Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 94 (21.1.1894)
- Date
- 1894-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Freies l a t t. Seite l l. Nr. 04. . „ES ist ein weiter Weg von hier, aber du kannst die Bahn benützen. Hier ist meine Adresse." Er schrieb sie auf ein Stück Papier. „Ich wohne'in dem Hause eines gcmisien Bcrnard, welchem ich durch Einen aus unserem Bolke empfohlen wurde. Ich denke, er lebt von Rennwetten. Seine Tochter scheint ein achtbares Mädchen zu sein. Sie unterrichtet in Mmsik, insbesondere glaube ich, ein Instrument, das Banjo heißt. Denn'man ins Grübeln kömmt, hört man dcsic» Geklimper gar nicht." „Soll ich morgen kommen?" „Rein, Harold; auch übermorgen nicht. Ich habe dir noch Anderes zu sagen. Laß mich noch Nachdenken. Es hat ja keine Eile, und nun, da du das Packet in deiner Lcrwahrung hast, kann ich rasten und denken, Ich will dir schreiben oder dich aussuchcn." „Aber cS muß bald sei», Emanncl. Tu hast eine Entdeckung ge , macht, welche die Zukunft der Welt verändern soll, welche du selbst wunderbar nennst, und du läßt die Welt warten?" „Allezu seiner Zeit, mein Freund. Erinnere dick/ nur, daß ich geradewegs von Rußland .komme mit diesem Gchcimniß im Herze». Ich muß ein wenig ausruhcn und Nachdenken. Ich habe auch »och Anderes zu sage». Laß mich ansruhcn und Nachdenken." „Tu sollst cS Ihn», so lange dir's beliebt, Emanncl. Tn s-llst mir's sagen, wann dir's beliebt und wie dir's beliebt, ich will nicht ungeduldig sein. Tu bist der Herr deines Geheimnisses." „Ich habe — ich weiß nicht warum —- gewisse Leute riethcn mir'S — einen englischen Rainen angenommen — Biele auS unscrcin Bolke thun cS für ihre Zwecke. Ich bi» "nun für einige Zeit 'ein ElliS." / „Emanncl ElliS, gut. Für mich bist du der bloße Emanncl." „Ich will sein, waS dir beliebt, wenn du mich nur nicht vergißt Ich war neugierig, ob du dich meiner noch erinnern wirst oder nicht. Bier Jahre ist für eine» jungen Mann eine lange Zeit zum Bergcsien. Aber du hast deinen Freundvon ehedem nicht vcrgcsicn. TaS ist sehr schön." Seine Augen fiele» auf die Photographie, die ans dem Tische stand. Er stutzte, besah sie wieder n»d trgrisf sic endlich niit-Hast. Tan» stellte er sic stcufzend wieder hin. „Ah!" rief er, „ich dachte, mich an das . Gesicht z» erinnern. Es sieht einem Weibe ähnlich, daS ich vor zwanzig Jahre» kannte. Aber 'sie muß nun schon all sein. TicscS Mädchen sicht ihr etwas ähnlich. Sonderbar! Tcinc Freundin ist eine Jüdin." „Rein, sie ist eine Maurin — cijie spanische Maurin." „Es gibt keine spanischen Mauren. Es gibt Spanier von man ^rischer Abkunft, aber diese habe» sich seither lange gemischt und in der großen Bevölkerung verloren. Tiefes Mädchen gehört den spanischen Juden an, wie ich." Er nahm die Photographie abermals zur Hand. „Sonderbar! Es ist sicherlich in ihrem Gesichte die Achnlichkcit, welche ich mir cinbildctc. Rnn habe ich sie verloren, nun kommt sic wieder. Wie kann ein Bild seinen Ausdruck verändern. Rein, cs ist ein Streich, den mir meinc Phantasie spielt. Run, mein Freund" — er stellte die Photographie wieder hin — „cs ist das Gesicht einer spanischen Jüdin. Es gibt viele Frauen in Spanien, die ihr gleichen." „Rein, Emqnucl. Es gibt keine auf der ganzen Welt, die ihr ähnlich wäre." „Jst's so, incin Freund? Ist'S so? Tann," sagte er feierlich, „möge dir der Himmel deines Herzens Wunsch gewähren, daß du nie dcsien müde werdest, dich nie wundern mögest, warum dn cs gewünscht, nie wünschen mögest, daß cS anders werde!" XI. „Mr. Shdnch Bcrnard — Mr. Adalbert Angela.." Madame Elvcda »ahm die Karten von der Präscntirplattc, las sic lgut und blickke fragend aus. „Wer sind dies/Herren?" „Sie wünschen, Madame zu sehen." „Was ist ihre Beschäftigung? WaS wünschen sie? Sind sic Gcntlcmcn?" „Sic sind wenigstens so gekleidet, Madame," erwiderte vorsichtig der Bediente. „Sie möchten, sagen sie, Madame, in einer'Sache von großer Wichtigkeit sprechen." Madame Elvcda zögerte einen Augenblick. „Rnn," sagte sie dann, „führe sic herein." Sie saß allein in ihrem Zimmer; cs war vier Uhr Rachmittags. Als ihre beiden Besucher cintratcn, erblaßte sic ein wenig, denn diese gehörten jenem Bolke an, welches sic verleugnet hatte, und jener 'Religion, welche sic vor zwanzig Jahren abgeschworcn hatte. -Sic erhob sich. „Sie wünschen mich zu sprechen, meine Herren?" '„Wenn's beliebt, meine'Gnädige," antwortete Angelo mit einer Berneigung. „Wollen Sic gütigst allsoglcich mit der Angelegenheit beginne», welche Sic hiehcr geführt hat? Sollte cs eine längere Zeit in Au spruch nehmen, so wäre cS gut, wenn Siehier Platz nähmen." Angela und Bcrnard, der die. Dame scharf ins Luge faßte, nahmen Stühle und setzten sich »eben einander an de» Tisch. Madame Elvcda las ihre Karte» wieder und erhob ihr Pinccncz. In der Art und Weise, wie sic dies that, war deutlich der Borwurs zu lese» : „Was wollt Ihr Zndringlingc?" Sic ließ sich nachlässignieder, ergriff ein Papicrmcstcr und trommelte damit auf dem Tisches „Rnn, bitte, meinc Herren-; Sie'vcrtrcten irgend eine Sache. Sic i wollen eine Subscription?" j „Rein," sagte der Bookmaker knr^, „wir brauchen keine Sub seription, wir vertreten nichts dergleichen." I „Richl im Geringsten," fügte sanft der Kaufmann hinzu. „Wir! laufen nicht mit Subskriptionen herum. Wir halten -die Gesetze für ausreichend, welche das Land für die Unterstützung der Unglücklichen besitzt. So lange daS Gesetz uns gestattet unsere» Handel zu treiben, sind wir zufrieden." „Rtin, meine Herren, zur Sache. Ich vcrmnthc, daß Ihre Zeit kostbaz ist." , ' „Ich will Sic in die Angelegenheit cinwcihs»," fuhr der Geschäfts-, man» fort, „indem ich uns Beide vorstellc — meinen Bruder und mich. Mein Raine ist Adalbert Angelo. Meine Privatwohnung ist in dieser Straße, wenige Häuser von dein Ihrigen entfernt, Madame Elvcda. Sic werden aiso zunächst bcmcrtcn, daß ich ein vermögender' Mann bin." „Er ist ein vermögender Mann," wiederholte der Andere wie ein. Echo. '.. „Ich habe ein kleines Geschäft in der Mortimcr Street, von welchem Sic wohl schon gehört/ haben: Bilder — ich sehe, Sic haben deren auch" er sah sich im., ganzen Zimmer um, „und ein wenig I,rii--n-l>rne-. Tiefe Base zwischen den Fenstern sieht sehr schön aus. Bei mir gibt'S immer Bildet, nnd l>ne-;Vbr;i<- und kostbare Sachen zu sehen. Alle Sammler kenne» mich." „Sic kennen ihn Alle gut," wiederholte sein Bruder. „Ungleich bin ich auch bei anderen kleinen Sachen bcthciligt." „Kleine Sachen,tönte daS Echo. „Er unterstützt ei» Theater, leitet eine finanzielle Zeitung und nimmt thcil an einer Sportzeitung; kleine Sachen nennt er das." „Mein Bruder hier," fuhr der Kaufmann fort, „ist in gcwisicn Kreisen ein sehr wohl bekannter Man» Bicllcicht sind Sic am Turf! nicht zu Hanse? Mein Binder ist ein Bookmaker. Er ist hochgeachtet als ein"Mann von Wort und ei» ivohlhabcndcr Manu —" „Ausgenommen —" unterbra'ch ihn sei» Bruder. „Ausgenommen, natürlich, bei fortgesetztem llnglück. Es gibt in jeder Lebenslage Wechielfälle, iuie_»uiii' sagt, ein Auf und Rieder. Ich selbst könnte vy» Bcrlastcn sprechen, ivclche Sie erschrecken würden — Lroß genug, »m das Haar eines Jeden ergrauen zn machen. Aber . mein Bruder führt nnter dem Rainen Sydney Bcrnard —. oder Syd, wie ihn feine Freunde vertraulich nennen — große Transaktionen, »lit enormem Rifieo durch " „Enorm!" wiederholte der Sportsman». „Aber diese Wagnisse zerfressen daS Geschäft. Es geht mir übrigens ganz gut, nicht so gut! wie incincin Bruder, aber leidlich." j Madame Elvcda nahm diese Milthcilüngcn mit der größten-Kälte!.ans und sah den beiden Männern gerade ins Gesicht, nm sic bester | zn scheu und nm noch mehr ihr lühlcS Erstaunen zn zeigen, »ahm sic ] wieder das Augenglas. „Ich verstehe ganz und gar nicht, warum mir diese interessanten Facta mikgcthcilk werden." - „Sic werden cS bald cinschcn," sagte Mr. Bcrnard. „Entschuldige, , lieber Bruder," fiel der Andere sanft 'ein, „wir werden cS Madame Elvcda sogleich erklären. Tcukc, daß wir für sic : Fremde und Eindringlinge find. (Geduld! Meine Gnädige, wir haben j Sic von diesen Einzelheircii. unterrichtet, damit Sic nur ja nicht 1 glauben, wir seien gckominen, um etwas von Ihnen zu borgen.oder Sie .nm etwas zu bitten. Wir habe» keine Absichten auf Ihr Bcr ■ mögen, glaube» Sic mir. -Run alfo, wir treiben unsere (Geschäfte j unter angenommenen Rainen. In der Haudclswclt bin ich der Adalbert Angelo; unter uns bin. ich aber der Salomon Albu." Madame ' Elvcda'S Gesicht erglühte. „S-alomon Albu. Mein Brüher, der vor! der Welt Shdnch Beniard ist, heißt unter seinen Freunde» Isaal! Albn, und so — Madame — sind wir Ihre Bclterii."! ' „ ,! ..zoriscymig fol.». Briefkasten. 3. R., Schottenbasici. Gedichte für'»»-; leider nicht vcnvendbar. F. L, Trohobycz. Anonyme Zuschriften waiider» in de» Papicrkorb.