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Freies Blatt · 1893-05-21 · 59 (21.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
59 (21.5.1893)
Date
1893-05-21
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Freies Blatt. f Seit* -6. (Anmi* «itölidi über Sie dcnlschkil gilben lind '.Hutiiemitett. Oh einem Ö'cipiiidjc mit einem tioirciponöcniai' der „'^oIkiiiui" iit '.'fern Vlcif iiiißcrtc sich HauS Kudlich über die Jude» lind die Antisemiten wie folgt: „Hier in Amerika lernt man sic kennen alle die verschiedenen Racen »nd Nationen. Der Berliner, der Wiener und Prager Jude, seit Jahrzehnten theilbaftig deutscher Bildung, ist hier ein io guter und besserer Tentsched, als mancher ungebildete Plattdeutsche oder Tiroler. Ter in Berlin, Frankfurt, Wien und Prag gebildete Jude weiß die Herrlichkeiten deutscher Bildung, Sprache, Poesie und Lebensweise zu schätzen und steht uns anderen Tcutschen treu zur Seite, um deutsches Wesen, deutsche Schule», Musik und Poesie liier unter den Yankees zu conscrviren. Thnc sie könnten wir . geradezu unser deutsches Theater schließen. Wo sind die -MX) 0()0 Nr'w- Borkcr Tcutschen? Im Biersalon, in der Kegelbahn oder beim Scatsvielen im Clnbziininer! lind der Erwerbssinn? Nun, ^fa können die Inden wohl noch bei den Amerikanern in die Vchrc gehen, lind neben den Anglvsachscn sind cs unsere Plattdeutschen, welche cS verstehen, OVlö zu machen; zu sparen, gut zu spccnliren und das Erworbene zusammen zu halten . . . Kann cs ein erbärmlicheres Schauspiel geben als wie cs gerade Troppau bietet, wo die von allen Seiten in ihrer nationalen Große bedrohten Tcutschen sich als antisemitisches Fähnlein von der großen deutschen, liberalen Arm« abtvnincn »nd, - statt mir PanskTkisinns und Eompagnic losziiichka'gcii, einen lcidcnschastlichen "Angriff gegen die srcisinnigcn Tcutschen nntci nehmen? Wahl hastig, man mochte au der Zukunft einer Nation verzwciseln, welche in gesahrvollstcr Vage gar so wenig gesunden Menschenverstand culwickelt. Nirgends hat der Äntiseniitismns so viel Unglück angcrichtet als in Tcntt'ch Scstcrrcich. -Was versolgt und abgcschlachtet wurde, das ist die Einigkeit unter den Tcutschen. In.^rnriivcrcincn und Gesang vereiven sowie in politischen Bcrcinen hat aer Antisemitismus sich als schädlich'erwiesen, als trennend, schwächend^ dcnioralisircnd und vcr rohend. Tas deutsche Wien ist -iit Folge des- Antiicmitisnius zur politischen Thninacht vcrurtheilt. Der edelste Ertraet des deutschen Bolkslebens, der deutsche nationale Gedanke — er ist zu einem Spott, tu einer Earicatnr geworden, indcni er stch verbunden hat mit dem häßlichen Antisemitismus. In Wien und in den Provinzcn ist jede politische Thätigkeit, jede Energie gelähmt durch die llncinigkcit, welche ins eigene Vager — in den Schulverein, in den Turnverein und Gesangverein diese Antisemiten liincintragen. Sit haben keinerlei' Ans sichten, ihre haarsträubenden, ungerechten und inhumanen Ideen durchzufübren, aber cs gelingt ihnen, die Tbütigkeit, den Eiter und die Begeisterung der Tcutichen zu lähmen. Tic Änti'eniiten streben,etwas an, was gegen alle Regeln und Gesetze des Rechtes und die .Hnnianität gebt, sie schlagen der politischen Klugheit ins Gesicht und sic schädigen direct in Tcsterrcich das ohnehin von allen Seiten sehr bedrohte Teutschthuin. Welche Unklugheit in Böhmen, Mähren und Schlesien, wo jede einzelne Stiniiirr.von Gewicht ist, das deutsche Iudenthnni 'mit brutaler (Gewalt ins Vager der Slaven hinüber zu treiben?. Schon die brutale Rohheit dieser Antiscniitcn schließt stc ans den Reihen der berechtigten Kämpfer." I Proccß Paasch.) Ter am s. d. M. vertagte Proceß gegen de» berüchtigten unliscinitischen Hetzer Paaich wegen Beleidigung des preußischen Instizniinifters Schclliug und mebrcrer höherer Beamten des Berliner Auswärtigen Amtes, darunter Tr. Käufer und von Eichhorn, kam am l>. d. M. vor der siebenten Strafkammer des Berliner Vändgerichtes znm I. Anstragc. Nachdem der «^'erichtsbof die Anträge des Bcrthcidigcrs Hcrtwig,, stch wegen des Wohnsitzes Vcipzig des Angeklagten incoiupetcnt zu erklären und die Sache bis zur Bcrhandlung der alteren Straii'ache wegen Beleidigung des O'e sandten in Ehina, v. Brandt, zu vertagen, abgclchnt hatte, wurde die Berhandnug anfgcnoninicn. In Paaich'Broschüren, betitelt: „Protest cingabe an den Reichskanzler Caprivi", wird außer der Auklägc der Bestechlichkeit und des ehrenrührigen Bcrhaltens in Geldsachen gegen die genannten Beamten der Instizminister v. Schclliug lczichtigt, mit einer Prostituirtcn, »Teodora Kleinert, unlautere Beziehungen gehabt zu baden. Außerdem behauptete Paasch, der Iustizininistcr sei im Proceisc Bnschhoss bestochen worden: serncr, mau habe ihn, Paaich, in China zu Gunsten der Juden berauben wollen re. Alle diese Beschuldigungen erwiesen sich in der Verhandlung als völlig baltlos, speciell die betreffs der angeblichen Beziehungen des Ministers zu der genannten Frauensperson, von der Paasch behauptete, sic habe gleichzeitig zu Schclliug Pater und Sohn Beziehungen gehabt. Ter Staatsanwalt theilte mit, der Instizminister fei bereit, als Zeuge zu erscheinen: dies wurde aber nicht sür nothig erachtet, weil jene Person bei der Bcrnehmung weder den Instizminister kannte noch irgend ein HauS in der Boßstraße, wo er wohnt, näher als Trt der Beziehungen bezeichnen konnte, endlich sich als morphiumsüchtig erwies. In An- Nr. 5i». betracht der schwere» Beschuldigung und des dadurch gesähidele» '.Hit schens des Instizministers vernriheiltc daS Gericht de» Angeklagten zu einem Jahre und drei Monaten Gcfüngniß. lEiuc Wormser Bkulgeschichlc.! Tic Prager „Genicindczcitung", Ccntralorga» für die Gesainnitintcresscii des Indenthnins in Böhmen erzählt nach einem „Wunderniärchen" (_M;iasi*h nissim) betitelten Buche solgendc Geschichte, die sich 1430 zu Worms abspieltc: „Einst kam ein Ehrist zu einem jüd scheu Hausvater und sagte ihm im Bcr trauen, er habe ein Kind von sechs Jahren, welches er an die jüdische Gentcindc verkaufen wollte, weil er gehört habe, daß die Inden Ehristeublut brauchten: cs wäre ein starkes »nd gesundes Kind, und man würde gewiß so. viel Blut von demselben erhalten, daß man lange Zeit hindurch lein Kind wieder zu kaufen brauchte. Ter jüdische Hausvater, darüber im höchsten Grade entrüstet, nannte den Christen einen Schelm, weil er sich unterstände, so etwas Schändliches vor einem Inden zu reden. Taraus ging der Christ fort, kam aber am anderen Tage wieder und sagte zu dem Inden: ,Tu hast mich gestern mit harten Worten abgcwicscn; ich habe mich aber genau erkundigt und weiß jetzt, daß cs Wahrheit ist, daß Ihr Ehristeublut braucht. Tu hast aber nichts von mir zu fürchten; von nur erfährt gewiß Niemand etwas. Was für eine Strafe hätte ich auch zu grwarte», -wenn so etwas hcranskünic? Es stünde ja mein Veben auf dem Spiele.' Ter Jude war über das Betragen des Christen sehr erschrocken und glaubte, cs stecke Trug und Vist dahinter. Er wies zwar den Christen wieder ab, ging aber zu den Vorstehern der Gemeinde und erzählte ihnen die-ganze Sache. Tie Borstchcr meldeten cs der Tbrigkcit und diese beschloß, daß sich zwei ans ihrer Mitte als Indcnvorstchcr verkleiden, und sich mit dem Cbristcn in Unterhandlung cinlasscn sollten. Tiefe begaben sich nun mit de» Borstehcru und zwei verkleideten Gcrichtsdicncrn in die jüdische Gemcindcstnbe, sandten den Inden an den Christen und ließen ihn bitten, sein Kind in die Gemcindcstnbe zu bringen, wenn er noch willens sei, cs zn verkaufen. Sogleich kam dieser mit seinem muntern, blühenden Knaben und ahnte nichts von der eigentlichen Absicht der Versammlung: denn die Rathshcrren hielt er für Iuden-Äelteste und die Gcrichtsdicncr sür jüdische Gemeindcdiencr. Taraus forderte ihn einer der Borstchcr auf, ja das tiefste Stillschweigen zn beobachten, weil sonst der Magistrat mit ihm und der O'cmcinbe unbarmherzig umgehen würde. Er legte darauf einen schweren Cid ab, und machte von 'Neuem seinen vorigen Antrag. Nun fragten sic ihn, wie viel er für das Kind verlange. Ter Christ verlangte eine sehr große Sninmc. Tic Borstchcr ständen über die gewaltige Forderung verwundert auf, und versichert», so thcucr noch nie ein Kind gekauft zn haben. Unser festgesetzter Kaufpreis ist', sagten sie, 40 » Gulden, und mehr geben wir auch dir nicht.' Ta der Christ sah. daß mau sich durchaus nicht zn einer größeren Stimme verstehen wollte, so gab er daS Kind dafür hin. Tic 400 Gulden lagen schon ansgczählt da, »nd indem sic der Christ einstrcichcn wollte, sagte einer der Rathshcrren: Aber tvir selbst schlachten nie ein Cinistcnkiiid: dn mußt das selbst tbnn, sonst können wir das Kind nicht brauchen.' Auch dazu beancmte sich der nnnatürlichc Batcr, und so ließen dann die, Inden von dem Schlächter daö Schlachtmcsser, womit sic ihre Thiere schlachteten, und einen säubern Kessel zum Auf sangen des Blutes holen und hießen nun de» Christen das Kind an Händen und Füßen binden und lodicn. Scho» machte sich dieser bereit, den fürchterlichen Auftrag zir erfüllen, als die Gcrichtsdicncr auf. ein Zeichen ihrer Tbrigtcit hcrbciiprangcn, ihn ergriffen, an Händen und Fußen fesselten, »nd in das tiefste Gefängniß warfen. Tas Kind brachte der Magistrat ins Waisenhaus, der Verbrecher aber wurde mit dem Tode bestraft." (Ifniiiii>»;iI mit fl portsis.) Bor einigen Tage» war das Kißling'fchc Bierloeal in Breslau der Schauplatz eines autisciiiitischen Ercesscs. An einem Tische hatten, wie die „Breslauer Gcrichtszcitung" bcrichtrf, uichrcrc Breslauer Kanflcutc mit ihren Tamcu Platz gcnoniincn. In der Gesellschaft befanden sich einige Schweizerinnen, mit denen sich die Herren in französischer Sprache »nterhicltc». An einem Nachbartischc saßen ein Hauptinann der dortigen Garnison in Uniform und ein Herr in Civil. Als eite der Schweizerinnen an dem Nachbar tisch vorbciging, erhob sich der Herr in Cipil und versetzte ihr einen Stoß, dem er, als sie wieder a» ihren Platz znrückkehrtc, einen zweiten Stoß folgen ließ. Tic Tarne hatte anscheinend sein Mißfallen erregt, weil sic Französisch sprach nud schwarze Haare hatte. Sofort trat einer der Begleiter an den Tisch heran, »m den Mann zur Rede zu stellen, und versetzte ihm, als dieser nach feinem Gegner schlagen /wollte, eine solche Thrfcigc, daß er vom Stuhl hcrabsicl. Ter Gezüchtigte erhob sich und holte aus, um die Tante zn schlagen, wurde aber hieran von dem Kaufinannc durch eine zweite Thrscige verhindert, die ihn wiederum zu Boden streckte. Inzwischen hatte der Tfficicr das Ziinntcr verlassen,

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