Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 81 (22.10.1893)
- Date
- 1893-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt «b-llnemrat-prei-: Organ zur Abwehr des Antisemitismus. S>injj»hrimit Postzuseudu»! . . fl. ».SO. Haldi-Hri, ft. I.S5. «iert«ljSI,rig ft. —.65 «inidnc Hummern 4 ft. ElschklNt all jkdtM Sl»llltage. Nummer81. -'Wien, 22. Oktober 1893. II. Aahrgang. Redaktion und Admiuistratiou: Vien I. Keikerstätte 10. Tie heutige Nummer enthält den Schluß des Werkes: Die Men unb bei* Aiitiskinitisiinir, Israel unter den ^Hattonen von anatote Leroy Aeaukieu r>e»nr srcrnzeisiseHe»».Anstitrrt. -u._-——■-- Auf, auf nach Palästina! ' Ein Weckruf der Zionisten. Die Sehnsucht der Inden »nch Palästina ist nicht von heute und nicht von gestern, vielnzehr eines ziemlich älteren Datums. Sie erwachte jeweilig in verstärktem Maße, wenn zur Abwechslung wieder einmal Judenbcdrückungen eintrate», eine der pohlfeilsten Zerstreuungen, die von nachsichtige» Regierungen sowohl im Orient .ZS Occident von Zeit zu Zeit den Völkern vergönnt werden. Unsere Herren Zionisten sind also nichts weniger als ans einen originellen Gedanken verfallen, iichem sie den jahrtausendealten Ruf: „Auf, auf nach Palästina!" neuerdings ausstoßen. Reu ist an der Sache nur, daß sie mit einer unter Juden nicht üblichen Unbändigkeit eine rein private Angelegenheit auswanderungslustiger oder auswanderungsbedürftiger Leute zu einer öffentlichen Plage auSzugestalten bemüht sind und täglich ihre kindliche Unwissenheit über die primitivsten Vorbedingungen einer erfolgreichen Kolonisation eines fremden Landes offenbare». Ich selber hege die allerregste» Sympathien für eine» culturelle» Fortschritt des JudcnihumS und bin allezeit nach beste» Kräften bemüht, meinen unglücklichen Glaubensbrüder» beizusteheu, die, aus einer Heimat vertriebe», angstvoll nach einer anderen Umschau hallen. Ich weiß aber auch, wie leicht cs ist, eine Heimat aufzngebcn, und wie schwer, zu finden eine andere. Ich habe vielleicht zweihundert Rückwanderer auS Palästina eingehend über die dortige» Verhältnisse auSgisragt und endlich die Ueberzeugung gewonnen, daß unter der gegenwärtigen tülkischen Regierung nur bestens situirten Renttnbesitzern, die sich eines besonderen Schutzes des Consulates eines europäischen Großstaates erfreuen, gut möglich sei, in Palästina ein halbwegs erträgliches Leben zu führen. Dagegen ist eS unbedingt eine Pflicht der Menschlichkeit, armen Auswanderern, welcher Eonfession immer sie angehören mögen, von einer Auswanderung nach Palästina dringendst abzurathen. Die Mehrheit der armen Einwanderer erliegt den Tücken des Klimas, dem Nahrungsmangel oder geht in Folge von Arbeitslosigkeit kläglich zugrunde. Land ist in Palästina äußerst schwer zu erwerben und noch schwieriger zu behaupten. Im günstigste» Falle sind die F-lderzeugnisse kaum mit Nutzen an den Mann zu bringen. Die Rechtsverhältnisse in Palästina lassen außerordentlich viel zu wünschen übrsg, daS Schulwesen liegt im Argen, kurzum, wohin man seine Blicke wendet, überall glotzt Einem Trostlosigkeit entgegen. Die Zionisten finden sich damit leichten Herzens ab. Anstatt selber nach Palästina auSzuwandern und die Bedingungen zur sicheren Unterbringung eines größeren Zuzuges weiterer Arbeitskräfte zu schaffen, erschöpfen sie ihre Stimm- und Schreibmittel in der leichtsinnigen Verlockung einfältiger, bedrückter Juden zur Ansiedlung in Palästina. 'Auf Grund meiner Erfahrungen, die ich im Umgänge mit. den Hanpifchreier» der zionistischen Be wcgung in Wien gewönnen, behaupte ich,' daß deren Gebühren in schroffstem Gegensätze zur altberühmien jüdischen Klugheit und vätercrcrbtcn Weisheit steht. Oft Halle ich den unmittelbaren Ein druck, daß diese sclbstbestelltcn „Führer" verkappte Antisemiten wäre», die unter dem Deckmantel deö echte» Judcnthums die Juden in der angestammten Heimat zu Fremdlingen machen wolle». Ab .und zu trifft man wohl auch unter den Zionisten gescheite und bedächtige Männer an, die.Erreichbares anstrebcn und auf anständige Weise zu Gunsten dcr^ Besiedlung Palästinas . mit armen, heimatlos gewordene» Juden aüS Rußland und Rusnänicn das Wort ergreifen. Zu diesen selteneren Erscheinungen , gehört auch Dr. Jacob Koh», der Präses des. akademische» Vereines „Kadimah". in Wien, der kürzlich eine Broschüre, „Assimilation, Antisemitismus und Nationaljndenlhum",*) veröffentlichte. In der glühenden Viebe zum Judcnthum begegnen wir uns leicht, ebenso auch in der Meinung, daß der AnliscmiliSinuS eines der schändlichsten Uebel der mitteleuropäischen Enltur sei. Nicht minder als fr. beklage auch ich, daß sich viele Inden in ihrer Verblendung dazu hergcben, den nationalen Ucberhebungen moderner Völker förderlich zu sein, aber ich vermag ihm darin nicht bcizupflichte», daß gerade diese Elemente den Racenhaß herauf beschworen haben, denn im Großen und Ganzen spielten bisher in den nationalen Possen der Sprachvölker Inden eine gar rkniergeordnete active Rolle. Die Judenfresser! der Neuzeit brauche» keine besonderen Vorwände für ihren Haß, ihre wülhige Vcrfolgungssucht, denn Haß und Niedertracht sind ihnen vollständiger - Ersatz für alles das, was nicht nur Inden, sondern überhaupt allen ehrlich denkenden und handelnden Menschen, welcher Eonfession immer, hehr und heilig ist. Antisemitismus ift^dic Fluch- Würdigkeit und Schlechtigkeit auö Grundsatz. Den- Antisemiten wird die Judcnschaft, selbst wenn sie sammt und sonders in Palästina untergebracht wäre, »och fortwährend ein Stein des Anstoßes sei». ES ist ja wohlbekannt, daß, je weniger Inden cs in einem besonderen Lande gibt, der Judenhaß um so größer dort haust. Judenhaß ist eine sociale Krankheit. eine Scelcnpcst, die durch Wegschasfung der- Inden aus einem Lande nicht zu beheben ist. Die praktischen Vorschläge Dr. Kohn's lassen sich gut lese», nur übersieht der Verfasser die großen jüdische» Eulturvercine, die fürs Wohl des Judenthums schon Erhebliches geleistet haben, sogar in Palästina, und noch immer etwas Tüchtiges leiste». Erscheint nur die kleinen Winkelvertine zu ckcnncn, die eine fragwürdige Existenz führen und nicht wenig zur Zersplitterung der vorhandenen oder aufbringbare» Mittel beitragen. DaS National judenthuni der Zionisten ist ein Rückfall in einen Zustand, den daS Jndenthum in der Zeit der Gründung der erste» jüdischen Königödynastie dnrchgemacht hat Derlei Vergnügungen mögen sich neugebackene'Nationen und Natiönchen gestatten, de» wirklichen oder angeblichen Nachkommen der Juden, die eine,dreitausendjährige, gut beglaubigte Entwicklungsgeschichte durchgemachl haben, soll man andere, höhere Ausgaben zu stellen -wisse», als den Jammer „Nationalismus" zu pflege». Dr. Jacob Koh» wird nochdreißig Broschüren schreibe» und noch sechzig Rede» in Kadimah Versammlungen halte» und zuletzt gerade noch dort stehe», wo er heute steht. Dr. Friedrich S. Krauß. - *) Wien 18!*4. t RoSncr, W, r. Öi“. ■■