Gcbüc sind erhört worden." „Ach!" Der als Anton vorgrstellic Mann, der Marnst mit dem weit ausschaucndcn Blicke, hatte ctwaS von Berzweislung in feinem Aussehen, der arme Mann kgm gerade von einem längeren aiamvie mit seiner Frau, von -einem Siampsc, bei welchem die Ziniinerein richtung arg gelitten und die Nachbarschaft assistirt haue. „Ach!" i'agie Anton, „daö gcincinc LoS! Ich sollte genug davon haben. TaS ge »icine Los! Doch, ich verlangte cS ja. 'Wenn'S vorüber i>t. ivas. liegt daran?" „Wären nicht Anton unddic>eö öiind gewesen," fuhr Emanucl zu Harold gewendet fort, „so hätte ich die Sache schon früher kund gcthan. Doch haben sie mir andere» Sion zum Rachdenlen gegeben. "Nicht, daß meine Eiitdccknng mir auch iini' iür einen Augenblick aus dem Sinn gckömiucu wäre. Aber ich legte ste beifeiie. Ru» aber ist die Zeit gekommen, ich muß sagen, was ich zu jagen habe, und dann wieder weiter wandern. Ich bin ein Romade — ein Zigeuner — ich muß wandern, ich werde züin Wanperti getrieben von dem rast losen Geist, der in meinem Innern wohin. Laßt uüctr sagen, was ich;n sagen habe: Wir wollen eine Zeiilaug darüber rede», und dann will ich gehen." „Wir siud bereit, zuzuhörcii, Emanuel,"- sagte Harold. „Ich werde -cö sowohl dir alS auch diesen Beiden sagen. Meine Ent dcckuug betrifft Mann lind Weib, jetzt und in den kommenden Zeiten. Du, Harold, vertrittst die Männer, Franziska vertritt die Frauen." Während er sprach, ging die Sonne hinter dem Friedhöfe mittcr, der West erglühte, die Gluth wuchs und verblaßte wieder, während er weiter sprackp» und die duftige Färbung dcS Himmels und daö Zwielicht paßten so wuudcrsäin zu den ernsten -Worten seiner Rede. „Ich habe Euch schon gesagt, daß cö ein großes, ein wunderbares Ding ist, was ich entdeckt habe. Es ist ein Ding, daS höchst wahr scheinlich die Welt verändern wird durch Segnungen, welche voll;u erfassen und auszudcnkcu nicin Gehirn allzu schwach ist. Ich habe wohl Lichtblitze in die Zukunft, aber doch nur mangelhafte. Ihr, die