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Freies Blatt · 1894-05-20 · 111 (20.5.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
111 (20.5.1894)
Date
1894-05-20
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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i(r. 111. Seite e Freies Blatt. luir miä eie liitiidini Artikel tf# •V'irra Bureniü über A nio kol »kp ' aiü Tiefer Bilbbauer besitzt einen wodlvertienlen europäischen Ruf, von überall irerken ibm Ebrenbiploine cntgcgcngebracht, seine Tcuipturen fignriren mit erster Auszeichnung auf alle» Äiisstellungen, die hervorragendsten Museen, darunter auch die kaiserliche .Srmiiage', reißen sich förmlich um seine Werke, lind nach alledem finde» wir beim -Herr» Bureni» auch nnr eine einzige vernnuftige Beincikura über die chiodueie tie>eS Künstler»'? 'Rein! Tic Kritik diele» Herrn beschränkt sich darauf, Ai.tokolSkv ißimer wieder cinech.Hilden' nennen: ieine Tranicn sind jüdisch, seine ganze Art eine jüdische, .Ieruia!' wird mit einem Hausknecht verglichen, .Mephisto' ist einfach eine ab-cheuliche indi'che iZ-üzur n. w. stUrgend» eine Zpnr von ernster Kritik: kein einzige streng logi'chdr r^tde.i-.ke, kein einziger lheotelfichcr Siiiwand. Jude, ^iidklilbnin. jt?d,'ch —. da» ist Alle»! Und da» wll eine vernünftige Kritik ici»? — Rein, Herr Bureiun! To darr Kritik nicht gemacht werdend" F-ciuIIcroii. ltli|Hiri5iiui5, yittisiiuis, Äiilifnnilisiiuis am Ende des nenn;el;nten Jadeliunderts. l^iiie rullur pkiloiovhi'che Lllldic <f:. U. Ienlrcr. VI. Meten Cintciniuuini rorübrr, weil fic «ne }u fllbetn, zu dtintärifdi dliiikr». Aber fcheinen sie auch Aiidrn.ii so'? Wir fnrchlen sic nichi. il'r'li wir ihre Berbieiinnq nicht fermen: Ricinand hat »och dir Zahl der Anhänger oll dieser iiimpbDlijitcn Rcligionsgt bilde bererttiiet. Allein sic ift nidit gering. ein Herr von Zeitungen tämrft in ihrem Zeichen i Deui'chland ollcin verfügt etwa über ein Dutzend t'o!cbcr>, eine papierene Lündflnih von Broschüren predig! ihre Evangelien, und das Eine dürsie vor Allein seststchcn: diese Bewegungen haben Preise irfjpt < ituO zwar in gleichem Grade die böchsien wie die iiefften Kreise der Gesclischasi;, welche für das specisttch religiöse limpünlH'ii nnd alle«? daraus folgende so gut wie verleren schienen. Auch dars inan sich durch die innere Unhaltbarst», durch i?;e csl nackl zu Tage liegende Widersinnigst» solcher Erscheinungen keineswegs;u opliinisiischcn Lclbstläuschnngcn/über ihre Durch schlagSkrari veileiken lassen. Trotz des handgreiflichen inneren Widerspruches seiner i'-'rnudiatze ist es Herrn v. Egiky gelungen, gleich bei seinein ersten öfscnilichen Anslrelcn, anläßlich der letzlcn Reichstagswahlen in Berlin clwa k> Mandanten lim seine Fahne zu sannneln. Trotzdem kein Einsichtsvoller glauben kann, daß General Booili auf dein ron ibm belrelencn Wege die sociale Frage lösen oder auch nur d e e. assesicn Erichei: linge» des socialen Elends beseikigcn werde, erstark! die Heilsarmee von -stunde zu Stunde, und lretzdem Ne Tbcosopbie und ihre Asstlialioncn in geradezu empörender Weist d.n gefundenen und von ernster Leite unbestrittenen Thalsachen der Wissenschaft Hobn sprechen, finden sie doch auch unicr. den Männern der Wissenschaft selbst genug bcdingle oder unbedingte Anhänger. Wir haben umsoweniger eirund, uns darüber zu wundern, als sich ja vor unseren Augen tagtäglich dasselbe Schaustück ab spielt. ES gibt doch nicht leicht eine zweite Lache, welche so schwach und hinfällig in ihren Ärgnmenten wäre wie die Raiiiens der Religion der Viebe betriebene Glaubensverfolgung. Aber das war ihrer Ausbreitung, der Zunahme an Anhängern keineswegs ein Hinderniß Dreißig Jahre früher wäre dies unmöglich gewesen, nnd wenn die Argumente der Antisemiten dreißigmal stärker gcweien wären, als sie heule sind. Wir können zur Erklärung dieser Erscheinung eben nnr nochmals auf das bereits eingangs citirke Gesttz der öffentlichen Meinung Hinweisen, daß der Erfolg jeder Meinung viel weniger von der Störst ihrer Beweise oder von der Geichicklichke» ihrer Berlh-idiger, alS vielmehr von der Slinimung der Gesellschaft, sie auszunehmen, abhänge, und daß diese Stimmung sich aus dein inlcUcclueUcn Gepräge des Zeitalters ergebe. Wir glauben, dieses inlcllecluelle Gepräge des Zeitalters — wenigstens soweit es auf unsere Frage Bezrg hat — einigermaßen gekennzeichnet zu haben. Während vor ireißig Jahren auch die stärksten Argumcnlö den Antisemitismus n cht vor dem Fluche der Lächerlichkeit hätten bewahren können, sinl heute gegen denselben die stärksten Argumenle machtlos, weil das intcUecluclle Gepräge deS Zeitalters, der religiöse Zug in )er Bolköscele einer derartigen Bewegung im Allgemeinen wie in Besonderen gleich günstig ist. Wer auf die Auswüchse deS vcrstärklen religiösen Geistes, den wir eben geschildert habe», zurückblickt, dem erscheint der Antisemitismus nicht mehr so unvermittelt wie ienijcnigen, der da wähnt, unsere Zeit sei wirklich die „»religiöse', „materialistische", als welche sie von de» Kanzel» dargcstellt wir). Wer cS weiß, daß der spiritistische Unfug immer nur gcwlchsen ist, trotzdem nicht eine seiner sogenannlen Thalsachcn die Probe einer wissen jchastlich^t und experimentellen Kritik bestanden hat,, ja-trotzdem ein „Medium" »ach dem anderen entlarvt, als Betrüg, r und Escanioteur befunden wurde, wer das bedenkt, der wird eS nun auch einigermaßen verständlich sindcn, daß wr Antlscmirismns unaufhörlich vordringl und immer weiter sich nisbrcitct, trotzdem gleichfalls nicht eine seiner „Thatsachen" .duS Tageslicht, den scharf prüfcndcii Blick der Wissenschaft vertrügt, er wird nicht mehr so erstaunt sein, daß der Antisemitismus bisher fast aus jeder Niederlage feiner Arguinenlc eher gestüekl als geschwächt lxrvorging. t reilitur c[iiia absurdum. Und :um, welches Recht Hallen wir gar, erstaunt zu sein, daß Gcva lcr Schreiner und G-vaitcr Handschnhmachcr sich die mhstischen Riten der Juden in der Manier eines Höllcnbrcnghel ausmalcn, vcnn Alfred Rusiel Wallace au die Ltignialisirung und an Geistercri chcinungcn glaubt'? Wenn wir die oben geschilderten Erschein! »ge» unter einer höheren Einheit zusainmenzufassol versuchen, so kotninen wir noch zu weiteren Beziehungen zwischen dem AnliseniiliSmuS und dem Piclisii-ils und MysticiSniuS der Zeit. Wir Halen eingangs dieser Schrift einen gewissen Parallelisnius zwischen »ei» Kampfe gegen die Wissenschaft nnd dem Kampfe gegen den bestehenden wirth schasiliche» Individualismus gesprochen und dies m auf den weiteren Zusammenhang sozialistisch revolutionärer Ersch inungen mit rel: eziöseu, pteliststck mystischen Anwandlungen zurückgeführt. Daß unsere Zeit von socialistisch rcvolutionü en Kräften mächtig durchbebk ist, biaucht wohl kaum unter Beweis gestellt;y werden, daß sie über r>ich an religiöser Beranlagung ist, glauben wir nun .dargclhan zu haben. Diese Auswüchse einer übe all durchbrechenden religiösen Strömung zeiglen daS wunderlichste Formenspiel, aber in den beiden Punkten waren sic vollkommen einig: in ihrer Gefährlichkeit für daS rastloie Forlschrciten bei Wissenschaft und in der Gegnerschaft gegen die bestehende wilthsciaftliche und sociale Ordnung. Daß Madame Blaoaisky die „i Schulweisheit" bekämpfte, angeblich nickt etwa ihrer himmclstürm irischen Bahnen, ei bewahre, bloß ihrer „Unzulänglichkeit" halber, kann unS cbcnsowenig irrcführen, wie die Evolutionsphrasen d(S Herrn v. Egidy, die ihn nicht verbind.in, den Juden fein« allui rsassende christliche riebe zu entziehen, weil diese ihr GollhcitSidcal ihrer überlieferten Sonderheit eiusprechend zu verehren wünschen, sind so wie all die gekcnnzcichncleii Erscheinungen darin einig sind, dem ruhigen,- ziclbcwußicn Forlschrciten deS menschlichen Geistes )cinmend über den Weg zu treten, so sind sie auch einig in der Opposition gegen eine naturgemäße, gleichmäßig nach der individlkrlistischen wie nach der allruistisckieii Richtung hin strebende Weilcrentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Daß wir neben der überwiegenden Mehrzahl solcher Formen, welche dieses Ziel in cuSgesprochcn antiindividualistischem Sinne zu erreichen suche», mich wieder solche finde», welche der Person, dem Einzelnen der weitesten Spielraum gewahrt wissen wolle», ändert an dein coUcctivistisch gestiniiiilcn Gesamintbild -ebensowenig etwas, wie etkv^a das Borhandeiisein anarchistischer Theorien zur Lösung neben den communistischcn Tendenzen der großcti Mehrzahl. Wenn wir diese Erscheinungen allcsammt in einer Formel definiren soUlcn, so möchten wir sagen: sie sind die in religiösem Gewände auftretende Rcaction gegen die von i>m großen Massen noch unverstandene, freie wissenschaflliche und nirthschafilichc Bewegung deS modernen Lebens. Alle diese Züge erkennen wir im AntisemiliikmuS wieder: das religiöse Gewand, den bildungsfeindlichen und der soctalreaclionärfti Zug. Man wendet uns häufig ein, daß der Antisemitismus gar keine religiöse Erscheinung, sondern eine sociale sei. Er ist aber überhaupt nicht das Eine oder das Andere allen, sondern eines durch daS andere. Und sowie in der Heilsarmee t ie socialistische von der socialen Frage

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