Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 102 (18.3.1894)
- Date
- 1894-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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I Nr^ 102. Freies Blatt. Seite 9. Ltrümpfc und wollene-Hemdcu. Aber auch die T iuqc waren da, je! den Vnrns des Gebens ansrnachen, wie Pfeifen, Meerschaum sehen und zn spreche», weil er so alt ist; sie glauben, daß er i» demselben! Maße weise sein nnd alle Lachen besser wissen müsse. Ter Großvaters welcher den Vaden leitet, ist fünsnndsicbzig, obwohl ihm's Niemand! anschen würde. Cr sagt, cs mache ihn ordcnilick, jung/ wen» er. feilten alten Pater ansehe, er fühle dann, das; er noch sünfnndzsvanzig Jahr^und mehr vor sich hat. Deuten Lie, fünfundzwanzig >lahre reger Dhätigkeit vielleicht." „Ist er auch Claras Urgroßvater?" „6a. Der Großvater ist nie glücklich gewesen; während Alles, waS Dnkel Angela berührt/ sich in Gold verwandelt. Hier halten Lie sich d'jcht zu mir, es ist immer ei» großes Gedränge da an Lonn tagen, aber es wird Ihnen Niemand weh ihn» " 6!» der Ltraßc, welche sie nun betraten, drängten sich Mensche» an Menschen, nicht um, wie stranziska sich anfangs einbildclc, dem ' schrecklich alte» Manne Ehren zu erweisen, sondern um einem Markte i anznwohncn 611 zahllosen Llande» und Bilden >var alles Crdeiilliche! zur Lchan ansgestellt: alle Arten, von Bekleidung, von Herrenröcken und ^Westen lagen auf den Lländen; lange Reiben von Beintlcidcrn luden: zur» Kauft ein. Auch straucnsachcn gabs da: stcöcke in alle» starbest und Llofsen, Hüte mit ungelienren federn und ohne stcdcrn, Bindhütc aller Art nnd Mode, Bänder von den verschiedensten starben: Lliefcsl nnd Lchnhe für Herren nnd Damen, Pantosiel» -Von grünem, blauem und gelbem Tuch, Knabcninützcn mit rollte» lind goldenen. Bcrzicirungc», grüne und blaue Mützen mit goldenen D.naste», Locken nnd welche! pfeifen - natürlich unechter Meer schäum mit unechten Bernstein, mnndstücken — Cigarrcnspitzcn aus denisclbc» Material: falscher Lchrnuck der rohesten nnd gewöhnlichsten Art, Armbänder, Halskette» nikechie Goldbjrochen init unechten Lteinen. steriler gab'S da Buden znrn Bcrkaufe!von Messern, (Zabeln und Werkzeugen aller An,' Bildern, meist jflittcvhaftev Tand, vorzüglich geeignet zrr rascherer ^erttörnng jedwedle» künstlerischen BerständnisseS, das etwa in de» Köpfen des Volkes einen schwache» Kamps ums Dasein führt. 6» andere» Boden lmtibcjt wieder Bücher, stcdcrn, Bleistifte und Papier zum Berkansc angeboteil. Auch alle Möbel in entsetzlichem Anstande bot man feil. Wackelige Ltühld, Tische, welche sich beim bloßen Ansehen schon nicht ansrecht er haltenlkonnten, wollene Betten zu schmutzigen Bündeln zilsammengeschnürt. In afidcrcn Buden lvurdcn Cßwaare» crcdcnzt: stische, ^uckcrwerl nnd Kuchesi. Bei einem Ltandc waren sogar Hunderte von Photographien zum Berkanfc ausgestellt. Die Buden surnde» in zwei, oft sogar in drei Reihen mit Geh' wegen! dazwischen, so daß ein mehrfacher Ltrom von .Käufern nnd Zuschcjnern beständig auf und abflnthcte. Die- Vüdcn, zn welche» viele der Lländc gehörten, waren ebenfalls osten, nnd in jedem derselben herrschte »innrere Geschäftigkeit. Die Gebwegc waren überfüllt von j Menschen, welche gekommen waren zu kaufen oder bloß, zn schauen, oder hlos; sich a» diesem Treiben, an diesem Viiniicn, an dieser Bist barkeih zu ergötzen. Die Bcrkäufer waren alle '— oder fast alte — Juden!. Dieser Markt wird allwöchentlich einmal Pas ganze Jahr hin durch!abgchalten. „Ein schöner Platz, nicht wahr?", sagte Vc'cll», welcher'der An blick nichts Vicucs mehr bot. „Cin schöner Play für eine junge Dame wie Zic, nicht wahr? stürchtc» Lic sich nicht, Niemand wird Ihnen weh thu». Aber achten Lic ans Ihre Läcke, Lie könnten in der Mcngs um Ihre Börse fommem Das ist aber auch das Lchliminstc, was Ihnen passirc» kann." stijanziska sah sich nin; an diesem Punkte staute sich die Menge, um bit Possen eines Ansrnsers anzuhören, der, auf der vorletzten Lprosje einer Knchcnlciter stehend, seine Waarc» ausstellie und deren Vorzüge i» einem nnuntcrbrochcncn, vollen und lräsligcn Wortschwalle prieS.! Db er nun einen Ucberrock anzog und sich darin hcrumdrehte, um dessen graziöse stallen zur Anschauung zn bringen, oder ob er ihn schlug zeige», nnd zerrte, nm die außerordentliche Ltärke des Materials zn ' der Mann hörte nicht einen 'Moment ans;» reden, er war wirklich cin Lchauspitlcr. Das Bolk unten stand mit aufiMtsgcwandtcn Köpfen da, mit breitem Grinsen im Gesichte und osfcncm Munde. „All dieser Nirm und all dies Getöse wegen ein paar Lchilliuge!" sagte Nclly. „Ich kenne die Vcnle, sic stehe» sich sehr schlecht. Und doch $ der Mann fröhlich. Gehen wir weiter." stranziska bemerkte, daß in einigen Buden Menschen mit armem, elendeiü AnSschen, mit käsiger Gesichlssaibc und ängstlichen Augen staube«, die inmitten dieses Babel ihre Waarcn still nnd bescheiden anbotcü. „Diese können noch nicht englisch reden," erklärte Nell». „Lic sind erst jüngst auS Rußland und Polen hergekoliiuien. Es ist schrecklich auch . für' die Anderen. Lichcrlich waren wir schon unser genug. Tauicnde-sind noch herüber gekommen, sie. Eriverbsverhältnisse unseres Bolkes ganz heruntcrzubriügcn. Unser Lchntzverein ist am Ende mit seinem Witze. Aber was wollten sie lhnn? Woliin fällten sic gehen? Die armen t^eschöpfe! Leben sie nicht jammervoll anS? Und sic.Find so arm — o, io arm nnd bilslos und so nabe dein Berbunger». stranziska, wen» Lie Ihre Börse bei sich haben, kanscn- Lic ttwaS — taufen Lie dieses Paar Pantoffeln." Lie ergriff ein Paar aus hellblauem Tuch „Lie werden dieselben nie tragen, aber was inachl's, schauen Lie das arme Weib an." Die Arme, blaß und mager, wandte ihre tninmervolleii Angen ans die Lprecherin, von deren Lprache i'ie' kein Won verstand. „Ist es ihre Lclnild, daß sie eine Jüdin ist? Was hat sie getban. daß. man sie aus ihrer Heimat verstieß, dieses arme Geschöpf? D! es wird den Russen noch heiinkommen. Der Herr wird sie treffen, nnd das bald 'Lie werden sehen, sie werde» sehen." Die ganze nnterdrückie Veidenichast ihres Llammes brach plötzlich ans Nellns flammenden Augen. Tann wendete sie sich wieder beruhigter zu stranziska: „Koiu-ineii. Lie, stranzisla, wollen Lic die Pankosfelii kaufen?" stranziska wählte zwei Paar nnd Aab Vcell» ihre 'Börse, däsuit - diese den Einlauf bewerkstellige. ' ., ^a," sagte Vccll.n mit cineni leisen Leuszer. „Nun können sie die Miethe für ihr Zimmer bezahle», nnd sie werden auch etwas essen. Lie essen nicht alle-Tage, höchsteils eine Brölkruue. "'laiibc» Lie die Arinnth ganz zu'kennen — ’ 3 ie V . Lie sprachen mit den Veuicn. Kennen Lie ihre Lprache? Ist es ekrnssiich?" „Nein, sie reden jüdisch. Mehr als die Hälfte der Menschen hier spricht jüdisch, das ist ein lüenusch von Hebräisch, Deutsch, Polnisch, oft anch.Vetliich. Diese keden ein hebräisch polnisches Jüdisch. Ich kann es cin wenig. . Man kann nicht -in die Middlcscr Ltrcct kommen, ohne etwas davon zn lernen. Lie wollen Wirtlichkeit sehen, stra'nziska, ,»»», lerne» Lie Jüdisch und reden- -Sie;, mit diesen Venten." stranziska ivandte sich n>u, nochmals das unglückliche Paar zu betrachten. Ein malles Vächeln nmspieltc die bleiche Wange des Mannes. Die streu, ordnete, wieder ihre armselige,Waarc »nd betrachtete dabei den Mann niil zärtlicher Besorgniß; ihre Angen ruhten lange ans ihn,:' ihre ganze. Haltung alhnieic-Hingebung siir ihren arme», darbenden Gefährte», stranziska vergaß, daß die strau nicht ein Wort Englisch verstand. . j.'Cl“ rief sie, „kamt auch Lic die Vicbe tröstcli?" „Lic verstch't's 'nicht,"- sagte Nell», nnd sprach etwas auf Jüdisch. Die strau ergriff die Hand ihres Mannes, lächelte nnd sagte ein paar Worte als Entgegnung. „Lie ist glücklich mit ihrem Mann," Übersetzte Nell». ,/Warum nicht? Mann und .strau sind für einander erfchaffeii." Lie sah auf stranziska und wunderte sich, denn dieser standen Thräiicn in den Angen. Worüber war da zu weinen? Cin darbendes Paar? Dann müßlen in dieser Unigebnng die Thränc» reichlich fließen Lie gingen an cinciii kleinen Vaden vorbei, wo, Ltraiißsedern, große, hcllfärbigc und kleine, zierliche stedcrn im steilster lagen. Der Vadcn uhu sehr klein, das stenstcr war altmodisch, mit winzigen Lcheibcn, der stnßbgdcn lag zwei ^tnsen unter dem Niveau der Ltraßc. Der Vaden war voll Mädchen, die alle zugleich redeten, so laut sie kouutcn, undein Weib hinter dem Vadcntischc sprach zu ihnen mit ihren äußersten Llimiumiltelu Außerhalb der Thür'stand der Besitzer — ein tleincr, dicker irnd wohlgenährter Mann, in gutes, seines Tuch gekleidet, mit ciuem. seidenen Hute. Er rauchte eine sehr lange Eigarrc und hatte mit Jedem, der in seinen Vaden ging oder ans diesem kam oder beim steilster hincinsah, ein Wort zn reden. „Ei," rief er mit einer reichen, vollen Linnmc und merklich jüdischem Accent,, „ist das nicht Reil»! Wie gehl's dir, Relli), meine Viebc? Du koniilkst. nicht oft her an ciuem Lonutagmorgcn. Wie gehl's deincin Bater, meine Viebc? Und was machen die Geschäfte? Kommen Lic herein, meine Viebc," redete er cin Mädchen au. welches Tlehcn blieb, „kommen Lfc herein, Hüte und Mützen, meine Vicbe, Hüte und Mütze» — reizend! Eine solche Pracht chabcn Lic noch nie gesehen! Kommen Lic Ijcreiu nnb sehen Lie, selbst." „Ich habe dciiMatcr schon lange nicht gesehen. Aber er ist immer abwesend zu dieser Jahreszeit. Wie geht cs dir, Vudwig?" „stührt dich heute dein Weg hier vorüber, Vielly?" Da benicr.ktc er ihre Genossin, und augenblicklich fesselte ihn ihr Hut. „Nein!" ries er, „was. für ein Hut! Was für cinHut'.-Lo was gibt'S nicht hier, Nell» — cö gibt nichts, was -deine strenndin auch nur. anschauen könnte, mit einem solchen Hute am Kopfe. Es,ist Trödclwaarc, Alles hier," flüsterte er, „Trödel im Berglcich mit einem solchen Hnte, zwar für unsere Vcntc ist cs gut genug Aber^—" Er blickte wieder ans stranziskaS Hnt, dessen Anblick ihn in dieser Ltraßc und zu dieser