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Freies Blatt · 1894-02-11 · 97 (11.2.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
97 (11.2.1894)
Date
1894-02-11
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Freies 23 I a f 1. Nr. W. fite 11. können, aber Clara stellte sic in vollstem Ernste, denn die ruhige», sogar feierlichen Worte und daö Aussehen dcS ManncS machten auf sie eine» tiefen Eindruck. „Sic sind ein Weib — Weiber sind nicht beschaulicher Statur. Weisheit kounnt nicht über sic durch Betrachtung. Sic beobachten, sic »ehnicn auf, sie behalten cs." „Dann bin ich froh, ein Weib 511' sein. Aber sagen Sie mir mehr über sich selbst, Emanucl. Während Sic sprechen, habe ich immer das Gefühl, Sic schon einmal gesehen zn haben. Aber wo?" . „Vielleicht in Ihrer früheren Existenz. Unsere Seelen gehen aus dem Leben ins Leben zurück." „Aber Ihre Stimme, Ihr Gesicht — sagen Sie mir mehr über sich, wenn Sic wollen, heisst das. Won» nicht, so vergeben Sic der müssigeu Neugierde eines Mädchens. Warum leben Sic nicht mit Ihresgleichen? Weil Sic kein Arbeiter sind, was Sie immer vergeben wollen. Sie habe» einmal der Gesellschaft angchört. Gestern sprachen Sie von der. Kunst, und ich sah, daß Sic die Sprache der Kunst kennen, die Sprache der Malerateliers." „Als ich jung war kannte ich viele Künstler i» Paris »nd bc suchte ihre Ateliers, so lernte ich ihre Sprache. An dieser Zeit er griff ich die Schnitzwerkzengc und erlernte mein, gegenwärtiges Hand werk." „O! Sic habe» mit de» Künstlern in Paris gelebt?" „Sic fragen mich, mein Kind, als ob ich Ihnen etwas verheil» lichte.'Gut. Da ist nichts zu verheimlichen. Ich werde Ihnen Alles sagen, was Sie wünschen. Ja, ich wurde in Paris geboren. Wir waren spanische Adelige und, wie ich Ihnen sagte, insgeheim Inden. Als die Revolution kam und die fluchwürdige Inquisition verschwand, kehrten wir zu unserem Glauben zurück, »nd mein Großvater legte seine Titel ab. Wir verließen Spanien, mein Großvater wurde Arzt in Paris, ich studirtc und ging nach Deutschland, um unter Viebig zu arbeiten. In dieser Zeit dachte ich freudig, mein 'Julien, in einem Laboratorium zu verbringen, und kehrte nach Paris zurück." Er hielt inne. „Und' dann? ‘ „Ich heiratete." Er hielt wieder inuc. „Diese meine Heirat — eilte unglückliche Heirat — war der El rund, warum ich meinen Beruf aufgab und fortzog in die wilde Welt, wo ich seither geblieben bin. Ich liebe die Wildniß und die Menschen, welche darin leben, lieber ein Kleines werde ich dahin zurückkchrcn. Es ist ein ranheS Volk, aber doch wären Sie erstaunt zu finden, wie gering der Unterschied zwischen Ihnen und Ihrer Schwester auö dem schwarzen Zelte ist. Sie kennt nur ihr Zelt, die Wüste »nd die Sterne — und de» Willen ihres Mannes. Nehmen Sic ihr die Kinder und den Mann, und Sie stirbt vor Kummer gleich Ihnen. Geben Sic ihr 'Jiebe und Freundschaft, und sie ist glücklich — wie Sic." „Aber Sie verließen Ihr Weib nicht, Emanucl, 11111 Kgmmers zu sterben?" Die Tochter EvaS blieb beharrlich in ihrer Neugierde, weil noch ein Punkt aufzuklärcn war. „Nein. Sie trieb mich fort, weil sie das Leben unmöglich' machte. Tenn sie wurde zur Empörerin am Gesetze Gottes, welches das' Gesetz der Natur ist. Sic wollte befehlen, wo sic 511111 Gehorsam ge borcn war, und da sie nnbcugsam war, schieden wir mit beiderseitiger Einwilligung, ich verließ sie und ging von dannen." Clara starrte in sein Gesicht, schweigsam, wie Eine, die etwas Seltsames hört und cs bekannt findet und sinnt, wo sie cö zuletzt gehört. Dann sprang sie auf und klatschte in die Hände. ,.S!" rief sic, „jetzt weiß ich — 0, ich weiß jetzt — wer Sie sind! Ja, ja, jetzt begreife ich Alles. Ich sah ja die Achnlichkcit gleich zu Anfang und war so dumm, sic nicht zu sehen. Emanucl, 3ic sind kein Anderer als Emaiiuet Elvcda. Ja — nun verstehe ich Alles. Sie gingen, weil Ihr Weib nicht gehorchen wollte. Ihr 'Name ist Emanucl Elvcda und der Ihrer Frau war Isabclla. S! was werden sie sagen? Was werden sic sagen? Tenn sic glauben, daß Sic todt sind." „Gewiß, ich bin Emanucl Elvcda/ Warum nicht? Sic sprechen, als ob Sie das Weib kennten, das meine Frau mar?" „Ja — ich kenne sic. Haben Sic nicht gehört, was sic gcthqn hat? Wie sie ganz offen und fortgesetzt und öffentlich gegen die Unterwerfung der Frauen sich auflchnt?" „Ich weiß nichts von ihr. Ich bin todt für sic.. Sie ist todt für Mich. Wir fragen nicht, was die Tobten thun. Sprechen Sie mir nicht von ihr." „Wie Sie wollen — ja — aber — wie Sie wollen." Sie wunderte sich, warum er nicht um feine Tochter fragte. War auch Franziska für ihn todt? „Warum?" fragte sic, „nannten SK sich ElliS, warum nicht gleich Elvcda?" „ Ich weiß c» nicht. Ihr Pater vcrmnihetc, daß 1.0 passender fei Es lag mir nichts daran." Nun wußte aber die Tochter des Mr. Adalbert Angclo-, daßihr Pater ein llnger, ein weitschender Mann war, welcher nie ohne einen bestimmte» Beweggrund handelte. Bon Natur aus und in Folge ihrcS Charakters, war sic pflichtgetreu; sie wollte nicht wissentlich in die Pläne ihres Paterseingreifen, ohne dazu anfgefordcrt zu sein Sic gedachte dcS Interesses, das er-am Hallshalte der Elvcd'aS. ge nominell. Dieses Interesse schloß ans diesem oder jenem Grunde den abgängigen (Gemahl in sich-An. Sic hielt cs daher für besser, vorderhand nicht zuviel zn fragen oder etwas zu sagen. „Es ist wunderbar," sagte sic, „zn denken, daß Sie all jdaS ans geben tonntcn, daS große Bermögen, hie Stellung, die Beziehungen, die Herrschaft über Alles, und ganz bföit wcgzugdhc», mit leeren Tasche», Alles für ritte Grille, für nichts ans der Welt, 'als für eine'Geiste und -eine Laune! Nein! in einem Monat hätten Sie nichts mehr von der Gleichheit gehört, und dann — wärealles ganz anders gckommcu. Wissen Sic, wie reich Ihre Frau ist?" „Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich kein Geld brauche?" „Gibt es," fragte Clara, „noch einen Menschem auf der ganzen Welt —, lebend oder todt — welcher Millionen aufgcbci^ würde — Alles für die Einbildung und die Grille einer Frau, die nichts verlangte, als ein bischen Willfährigkeit? Emanucl, für einen weisen Mann sind Sic ein Thor gewesen. Sie hätten ihr eben geben solle», was sie wollte •— den Schein der tdlcichheit. Dann hätten Sic nichts mehr davon gehört. Wenn sic Sic liebte, hätte sie gehorcht Die Liebe hätte sic zur llnterwerfung geführt. Sie hätten sic lächelnd an einem seidenen Zügel geführt." „So denken Sic. Aber dann wissen Sic weder, wie sic war, noch wie ich bin." „'Nun, aber wenn Sie Ihre Frau verließen, warum verließen Sic auch Ihre Arbeit? Warum sortgche»? Unter allen Umständen hätten Sic dieselbe ja fortsctzciri können wie vor der Bcrhciratung." „Ich konnte nicht bleiben in der Nähe meiner Frau. Kind!" — seine Stimme veränderte sich, er sprach mit Leidenschaft —_;,iucr sind Sic, daß Sic alle diese Dinge verstehen sollen? Was können Sic wissen? Gut, wenn ich im Umkreis von hundert Meilen von ihr. ent fernt gewesen wäre —- wenn ich an einem Srte geblieben wäre, wo man von ihr sprach — Taue hätten mich zurück zu ihr geschleppt und gezogen. Tag und 'Nacht - ihre Summe 'lief mich. Tag und Nacht — in Träumen sah ich sie. Tag und 'Nacht — 'Jiebe rief mich, drängte mich, beschwor-mich. Tag und 'N'acht — zu der Frau zurück znkehrcn, welche ich liebte - was sollten Sie von 'Jiebe wissen? D, die Stärke — die. Mackst — oft fühle ich sie noch. Wie sollten Sie diese Bcrsuchung begreifen? Wie kann,ein Mädchen, das noch nie ge liebt wurde, ihre Anziehungskraft crtennc»?" „Also gut — ich nehme an, ich kann cs nicht veislehcn aber dann hätten Sic der Stimme Gehör schenken sollen. WK> war da Ihre Weisheit? " -> . Emannel neigte ernsthaft den .'topf. „Ihnen scheint es Thorheit, aber für mich Mars keine Tlwrheir. Ich lebe dem i'Kse.oe gemäß — in große» und. kleinen Dingen. Für micki ist's lein tltincs Ding, daß mein Weib cntschlosicn war, das Gesetz zn brechen — däö Gesetz der Natur und das Gesetz des lebendigen Gottes." „Sie iichmcn Alles so gar ernst. Sic könnten ebensogut ein Rabbiner sei», als Chemiker und Holzschnitzer." Emanucl war in der That sehr ernst „Die Natur ist hart, wie die Physiker sagen. Daö Gesetz des Herrn,- sagen wir, darf nicht gebrochen werden. DaS realste Duig in der Welt ist daS Band der Ehe, denn cs bedeutet die Vaterschaft der Kinder, nird die Zukunst der Menschheit. Besser gleich scheiden, als dem Gesetze zuwider, lebe» Besser kinderlos sein, als Kinder anfziehen, welche sehen,, wie das Gesetz täglich mit Füßen getreten wird. Sollte ich der widerspenstigen Frau nachgcbcn? 'Nein. Sollte ich ihre Widcrspenstigteit Einbildung, Grille oder 'Jannc nennen?'Nein. Aber ich konnte ihrer Thorheit das Feld ränmcn und so ein Ende machen." -■ „Würden Sie zu ihr zurückkchrcn, wenn —" „Ich werde nie zu ihr zurückkchrcn, sic muß unierwürsig zn mir kommen. Genug von meinem Weibe! Gedenken Sie, Kind, des Platzes, der der Frau gebührt. Es ist feine Herabsetzung, de» Platz cinzu nchuicn, der einem vorbcstimmt ist. Dem Weibe gebührt AlleS daS, ivaS wir nach ihrem Namen nennen — weiblich. Laßt sic verwalten, vcr thcilcn, belohnen, ehren -und crmuthigcn, während der Mann arbeitet und in ihren Schoß Alles schüttet, was er macht, schafft und zciligi. Genug." Er setzte sich, beugte wieder den Kopf über die Arbcii, nahm daö Schnitzmesser zur Hand und schwieg. .,.,>orisc,«»a toi.».', /

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