Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 83 (5.11.1893)
- Date
- 1893-11-05
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 83. Freies B l a 11. Seite II. Josel v. Witzcnha»sen ini» ivricht in seiner Ucbcrtragung so i wesentlich von Wirnt v. Gravenbcrg ab, daß inan wohl annrhiiien | muß, er sei einer anderen Borlagc gefolgt, vielleicht einer fraiizö- > fischen, wie er denn selber sagt, er habe ans einer fremden Lprachc I übersetzt. Manche Aendernng mag sich wohl ans seiner Religion erklären; so mußten die zahlreiche» Bekehrungen von Heiden znm Ehristenthnin, ohne die eö in keinem ritterlichen Epos des Mittel alters einmal abgeht, 'nolhwcndig wegblcibcn; man darf auch an Joscl's Religion denke», wen» er die Abenteuer so unblutig ab laufen läßt, wie nur möglich, und wenn er im Gegensätze zu Wirnt den Fischer verrucht, sein Weib barmherzig sein läßt. Größere Ab Weichlingen aber folgern gewiß aus der Bcrschiedcnhcit der Borlagen; Manches mag aus Unkenntnis; ritterlicher Branche nnd Litten begriffen werden. Der Titel seines Werkes in: Ei» schon Maaße Bon .stinig Artus Hof Wie er sich in seinem Xinigreich bat ihn» filljmi lind wo« er bat gehabt vor Ai'aiiieren. Und von dein berimtc» Ritter WidnwiN dem streitbare» Heit Ctar schön in Reim gestellt. Wenn ihr ivert drin testen Wert sich euer Her; erfreuen. Er erinnert in der Einleitung daran, daß unter seinen Glanbcnsgenosscn »och damals die sprichwörtliche Redensart: „Es geht hinnen zu, als wen» es Kinig Artus Hof war", im Lchwangc war, und gibt den Zweck seiner Arbeit folgendermaßen an: „Ihr niöcht es le»>en oder singen wie ihr ivöllt, t ES kost euch als ein b»eld. Doch itat es a» sich die Tugend, Dasi die zarte Engend All;eit gern lustig iS , Und was sie so singenlich let>e», grdencken sie gewiß. Und behalten es eine lange .geil in acht, Trum Hab' ich cs also gemacht. Denn es ist gar schön und Züchtig, Man kan» auch draus lerne» richtig Reden und sprechen in allen Zeiten, Bei Herr» »nd Fiirsie» und Edelleme»." Rebcn drin einen Zweck also, nebe» der Untrrhattnng, drin AnfroUrn eines bunten nnd reichbewegten Gebens, das damals allerdings schon lange abgestorben und verdorrt war, dein die teilte anS der Gasse, auch als es noch schön und üppig blühte, nur von ferne als scheue und gemiedene Zuschauer folgen gedurft, steht der unmittelbar praktische Rntze»: man soll höfisch, soll die Umgangs sprache der Gebildete» und der Bornehnicn daraus rede» lernen. ES steht allerdings zu bezweifeln, ob diejenigen ihr Ziel erreichen, die Josel» in dieser Absicht stndirtc». Es widerfahre» ihm Dinge von einer nnwiderstehlichcit Komik, inanchinal hat er eine eorreele mittelhochdentschc Wendung in sein Buch hinübergenonimcn: aber neben der höfischen Phrase: „Für des Königs Ehre will ich ftcvluy, oder genesen!" steht der Rachsatz: „WaS macht ihr für ein so groß Wese»'?" und man muß lächeln. CIjhc in der Umgangssprache an ArtuS' Hof sonderlich befahren zil sein, muß man doch nicht glanbcn, daß Frau Ginevra, daß „die Königin trat zum -König und sprach: Mein Herz, kommt mit mir i» Euer Gemach". Eine Anrede aber, wie: „Ihr königliche Madame" hat dcinjcnigen, der sich damit prodncirtc, sicherlich nicht viel Gnade erworben. Er macht aus der schönen Varie, deren Rainen ihm nicht betäunt sein konnte, gelassen die ihm ohne allen Zweifel vertrautere schöne Vorl. Wendungen unterlaufen ihm, die noch heute üblich sind. Freilich nicht in guter Gesellschaft, so : „da erniant er sich nnd sprach: Lchöner Mcnsch ich mein Tag »it sach"; die ncntralc Form somit, die noch heule wegwerfend gebraucht wird. Uebermäßige Farbe in der Cchildcrung ist sein Fall nicht. Er hat ein Fest zu beschreiben, etwas somit, worin 'sich die höfische Epik nicht leicht nicht genug thnn konnte. Mur; und klar sagt er: Bon Pancken, Lchalineyen, Pfeifen nnd Trom nieten, Zincken und Posaunen nnd den sonst Raritäten. Er miß. versteht die mittelalterliche Wendung „blind an Freuden" nnd macht daraus: blind i» allen meinen Freuden. Er hat aber auch derb Volts lhiiinliche Wendlingen: sie reiten ihm: in die Lchlecht und in die Krumm: sein Wieduwilt ergrimmt und, denkt, sich: Wart Tu, ich will Dir eS anderst kochen. Die Jungfrau Rereja drückt ihre Miß achtnng Wieduwitt'S lakonisch genug ans: „Lo schickt ihr mir nach ein Kint, das da ist mit sechendigcn Augen blint". Die Helden „koiniiien zu reiten". „Alles Reden hilft nil um ein Haar." Die Fabel, die im. Original bunt genug, ist Joscln noch zu wenig verwickelt. Bor Allein aber kömmt noch mehr von Liebe darin vor als bei Wirnt; die Jungfrau, der er den Lchönheitspreis wieder erstritten, bestürint Wieduwilt mit ihrer Steigung, die aber natürlich unerwidert bleibt; der Graf, den er ans-den Banen des Drachen gerettet, wird znm -Könige und zum Baker einer unendlich schönen' Tochter gemacht, die sich von dem mlbengfainen' Helden gleichfalls verschmäht ficht. Unschwer läßt sich's deuten, wie mächlig so bunte Geschehnisse in Menschen nachwirttcn, deren' Veden grau im Alltag und in der Roth des Erwerbes verlief. Ta war ein Vcbcn, wie sic's nie geträumt, also auch nicht gewünscht: unglaubhaft genug und dem Bolle, das so am Worte hängt, schon durch den Umstand verbürgt nnd bestätigt genug, daß inan's drucke» durfte, daß der Ramc des Königs Artus darin genannt ward, dessen Hof Haltung ihnen selbst in einer sprichwörtliche» Rcdcnsarl als Inbegriff aller.Pracht im Dhrc klang. Was fort ft noch bearbeitet ward, das ist.reine Unterhallnngslectiire. Bor Allem sind da die sogcnännten „Maasc Bücher" zu nenne»: Lammlnngen von Lchwänkc», von legenden, wie sie sich mit der Zeit selbst in einer so streng niouolhcistischcn Rctigio» ge . bildet, wie das Jndcnthuin ist, von Anekdoten, die gerne in eine positiv lehrhafte Lpitze zugeschliffcn werden. Unendlich reich daran war die Dppcnhcimer'sche Bibliothek,1 mit deren Inhalt nns M. Ltcinschncidcr bekannt gemacht. Daneben finden stnmcr wieder Entlehnungen ans dem reicheren Horte der deutschen Vitcratnr statt. Die Lage von Baarlam nnd Josaphat, vom indischen Königssvhnc, den ein sroniincr Einsiedler vom Götzendienst znm Ehristenthum bekehrt, ist allerdings uralt und orientalisch; sie mag in der Fassung,. in der sie unter dxin Titel: ,.I!«‘„ Im Melali weliu X:»>rlPrinz nnd Entsagender» vorticgt, unmittelbar aus dem indische»'Roman, der an eine Episode aus dem Vebcil des Erlösers Bnddlstt anknüvfl, geflossen sein. Einige Ltosfe, die sie sonst behandeln, mögen hier wahllos verzeichnet werden. Rational sind: Die Lage von der Judith, von der Lnsanna, von dem Ehosid i Frommen) mit seinem Lohn, der just nicht sroinin werden will, weil er gesehen hat, daß die Rauf . teilte einander trotz aller Berbotc betrugen. Bon Labbatai Zcbi, in dem eine ansehnliche Partei unter ddn Juden den Erlöser sehen gewollt, wird erzählt: von kabbalistischen Wnndcrlhülcrn wird Unglaubhaftes berichtet und. begierig verschlungen. Zahlreiche ethische Lchriftcn werden verfaßt; Reiscbcschreibtinge» nehmen breiten Raum'" ein, so die des W.eltsahrcrs Abraham von Tndcka-. eine Frau Bella erzählt , vonder ersten Rieder lassniig der Inden in Prag. Fast säinuttlichc deutsche» Bolksbncher werden übertragen: die sieben weisen Meister: „Wie Bonliones > Poneianus > ,der Kaiser sei» Loh» die Vorleins i Dioeletianns < die neben weisen Meinster.- befehlt die sieben freien .Knnsie zu lernen und wie.dieselben haben noch durch Untreue feiner Liiefinnlter sieben moll znm «Balgen geführt, aber allwcg durch die Beispiele, der sieben Meinsler vom Tod errett, ein gewaltiger Kaiser in-Rom worden, gelnsiig und kurtzweilig wider der Weiber Untreue zu lesen" finden gut. Geleit an Till Enlcnspicgcl, am Kaiser Deravianus, den sieben Lchwaben, de» Lchildbürgern: und Fortunat mit feinem Deckel und feinem Hiitlein hat die Jugend des Ghetto nicht minder ergötzt als die deutsche» Knaben, Ritter Haiimon fainmt seiner Magdalena findet sich ein: die Viige» und Lchwänke des Finkenrilters werden nach gebildet. Faust und Ahasvov fehlen: Faust 'recht eigentlich vcr ' wunderlicher Weise. Ahasver ans erklärlichen Grunde» Uebrigcns' mag »ich eine nationale Fori» der Faust Vegezide gebildet haben. Roch ist ja kanin die rein stoffliche Änfzeichnung der jnden deutschen Vileralur begonnen, geschweige denn, daß sie selbst schon durchforscht worden wäre. Man hört viel von Dämonen: das ist eine Börstellnng, die früh ins Jndenthiim gedrungen, von Wnnderthülcrn wie Labatai Zcbi, an dessen messianifchc Leiidung Biele glaubten. Ltoffkreise und Ideen sind in Wesenltichcm in der dculschen Viteratur nnd der jüdisch deutschen gleich. , Briefkasten. . W. V., Wien, VII. ,,‘A*atct C.nargel", „Ser G'icherle", „Ser E'leichte", die .. „Xahleubergerdörsel Tini":e , welche iiiSgesaiunn^u drcinnkachl.vg Fahre» schwcrd» ' XerkerS veruriheilt wurden, bildeien eine ganz „indeureine" VKiellschasi. Db der Eine oder der Andere dein Ausschuß eines Aiui>cn>ikeuvcrei»es angchörle, ist uns nicht bekaniil. Jostia den Josts. Der bcrnliinle Philosoph B. Earneri 'ia'gl ist seinem Werke: „Sittlichkeit und Darwinismus", Teile 3l>di: „Ration bedeniet ein Bell oder Völker, welche als ein einiger nnd freier Tlaai zur Tclhsistaiidigteil gelangt sind. DaS Banner der »ordamerikauischeu Uniön ist'das Banner eincr Raiion im vollste» Liimc. Ebenso sind die Briten nnd Tchweizcr eine Ranon.... Dcsterrcich' gewahrt daS seltsame Tchanipiel einer Ration, die cS ist, ohne dessen sich hcwußt zu sein." Vielleicht rinden Tic hierin («enäge. Warum Tie übrigens nicht Äosinopolil sein „köniicn", begrüiiden Tie nicht. Rach WaraSdiu. Wir eoustatire» über Ihren Wunsch, daß ..versaui" erst ans oder vornan)-» nicht wälichcr, sondern iüdslavischer Provenienz ist und . soviel wie „Äislpilz" bodeulel.