Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 70 (6.8.1893)
- Date
- 1893-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Blatt. Nr. 70. Teite H einer Anklage können mancherlei Motive bestimmend sein, und es mochte für de» Änfleyriffenc» Metieincr, nachdem die geklagte Zeitung keine» ihrer GrwährSm,inner nambasl gemacht hat, keinen Werth haben, den „verantwortlichen Schriftleiter" einer Bestrafung zuzufübren. Das „Deutsche Bolksblatt" erzählt ferner, ^Hofraih Ritter v. Hostmanil habe dem (Beklagten auf dessen Anfrage selbst erklärt. daß der den Gegenstand der .lilage bildende Bericht vollständig ans Wahrheit beruhe, lind daß auch er überzeugt sei, daß das Telegramm für die Prüfung piävarirl ivnrde." I» die Wahrheit dieser Erzählung setzen wir starkeZiveisel. Wir köiineii nicht glanben, daß der Teca» der inedicinischen Facnliät, der sich Übrigens „Hofmaiin" schreibt, zugegeben batte, eS wäre möglich, an der Wiener Univelsilät den Titel eine-:- Toctors der Medici» zu eriksteichen. Bescheidendeiti „JUdi'che Arroganz" — dieses Schlagwortes bedienen sich die Herren Anlifemitcn bei jeder Gelegenheit Tic arische Bescheidenheit dericlbe» gibt sich aber in cigenlhninlicher Wei>'c kund. Ahlwardt erklärt, er iverdc verkannt, und vergleicht sich mit ColuinbuS, Newton re. Und wie treibt ec- Schönerer? Zn der lebten Nnmnier feiner „Unverfälschten Deutschen Worte" ist zu lefen: „Hinweg mit jenen Führern. die von der goldenen Si-ttc des im I »»ersten deut'chfeindseligen JudenlKums gefesselt sind; wir Teuilche in der Ottniark brauche» einen Führer, der freie Hände hat, der sich unter alle» Uinständeii al- Teut'cher erwiesen bat, der den nnbeiigsainen dent'chcii Mannes»»!; auch vor siönigslhronenvertritt, und der dem nnabänderliäien >»rnndlal>c entweicht: Wer als Mann i»r Welt kommt, inuß auch als Man» handeln und nicht wie ein Weib, wer als Teut'cher zur Welt kommt, inuß auch al-Z Deutscher kür fein unveräußerliches Bolksthum jederzeit cinstehen. , Uiid ivenii Jeniank meint, 'o einen deutschen Führer gibt eS -nicht, so rufe» ihm' wir Teutichualionale in der Ostmark zu.- Ja. es gibt einen solchen Führer, einen iolchen River Georg, lein Name ist weit und breit, bei Freund nnd Feind bekannt: aber noch verkennt ihn die Masse des durch jütisch liberale -chbraieu irregelcileren deutschen Bolkes, und stall den .besten Mann itu de ,itichcn O st inarklande allgemci» aut den Schild zn erhebe» und feine nelbewußle, »nr für das Wohl deS deutschen Bolkes in Oesterreich besorgte Tbäligkeii anzilerkennen, schneidet die liberalberhörte Maste den stets nuzuver, la'stgen jüdischen Helfern zuliebe sich in das eigene Fleisch und höhnt den lenigen, der es am ehrlichsten mit umerem Bolksibum meint!" Nebenbei -bemerkt, vor einem siouagsrhron bat Schönerer »och keine t^elegenbeir gehabt, keinen „unbeugsamen deutschen Manucsslolz";u vertreten Unseres Wissens vertrat er ibn nur bei cinein nächtlichen Besuche der Nedaelio» eines Wiener Blaues und dann vor einein Erkeniitnißstnat deS Wiener ikaudesgerichics, vor welch lelrterkl» er unter Hinweis auk das dem staiier geleistete Gelöbniß der Treue seine Zscualiiä: belbeuerle. iTer ganze Schliissel.« Tie Steurer „I »denfl age" preist Rußland und Rninänie», weil dort die Juden verkolgt werden Tie jetzige russische Re gieiuiigsperiode, sagt sie, könne würdig, lener des erste» Regenerators Rußlands, Peters des Großen, an die Seile gestellt iverdc». So überschireiiglich hat die Judenocrkolgiinge» nicht einmal die ,,'Nowoje Wremja" befungc», wie dies der eiiistige Peredrer Fikchhof's ibuk. TaS Steurer Blatt crkllirt, es sei cbcr geneigt, den Zigeuner» Tnldiing z» gewähren als de» Jude». Ter Bildungstrieb und die Bilduiigs'äbigkeil der Juden lassen diese weit gekährlichcr erscheinen. „Ter ganze Tchlnüel der Zudcnsrage," heißt cs dann, „liegt im Parasitismus, in der großen internationalen Organisation der Juden. Wer daS aus irgend einem Grunde irfiiorirt oder umgebt, der kan» die aiitiseiniti'che Bewegung nicht er kästen iliid bietet den Juden Gelegenheit, sich zu verlheidigen Früher hat man^ die aiiiisemilische Bewegung vom religiö'c» Standvunkle aus behandelt, aber die>sr Siandpilnkl war unhaltbar und mußte aukgegeben werden; dann be- - bandelte man die Judenkrage allein vom Racenstantpiinkle aus, und die Juden k»hrcn unS nun ihre Gelehrten ins Feld, die beweisen müssen, daß in den Atein der Juden heidnisches oder christliches Blut rollt oder umgekehrt; allein gegen unseren Slaiidpunkt, den Parasitismus und die große internationale Organisation der Inden, hat man sich noch nicht gewendet, so daß wir krage» »inne:'.: Ist dieser Staudpunkl kür dir Juden und ihre Werkzeuge unangreisbar?" linier „ihren iikelehrlen". welche, die Juden ins Feld fuhren, neniii das Autist,»'tei-blai: auch Anatole Zlerou Bcaulieu, testeu bedeute»»« Werk eben im „Freren Blau" erscheint Si >-streu lieft <-oiii|«>nere miurnis, könnte inan mit demselben Rechte auch >ür Joban» Simander in Lienr die Jude» veranlirorilich mache» und ihn als einen idrer unbedeultnden Scribeiuen bezeichnen. Was der geistvolle kran östiche Gelehrte unternimmt, nämlich, da» Widersinnige des Aniistniiusmiis vom Eonfeifionsunk Racenstandpunkle dar znlege», geschieht >a auch, steilich o>'t unbewußt, seitens teS Steyrer Schrift stellerchenS. Wer in Oberösterreich lebt und Bersolgungen der Juden vom Standpunkte ihrer „großen iiiternalionalc» Organisation" rcchtsertigen will, ist entweder wirklicst blind oder simulirt Blindheit zu Ehren Meister Dühring'S. WaS endlich die Phrase vom „Parasiteiilhui»" der Juden betrifft, so entbehrt sie jeder Begründung. Ei» russischer S.taatsralh mußte ja zugeben, daß im Gouvcrncment Mohilew 76 dl Percent sämintlicher Handwerker Juden sind. Parasiten sind die Taugenichtse, welche, anstatt fleißig zu arbeite», Beschränkungen für Mitmenschen herbeiwüusche», um wie i» der „guten alten Zeit" «ist deren Koste» zu leben. Ta« ist der ganze Schlüstel zur Antisemiterei! «Zum Futtcrausfubrvcrbot.) Die Niedertracht der aiiiisemilische» Schandpreste zeigt sich bei jedem Anlässe. Tort, wo ein Ausfuhrverbot herbeigewünscht wurde, schreiben die Hetzblätter, leider iväre daS Berbot zni» Portheile jüdischer Spcculanten nicht rechtzeitig erlassen worden. Tagegen bringe» die sauberen „Schriftleiter" mit Rücksicht auf jene Gegenden, welche über hinreichendes Bichfutter für den Export verfügen, Zuschristen von Bauer», in denen das Aus fuhrverbot als der fandwirthschaft abträglich nnd nur, de» Jntereffen einzelner Acticngescllschaste» entsprechend hingestellt wird. Der Mangel an Geistei» sinii, daS Großziehen von Sonderinterestc» und in jtdeni Falle die Anschwärzung des „jüdischen Capital«" als des Urhebers alles Bisten — daS ist die „Social reform" dieser Sippe. <Cv-tiie „nationale Missethat".» Das Troppauer Anliscinitenblättcheu verkündigte eine nationale Missethat eines „judenlibcralen" Abgeordnete», nnd Alles, ivas in Raccn-, Elaste» und Conseisioushetze macht, beeilte sich, diese SensaiionSineldung" zu verbreite». Wir sandelt sie in Wiener, steierische» :c. Antiscmitcnblättcrn, sclbstverständlich -auch in dem Organe deS Kainpfcaplans Opitz. Ter Abgeordnete wurde angeklagt, in der Nordbahnstation Schönbrunn eine» Eonductclir tschechisch angesprochen zu habe». TaS wäre freilich eine »» verzeihliche Mistrthat gewesen, allein so arg war cS nicht. Wie ein schlesische» Blakt feststellt, trug sich der Borgang in folgender Weise;»: I» Schönbrunn inüstc» bekanntlich die von Wien über Prera» kommende» Fahrgäste ninsteige», wenn sie nach Troppau wcilerfahren wolle». Ter Ausenthalt ist beiden Eil zügcu sehr kurz Ter Abgeordnete ries einen A>beiter, den er duf dem Bahnhöfe stehen sah, au, kamii dieser das Gepäck in ein Coupe deS nach Troppau ab gehenden Inges trage. Ter belrestcude Arbeiter schien die Austorderung nicht zu verstehe», worauf der Abgeordnete sie in tschechischer Sprache wiederholte. Nun erscheint die Sache i» einem viel milderen t'ichle, und vielleicht ivird jetzt sogar Herr Opitz sich enveichen lassen und dem „jutcnliberalcn" Abgeordneten denen nationale Sünde veizeihen. «Zweierlei Maß.! Im preußischen Enltusministeritti» wird,gegenwärtig eine Tenkschrist ausgearbeilcl, in welcher die Frage des polnische» Sprach und Religiousuntcrrichtes eine allieitige eingehende Btlenchlung finde» soll. Tie „.greuzzeilung" bemerkt hiezu: „Tie Polen ersüllen ihre Bürgerpflicht. Mehr kann inan von ihnen nicht verlangen; eine Politik, die sie deshalb bc fcindele, weil sic nicht deutschen Slaniines sind, würde ja gegen die elcmen tarsten Greindsätze der Gerechtigkeit verstoßen." Tein Blatte der Tivoli;Anti icmitcn wird aber mit Recht die Frage entgegeugehalteu, ob nicht die deutschen Büiger jüdischer Abstainmung ihre Bürgerpflicht ebenso treu wie die Polen erfüllen, und ob, was den Polen gegenüber „gegen die clemeinarsten Grundsätze der Gerechtigkeit" verstößt, etwa den Jude» gegenüber gerecht ist. «Tee Werth antiskmitischer Reklamen.) Tic in Warschau erscheinende „R o l a" brachte, wie dies bei Anlisemilcnblätlern üblich ist, vor Kurzem folgende Rcelame als Brieskastennoliz: „Wir rathen Ihne», sich an Herr» Rechtsanwalt Teodorowski zu wenden, er ist ein hochgeschätzter und geachteterMauu und ein vollkouunen überzeugter Christ. Gegen mäßiges Honorar wird er Ihnen über Alles, was Sie wissen wollen, AuSknusl ertheile». Möge Gott Sie vor einem jüdischen Rechtsanwalt, der Sie maßlos betrügen würde, behiitcn." Nach fünf Tagen konnte man aber im Warschauer Polizei-Anzeiger lesen: „Auf Au ordi'ung des ObcrpolizeimeisterS wurde der Rechtsanwalt Teodorowski wegen Betruges und Unterschlagung verhaftet und sein Bureau geschloffen." Zur gefälligen Beachtung! Tcr erste Jahrgang des „Freien Blattes" ist durch unser Burcail gegen Einsendung des herabgesetzten Preises von ö. W. fl. 1. oder 2 Kronen (statt ö. W. fl. 2.50 oder 5 Kronen) zu beziehen. * Beitrittserklärungen zum „Bcrcin zur Abwehr des Antisemitismus" werden cntgegengenoinineu im Tccretariate deS Vereines Wien, I., Pariscrgafle 4. Alwt»nrmr«1»anmeld«ugen auf das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, l., Seilerstätte li), jederzeit entgegen. Ebendaselbst werden auch einzelne Nummern abgegeben. r Probenummera für weiteren Berbreituug des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen aus Berlangen bereitwilligst zur Aersügung gestellt. Herausgeber: Ernst Bicto» Zenker. — Berantwortlicher Redaeteur in zeinveiliger Abwesenheit des E. B. Zenker): Joses Borwahlner. Truck von Eh. Reißer ii M. Werihner, Wien.