Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-08-20 · 72 (20.8.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
72 (20.8.1893)
Date
1893-08-20
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
82% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441443--0770-4887273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seit« 8. Freie» behobt, erzählt auS dein tiiewer Gouveruonent eine Geschichte, die eS selbst sehr amüsant, juristisch intereffant und in socialer Beziehung viel verheißend findet. Mau höre! Ta die Jude» nicht daS Schankgewerbe betreiben dürfen, so ließ in einem Torfe o>, Jude einen Bauer alr Schankwirth eintragen, sich selbst aber als Geschäftsführer. Eines Tages stellte der Jude den Bauer darüber zur Rede, daß dieser zu viel umsonst trinke, und leistete der Aufforderung desselben ihm SchnapS vorzusehen. Widerstand. WaS geschah nun? Der Bauer als angeblicher Wirth ivars mit Hilfe mehrerer Gäste den Juden, seinen angeblichen Diener, sammt deflen Familie hinan« und richtete im Schauklocalc durch Zer- , schlagen von Fensterscheiben, gefüllten Lranntmeinflaschen ü. s. w eine arge Verwüstung an. TaS polnische Blatt frohlockt darüber, daß. dein Bauer, der doch alS Wirth gemeldet war, für seine Gkwaltmaßregel» gegen den .renitenten Diener" schließlich nichts geschehen dürste, obwohl die erste behördliche Autorität, deren Schub der Jude in Anspruch gciiommen hatte, fcett, Excedenten verurtheilte. So werdcu denn, ruft scheinheilig da« polnische Blatt auS, Inden in Zukunft sich überlegen, bevor sie da- Gesetz umgehen.und sortsahren, Bauern zur Trunksucht zu verleiten. TaS Gesetz umgehen! Tie Gcwaltmaßregcl» russi. scher Machthaber zwingen, wa« woht dem polnischen Blatte bekannt ist, nicht bloß Juden, sondern anch katholische Edellcute und Priester zur häufigen Umgebung schlechter Gesetze. Wen soll die benchlcrjsche Entrüstung über den Juden, der das zu seinem Berderben ersounenc Gesetz nicht rejpectirt, täuschen? Tie in polni'chen Blättern stets wtederkehrcndc Behauptung, daß Juden und nur Juden die Schuld an der Trunksucht der bäuerlichen Bevölkerung tragen, ist ganz unbegründet, Tange genug haben in den ehemals polnischen Provinzen gut katholische Gutsherren das Propinationsrccht gehörig ansgenützt, und der jüdische Schankwirth, der eine» hoben Pachtzins zu entrichten hatte, arbeitete eigentlich nur sür die „Herrschaft", während er und die Seinen ein kümmerliches Tasein sührtcu. Gräisirt etwa nicht die Trunksucht in solchen Täudkrn, wo Jude» nichts mit dem Au-schanke zu thun habe»? Tawiön BuruS, der Fiihrer der Tondoner Mäßigkcitsge'ellschast „The l'mtecl KimrTom Alliuuce“, bat es sich zur Ausgabe gemacht, von Zeit zu Zeit nachznrechncn, tvaS dem Bolle Großbritanniens die alkoholischen Getränke sür kosten verursache». Tie Berechnung voin Jabre 1NI2 erpreßt dein MäßigkcitSapostel einen gerechten Schmcrzens schrei. Jen Taufe des vorigen Jahres wurden nach BuruS in Großbritannien au alkoholische» Getränken I.20.T, 130.207 Gallonen verbraucht, daS sind (da das alte englische Weingallon etwas mehr als 1 Titer hall fast 0 Milliarden Titer. tGiukcbr und Umkehr.« Stöcker lann sich über seine Wahlniederlage Noch iniiner nicht beruhige», und sein Teidblatt bringt stets neue Silage- und Entrüstungs Artikel. Die „Post"', welche selbst häufig in Antiseniiiismns macht, siebt sich diromal veranlaßt, dem Hosvredigcr und scincin Organe eine Tection zu ertheitc«. Die „Post" sagt: „Ganz abgesehen davon, ob es gerate sehr klug und sehr würdig ist, den Acrger «o knndzngeben und dadurch nur die Schadensrende der Gegner zu erregen, wäre es ungleich zweckmäßiger. über die wirk lichen Ursachen der Wahlniederlage ernstlich nachzitdcnken und den Ergebnissen diese« Nachdenkens für die Zukunft praktische Folge;u geben. Auch das würde nicht ohne bitteren Beigeschmack sein; denn cs würde sür Herrn Stöcker ans eine seine gesammtc politische und sociale Aetion schwer verürtheileude Selbst kritik biiiau«lansen. Socialisti'ckcs Schillern, die ärmeren Etaffen der Bevölkerung gegen-den EapitaliSnms verhetzen, die Judenheye, alle; das bereitet dem reinen AiitisemitiSmus mit der Parole, daß Junker und Juden gleichmäßig, und zivar die Ersteren am meisten, das Bolk ansbcuicn, den Boden. Statt sich in Re eriminationen über die Reu Stettiner Wahlvorgänge zu ergehen und nach Schul digen ssir de» allerdings äußerst blamablen Berlans der Sache z>t suchen, wäre es gerathener, anS dem an Herrn Stöcker in eigener Perion statuirteu Epeuipel die richtigen Tehren zu ziehen und Einkehr nnd Umkehr folgen zu lauen. Dazn ivürde allerdings eine innerlich wahrhafte von Eitelkeit, Hochmuth und Herrsch 'ncht. freie Natur gehören " «Mit der Dübriitg Verhimmelung ist kein Geschäft zu ittachcu. Die „West iati'che Reform", die noch vor Xurzcm Herrn Theodor Fritich maßlos an gegrisseu hat, ist von der deutsch socialen Partei angekauft worden. Das „Bolk" bemerkt dazu: „Grund sür diesen Berlans war die Thaisachc, daß mit der immer toller werbenden Tühring Verhimmelung kein Geschäft zu machot war. Praktisch geleistet haben die bisherigen.Hintertnäntter der .Wcstsälischen Reform' gar nichts. Doch gedenken sie, bei der nächsten Reichstagswabl mit einer eigenen Eandidatnr des .reinen Racenantisemitistnus' hervorzntreten, aus ihren eigene» .greisen wollen sie aber nicht gern einen Eandidaten stellen, weil das directe Blatt. ___ _ _Nr. 72. geheime Wahlrecht noch nicht so vcrvollkontmnet ist, daß auch der Name de« zu wählenden Landitatcn geheim gehalten wird." (Ter Klingelbeutel für Zimmermann S „Deutsche Wacht".) Ter ami semitische Klingelbeutel geht in Dresden herum. Die „Reformer" wollen eine Actiengesellschaft bilden und Actieu z» 200 Mark ausgeben. Wenn 100.000 Mark beisaminen sind, will man die „Deutsche Wacht", da« Dresdner Organ des Reick)stagSabgeordnetcn Ziinmermann, zu einer täglich erscheinende» Zeitung umgesialten. lieber die Plätte der Herren gibt ein von ihren Gesinttungsgenoffen versandtes „streng vertrauliches" Circular Ausschluß, in dem eS heißt: „Jetzt, wo die Hauptstadt des Reiches zu fünf Sechsteln bereits zu einer socialdemokratischen Donlline herabgesnnken und der Einfluß der dortigen jüdisch liberalen Presse als rcichsschädlich gleichfalls zu bekämpsen und möglichst einznschränken ist, fällt Dresden, als dein Hanplplatz der Resormbetvegung, die ebenso ruhmvolle al« schwierige Ausgabe zu, ein den neuen Zielen gewachsenes Tageblalt zu schaffen und zum Ccntralorgan unscrer Bewegung für ganz Teutschlaud aus zugestalten." Wenn die Sache nur nicht so viel Geld kostete; in Geldsache» sind die wohlhabenden Antisemiten besonders tmgeinüthlich, und nicht utttsonst beklagte sich ein „Schriftleiter" in der Ostmark über die „garghcit der Nergler". Llicfkastcn. A. H., III.: Tie Defraudation beim Wiener Hilfs- und Sparverein paßt eben anch nicht in das von antiscuiitijchen Bolksversührer» ersonnene „Snstcm": sie tvolleu sich ihre Zitlel leinestvcgs durch Ercigniffe stören taffe». Tourist, Wcstbahitstraßc: I. Wir cmpsehlcn Ihnen G. Frentags Wiencr: A usflu gSkart e», nenn vorzügliche Touristenkarteu mit sührcndcm Texte zum Preise von je 20 kr. ö W. — 2. Für uns nicht verwendbar. F. O., korueubiirg Daß die Walliahrcr nach Mariazell nebcirTclegraminen an den gaiser und de» Fürstcrzbischof von Wien auch ein solche« an die in Salzburg sich produeirenden Antisemiten abgeiendct haben, zeigt wenig Takt gcfühl. Das Berhalten der rcichStrenen Bevölkerung XorucubtttgS verdient alle Auerkeunung. . Cbcrbollabrttlllt: Ta« Dresdener Hetzblatt möchte mit Hilfe der „Zeiigcnans'agcn", welche giuderu cinstiidirt wurdeu, doch noch eiuen frischen, fröhlichen „Ritualinord" herausbringeu. Tr. 1k., Prag: Tic Genealogie dieses Faiseurs ist noch nicht sestgestcllt. Auch darüber, ob seine Persousbeschreibung absichtlich falsch war, sind die Acten noch nicht geschlossen. P. T., Tnitbtrn: Mit der „tSajcta Narokotva" und deren intenscindlicheii Artikeln tvctden wir uns bei Gelegenheit befassen. i 3ur gefällige»» Seachtung! Wir crsncht» jette 1\ T. Prännllitrantcn, bereu '.Hliomiemciit mit :*1. Angnst b. x\.;ii (i-iibc fldjt, dasselbe rechtzeitig;u erneuern, Damit kcink Störuiifl tu der (5-Mdition eiutrctc. Ter erste Jahrgang des „Freien Blattes" ist durch unser Bureau gegen Einsendung des herabgesetzten Preises von ö. W. st. 1.— ober 2 Kronen (statt ö. W. fl. 2.50 oder f> Mroueii) zu beziehen. Wir erlauben uns daraus aufuierksaul zu inacheii, daß wir bei llcbcrstiidung von Abonnclncntsbcträgen zwar Postiuarken, nicht aber Stempel an (ijeldesstatt auuehiueu könueii. Ferner er suchen wir dringend, sowohl bei Abonnements Annltldnngtn als Reelainationen |Ia»tc und Adresse (besonders Ort nnd Post) leserlich zn schreiben, da wir sonst bei bestem Willen nicht in der 2agc sind, eine Berantwortnng siir nichtbestellte Exemplare zn übernehmen. Die Administration. Beitrittserklärungen zum „Bcrcin zur Abwehr des Antisemitismus" werden entgegengenoinmen im «ccretariatc des Bereines, Wien, l., Parisergasie -l. Abounemrutsanmeldungr» auf „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, 1., Seilerftälte >0, jederzeit entgegen, Ebendaselbst werden auch eiuzelne Nummern abgegeben. Probeuummern zur weiteren Berbreitung des „Freien BlalleS" werde» Gesinnungsgenossen aus Berlangeu bereitwilligst zur Bersiigung gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Rcdacteur In zeitweiliger Abwesenheit des E. B. Zenker): Joses Borwahlncr. Druck von Eh. Reißer sc Di. Werthner, Wien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.