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Freies Blatt · 1894-01-07 · 92 (7.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
92 (7.1.1894)
Date
1894-01-07
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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5«tt« 2. Freie» Statt. Nr. 92. s Thatsache, daß es damals noch einen Judenzoll gab. ES erscheint ihnen offenbar auch als ganz unerheblich, daß die liberale Geckverbepolitik unter Kaiser Ferdinand und weiterhin stetig Fortschritte machte, so daß die im Jahre 1859 erlassene Gewerbeordnung im Wesentlichen eigentlich nur mehr eine gesetzliche Bestätigung der thatsächlichen Verhältnisse war. Alles dies steht eben mit den antisemitischen Gefühlen der „Retter" nicht im erwünschten Einklänge. Mil ausgezeichneter Berechnung oder — wenn wir ihre geistigen Fähigkeiten niedriger taxiren wollen — instinctiv bemühen 'sie sich, ihrem Publicum die Kenntniß des natürlichen DerdeprocesseS vorziienihalten. Nirgends das Bestreben, den jeweiligen GesellschaftSjustand ans dem vorhergehenden zu erklären und hiedurch den Geist der Bersöhnung zu pflege»! Uebcrall unsinnige, haltlose Anklagen, die von dem objcctiven Richter als Ver'.ellmduiigcii erkannt werden! Und so ist cs. ihnen denn auch gelungen — von Umständen unterstützt, die in diesen Blättern schon früher erörtert wurden — die Kleingewerbetreibenden von der einzig richtigen Refornnhätigkeit abzulenkc» und auch auf diesem Gebiete eine Periode des Rückschrittes herbei- -zuführen. Aber eben dieselbe Weltanschauung, die von den Finsterlingeir so gehaßt und verfolgt wird, gibt uns die tröstende Gewißheit, daß die Zeiten der Reactio» immer wieder von dem besseren Geiste überwältigt werde». Sie sind, nach Humboldt's schöner Ausdrucköweise, nur Einbiegungen der große» Eurvc des Fortschrittes, und nur denjenigen kann cs betrübe», gerade während einer solchen Einbiegung zu leben, der noch nicht gelernt hat, „im Ganzen zu resigniren". Robert Drill. Der gordische Anoten. Original-Mittheilunz des «Freien Blattes".! g. ©arid)au, Ende Tecember I8!'3. Ein Schauspiel in fünf Acten, das den Titel «Der gordische Knoten" führt und aus der Feder eines Juristen stmnnit, der sich hinter dem Pseudonym „Labor" verbirgt, behandelt auch die „Inden frage" und verdient insofern vom Standpunkte der Bestrebungen, deren Förderung das „Freie Blatt" gewidmet 'ift, eine Würdigung an dieser Stelle. Wir haben es da mit drei Bärern und ihren Töchtern, ferner einem gräflichen Schuldenniacher und einem scnti mental angelegten Advocatcn zu thun. Einer älteren Frau begegnet man im Schauspiel nicht. Biellcicht ist der Berfaffcr ein passionirtcr Jäger und hat als folchcr das bekannte Borurkhcil gegen alte Weiber, welches er auch auf das dramatische Gebiet übertrügt. Eine glückliche Gestaltung nimmt indösscn das Schauspiel nicht an. Ein wackerer Edelmann kommt mit seiner Tochter vom Lande nach Warschau. ^Gleich nach seiner Ankunft wird er von eineui ehemaligen Gutsnachbar und derzeitigen Agenten ganz regelrecht betrogen, um einem gräflichen Spieler Geldmittel zu verschaffen. Dieser Agent sucht in seinem eigenen Jntcresie auch eine reiche Frau für den herab gekommenen Magnatcnsprößling. und lenkt dessen Aufmerksamkeit auf die Tochter eines jüdischen Banquiers: der Graf hat aber hinter dem Rücken des Vaters ein Verhäliniß mit einer Tochter des Agenten, daS bereits sehr weit gediehen ist. Das Banquicrsfräulcrn wirft sein Äuge auf einen jüdischen Advocaten, der jedoch die Tochter des braven EdclmanncS liebt, sic mit Zusliminniig ihres BatcrS heiraten will und daher den Entschluß faßt, sich taufen zu tasten. All diese Zustände bilden den gordischen Knoten, und um ihn durchzuhaucn nimmt der Verfasser zu einer Lhrfeige Zuflucht. Bei einem Ballscstc im Hause des Banquiers kommt cs nach einer erregten Scene zwischen der Tochter des Agenten, die..Mutterfreuden ent gcgensteht. und dem gräflichen Bewerber um die Mitgift der Banquiers rochier auch zu einem Auftritt zwischen dem Grafeistund^dem Advoeaicn, der tuiällig Zeuge jener Scene gewesen ist. Ter Ad»ocat ist rede gewandter ale der Gral, dieser aber, schlagfertiger, und sein Gegner wird von ihm geotz>.steigt. Der thätlich Mißhandelte verlangt ritterliche Genugkhuüng, diese wird dem Juden verweigert; „einen Juden schlägt man., doch man schlägt sich nicht mit ihm" — sagt der Freier um die Hand der jüdischen Banauierstochter. Der brave Edelmann springt für den Auserkorene» seiner Tochter, mit besten Vater, einem wackeren Arzte, er schon innig befreundet war. ein,und fordert den Grafen, der ihn dann verwundet. Die Tochter des Agenten pflegt den im Zweikampfe verletzten alten Herrn, wie sie überhaupt durch Werke der 'Nächstenliebe und Selbstaufopferung ihre „Sünden abbüßcn" will; die Tochter des braven Edistmanncs trägt stch mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen, den» dcr^ Advocat nimmt sich das Malheur, nicht zum Duell zugclas'.n worden zu sein, so sehr zu Herzen, daß er sich nicht für würdig erachtet, ein Edelfräulein heimzuführcn, und feierlich gelobt, fortan für seine Stanmicsgcnofscn unermüdlich zu wirken. Graf und BanquierSfrqulein empfehlen sich als Verlobte, und der hochgeborene Bräutigam kündigt eine Hochzeitsreise nach Monaco an. Tie Vorzüge und Gebrechen des Schauspiels vom dramatischen Standpunkte näher zu erörtern, ist hier nicht unsere Aufgabe. Wir begnügen uns damit, zu erwähnen, daß die dramatische Arb.eit reich an humorvollen, dem Leben sorgfältig abgelauschtcn Stellen ist, wiedcrj holen aber nochmals die Ansicht, daß das Ganze, gelinde gesagt, auf l cincm Mißgriff beruht. Ein jüdischer dldvocat, der dem Duell eine | solche Bedeutung beilegen würde, daß er, weil ihn ein aristokratischer l Lump nicht für satiSfactionSfähig hält, auf sein LcbenSglück verzichten, > ein ihm bis zur Selbstverleugnung treu ergebenes Mädchen opfern j würde; ein jüdischer Advocat, der da sagt: „Wenn ich mich nicht ’ einmal ducUircn kan», will ich ein Jude bleiben und nur für Inden! wirken" — flößt uns nicht Sympathien ein, die hauptsächlich ihm; der Verfasser zuwcndcn. möchte. Auch führt dieser Advocat häusig eine; Sprache, die geradezu widcrsipnig ist; ein eifriger Jude, der sich selbst j rühmt, pflegt nicht zu sagen, er hätte stets int Geiste christlicher Liebe! gehandelt. Weit bester zeichnete der Verfasser die Gestalt des jüdischen ] Banquiers: auS Gewohnheit und abergläubischer Furcht will dieser selbst! nicht aus dem Judenthume austrctcn, aber er liebt die Juden nicht > und wünscht, seine Kinder, über deren Seelenheil er sich kein graues; Haar wachsen läßt, möchten in christliche Familien hincinhciratcn. Tie j nach cincm sclbstcrlebten Roman lechzende Bauqnicrstochtcr ist eine Figur nach bekanittcr Schablone; ungleich origineller erscheint ein sportlustiger Bruder derselben, der zwar kein activcr Thcilnchmer an der dramatischen Handlung, aber ein scharfsinniger Zuschauer ist, welcher auch die Bemerkung macht, daß die Vcrmögensgemcinschaft in Folge einer Eheschließung aus einem Antisemiten einen Philosemitcn machen kann. Lebenswahre Typen sind mehrere Gäste im Bauquicrshause, welche, von Judenhaß erfüllt, dasselbe nur besuchen, um ein Eadcau oder ein ausgiebiges Darlehen l-erqusznschlagcu. Aucrkcnuung verdient cs, daß „I-abor" cs verschmäht hat, der polnischen Schriflstellertradition zu folgen und durch 2Krballhornnng der Sprache, welche den Juden in de» Mund gelegt ivird, einen Effect zu erzielen. Um so lebhafter ist, unser Bedauern, daß er, nachdem er ein etwas zweifelhaftes Ideal von cincm jüdischen Advocatcn ausgestellt hat, zur Lösung des „gordischen KnotcnS" kein bestcrcs Mittel gewußt hat als eine — Realinjurie. (Friede auf Erden.) Ein katholischer Priester und Freund unseres Blattes schreibt u»S: Anläßlich des We'ihnachlSfestes sind die leitende» Artikel der meisten Zeitungen auf das Thema der himmlischen Botschaft gestimmt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!" So auch heuer! Man knüpfte bei dieser Gelcg.mheit wohl auch hie und da an die Worte des Ministerprogrammeö an, wo von den friedestörcnden Elemente» die Rede war. Und merkwürdig, wie sich die Antisemiten seinerzeit durch jene Worte des Fürsten Windischgrätz sofort getroffen fühlte», so fühlen sie sich auch durch die öftere Wiederholung und Erinnerung der himmlischen Botschaft unangenehm, ungemüthlich berührt, noch ehe man sie als die Störefriede bezeichnet hat. Um doch auch etwas zu antworten, schrieb ciu Wiener Antisemitenblatt bei diesem Anlasse, cs sei ein jüdischer Mißbrauch der Bibel, wenn mau gegen sie, die frommen Antisemiten, die Botschaft der Engel ausspiele! Diese verheißen zwar den Menschen auf Erden den Frieden, aber nur jenen, „die eines guten Willens sind", die. anderen (natürlich waren damit die Juden gemeint) zu bekämpfen, könne nur Ehristeutugeud sei». Ich muß gestehen, daß mich diese spitzfindige Parade umsomehr verblüffte, als sie sowohl der deutschen. als der lateinischen katholischen Uebersetzung der Bibel entsprach (vt pax ,-homiuibus, qui bonae voluntatis mint). Sollten die Engel des Hiinmcls wirklich eine solche Einschränkung in ihre Verheißung gefegt haben? Ich beschloß, den griechischen Urtext nachzusehen und fand die betreffende Stelle hier (Luc. Il, 14) in folgender Fassung: v-;« kv l>-<7> -/.a; izi *1 =■/ aviKojrv.; »Oov/.ia. Hier ist also der Wunsch nicht wie in der Vulgata zwei-, sondern dreitheilig und entbietet: Gott in der Höhe Ruhm, der Erde den Frieden und den Menschen gesunden Sinn. Dementsprechend hat Luther die Stelle zutreffender überseht: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". In dieser dem Original streng gerechten Fassung ist von einer Verclausulirung der Friedensbotschaft keine Spur mehr zu erblicken, dagegen wird den Menschen hier etwas empfohlen, was bei Antisemiten selten zu finden ist — gutes Herz und gesunder Sinn. Ist. G. R—z.

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