Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 107 (22.4.1894)
- Date
- 1894-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seite 11. Nr. 107. wegung, mit der wir-rS jetzt zu th»i> habe». Unverkennbar aiis d »i löbliche» Gegensätze zum moralischen Materialismus der Zeit heianSgewachse», machte sie unversehens ftrom mich gegen den p'.,ysikali'chc» Materialismus, setzte sich in Widerspruch mit allen äha'.sache» der Wissenschaft und ihrer Methode. So artete sie zn einem wahrhaften Hexensabbath allen und jeglichen Aberglaubens ans, der feit Jahrtausenden die Menschheit beherrschte, heute aber langst ans den Köpfen civilisirtcr Europäer verbannt zn s-i» schien. Der G-isler- und Gespensterglanbe ist eine der obersten Thaljache« der Thcosophie. d.r Spiritismus gewissermaßen die experimentelle Leite derselben. WaS nur die üppige Phantasie, der lalle Wahnwitz und tix furchtsame Geistlosigkeit jemals ansgeheckl haben (Fernsehen, Hellsehen, Traumjrh.n, Ahnungen, Wahrsagungen, Anzeichen, Karlenjchlägerei, Orakel, Ehiromantic, Physiognomik, Phrenologie, Graphologie, Telencrgie, Telepathie, Astrologie, SoiniiainbuliSmuS, . Magnetismus. Hnpnotisixins, Spiritismus, sympiihischc Euren, Homöopathie, Vegetarismus » s. w ), Alles findet in der tyeosophischen Gesellschaft die.liebevollste, gläubigste, ernsteste Aufnahme, vereint sich hier zu einem wahrhaft bedrohlichen Bollwerk deö Aberglaubens gegen die moderne Lernnnft. Auf den OccultismuS, auf die Magic läuft die ganze Gxschichle, der ganze EsoteriSmuS hinaus, »nd der unwillkürlich zum Spotte ansreizende Ernst, mit dem selbst Männer der wahren Wissenschaft gleich den obengenannten die „Thalsachen der vcenlte» Wissenschaft" am Ende des XIX'. Jahrhunderts behandeln, mag uns einen ,'vingerzeig gebe», welche Gefahr »ns droht, wenn dieser »nistische Zug »och mehr in die Massen dringt als ,es bisher geschehen. * Es wird aber auch Niemandem der verwandle Zug zwischen dieser Bewegung und dem AnlisemitiömnS entgehen. Ich will de» Umstand, daß sich sehr viele Personen zu beiden Richtungen bekennen, alS zufällig übergehe». Die Judcnfeindschaft ist ja daö Nebensächlichste bei der Antisemitcrei. Allein der Sumpfboden^ auf dem dieselbe so gut gedieh, daS war der »nistische Habitus der BolkSscele, der sich nicht nur in einer unbegreiflichen Zn gänglichkiil für daS Bernnnftwidrigstc, sondern auch in einer ebenso unfaßbaren Verhärtung gegenüber den plansibelsten Argu inenlen der Bernunfl knndzsibt. Beide Merkmale treten in dcr aniijemitischei! Bewegung scharf und widerlich hervor. Doch komme» . wir auf den Antisemitismus noch im Zusammenhänge zurück. IV. Neben.der Erbschaft Eckardt'ö, Tanler'S, Thomas' von Kempten, Böhmers, Swedenborg'ö muß unsere Zeit leider auch »och die Spener's. und Wcsley s tragen und ertragen. Wenn wir auch die Augen vor dem mystischen He'l'ensabbath, wie er in, der Thcosophie begangen wird, schließen wollte», so bliebe doch eine gleich mächtige piclistischeH Bewegung immer »och zurück, welche unsere BorauS i tznng eines durchaus religiös gestimmten MillieuS nur zu sehr bestätigt. Während u»S aber, die Mystik lin »I>- siüdc vorwiegend die der Wissenschaft, dem regelmäßigen Denke» und dem geistigen Fndi vidualismuS feindliche Slimmung der Zeit;um Ansdruck brachte, wird unser zeilgenössischkr PictiSmuS einen andere», gleich hervorstechenden Zug der öffentliche» Meinung illnstrire». Wer hat noch nichts von General Boolh — von der Salvation Army — der Heilsarmee oder Hallelnjah Armee gehört'? Wer »icht^viellcicht auch darüber gelächelt? Und doch ist gerade die Heilsarmee,*) wie keine zweile ver .lan; »ach der Analogie der Ernäbriing des Leibes mit stosflicher Lpeile dar - »d gesiel sich darin. ansznsühren, dasi da» Worl nach der Schrift Milch, "'rar. Honig sei, daß der Menich nach deinselben Verlangen habe» müsie, daß aber, wie der Leib von» Ain'chen und Beirachlen de» BroieS »och nicht sau werde, so auch die Seele sich nicht ans da» Betrachte» des Brotes beschränken dürfe, daß sie eS in sich aufnehnie», durch wiederholtes Erwäg,» kaiien, daß 1 es auch himinlerichliicken und oeldanen inüffe u. f. wr <Siehe Heppe Tr. H. i'teichichle des Pielisnins und der Mystik in der resormirlen Uirche. Leiden!^7!>, S. «0 f.) ’) Eine scharfe Grenzlinie zwischen MysticiSmuS und Pietismus in na lüilich incht leicht zu ziehen. Erfterer ist wehr lhcoretiicher Äatur, in>osern er >e Erkennlniß Gottes und den tlingang mit Gon ans innerer Erleuchning »nd Hnadeuwirtuug iin Gegeniatze zinn überliefeiten keroterischen) Glai.be,i einer. --N« und zur fpecutativer Pkr»>inslerte»»i»iß andcrerseil» annrebt. Ter Pie nsuniS dagegen betont mehr die praktische Seile der Religion, gegenüber dem Togma die Frömmigkeit (pietas), welche sie in der Kirche und durch dieselbe zn nveeten und z» fördern strebt, allerdings müssen wir tlinzuieve», nicht etwa im Sinne einer gelebten Moral, sondern in der Fori» abstoßender „Frömmelei". ") Vgl. Dr. I. Fehr: Tie Heilsarmee. Frankfurt a. Ai? und Luzern, wandte Eischeinnng, mit dein Ehaiaklcr der Zeit verwachsen und hat »och mehr als die Th osopbie den Heilsrüf tVnr <'ry) über - alle 'Well erschallen lassen, ihre Fahne am Stillen Oce>in wie an: Atlaiitie oder auf den Eilandskststen d'E Südiee anfgepflaiizi. Dabei find dic.Leh:»» des „Generals" noch iretl weniger originell als dir dcr Madame B.lävatsky. ^llcbrigcns ist bezcichn^ndcrwcis? auch hier die Lehre das Lrcnndäre, hinter den praktische» Er schcinttiigs- und Bethätigungssormen vollständig zurücklr»-lend. Wie die Theosophie unverkennbar a» Swedenborg anknüpfl, sö .di.' Hcilsarnuc an de» Melhodismus. William'Boolh. dir Begründer der Armee und heule noch ihr „General", fing als melhod-fl scher Pr>digcr an, und znnrr als Britglied der mehr deniokraiischen „Aencn Biclhodistisch,>r Per - einigung". Wege»'seiner zwar exeeulrijchen, aber unzweifeihafr , w-rküngsvollen Predigergabe wurde" er bald zum „Evangelisten" ernannt »nd übleals solcher das Bckchrungswerk besonders in den großen Handels- und Fnduslriecciitrcn Hark, Sheffield, Halirar, Birmingham u. s. w, wo wohl meistens Arbeiter feine Zuhörer waren. Alle diese Umstände wirkten nachhaltig auf die spätere oV staltnng dcr Heilsarmee. Entscheidend sür die LoStrenining dieser neuen Bildung vom alten Körper des Methodismus dürfic ein .. Aufenthalt Boolh's in London während des Fahres l^«ä!> geworden scai. Er wurde damals mit seiner Frau Katharina Bovth, die auch als „Predigcrin" an seiner Seite wirkte, aufgcsorderl, in Whitechapel, dem eigentlichen Prolelarierviertel Londons. „Er wcckungö-Gotlcsdicnste" zn Hallen Der Eindruck, den die Unmasse in Hunger, Elend-, und Laster verkommener Menschen auf ihn . machte, soll so mächtig gewesen sei», daß er den Beschluß faßte. ..fortan allein der Bekehrung derer sein Leben zu widmen, die ihn nicht einluden und eher geneigt wäre», setnc Armee znrückzuweisen". Er richtete in einer Straße Londons, welche mit dem Wiener Wurstelprater nicht geringe Aehnlichkcil hat eine Bude auf, vor welcher er stand und von Jesus predigte, jeden Borübcrgehendcn aufgriff, nach dem Zustand seiner unsterblichen Seele fragte und freundlich cinlud, „Herei,iznspazieren", um sich zu bekehren. Später wurde cnl e-i-ili-vaiit Tanzsaal, dann eine frühere Kneipe die Miisionöhalle, »nd als sich die Zahl der Neubekehrten stctö »»auf hötlich mehrte,rein geräumiges Theater; diese'Letzteren reerulirten sich vorwiegend aus. früheren Dieben. Gaunern, Säufern, ge fallcncn Mädchen, die nun ein ehrliches Leben führten und die Ausbreitung dcS Evangeliums selbst übernahmen. Seit 1??70 »ahm die „HallclujNh oder Heilsarmee" auch ErobcrungSzüge in die Provinz vor, machte dann Angriffe auf die Eolouicn, und bis heute, hat sie wohl in alten Wilttheilen siegreiche Schleichst» geschlagen und Millionen von „Gefangenen" gemacht; in Eanada, Ealifornic», den Bereinigten Staaten nnd^ Südamerika, Ostindien, Australien und aus dem Südseearchipelag, auf dem Eap der guten Hoffnung so gut wie auf St. Helena, in Palästina, Rußland, Ehina exislircn heute Eorps von Heilssvldatcn, und wenn sich auch an General BoothS Fahne» in Mittel- und -Westeuropa weniger Sieg knüpft, so sind doch ancb in Deutschland. Frankreich, Ftalien, Spanien und Schweden d'ie wunderlichen Atlfzüge dtr Armee mit ihrem ohrenbetäubenden Trommel- und Pfeifenlürm, mit d,n Hallclujah-Mädchen, mit den Uniformen und rothcn Fahnen u. s. »>. sehr wohl b.kannt und nicht ganz ohne Erfolg geblieben. '. Nach der Statistik der Heilsarin,e von wurde» 1,810.380 Bcrjanimlnngcn abgehalten, 2,717.^8«) -Hanfer besucht, 148.00:» Personen haben in Graßbritannien allei» das Heil au der Bnß bank gesucht, I2,7t0.0>>0 _ Wat i 'rv - wurden in Großbritannien allein verkauft, 3,<>40.0<K) Exemplare vom „'Kleinen Soldat", I-Jii'UJOU vom ,.X>> tlio woi'lil-, Ende 17 hatte die Armee I4U2 Osfieiere und 47*» Eörps mehr alS Ende 16^6. Im Haupt auarlier in London find I."i>7 7>0.t)00 Mark an^Schenkungen eingegangc». Die Armee verausgabte in diesem Jahre 6l5.24t) Mark für die Errichtung von Gebäude», deren sie 18Ö7 1510?gegen 1200 im Borjahrc) besaß. Nach einer Statistik 7ulS dein Fahre 1 fSös besaß die Heilsarmee im Ganzen 2378 Eorps in 31 verschiedenen Ländern der Welt Die eigenen Leute a,llein habe» i» diesem einzigen Fahre «IW.800 Mark mehr an freiwillige» Gaben Veigesleuerl als im vorhergegangcnen. Fn Großbritannien allein wurde der frfcherc Besitzstand an Liegenschaften, Gebäudes, u. s. w. um Werthe von 000.000 Mark vermehrt. AnS derlei Ziffern mag man sich ei» Bild von der materiellen Kraft dieser Bewegung machen. iFott-eiinng 'oigi - *) Fi, Teinschlaiiv ericheinl sogar ein osnciclles >7rgan Ser Arnicei Tcr „HeiiSrns". BeranNvorlichcr Redacienr und Verleger Fritz Schaai in -Slungart.