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Freies Blatt · 1893-07-30 · 69 (30.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
69 (30.7.1893)
Date
1893-07-30
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Seite 8 Freie» Blatt. solle», derartige „Dhaten" richten sich von selbst. Selbstredend wird auch in diese», Artikel fest daraus loSgelogen. Die Pfründner werden «IS bedauernwertste Opfer hingestellt, welche hungrrnd und frierend auf den Steinfliesen bti Versorgiing-hauseS liegen und den Klüngel, der provisorisch untergebrachten Militärcopclle zähneklappernd zuhören. Davon, daß die Arinenhauspfründuer die Beheizung und Beleuchtung sowie die höchste normalmäßige Armenportion täglich erhalten, weiß der wackere Arier nichts. De» letzten Rest der Ruhe raubt aber den, ivalndeiisiicbkudrn Lorrespoudenteu der „Deutschen Wehr" das neue Friedbofsgebäude, welche- »ach ihm 40.000 st., der Gemeinde indessen nur 30.000 fl. kostet, ,Anf 10 000 fl. mehr konimt e« ja nicht än!) Dieses Gebäude knthält jene Räume, die sür de» Friedhof nolhwendigerweise hergestellt werden mußte», nuk für welche nebst dem pwjcctirten Portale in tinsacher Aussühruiig D-'.OtlO fl präliminirt waren. Der Gemeindkausschuß hat aber i» der richtige» Erwägung, daß es eine Ehrenpflicht der Stadl sei, die den Todten geweihte Statte würdig zu schmückt», ein Project genehmigt, »ach welchem mit einem Mehransit>a»d von 8t'00 fl ein der Feierkhchkeit des Ortes entsprechendes Gebäude bergestcllt wurde, der Stadt zum Schmuck, der Bürgerschaft zur Ehre, ,Zur Kennzeichnung des Ahlwardtismus.» Stöcker, der parlamentarisch Obdachlose, welchen überdies Böckel und Ahlwardl i» unterschiedliche» Ver saininlungc« so beichiinpsen, als ob er ein Jude wäre, rächt sich an seinen Peinige,» durch Zeitungsartikel, Das „Boll" behauptet, däß ein Unterschied zwischen „aiisläiidigei»" und „unanständigem" Antijcniitismns gemacht werden niüsie. erkennt die Richtung LiedermannS, des RilterUcr Ehrenscheinc, als anständig" an. nndcl aber Bcrstöße gegen de» Anstand in der Richtung Böcke!» und »och mehr i» >e»er Ahlwardt'S, Das Stöcker sche Organ schreibt: „Roch weit' verderblicher als das Böckellbnin ist der AhlwarktismiiS. Hier liegt noch deutlicher hie Absicht vor, allein durch wilde Berhetzung der Stände in de» ' unteren Vollskiciien sich eine Macht zu ichasie», die der Social Tcmokralie so ähnlich siebt wie ei» Ei dem ankeren, nur darin verwerflicher, daß die Ver lreiung der Arbeiterinlercsidu bei der Social Demokratie ivenigstcn« möglich, hier nicht einmal denlbar ist, Ahlwardl hetzt gegen die Inden und Junker in gleicher We:>e, aber gegen die crslcrcn sehr inr Allgemeinen, gegen die levlercu in d>,e rassinirlksien Berechnung mir dem durchsichtigen Bestreben, begehrliche Ärbeilermancn unk eifersüchtige Kleinbürger gegen die Besitzenden „nd Bocnehme» ans zii'viclen , , . Ahlwardl hat den Vmten in Reu Stettin ver iprochcn, daß er ihnen de» Liter Branntwein zum Preise von 2Ö Pfennigen verschasse» will. Eine Verheißung, wie sie in dieser nackten Schamlosigkeit unicreS Wissens niemals weder von einem Fortschr ittler ' nock, von einen, Social Demokraten ausgesprochen worden ist. Da« Empörendste ist, daß alle diese Tinge unter dem Schilde von Monarchie »nd Ehrisrenrhum verübt werden. Eine so grauenvolle Heuchelei, daß man in der Dbar starr dasleht." Die verschiedene» antiscinitischc» Seelen ver stehe» es vorPiglich, gegenieilig ihren Werth abzuschätzen. > „Franenkbre."-) Die „Staatsbürger-Zeitusig" warnte wieder einmal eie deutschen Frauen, sich nicht von Juden umgainen zu lasien, „Wir lpiden to oö getagt," so jammerte sie, „däß der jüdisch« Geist der Lüsternheit unser sittliches Lebe» vergiftet, und daß wir Schutz des denlschen Sittlichkeitsgefühl« gegen jüdische Unmoral lordern," Dazu bemerkt tresieud unsere Berliner Abwehr collegin : „Die biedere .Staatsbürger-Zeitung' wird gewiß nicht behaupten wolle», daß die Landwirlhichaft verjudet ist. Und doch betrachte sie einmal die ,moralische» Beziehungen zwischen Gutsbesitzern und ihren weiblichen Untergedenc» mit derselben Dheilnabme, Ein gewiß unverdächtiger Zeuge, der Rationalökonom Weber, sagt im Band III der landwirthschasilichen Euquöie, welche der .Verein sür Socialpolitik' angestcllr hat ,S, 63l : PatriarchaUsche Beziehungen baden ansgchört, wenn man lischt etwa intimere Bcziehnngen von Besitzer» oder deren Sehnen zu den Mägden, ost genug auch zu de» Franc» der Knechte und Lohn gärtner dazu rechnen will. Auch Wirihschastsbeamtc sind vielfach sür solche patriarchalische Silke», besonders wenn ihre Principale sie culkiviren " ,Warnung vor drm „entarteten" Antisemitismus.» Die „Dresdener Röhrichten" warne» vor dem „entarteten" AnlikemitismnS, von dem sic 'elgcnde Schilderung entiversen: „Der jüngst zu üppigster Blülhe gediehene Dnvus des enlarleten AntisemilisinuS ist der AhlwardtismuS, der leider bei der leichtgläubigen, urtheilSloien Menge in letzter Zeit so erstaunliche Erfolge erzielt hat. Bei dem Ahlwardtismus und den verwandlen Richtungen tritt an die Stelle der reinen Begeisterung kür die Idee der schwärmerische Eultii« zwci'clha'ier Persönlichkeiten, die, wie Ählwardt, ,»n des Eigen nutzes willen, um einen irübcren Schiffbruch wetlzumachen, mit der frechen Miene eine; Biedermannes und ausgerüstet mit einem reichen Maß Nr. 69. demagogischer Kräfte den du n klen In stincte» derMasseu zu schmeichel» verstehen. Statt der Sache zu dienen und das Urtheilsvermögen gesund und unbestechlich zu erhalte», werden diese Götzenbilder der Partei augebctet. Die schlimmste» Orgie» hat die antisemitische Parteisucht in der letzten Wahl^ beivegung gefeiert. Mit der ganzen. Leidenschaft und Verblendung, mit der Ueberlreibung und Verlogenheit, wie sie dem engherzigsten Parteiwesen eigen ist, wurde bi« in die letzten Tage hinein von gewissen Führern und Anhängern des Antisemitismus gewühlt. Der absprechendste Unfehlbarkeitsdünkel, die krasseste Unduldsamkeit, die den Pacteisanatisinus kennzeichnet, richtete die vergislete» Pfeile besondcrS gegen diejenige», welche nilchtcr» und belonnen zur Mäßigung, zur Verständigung, zur Einigung mahnten, welche vor Ver bitternng, vor Verfeindung der nalionalgesinnlen Elemente warnte». Der gehässige Ehrgeiz jener antisemitischen Parteigrößen, die in ihren Bestrebungen nur ihrer Selbstsucht Opfer bringe», wählten sür sich und sür ihre blinden An Hänger, uni wirksamer sür ihre eigenen Interessen zu agitire») als Gegenstände der Feindseligkeit Persönlichkeiten aus dem Lager der benachbarten Partei, die ihnen sonst vielleicht Abbruch thun konnten., , . Als eine nationale Ehre will man eS sich anrechncn, Sachsen zur Hochburg des Antisemitismus zu machen; aber eine Schmach sürSachsc» würde cs sei», wenn es di«Hochburg eines gleicligesinnte» pscudoantiseinilische» Gesi ndelS würde, wie eS in de» Berliner Versaminlungcu sein Unwesen lrribt." Abstrahiren wir von den Ausdrücken „ent, artet"- «nid „pseudoanlisemitisch", so ist diese Schilderung eine zutreftende. Das Treibe:, der Anlisemite» ohne jede AuSnahine kann gar nicht besser beleuchtet werdeu. Tie Logik des Dresdener Blattes aber bringt eS zustande, u»millelbac nach dieser Schilderung da« Verlange» nach Aushebung'der Iudenemancipation zu stellen. O saia-U gjmplicitas! Das Radau Gesindel würde auch daun nicht unschädlich gemacht werde», sondern umso lauter in den Rns Ahlwardt'S ei» slimmen: „Ter ländliche Grundbesitz' müßte unter die armen Leute gctheilt werden," (MrschtscherSkij schränkt seine „Judeiifrcuudlichkeit" kin.) Die.,Rowoje Wremja" ist über den Fürsten Meschtscherskij entrüstet, der sich nicht abgeneigt zeigte, die Juden in die rnssiichen Dörfer hinein zu lassen, ivogege» er doch sonst selbst stet« geeifert habe. Früher, sagt die „Rowoje Wremja", habe er die Maßregeln der Regierung, die charanf abzielen, die Bauer» von den Juden zu separircn, immer gebilligt, jetzt habe er eine plötzliche Wendung gemacht »nd offenbare sich als Gegner der Maßregel» ividrr die Jude». Dieser Umschlag in der Ueberzeugung des Fürsten sei wohl „klimatischer Perturbatio»" oder gar einem Fliegenstich zuzuschrcibc», Fürst Meschtscherskij selbst sah sich veranlaßt, seine kürzlich kundgegebene „Iudenfreundlichleil" eiuzuschränkc». Er wolle, erklärt er im „Graschdanin", allerdings die Ansicdluug von Iudengruppcn in beliebige» russischen GonvcrneincntS, ziigestehe», hauptsächlich in Sibirien, im Rorde», besonder« an der Murmanküste, aber nur uutcr völliger Vernichtung de« Kahal PrincipS. Eine „Gefahr" bilde bloS der reiche, gebildete, Handel und Gewerbe treibende Jude, Ter ungebildete Jude wolle nur den Erwerb, um sich zu ernähren, der gebildete aber wolle herrschen. Fürst MeschlscjscrSkij spricht sich in abfälligster Weise über die „liberale Humanität" und „'Toleranz" auS, welche in den Sechzigerjahren zu Eoncessioncu an das Iudenthum führten, die eS „klugen und unlernehincnden Juden" auch in Rußland ermöglichte», sich zu „hohen Stellungen" einporznschwingen. Jetzt dürste die „Rowoje Wremja" den Fürsten Mekchtscherskij wieder an ihr antisemitisches Herz drücken. Briefkasten. „Ggbert Haller." Wir sitzen Ihnen nicht auf; Ihr angeblicher Raine ist in keinem Adreßbuche verzeichnet. Auch an und sür sich ist die Angabe, Vergani wolle die „Unversälschteu Teiuscheil Worte" wegen ihres gegen ihn gerichtete» „P ö»i»"-ArlikelS gerichtlich belange», nicht glaubwürdig. P. G., Wien VI. Sie habe» Recht. Herr Lueger kennt sein p. r. Publicum. Wen» er sein glücklich übcrsiandeneS Abenteuer mit den Worte» schildert: „DaS Lomsorlablepferd fuhr entgegen der polizeiliche» Vorschrift mit außerordentlicher Schnelligkeit über Kreuzungspunkle, aber kein Sicherheitswachmann fand sich, der taS Pferd zur Ordnung verwiese» hätte" — so weiß er, wa« er thut. Ein wenig die Polizei „sro^eln" — das trägt" in dieser Gesellschaft immer Beifall ei». L. D., Ried. Die Borniriheil jenes Organes, gepaart mit Böswilligkeit, ist wohl bekannt. Anläßlich der Enthüllung de« Hasner Denkmals in Ischl äußerte es, daß nur die Juden Ursache hätte», dem Schöpfer der Reuschnle dankbar zu sein. Beitrittserklärungen;um „Bcrrin;ur Abwehr des Antisemitismus" werden clitgegtiigtiiomiiicu im Lccrctariate des BrreincS Wien, I., Parisergasse 4. „ Al»»a«eme»t»anmrld«ttgen auf das „Freit Blatt" nimmt die Administration, Wien, I., Seilrrstättr 10, jederzeit entgegen. Ebendaselbst werdeu auch einzelne Nummern abgegeben. Prodennmmern zur weiteren Bcrdreitung des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen auf Berlaugeu bereitwilligst zur Lerfüguilg gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker, — Verantwortlicher Rcüacteucp(in zeitweiliger Abwesenheit des E. V, Zenker): Joses Vorwahlner, Druck von LH. Reißer & M. Werthner, Wien.

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