Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 75 (10.9.1893)
- Date
- 1893-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 75. Seite 8. Freies in letzter Linie der Steuerträger, so ist das doch wieder ei» SocialiSmuS des l Capital», wie man ihm nur in Judenblätter» begegnet, daß man den Steuerträger auf Kosten des Bauers entlasten will, wo e» doch unter den Steuerträgern in den höheren Regionen große Capitalskräfte gibt, die -ihren Beitrag sehr leicht leisten könnten. -Wenn daher die Christlich-Socialen noch lange in Scciali'iiius machen, so geschieht dasselbe, was jetzt in Ungarn der Fall ist, daß auch unsere Bauern Heu und Frucht auf dem Felde oder den Wiesen den Inden verkaufen muffen. Ter SoeiatismuS der Christlich-Socialen hat noch eine recht komische Seite. Während der eine Führer, Tr. Lueger in Wien, für da» Ausfuhrverbot agiiirie, ist der andere Führer, Tr. Pattai, auf Agitationsreise» gegangt», hielt in Bronnen in einer Bersan mlung des clerievlen .Ober österreichischen BolkSvereines' eine fulminante Rete gegeis die Ausbeutung deS Großkapital«, das den Mittelstand zugrunde richte. Zum Schluffe dieser Versammlung wurde aber eine Resolution gefaßt, in welcher die Regierung um Aufhebung deS Ausfuhrverbotes ersucht wird, weil durch dieses Verbot der Bauernstand tief geschädigt wird. Zn derselben ddummer, wo der .Oesierreichische Volksfreund' das Ausfuhrverbot so .geistreich' vertheidigte, berichtete er über diese clericale Versammlung, allerdings hat er die Resolution;u Gunsten der Autkebuug des Verbotes ganz unterschlagen.. Wenn nun der eine Führer in Wien für die Juden und das Großcapital, für Lieferanten und große Actiengejellschafien für daS Ausfuhrverbot agilirt, der andere in der Provinz in clericalen Versammlungen für die Aufhebung dieses Verbotes ist, so darf man sich da gar nicht wundern, ist doch der eigentliche Name dieser Partei: .Wurstkeffelpartei'. Zn neuester Zeit hat sie so mächtige Gönner erhalte», daß sie über eine große Garderobe verfügt, daher bald als antisemitische, bald als christlich-sociale Parte: auflrilt, im Grunde genommen ist sie doch die alte ,Wurstkesselpartei'. Tas entgegengesetzte Auftreten der Herren Tr. Lueger und Tr. Pallai hat aber »nch einen anderen Hintergrund. Tr. Lueger strebt bekanntlich die Bürgermeistersielle von Wien an. Er muß daher die Zmereffen der maßgebende» Zuden und deS Großcapilals.wahren, wenn auch dadurch die Interesse» der Gesammibeit, namentlich die des Mittelstandes, lief geschädigt werden. Tr. Pattai strebt aber eine» hohen Regierungsposten an. Tarum reist er in den Provinzen herum, linf Tr. Lueger arbeitet^und bleibt in Wien, darum daS einträgliche und eiilttächlige Zusammenwirken Beider, denn'würden Beide einen uud denselben Posien anstreben, so wäre daS geradeso, als. wenn zwei Hunde an einem Knochen nagen würden. Um aber diese« Ziel zu erreichen, muß im Reichsrath eine clericale Majorität geschaffen werden — uud da muß die sociale Frage als Köder diene». Tie Clericalen entwickeln daher eine große Thätigkeit und halten gleichwie die Social-Temokralen eine Versammlung nach der ander» ab. Sie glauben auch, ihrem Ziele nahe zu sei», und ihre Organe sagen, daß der Reichsrach bald.aufgelöst uud Neiuvahlen stattsinden werden. Sie glaube», den Bauernsiand haben sie ohnehin, und den Geiverbesland werden sie jetzt durch die Ge werbe Enau.'te und die Agitation deS Tr. Pattai, Schneider rc. erobern Tr. Lueger muß aber in Wien das Großcapital zu gewinnen suche». Tarum habe» sich die Clericalen in den Provinzen mit dem jetzige» Auftreten des Tr. Lueger gau; befreundet. Uno ist jeder Mitkämpfer in der socialen Frage der für das Allgemeine kämpil, sehr ivillkomme», aber nicht solche, die diese Frage mißbrauchen und nur noch mehr verwirren und den Mittelstand, als dessen Vertreter sie auftretcn, ganz ruinire» uud geistig herunterdrückeu. TaS allein, wenn man sagt, daß der Preis der-Erzeugnisse des Bauern durch ein Ausfuhrverbot herunlergedrückt werde» müsse, weil sonst die Steurrträger den erhöhten Preis decken inüßten — ist wirklich ein SocialiSmuS des dummen Kerls von Wien. Angesichts eines solchen Socialismus müssen wir dieser Gaituug von Socialresormern zurufen: Laßt eure» Socialismus, der nur schadet, über den sich die Zuden und ihre Freunde nur lustig machen. Wenn ihr schon rede» und schreiben wollt, so kehrt zu eurem alten Thema zuiück und donnert gegen die Freimaurer, -io macht ihr doch wenigstens keinen Schade»! Seit diele in SocialiSmuS machen, habe» sie ganz auf die Freimaurer vergessen." — Za, Gedächtnißfchwäche in eine üble Sache! Anch Herr Zohann S imader das antisemitische Scribeutlein von Steyr, vergißt, daß er einst vor dem Zuden Fiichhos im Staub gelegen ist. Nur seiner Autipathis gegen Lueger und Genossen sowie gegen die deutsche Grammatik scheint er stets eingedenk zu sein. <Antisemitische Frivolität.) Tie Euunciatione» der Antisemiten gestatte» bisweilen einen tiefen Einblick. Tie Vertreter einer Sacl)e, die für jeden anständigen Mensche» eine verwerfliche ist, solllen die! Vorsicht gebrauchen, ihre» geheime» Gedankeugang nicht össeutlich preiSzngebeir. Die „Antisemitische Eorrelpondeuz" erwidert auf die Zuschrift eines Handwerkers, der das Blatt. Blulmysterium als Unsinn bezeichnet. Folgendes: „Auch daS Blutmysterium hat seine ernste Bedeutung, wenn auch so Mancher heule noch nicht daran glauben kan». DaS Glauben lernt sich, wenn der Ernst de» Lebens mit dreinredet." Wir sind nicht in der Läge, diese Charakterisirung der antisemitischen Ehrlichkeit zu überbieten. (Paasch in Freiheit.) Carl Paasch wurde aus dem Untersuchungsgesänguiß entlassen; mit Recht wirst aber die Berliner „VolkSzeitung" die Frage auf, warum man de» geisteskranken Man» nicht in eine Jrrenaustalt bringe. WaS soll denn geschehen, wenn der gemeingefährliche Mensch jetzt wieder in öffentlichen Versammlungen auftritt und dieselben verbrecherischen Handlungen, die zu seiner früheren Berurtheilung führten, wiederum begeht, indem er die wahnsinnigen Beschuldigungen gegen die höchsten Staatsbeamten Deutschlands und Preußen« wiederholt? Ter Ahlwardt-Moniteur bemerkt zu der Nachricht, daß Paasch verhandlungsunfähig, also nicht mehr strafsähig sei. Folgendes: „Damit sind zugleich sämintliche gegen die Person Paasch' schwebenden Processe erledigt, was wir für sehr bedauerlich halten, da nunmehr über den Vorkommnissen auf der kaiserlichen Gesandtschaft in Peking ewige» Dunkel schwebe» wird." — Das ist eine dreiste Unwahrheit. Zunächst sind die Vorfälle in Peking schon iu den bisherigen gerichtliche» Verhandlungen beleuchtet worden; dann aber auch nimmt das gerichtliche Verfahren zwar nicht mehr gegen Paasch, jedoch gegen seine Mitangeklagten ruhig seinen Fortgang, so daß durch eine erneute Beweisaufnahme über die Vorgänge aus der deutschen Gesandtschaft in Peking vollständige Klarheit geschaffen werden kann. — In einer hochossiciösen Erklärung stellt nun die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gegenüber der „StaatSbUrger-Zeitung" fest, daß Paasch von den Charitö-Aerzten für derartig gemeingefährlich irrsinnig erklärt worden ist, daß dessen Unterbringung in einer Irrenanstalt geboten erscheine. TaS Gutachten besagt, er leide an Verfolgungswahn, chronischer Verrücktheit, sei geisteskrank und nicht verhandlungSsähig; deshalb sei die Untersuchungshaft gegen ihn aufgehoben worden. Ter Fortgang deS gerichtlichen Verfahrens dürfte von dem weiteren Geisteszustände abhängig sein, lieber die Gemeingeführlichkeit und die Nolhwendigkeit der Unterbringung in einer Irrenanstalt zu entscheiden, sei nicht Sache deS Gerichtes, sondern der Polizei. Der Bezirksphysikus hat nach stundenlanger Untersiuhuug übereinstimmend mit de» Charitö-Aerzten ein eingehend begründetes Gutachten abgegeben, daß Paasch gemeingefährlich sei und in eine geschloffene Anstalt gebracht werden müsse. Taraufhin ist Paasch Heu gesetzlichen Bestimmungen entsprechend lediglich im Sicherheitsinteresse auf Veranlassung der Polizeibehörde i» die Jrrenaustalt überführt worden. (Förster killst und jetzt.) Das Stvcker'sche „Volk" wirft jetzt Herr» Förster vor,' wie er früher sich gegen denselben Radau Autiseinilismus gewandt habe, dessen eifrigster Vertreter er heute ist. Es eriuuert ihn au ein Schreiben, da« er am 11. Februar 18(10 an das „Volk" richtete, und in welcher» er den Berliner antisemitischen Bereinigungen vorwarf, daß ihre Führer keine» ernsthafte» Versuch machle», die Radau-Antisemiten von sich abznschültetn, und erklärte, daß er nach den damaligen Vorgänge» de» Nanreu „Autisemit" von sich und seine» Versaminluugen künftig ablehueu müsse. Damals waren rin einer Versammlung die Radau-Antisemiten Wille, Bodeck und Kötzer Förster entgegen getreten und hatten ihn »iedergeschrieu. Jetzt befindet sich Förster auf Seite dieser selben Herren. — Der ReichStagsabgeorduete von Ahkwardt'S Gnaden versuchte in der „StaatSdürger-Zeitung" seine „GesiuuuugSkläruug" zu recht fertigen; der Versuch ist jedoch kläglich mißlungen. Briefkasten. B. M., Landstraße: Es ist doch selbstverständlich, daß sich da« „Deutsche LolkSblatt" für da« Befinde» eines als Philanthrop:» bekannten, vom Kaiser ausgezeichneten ManneS nicht interessirt. Wenn aber „Vater Rauscher" oder sonst eine antisemitische Borortegröße „ausg'steckt" hat, findet diese erfreuliche Thatsache wochenlang in der antisemitische» TageSpreffe die ^gebührende Berücksichtigung «. L., Klatlau: Mil der „N'aroelni I'olitika“ befassen wir r>»S, wie Sie sehe», in diesem Blatte schon aus einem anderen Anlaffe. Besten Dank für die Einsendung. Derartige Winke sind unS stets erwünscht. 'i Tr. Gr., Kamirnki wielkic: Wir bitte» um Eutschuldigung. Alle« iu Ordnung. , Tr. R. Pl., Frankfurt a. M.: Natürlich identisch! Beitrittserklärungen zum „Verein zur Abwehr des AutisemilisiilllS" werden entgegcngcnomiucn im Sekretariate des Vereines, Wien, I., Parisergaffe 4. Atzottnementsannreldungen auf das „Freie Blatt" nimmt die Administratiou, Wien, I., Seilerstätte tü, jederzeit entgegen. Ebendaselbst «erden auch einzelne Nummern abgegeben. Probrnummern zur weiteren Verbreitung des „Freie» Blattes" werden Gesiunuugsgeuosseu auf Berlaugeu bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber: Ernst Bictor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur (in zeitweiliger Abivesenhcit de» E. B. Zenker): Josef Borwahlner. — Druck von CH. Reißer & M. Werthner, Wien.