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Freies Blatt · 1894-01-07 · 92 (7.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
92 (7.1.1894)
Date
1894-01-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I t. (Jd.'K'lO Abonnemrntspreis. 5$ür Qesterr«ich-Unftarn: (Baniiätirig mit Poftrnlendung.fl. ü.SO. Haldjälirig fl. 1.23. Bierleijährig . . fl. —.75.' k^Ur daS-gesalnmte A»«Iand; GantjLhrig. . / ..fl r>—. Haldjühiflg.fl. 1.50. Einzelne Nummern fl kr. Unlranfirle Briese werden nicht angenommen. :31 Erscheint an jedem Sonntage. (Di'£cm zur Abwehr des Antisemitismus. Nummer 92. Wien, 7. Jänner 1894. Redactiou und Administration: I. Seilerftätte 10.^ Inserate werden mit 10 fr. für die viermal gespaltene lllondareillezetle berechnet. Kleiner >nzeiger da« iport » fr. Auinadme von Inserate» in unserer Administration sowie im flnnoncendurean M. Dufe«, I. Wollzejle ». III. Jahrgang. Zufall oder Nothwendiakeit? CS dürfte noch geraume Zeit vergehen, bis die Perle der neueren Errungenschaften, die moderne Weltanschauung, zum Ge, meingute der weitesten Kreise wird — jene Wellanschauung, welche alle Erscheinungen als nothwendige Bestandtheile eines natürlichen EntwicklungSpro.cesses betrachtet und den Begriff deS Zufalls aus dem Gedankenkreise des Menschen verbannt. Man muß zwar zugeben, daß es auch dann nicht Jedermanns Sache sein wird, stets ruhig Blut und klaren Blick zu bewahren. Allein °daxüber kann man nicht im Zweifel sein, daß die socialen Gegensätze viel von ' ihrer Schroffheit verlieren werden, wenn man allgemein erkennen wird, daß Alles so kommen mußte, wie eö kam, und keine W>llkürlichkeiten dabei im Spiele sind. Es ist auch durchaus kein „Zufall", sondern vollkommen in der Natur der Sache begründet, daß eine gewisse Sorte von Berufspolitikern dieser Weltanschauung' feindlich gegenübersteht. Es liegt ja doch im Interesse mancher „BolkSmänner", eine Beruhigung der Gemülher nicht auskvmmcn zu lasten und Alles zu vetampjen, was dtr. letzteren förderlich sein könnte. Und da sie sehr gut wissen, daß der Mensch nichts so bitter cmpsindet alS einen willkürlichen Eingriff in seine thatsächlichen oder vermeintlichen Rechte, werden sie auch nicht müde, dasjenige als ein nichtswürdiges Machwerk einiger weniger Personen hinzustkllen, waS doch nur •— natürliche Entwicklung ist. Ein deutlicher Beleg hiefür ist die Art und Weise, wie die Entstehung der Gewerbefreiheit dem Bolke von den Matadoren der politischen Schwemme begreiflich gemacht wird. Auch für diese besteht zwar die Ehrenpflicht, ihren Mitbürgern die Wahrheit zu bieten, ebenso wie für ihre besseren Collegen. Dies hinderte sie aber nicht, ungezähltemale mehr oder weniger deutlich die Behauptung aufzustellen. daß böse Feind.e des Handwerkes (natürlich Juden) die Gewerbcfreiheit gewissermaßen auS den Wolken herabgeholt und dem österreichischen Gewerbestande aufgenöthigt haben, welch letzterer bis dahin unter dem beseligenden Einflüsse der Zunftverfassung fröhlich dahinlebte und seither — trotz der im Jahre 1883 wieder eingeführten Beschränkungen — seinem Untergänge entgegengehe. Diese Sache hat sich denn doch etwas anders zugetragen, und die Kleingewerbetreibenden würden sich heute eines günstigeren Zustandes erfreuen, wenn sie sich bessere Einsicht erworben hätten, alS diejenige, welche ihnen von eigennützigen Personen vermittelt wurde. Die Gewerbeordnung vom Jahre 1859 war eben lediglich da« Product einer Reihe von Vorgängen, die im innigsten Zusammenhänge stehen und leicht aus einander erklärt werden können. Wir begreifen allerdings, daß e« den modernen Zünftlern nicht erwünscht sein kann, auf diese längstvergangenen Ereignisse zuLückzugreifen. Sie müßten dann wohl auch erwähnen — sofern sie ausnahmsweise der Wahrheit die Ehre geben wollten — daß Carl VI., der zum erstenmale mächtig in daS Zunftwesen ein-, griff, hiezu ausschließlich durch den Umstand veranlaßt wurde, daß schon unter seinen Vorgängern das Handwerk gerade durch .. das Zunftwesen in einen Zustand gänzlicher Versumpfung gerathen war, so daß ein Schriftsteller jener Zeit die Klage erheben konnte, daß „alle Kunstfertigkeit in den Profeffionen bereits zu . einer wunderbaren Mär und eitlem Kinderwahne geworden ist". ES wäre vielleicht auch mißlich, zu erwähnen, daß die liberale > Gewerbepolitik Earls VI. von seiner Tochter Maria Theresia und Josef II. ln steigendem Maße fortgeübt wurde. Obzwar Letzterer bei unseren Rückschrittlern in keineswegs günstigem Andenken steht, werden doch auch diese nicht leugnen können, daß die Maßregeln Josefs II. nicht auS Abneigung gegen das Handwerk, sondern auS seiner Ueberzeugung entsprangen, daß der" erfrischende Hauch einer freieren Concurrenz dem Gewerbe vonnöthen sei. Besonders unbequem dürfte aber den Rettrrn des kleinen ManneS die hochbedeutsame Thalsache sein, daß unsere vormärzlichen Bureaukrate», die doch im Großen und Ganzen fortschrittliche Bestrebungen keineswegs begünstigten, vielmehr zur politischen und geistigen Knechtung de« Volkes bereitwillig die Händ boten, von' der Nolhwxndigkeit der wirthschaftlichen Freiheit derart durch- 'drungen waren, daß sie unter Kaiser Franz mehr als drei Jahr- _ zehnte hindurch einen beinahe ununterbrochenen geistigen Kampf zu Gunsten derselben führten. Diese Erscheinung verdient eine nähere Beleuchtung. Es kann nicht geleugnet werden, daß die Lage deS Kleingewerbes unter Franz I. — zu.n nicht geringen Thcilc in Folge der UebersüUung des HandweiktS — eine ungünstige war, und" es ist selbstverständlich,, daß die damaligen Behöiden darüber orienlirt waren. Wen» dieselben trotzdem den stürmischen Bitten der Zünfte um Beichränkung der Befugnisse energisch opponirten, so kann dicS nur dadurch erklärt werden, daß sich die Rathgeber deS Kaisers von höheren Gesichtspunkten leiten ließen als bie _ Zunftgenossen, die begreiflicherweise nur auf die Linderung der augenblicklichen Nolh bedacht waren. Schon, damals konnte ein klarer Kopf erkennen, daß es der Staatsgewalt immer schwerer und schließlich ganz unmöglich werden müsse, die tausendfachen, - stetig sich mehrenden Verzweigungen der modernen Producsion in ein festgefügtes System ebenso zahlreicher Regeln zu preffen, wenn nicht die ganze gewerbliche Thätigkeit in den todtähnlichen Schlaf zurückversinken sollte, aus welchem sie von Earl VI. geweckt worden war. Die Staalsiälhe zweifelten dcun auch keinen Augenblick daran, daß ein Zustand mehr oder weniger unbedingter Gewerbefreihcit früher oder später bei allen Eulturnationen eintreten müsse, und hielten eS für unzweckmäßig, diesem Entwicklung«- ' proccsse, der in Oesterreich vor einem Jahrhundert eingeleitet * worden war, durch neuerliche Beschränkungen Hindernisse entgegenzustitlen. Tie Härten, die dabei zu Tage traten, waren eben unvermeidlich. Der Uebergang zur wirthschaftlichen Freiheit'kann nicht vor sich gehen, ohne >daß zahlreiche Existenzen in Frage gestellt werden; der Passendste verharrt in seinem Erwerbszwcige, der Untüchtige muß eine andere Beschäftigung ergreifen. Gewiß ist es die Pflicht der Gesellschaft, die Roth zu lindern. DieS darf aber nicht in der Weise erfolgen, daß man auf Jedermanns Bitte ein richtiges Princip über Bord wirft, sondern dadurch, daß dem Leidenden über den Augenblick hinweggeholfcn und die Mittel und Wege gezeigt werden, durch welche er die Möglichkeit gewinnt, sich in den neuen Verhältnissen zurechtzufindeisi Daß die hochconservaliven Räthe des Kaisers Franz über alle diese Dinge die freisinnigsten Ansichten bekundeten,' kann man auS den meisterhaften Staatöschriften entnehmen, die aus jener Zeit erhalten und zugänglich sind. Aber davon wissen unsere „Volksmänncr" dem kleinen Manne nichts zu erzählen, obzwar sie gerade diese Zeit j mit inniger Liebe bedenken — in Anbetracht der erhebenden 1

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