Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 111 (20.5.1894)
- Date
- 1894-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbounemeutSpreiS. jZSr Qeflerreidi Ungarn: »annidrig mit Pofljufendung.fl. l.V>. iwlbläbria fl. 1 .*j. BieNeljSIirig ... fl. —.75. gür tat gelammte Kullanb: 0*ainiät)rig.fl. S.—. HaldjSIirig.?. . . fl. 1.30. Cinjelne Wummern « fr. Itufranfirtc Briefe Weeden nicht angenommen Redaktion Mid Admiiiisiraiiou: (Dr^an zur Abwehr des Antisemitismus. *■ stutrfiä»t 10.. Jufcrau werden mit 10 fr. iflr die viermal ae Ipaltcnc Nonpareilleieile»berechnet. Kleiner flu.;e,g-r dafc*ort 9 fr. fln'nabmc von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbnreau . M. TufeS. I. LVollzeNe #. Erscheint au jedem Sonntage. Nummer 111. Vien, 20. Mai 1894. III. Jahrgang. Getrennt marschiren! Während der kürzlich im Abgeordneir,«Hause durchgesührten ' Balutadebatte fehlte eS begreiflicherweise auch an politischen Intermezzi nicht, von welchen daS ritterliche Herüberu»d Hinüberschießen zwischen den clericalen Parteigängern der Koalition und den christlich-socialen Herrschaften auf dem Berge besonders pikant war. Man erinnert sich doch noch der Thatsache, daß Die um Dipauli einerseits und Jene um Liechtenstein andererseits bloß die parlameutarifchen Generalstäbe zweier ArmeecorpS sind, die zwar getrennt marschiren, aber gemeinsam zu schlagen berufen sein sollen, Run kommt eö im Felde nicht selten vor, daß zwei befreundete Colonnen sich gegenseitig beschießen, besonders wenn sie etwas zu-'weit getrennt von einander marschiren. Dieser Fall liegt auch gegenwärtig vor. Die beiden ArmeecorpS' marschiren an zwei verschiedenen Seiten einer tiefen, unüberbrückbaren Kluft, indem die ländliche, offen clericale Colonne auf der ftachen EoalitionSstraße dahinzieht, während daS städtische CorpS eben den Grundstock jener friedestvrinden Etrnmike dikvet, gegen weiche die Coalition ins Leben gerufen wurde. Die Lage der beiden freundlichen Colonnen ist eine fatale, denn so lange die zwischen ihnen gähnende Kluft kein Ende nimmt, ist an ein gemeinsames Operiren nicht zu denken. Man kan» eS dem Prinzen Liechtenstein daher nicht verargen, wenn sei» Mund von bitteren Borwürfen gegen Jene überfließt, welche nach seiner Meinung diese fatale Sitnatio» herbeigeführt, indem sic sich auf eine» falschen Weg verirrt haben oder verführen ließen. Seine Pfeile kehrten ihre Spitze aber besonders gegen die Brust jenes Mannes, der bei dieser BerführungSgeschichte die Rolle der bethörenden und lockenden Lurley spielte. Mit der Pose eines BorstadtschauspielcrS in der Rolle drS AntoniuS an CäsarS Bahre beklagte er den Sturz Taaffe'S, an dessen Tage sich dir süßesten Erinnerungen für die Clericalen und Antisemiten knüpfen, und offen beschuldigte er den Grafen Hohenwart, diesen Helden seiner persönlichen Eitelkeit zum Opfer geschlachtet und damit die obenerwähnte Lage geschaffen zu haben. ES braucht wohl kaum 1 gefagt werden, daß der greise Staatsmann dem Prinzen Rouge et uoir die Antwort auf diese öffentliche Zurechtweisung nicht schuldig blieb. „Eine längst entschwundene Zeit" nannte er die Tage, wo der Prinz an der Seite der Clericalen gestanden, und für daS Mißfallen desselben, daS er nunmehr auf sich geladen, erklärte er sich durch die Achtung und Zustimmung seiner Gesinnungsgenossen und weiterer politischer Kreise „voll und reichlich" entschädigt. Im Uebrigen schloß sich Graf Hohenwart vollkommeu den vorangegangenen Erklärungen deS Abgeordneten Dipauli an, der zwar den „Sympathien" Ausdruck gab, welche die Clericalen für die Antisemiten hegen, „weil ihr Programm ein Theil unseres ProgrammeS ist", aber auch betonte, daß erste« loyal in der Coalition stünden und für sie rintretcn würden, und daß für sie daher „die Person deS Prinzen Liechtenstein bei aller Hochachtung für dieselbe nicht in Frage kommen" könne. Ob die längst entschwundenen Tage gemeinsamer Operation zwischen den Clericalen und den Antisemiten auch für immer entschwunden sind, wollen wir dahingestellt sein laffen. In das leichte Pelotonfeuer, welches zwischen den beiden ArmercotpS knallte, mischte sich auch die Schalmei eindringlicher Sympathievecsichcrungen für Personen und Programme, und die Eomiiiciilare, mit welchen die Parteipresse den Fall bespricht, sind offenbar bestimmt, u»S vor sanguinischen Schlußfolgerungen zu bewahren. Man kann nicht eindringlich genug die innere Zusaminengehörigkeil der beiden Fractionen betonen und fordert höchstens den Sun'; Hohenwart'S. Wir nehmen indeß auch diese Gcwaltfordcrung nicht so tragisch. Im Grunde legen sich ja die in der Coalition marschirenden Freunde deS Prinzem'Liechtcnstein sehr wenig Zwang auf. Man darf nicht vergessen, daß trotz all der LoNalitätSversichcrumM Dipauli'S gerade auS der den Christlich-Socialen blutsvcrwindtcn Fraktion des Hohenwart-Clubö der Coalition die größten Schwierig keilen erwachsen. Sie sind nicht nur gar nicht bereit, ihre excessivcn Forderungen dem EoalitionSvertrage gemäß zurückzustcUeu, sie sind leider auch diejenige», welche, wie eS scheint, auf die wirlhschaft> lichen Maßnahmen der Regierung den größten Einfluß haben, und da diese Maßnahmen wenigstens in allen daS Gewerbe, den Handel oder dir Landwirthschaft betreffenden Fragen einfach den Stempel der „christlich-socialen Reform" vcrrathcn, ,so gibt eS Unnachsichtige, wrlchr-dieS für eineEoslitionSregirrung nicht vollkomintn entsprechend sinden. Aber auch mit Rücksicht auf -die täglichen Erfahrungen deS außerparlamentarischen LevcnS hätte cs der wiederholten Sympathieverficherungk» seitens der Clericalen den Antisemiten gegenüber nicht bedurft, um unS vor eitlen Selbsttäuschungen zu bewahren. Die beiden Colonnen marschiren eben nur getrennt — wir werden unS dieses Wort gut merken — im Moment deS Schlagens würde sich aber die Kluft zwischen ihnen blitzschnell schließen, und geschlossen werden sic beide vor rücken. Ist denn überhaupt die ganze Differenz mehr als ein bloßes parlamentarisches Manöver? Das eine ArmeecorpS glaubt eben auf der bequemen EoalitionSstraße rascher zum Ziele zu kommen, und eS scheint sich dabei thatsächlich nicht zu verrechnen Allerdings ist eS dann nothwendig, zeitweise die Liaison mit den tollen Radaubrüdern von Hernals und SechShaus verschämt zu leugne». Blamier' mich nicht, mein schöner .flink-. Und grüß' mich nicht nmer den r'inden, ' Wenn wir nachher zn Haute und, Wird sich.schon Atter finden. „ Zu Hause, in den Bersammlungrn und Bierkneipen ist in der Thal der Scharfsinnigste ben Unterschied zwischen Clericalen und Antisemiten nicht zu erkennen imstande^ Daran hat auch die Coalition nicht daS Geringste geändert, und eS wäre mehr alH naiv, zu glauben, daß die clericalen Parteigänger der Coalition an diesem BerhSItnissc.überhaupt etwas ändern wollten. Wie sich die Coalition selbst unter solchen Umständen befinden wird,'muß der Einsicht Tieferdlickendcr überlaffen bleiben. Miderwärtige Bettelei. In ihrer Pfingstnummer spricht die „Ostdeutsche Rundschau" i» einem Artikel über die Frage der Preßfreiheit den Juden als ~ einer niederen Racc daS Bcrständniß für den Begriff, der politischen Moral und die Fähigkeit, sie zu pflegen, rundweg ab. Ein deutscher Gelehrter Namen- Alexander v. Humboldt ist allerdings kein Anhänger des RacendünkelS und äußert in seinem „KoSmoS" die Meinung: „Tie I*