Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 91 (31.12.1893)
- Date
- 1893-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Äcdactio»: I. Leilerstätte 10. Adonnementspreis: §-cknzjädrig mit Postrusendung.fl. 2.L< Halbjährig fl. l.L». vierteljährig ... fl. —.Nl Einzelne Nummern -1 kr. Unirankirle Briefe werden nichZ angenommen Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage.?ltimiiii|'tratioii: I. 3ciltrftnttc 10. ^nseräte werden mir m kr. für die viermal gespaltene Nonpareille;eile'berechnet, kleiner?ln» jeiger da- Dort 2 kr. Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenbureau M. TukeS. I. WoÄzeUe 8. Nummer 91. Wien, 31. December 1893. II. Jahrgang. Der Antisemitismus, im Icrhre 1(893. Das Jahr 1893 geht zu Ende, ohne daß die Scetenpest des Antisemitismus erloschen wäre. Der Eonfessions- und Racenhaß in moderner Gestalt fand im ablaufenden Jahre bei den Slaven Oesterreichs rege Unterstützuirg. Zahlreiche Borgänge in Böhmen und Mähren sowie der Kalholikentag in Krakau beweisest, daß Tschechen und Polen die ihnen von deutscheii Pionniere» vorgezeichneten Wege auch i» diesem Falle einschlugc». Auf dem Gebiete der St. WenzelSkrone gab eö in vielen, zumeist von der „historischen Nation" bewohnten Ortschaften Ausschreitungen gegen Jude», wobei häufig, so in Kolin und Hollcschau, das tendenziös colportirte Blutmärche» wieder eine Rolle spielte, allerdings nicht begleitet von jenem großen Erfolge, auf welchen die Beranstalter der neuen Auflage dieses Märchens gerechnet haben mochten. I» der alten Königsstadt an der Weichsel wurden die in Berlin ersonnene», in Wien volkSlhümlich gemachten Boycottiruiigs-Formeln inS Polnische übertragen und ein wirlhsche.,.'- her Krenzzng gegen die Juden gepredigt. Heftig 'grassirte der Antisemitismus in seinem eigentlichen Heiinntlande Preußen sowie in den übrigen Thcilen Deutschlands. Die sogenannte» Conservatiben, die schon früher entschiedene Widersacher der Rechtsgleichheit waren, aber noch nicht alle Scham abstreifc» wollten und daher den Antisemitismus mit dem Fcigenblatte cultivirten, glaubten nun letzteres wegschleudern zu müsse», um Llimmenfängcrei betreibe» zu könne» und ihren politischen Besitzstand gegen Unfälle zu versichern. Das Fallrnlassen aller Rücksicht auf Sitte und Anstand verhinderte indessen nicht die Forlent Wicklung des antisemitischen Gedankens in einer de» conservativen Freu»den" desselben sehr unwillkommenen Richtung. Der Neid und die Begehrlichkeit durchbrachen die confessionellen Schranke», und die Kampfparole, welche ursprünglich nur Juden bedrohte, lautet bereits: „Gegen Juden und Junker!" Die Ehrabschneider, deren Gewerbe die Verunglimpfung von Juden war, vergreifen sich jetzt auch an. der Ehre der höchsten Würdenträger dcS Staates, dessen Ruf im In- und Auslande sie gefährden. Die terroristischen und anarchischen Momente im AutisemiliSmus kommen immer mehr zur Geltung, sund die verderbliche» Wirkungen desselben beginnen sognr seine hochgestellten Förderer im Königreiche Sachse» zu spüren! Der alte Judenhaß, neu belebt durch die Schlagworte der Antisenntenschulen Berlins und Leipzigs, trieb auch in Rußland und Rumänien sein Unwesen. Im Ezarenreiche dauert die schmachvolle Berfolgung von Juden wegen ihres Glaubens mit geringe» Unterbrechungen fort, und es ist für die jüdische» Opfer wahrlich kein Txost, daß sie an deutschen Protestanten und polnischen Katholiken b'iS zu einem gewissen Grade Leidensgefährten finden. Ebenso werden die Juden in Rumänien, das sich über die ihin durch den Berliner Eongreß auferlegte Verpflichtring,,alle Staatsangehörigen gleichmäßig zu behandeln, dreist hinwrgsctzt, nach wie vor beeinträchtigt und gequält. Man erklärt sie für Fremdlinge, um ihnen alle Rechte vorenthalten zu können, und zieht sie dessenungeachtet zur wevklhätigen Theilnahme an den Lasten heran, welche der rumänische Bürger zu trage» hat. Der Jude in Rumänien muß gleich anderen Bewohnern die Bluistener entrichten, aber seinen Kindern sind die öffentlichen Lehranstalten verschlossen oder nur in sehr beschränktem Maße zugänglich. Derselbe rumänische Staat, der dem Juden zürnst: „Thn' als Rumäne deine Schuldigkeit!" höhnt ihn unmittelbar darauf: „Fremdling, dir steht nicht daS Recht zu, nulcheS Einheimische genießen!" - Bon der Seuche dcS Antisemitismus verschont bliebe» Ungarn, Italien, England, überhaupt die Länder, in denen Freiheit und Humanität herrschen. Auch in Frankreich, wo. die antisemitische Jnternntionale für ihre Zwecke mit Hochdruck arbeitete, und die Panama-Scandale durch die in Deutschland mit Erfolg geübten Agitationskünste zu „jüdischen Verbrechen" stempeln ivollte, verinochlcn eS die Judcnh'tzcr zu keinem ickiinenswerlhen Erfolge zu bringen; der Nachkomme eines würltembergischen SchächurS, welcher an der Seme die antisemitischen Lehren verbreitet, war nicht imstande, i» Frankreich auch nur für ein solches Lchächtverbvt Stimmung zli mache», wie cs — strenggläubigen Inden, zni» Acrgerniß — Sachsen und die Schwei; cingeführt haben und nationale Stadlvästr von Graz zur Eindämmung des Einflusses fremder Sitten und Bräuche gerneeinführen möchte».Die neue Welt ist ebenfalls kein günstiger Boden für den Antisemitismus. In den Bereinigten Staate» von Nordamerika konnleil^-enropäische Unternchnier, welche der antisemitischen Hetze Eingang zu verschaffen beflissen waren, mit diesem Importartikel kein Geschäft machen, obwohl seiner Einführung keine McKinley Bill Schiviericskeiten cntgcgengcstkllt hatte. Bevor wir diese kurze Rückschau schließen, wollen wir nur noch einzelner Borfälle gedenke», welche sicherlich Anzeichen, wenn schon/" nicht einer Gesundung, so doch einer Besserung der Zustände in Oesterreich sind. Bei einer Landlagswahl in Koriieuburg sowie bei einer ReichörathSwahl in Troppau gelang es forlschriltssreundlichen Männer», Wahlbezirke wicdcrzugewinne», die sie an Antisemiten verloren hatten. Sang- und klanglos verlief ein < Sinke der aiuisemilischcn Geineinderälhe in Wie»; die Anführermußten unter der Pression Jener, welche sich sonst anführen lassen, die Arbeit im Ralhhause wieder aiffnehmen Diese Auflehnung der niitisemilischen Wählerschiftgegen eine Demonstration, deren Zweck die DiScrcdilirring der Eoinmunalverwaltuirg war, ist »amentlich deshalb erfreulich, weil sie zeigt, daß jene gewissenlosen De« magogen, welche davor nicht zurückschrecken, Losungen wie „Köpfen oder Hängen!" und „Schußgcld!" auozugeben, nicht unter alle» llmständen ansdie Gefügigkeit der Menge zählen dürfen. Für er» besonders günstiges Anzeichen erachten wir die Genugthuung, die