Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 71 (13.8.1893)
- Date
- 1893-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I, Sette H freies Blatt. Nr. 71. Bemerkungen zu knüpfe» In dem einrtt J^ntle hatte rin kaum sechzehnjähriger imiiier i'uitm die Sicherheit de» Lebens seiner HailSgenoffen bedroht, gestohlen itild ein Dienst»,ädche» verleumdet. In dem anderen Falle handelte e« sich um Betrug und Fälschungen. Beiden Fällen gemeinsam war der Umstand, daß Genußnicht da-s Motiv der Bei brechen bildete, so schrecklich auch diese Missethaten sind, einen Beweis fiir die „Berechtigung des AnlisemitismiiS" bilden sie sicherlich nicht, und diejenigen, welche io was behaupten, sind bewußte Lugner. tWie haben in Wien noch traurigere Gerichtsfälle erlebt- Wurde nicht vor einigen Fahrenvon einem verwahrlosten „arischen" Burschen seine Mutter erschlage», als sie ibm ihre Ersparnisse -anSzufolgeit verweigert-? Hat nicht erst vor Kurzem ein „arischer" Tischlerlehrling die- Schwester seiner Meisters, die seinen Wcliiüen Widerstand leistete, nmgebracht? Fiel in Znatm nicht eine „aii'che" Frau der Habsucht ihres lebenslustigen Bruders zum Cpfer?. . . Tie antisemitischen Hevbläiter baden jedoch bei den eben erwähnten Anlässen über „die Begriffe von Ebre und Moral, von Liebe »nd Pietät, welche in den Kreisen bei,ichen, anS denen solche verbrecherische Individuen hervorgehen", keine Be lrachtunaei, angestellt DaS thn» sie »>ir, wenn sie gegen Juden heben können, ein G,bahren. zu denen Kennzeichnung wir keine» milderen Ausdruck finden als: chodenloie Schlechtigkeit. g. Der „Ctrfi" gegen das DaufkN der Juden. Tas Organ der Prager sürsterzbischöflichen Kanzlei, der ech", eifert gegen dar Ta »seit der Juden, und erbebt gegen die Wiener Diärese den Borwurs, daß man daselbst bei d^r Aufnahme Andersgläubiger in de» Schoß der Kirche eine allzu milde Praxis habe einreißen lassen. Im Grunde, seines Herzens bleibe auch der gelauste Jude ein Jade. Die Kirche >ollte, meint der „Och", namentlich jenen Juden die Anf- »abme verweigern, welche sich taufen lasten, um Beamte werden .zu können. Er sprickii auch geiaufte» Juden die Fähigkeit ab, einem Übriste» den Eid abiunebmen Jur Erlangung einer Beamtenstelle bedarf ein Jude in Oesterreich, wenigstens nach dem Gesetze, keiner Dause, imd über die Fähigkeit zur Abnahme eines Eides baden nicht Consistorien zu entscheide». Daß ei» bischöfliches Blau J,lde„bel?e betreibt, dergleichen konimt auch aiißerhalb Prags vor. Ter . Fall aber, daß ein solches der antisemitischen Racentheorie huldige,. straft de» allen Rabbi Akiba Lugen und ist noch nicht kagewefen. i Taruowrki bat kr verdammt. > Ein Jude in Galizien erwarb ein Gilt: ans dle>em Aulaste schreibt der „Przeglnd": Wieder ist ein schönes Stück voliwcher Erde ui indische Hände übergegangen. Jenen Leute», die io leichten Herzens. die väterliche Scholle verschleudern, mimen wir die vom Grase» StaniSlauS. larnowski auf dem Kalbolikentage gesprochene» Worte ins Gedächtniß bringen: „Eilte Sunde ist es, nufere Fluren in unchristliche Hände zu verkaufe» oder irt es nur zu vervachteit. Manchmal kann mar dabei ein Geschäft mackzen nud rerstchiedener Sorgen los werde», jedoch muß man bedenken, welche höheren Fiele ,l erden dadillch gefährdet die Grundlage der religiösen lind nationalen Zutun» des Bolkes Ein Bauer, den die Schulden drücken, dkr vielfach betrogen ivird, kann in manchen Fällen, wen» auch nicht ganz, io koch theilweife ein ichuldtgt werden, aber ei» tsioßgrnndbesiver, ein Edelmann, begeht dadurch eine nilverzeibliche Sünde. Der.Xatholikeniag muß deshalb dieses Gebabre» sowohl vom religiösen, als auch vom polnische» Staudpniikle auf das Entschiedenste verdamme»." Haben, tragen wir, der voll einem ehemaligen Demokraten und Darwin Berebrer redigirle „Przeglnd" und die Leute, welche hinter ihm stehen, haben lene Pole», fie gegen ihre jüdischen Mitbürger in Galizien hetzen, ei» Rechi, sich über das Berfabreu zu befchweren, welches der Generalgouverneur von-Wilna und andere russische Machthaber gegen die ihnen unterstehende Be r oileruiiis beobachten? Morris dc Jougc. Jur Affaire des seinerzeit vielgenannten Morris de ,'n' g', der als Redakteur der antisemitischen „Ha »növer'sche» Post" den Hen Jliflizminlster durch einen Artikel beleidigt haben sollte, und der . tun als die Behörde ibu zunächst für sechs Wochen an die Provinzialirre» .: v.i "töttingen überivies, »ach der Schwei; entsloh, lheilte der „Reichsdot." it.ir, daß auch gegen den Redaetiousgehilsen de Jongr'S, der formell als v > atu . dt i!i Redaoteur gezeichnet hatte, wegen jenes Artikels das Berfabreu -dutchge-uhrt Udld-ev. ist und mit Freispruch geendet bat. DaS Gericht bat dabin o»i'.l>i, d . n, daß Freisprechung erfolgen mime, „weil der- Inhalt deS fraglichen Ailik-'ls >.■>! »Ui. Tchärfe der darin enthaltenen Kritik unserer Jiistizziislände die «Grenzen des eäniich Erlau bien nicht über'chreite und de» Thatbestand einer stratbare» Beiei-ignng überhanvl nicht darstelle", In Folge dieieS UrtbeilS, das bereils ->iechlslrafl erlangt bat, ist Morris de Jonge, der darin auch für sich materiell eine Ftei'vrechitng erblickt, nach Berlin zurückgekehrl. Tie antisemitische I Presse wäre von diesem AnSgang der Sache sehr erfreut, wenn nicht Morris de Jonge in der Zwischenzeit sich vozn Antisemitismus loSgesagt Halle, der seither einen — semitischen Anhänger weniger zählt. (Gesindel- und Scandaltzarlei.) Herr Liebermann v. Sonnenbe.rg schreibt in den Leipziger „Teu tsch-soeialen Blättern": „Bon de» Raban- Ber!ammlnnge» in Berlin, in denen der Hofprediger Stöcker von Letzten, die sichleider Antisemiten nennen, in unerhörter Weise angegriffen und beschimpft worden ist, haben wir bisher noch keine Notiz genommen. Es ist die höchste Zeit, daß die anständigen (?), »ach vielen Tausenden z?) zählenden Antisemiten in Berlin, gleichgillig welcher der antisemitischen Sonderrichtunge» sie a» gebören mögen, sich^ vereinigen, mn die Fraktion .Gesindeln»d Scandalpartei', welche unter der Maske des Antisemitismus schon lange ihr Unwesen treibt, in den Haupträdelssührern zu entlarven und unschädlich zu machen. Die schroffen Gegensätze, die zwischen der .Berliner Bewegung' und de» Parteigenoffen im Lande bestehen, ivürden mit einem Male verschwinden, wenn man in Berlin selbst dafür Sorge tragen wollte, daß nicht fortwährend in den dortigen Bersammlnngeu Leute das große Wort führen, die einige Zeit nachher steckbrieflich verfolgt werden oder aus sonstigen zwingenden Gründen vom politischen Schauplatz verschwinden". Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" macht zu diese» Auslassungen folgende zutreffende Randbemerknng: „Tas Organ der so von .deutsch-socialer' Seite charakterisirten Berliner Antisemitenist die .Staatsbürger-Zeitung': i» dieser debütirte Liebermann v. Soniieiiberg noch gcrti; kürzlich mit Klingel bentelaiiliegen; so sehr groß kann also wohl die Differenz nicht plötzlich geworden sein." Bon antisemitischer Seite werden, »in sich a» der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu rächen, Aeußerunge» citirt, die sie in der Bismarck schen Aera zu Gunsten des Antisemitismus gemacht hatte. In der Auswahl diefer Eitate bekunde» aber die aulisemitischen Organe Mangel a» Geschick. So erinnert die „Staatsbürger-Zeitung" daran, daß das freiwillig-gonvernementale Blatt am 2H. November 18tf0 schrieb: „Ter antisemitische» Bewegung habe» wir von vornherein keine Stzmpalhien eutgegengetrage». Wir gestehen aber, daß wir dieselbe mit größerem Wohlwollen betrachten, nachdem wir gefehe», mit welchen-zügellosen Angriffe» die Abgeordneten Richter »nd Rickert sie bekämpfen. Man sagt sich »»willkürlich: au einer Sache, dievon diese» beiden Abgeordneten in so heftiger Weise angesochten wird, muß doch wohl etwas Gutes sein." Man findet in älteren Jahrgängen der „Norddeulschen Allgemeinen Zeitung" noch ganz andere -Hepp! Hepp! Ruse. Allerdings können auch diese die Charakteristik, welche eine antisemitische Jraction der anderen zutheil werde» läßt, nicht abschwäche».- Herr Liebermann v. Sonnenberg setzt übrigens seinen Federkrieg gegen die „Gesindel-, und Scandalpartei" fort, deren Treiben er als pöbelhaft, als „Rüpel- und Brüll AntisemitiSmns" tc. kenn zeichnet. Gleichzeitig tilulire» auch die „Dresdener Nachrichten" ihren früheren Freund Ahlwardt „Kerl" und „Lump". („Semitischer Geist ") Tie „Gesindel und Scandalpartei" in Tentschland will durchaus den preußischen Finanzminister Tr. Miqnel zu einem Inden machen, und deren Organe schonen» auch seine Familie nicht. Der „Badische Bolksbote" brachte neulich nachstehende Notiz: „Sanier Excellenz!" Folgende Postkarte prangt zur Zeit im Schaufenster eines Frankfurter Ladengeschäftes: Ersuchen im Aufträge Sr. Ercellenz zu senden iiü Stück Cigarrenpfeische». Fräulein Miguel- Berlin, de» IT G. 113. . Daß die Tochtcr des Finanzministers Miguel von ihrem Baler als „Sr. Ercellenz" spricht, ist bezeichnend für den semitischen Geist, der sich in Herrn Miguel'S Nachkomme» ebensowenig verbergen kan» wie i» seinen — Borfahren. Wir wolle» hier nur bemerken, daß dem „Freien Blatte" von dem Sohne eines österreichischen Geheimrathes, dessen Arierthnm bisher von Niemandem bezweifelt wurde, eine Eorrespondenzkarte zugekommen ist, in welcher der Sohn von seinem -BateL ebenfalls als von „Sr. Ercellenz" spricht. (Gilt Wahlsieg. - Bei der Nachwahl für den deutschen Reichstag im Wahl kreise Als.feld Lanterbach siegte der antisemitische Eandidat, ein Maler Bindewald, mit schwacher Mehrheit Über den National-Liberale» Professor Tr. Backhaus. „Ter Antisemitismus ist nicht zu besiegen, wo er einmal feste» Fuß gefaßt hat" — prahlt ein antisemitisches Hetzblatt. Thatsächlich aber vcrdanken die Antisemiten diesen Wahlsieg weniger der Berhetzung eines TheilrS der Bauern, als vielmehr der nnglücksetigen Spaltung der Liberalen. Beitrittserklärungen zum „Bereu, zur Abwehr des AutiscmiliSmuS" werden ciitgegcngcnommcu im Sekretariate des Vereines, Arie». I., Pariscrgasie 4. Jbonnementsanmeldungen aus das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, I., Seilerftätte 10, jederzeit entgegen. Ebendaselbst werden auch einzelne Nummern abgegeben. , Probenummern zur weiteren Berbreitnug des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen aus Verlangen bereitwilligst zur Bersiigung gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur -in zeitweiliger Abwesenheit des E. V. Zenker): Joses Borw ahlner. Druck von Eh. Reißer L-M. Weriljner, Wien. f