Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 98 (18.2.1894)
- Date
- 1894-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10, Freier Vlatt. Nr. 98. „Dann, meine Liebe, würdest du deinen Mund halten über Jenes." .Wie soll ich' aber das, was ich für mich behalten muß, von Jenem unterscheiden, über welches ich sprechen darf?" - ..Meine Liebe, kennst du die Geschichte von dem Manne, welcher den Teufel sah'? .Wie wußtest du,' fragte ihn einer, ..daß es der Teufel war? Und er sagte: .Mein freund, wenn du den Teufel siehst, wirst du idnteU genug wissen, daß eS der Teufel ist.' So fajje auch ich, wenn du da etwas herausfindest, so wirst du schnell genug wiffen, daß du darüber nicht sprechen darfst." „vielleicht wäre eS bester, ich sagte dir gleich AlleS." „TaS ist daS Beste, was du thun kannst." „Tiefer Mr. Ellis zog mich au gleich von Anbeginn. Es schienen mir sein Gesicht und seine Stimme bekannt, und sein Benehmen war >o überaus gewinnend. Es ist nicht allein jenes vornehme, höfliche Benehmen, welches wir häufig bei unserem Volke finden, selbst unter den Aermsten: er hat daS Benehmen und die Haltung eines vornehmen Herrn. Er gehört den Vornehmen an — das kann man auf den ersten Blick sehen." „Weiter, Elara." Tas machte mich neugierig. So^sprach ich mehr mit^ihm, und and ihn intereffanter mit jedem Mal, daß ich ihn sprach. Er ist in Wistenschaft, Kunst, Literatur, H,Musik, überall zu Hause. Er spricht, ich weiß nicht, wie viele Sprachen, er ist überall umhergereist, er ist ein Ehcmiker, und — was das Wunderbarste von Allem ist — er idraucht kein Geld." „Braucht kein Geld Ei, meine Liebe, diese klugen Menschen haben alle irgendwo eine Schwäche. Braucht kein Geld? Glücklicherweise sind wir nicht alle kluge Menschen. Weiter, Elara. Mein Gott! Braucht kein Geld" „Heute Nachmittags erzählt 'er mir, warum er sein altes Leben aufgab und ein pilgernder Arbeiter wurde. Er sagte mir's ganz ohne Hehl. Er war erst an eine reiche Frau vermählt gewesen, und sie war eine widerspenstige Person, welche gegen die sogenannte Knechtschaft der Frauen predigte und ihrem Gemahl den Gehorsam verweigerte. So verließ er das Haus, welches wahrscheinlich ihr gehörte, und verließ . sic, um nie wiederzukehren. Er gab Alles auf — das große Ver mögen, die Stellung und Alles. Nun, sobald er mir das sagte, verstand ich Alles: die Aehnlichkeit, welche mich quälte, die Stimme, welche mir bekannt schien, die Augen, welche ich schon gesehen hatte. Vater, eS waren Franziskas Augen, ihre Stimme, ihr Gesicht, und Franziskas Miniaturbild zeigt sein Gesicht! So fuhr ich empor und iui: .Sie sind Emanuel Elveda!'" „Und cr gestand es zu, nicht wahr?" „Za, er sagte, daß da kein Verbergen nöihig sei, daß er nichts zu verdsiinlicheu habe. Er ist wegen irgend einer Angelegenheit hergekoinmen. Ist diese verrichtet, dann wird er wieder gehen. Nun, waS soll ich lhu», Vater? Soll ich es Franziska sagen?" ..'Noch nicht." „Was soll ich denn thun?" ..Vorderhand es Niemandem sagen. Geh' hin und sprich mit ihm, >o oft du willst, vielleicht hält ihn deine llnterhaltung etwas länger hier zurück —“ „Wenn ich wüßte, was deine Absicht ist, da ließe sich wohl Manches machen. Natürlich, wenn eS Geschäftssache ist —" ..Warum -solltest du nicht, Clara?" erwiderte der Vater. „Tu bi't keine Schwägerin. Ueberdies ist es nicht wahrscheinlich, daß sich die Dache, was stch auch ereignen mag, jemals so gestaltet, daß sie 'di »ns selbst gewinnbringend würde; der Mann ist Madame Elveda's Gaue. 'Natürlich ist die Geschichte von den spanischen Mauren Schwefel. Beide, ne und ihr Gatte, sind gleich uns spanische Juden, und was iusbuviidere Madame selbst betrifft, so will ich dir sagen, daß sie nicht uiebr und nicht weniger ist, als deine leibliche Cousine. Ja, du brauchst n:chl cnraunl dreinrufehen. Deine eigene Cousine. Sie war Jsabella Alt,:, Li^«i>n von Albu, dem Lieferanten, welcher im englischen und im •i.'tniimtlarfricge ein ungeheueres Vermögen gewann. Deine eigene Eouiine, Clara. Ich besuchte sie neulich und erinnerte sie an diese Tbanache. Franziska ist auch deine Cousine. Also gut, weiter. Das- Mädchen in die Erbin von wenigstens anderthalb Millionen; von audeithalb bis -,wei Millionen. Das ist ein hübsches, nettes, kleines Vermögen, nufci wahr? Die Zinsen betragen schon zu drei Percent füiisundvicrzigiausend Pfund pn> anno. Wenn ich es hätte, würde ich fünfzehn Perccnk darausschlagen, also zweimalhunderttausend jährlich. Mein Work. Elara! Affo zur -Lache, und die ist, daß wir, wenn möglich, dieses^ große Vermögen in der Familie zu erhalten trachten müiscii." „Wie könne» wir das?" „Nun weißt du. warum ich.wollte, daß du mit dem Mädchen freundlich sein sollst? 'Was hältst du, Clara, von einer Aussöhnung zwischen Mann und Weib?" „Vater, willst du versuchen, den' Gemahl zu bewegen und umzustimmen? Du wirst eher einen Felsen bewegen. Das sage ich dir. Er ist so unbeweglich wie das Gesetz selbst.V^lnd wenn du dir einbilden kannst, dass sie zu ihrem Manne zurücklrHrt^LaH^e, die eitel Stolz und Würde ist, in Demuth und Unterwürfig» zu ihm zurückkehrt — nun, ich kann es nicht." „Sehr gut. Ich habe dir gesagt, waS ich zu sagen hatte," sagte Claras Vater und erhob sich, „vielleicht findest du einen Weg. Denke . darüber nach, Clara." Ten nächsten Morgen nahm Elara beim/! Frühstück den Gegenstand wieder auf. „Ich habe die ganze Nacht Darüber nachgesonnen," sagte sie. „Nun?" „Tu willst irgendwie dieses große Vermögen in unserer Familie erhalten?" „So ist's." „Wenn Franziska einen Christen heiraten würde, so wäre eS für uns verloren?" „Sicherlich." „Also, sie hatte einen Antrag viele Anträge, jaber nur einen, von dem man sprechen kann — von einer sehr begehrenswerthen Person, von einem, der wahrscheinlich einmal ein Pair wird. Sie schlug ihrt aus, weil sie sich keinem Manne unterwerfen will. Aber sie liebt ihn doch. Ich weiß, daß sie ihn liebt. Sie sagt nicht viel, weil sie selbst mir nie so etwas eingcstehen würde. Sie denkt beständig an ihn/ und cs würde mich gar nicht wundern, wenn ich erführe, daß sie ihren Sinn geändert und seine Werbung angenommen habe. Doch bis jetzt hat sie ihn^abgewiesen.l? „Bis jetzt, gut." ,,Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, daß jedweder Versuch, den stolzen Willen Jsabcllas oder ihres Gatten .zu beugen, nutzlos wäre. Wenn es gewöhnliche Menschen wären, die bloß gestritten und einander geschmäht haben, märe es j anders. Aber sie sind es nicht, sie achten sich selbst zu sehr. Kann Madame Clveda — die Führerin der Frauen ‘— bekennen, daß ihre ganze Laufbahn auf einem unglücklichen Jrrthum basirte? Sie könnte cs nie — nie — nie." „Also, was würdest du thun? Tu sprichst, als ob du schon einen Plan hättest." i. „Wenn bei der Frau die Sache hoffnungslos ist, i so ist es noch schlimmer bei dem Gatten, welcher so zäh. au seiner Religion und seinem Gesetz hängt. Aber können wir nicht etwas Mit Franziska versuchen? Also höre, Vater. Emanuel Elveda weiß nicht, daß er eine Tochter hat, Franziska weiß nicht, daß ihr Vater noch lebt. Wenn ich die Beiden zusammenbringen könnte, ohne ihnen zu sagen, was wir wiffen? Franziska wird von Anfang an von dem Manne angezogen werden. O, ich bin dessen gewiß. Seine Augen, die auf einem ruh'n und in den geheimsten Winkel der Gedanken zu dnngen scheinen — sein Gesichst welches das Gesicht des Propheten EliajS sein könnte; seine Stimme — sein Benehmen — werden Franziska gefangen nehmen — sie wird ihn achten; sie kvird ihn bald verehren, sie wird vorbereitet werden, zu erfahren, daß er ihr Vater ist, und hat sie dies einmal erfahren, dann wird sic ihm in alle» Stücken gehorchen." „Nun, meine Liebe" — Mr. Angela war nicht hinreichend unterrichtet über das weibliche Gemüth, um eine solche Schlauheit zu verstchen — „ich hätte einfach das Mädchen in einem Wagen hingefahren und hätte ihr gesagt: ,Franziska, hier ist dein Vater.' Oder ich Hätte sic Beide zum Gabelfrühstück oder zum Diner gebeten — sagen wir in St. James in einem Privatzimmer, und einander vorgestellt bei einer Flasche Champagner. Ich hätte gesagt: .Emanuel, das ist Ihre einzige Tockiter. Geben Sie ihr einen Kuß.' Aber vielleicht hast du Recht." Clara lachte lustig. „Emanuel — und Franziska — in St. James —• bei einer Flasche Champagner! Cs ist zu köstlich, sich das auSzumalen. Nein, Vater, du kannst ein gewöhnliches, einfache? Mädchen gleich mir in ein Restaurant nehmen und mit Champagüer bewirthen. Ich liebe das. Aber Franziska und Emanuel! O!" Sie lachte wieder. „Nein, mein Plan ist besser." „Clara, mein Kind," sagte ihr Vater bewundernd, „ich bedauere nichts, was ich für deine Erziehung ausgegeben. Du hast nicht allein aus Büchern gelernt, du kennst die Welt, die Gesellschaft und die Menschen. Ich bekenne dir, meine Liebe, daß an meister Idee mit St. JameS und dem kleinen Lunch Alles gescheitert wärie. Geh' hin und führe daS Ding durch, wie du willst, mein Kind." V^onsrtziiug folgt.)