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Freies Blatt · 1893-04-02 · 52 (2.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
52 (2.4.1893)
Date
1893-04-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AbonueineiitSpreis: 0rgan zur Abwehr des Antisemitismus. Rcdaclion und «imtiuiftratioii; ujl^yeig mit Poflzuseubung . . fl. 3.50. * -—■—* linl C11 ^Mll-iiil'riii fl. 1.33. Bkcrtetladrig fl —.65 vin,c,„k »lummcrn i rr. Erscheint an jcbcm Sountngt. l Seilerstätte 10. Nummer 52. Wien, 2. .April IIM. - II. Jahrgang. Tic heutige Nummer des „freien Blattes" ist 20 Seiten stark. Wir bieten in derselbe» das stenographische Protokoll der Sitzung des deutschen NeichStages vom 22. Mär;, in welcher die Vernrtlieilnng Ahlwardt's und des Ahlwardtisnius erfolgte. 2ldolf Kschhof. Bor -15 Jahren an einem sonnigen, leiizeölachendcn Märztagc war cS, als der Name Fiscbhof zum crstenmale von tansenden,! von Ntilliviien Zungen mit heiliger Verehrung genannt wurde. Am Morgen des 15}. Mär; halte Fischhof durch seine an die . tauscudköpfige Menge im Hofe des SläudchanseS gerichteten Worte daö Eis gebrochen, den zündenden Funken begeisterter Thatenlust aus den Herzen geschlagen, und alö' der bis dahin noch gänzlich unbekannte Redner geendet hatte, da begehrte man laut und stürmisch nach feinem Name»; man wollte die Persönlichkeit, die . so mächtig auf die Geister, gewirkt, näher kennen lerne». Man wouer pcy ihrer förmlich für die Wcit>rführuiig des eben > begonnene» Brudcrwerkes versichern. Denke» wir uns »nir einmal, so schwer es auch gehen mag, dieselbe oder wenigstens eine > ähnliche Scene in unsere Tage verlegt. Denken wir »ns wieder! eine nnüberschbare Menge versammelt, welcher der Muth und die Klarheit mangelt, ihre» Gesinnungen, ihrem Willen, dem Zweck! ihreS Kommens einen verständlichen Ausdruck zu gebe», und 1 wieder tritt ein junger unbekannter Mann vor sie hin, »in ihrem Denke», ihrem Fühlen Worte zu leihen. Es ist kaum schwer zu! errathcn, welches die brennende Frage wäre, die sich sofort auf i Aller Rippen drängte. Was ist der Mann? Jude oder Ehrist?! Arier oder Semit? ginge es blitzglcich von Mund zu Mund, und : wenn sich nun die furchtbare Gewißheit hcrauöstsUle, daß der Redner ein — Jude sei, bann wäre daS Urlheil über ihn be siegelt und unwiderruflich fcstgesteUt. Und wenn er mit lausend j feurige» Zungen zu sprechen wüßte, und wenn ihm die hinj reißende Macht einer ungewöhnlichen Persönlichkeit, des reinsten i Scclenadcls zur Seite stünde, wie sic Fischhof wirklich besessen; was nützt dies Allcö, wenn er doch ein Jude ist? Ein mitleidiges Achselzucken, ei» verächtliches Rückenkehren, ei» spöttisches lächeln wäre uunu 1808 der Erfolg dessen, was anno 18-18 Tausende, die Beste», die Edelsten des Volkes, rührte, erschütterte, entflammte, zur Aufopferung des eigenen LebeuS hinriß. In dieser Gegenüberstellung charakterisirt sich der traurige „Fortschritt", den wir dank den Ausklärungen gewisser moderner Volksapostel gemacht habe». Ans den Lehren der Geschichte geht hervor, daß das freie, sich selbst bestimmende, für sich selbst verantwortliche Jndividnum, die Person in ethischer und juridischer Bedeutung das höchste Product einer mühseligen Enllurentwicklung sei, und die liberal-demokratische Doclrin hat die Bedeutung dieser Person, dieses Individuums zum obersten politischen Grundsatz gemacht. Dieser Geist war es, der die Heldenjünglinge und Männer am Morgen des 13. März in die Herrcngasse trieb, dieser Geist war es auch folgerichtig, der einer gewaltigen Person, einer Individualität voll Reinheit und «Seclenadel, wie derjenigen Fischhof's, jene spontane Anerkennung und jene politische Bedentnng verschaffte, die ihr im ganzen Verlauf deS Stnrmjahreö zukamen. Daß er ein Jude war — was lag daran, da er doch eine glühende edle Feuerscele war?. Wer dachte .überhaupt daran, ' sprach davon in einer Zeit, wo cS sich darum handelte, die höchsten Ziele der Mensckheit zu verwirklichen, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit cinzuslehcii mit Wort und Thal? In unscrer.Zeit ist dies freilich Alles anders geworden, die Reactio» hat eS grausam klug ciugefädclt und den Baum der ^sittliche», socialen und politischen Entwicklung am Marke aitgehauen, indem sie den bereits lebendigen Sinn für die Bedeutung der Persönlichkeit verdunkelte und verwirrte. Der Antisemitismus aber war eS, welcher der Rcactiou damit bcisprang, daß er für diese Arbeit das. Werkzeug lieh: nicht der Einzelne ist für sich groß, nachahmenöwerth, schätzenswerth oder auch verrucht, verantwortungsvoll, vcrachtcnSwcrth, sondern die Eonfession, zu der ersich bekennt, die Race, der er angchört, entscheidet alle diese Fragen im Vo>hinein, unfehlbar und inappellabel, die Person kommt überhaupt nicht in Betracht, wenn cs sich um ein Verdienst oder Mißverdicust handelt. Die Generation von heute kann cs gar nicht begreifen, -wie fich das Volk von Wien durch einen. Juden begeistern, durch einen Inden auführcu lasten,, wie cs ciirei» Juden eine Autorität in die Hände legen konnte, die eine Zeit lang überhaupt die einzige im Staate war; daß 'dieser Mann ei» Eharakter von wahrhaft antiker Reinheit, ein Fcucrgeist ohne alle Härten und Schroffen war, daß er, von dem unumschränkten 'Aerlraueu seiner Zeit mit ungewöhnlicher Autorität ausgestattct, diese auch nicht für einen- Augenblick zu Unguusteu des Thrones vd/r des Volkes mißbraticht, daß er zuletztselbst ein Armer,- doch immer - nur auf'S Wohlthun dachte — alles das kann wohl derjenige, der sich überhaupt noch die Mühe genommen hat, sich mit dem LcbeiiSlaufe eines Juden zu beschäftigen, zwar nicht leugnen, aber Fischhof war und blieb doch ein Jude, und die Zeit, diejenen Manu erhoben, muß ihm unverständlich scheine». ES wäre weit vom Ziele geschossen, dies bloß als lieferen Unsinn hiuzustellcn; in dieser Erscheinung liegt die eminent anticulturclle Bedeutung des Auliscmitismus. Es gibt ja auch sonst noch genug Mensche» mit fünf gesunden S>»ukn und einem normal arbeitende» Hirn, die gleichwohl für eine Mordlhal nicht den Mörder, sondern dessen Familie oder Elan verantwortlich machen, und auf dieses. culturelle Stadium der Sandwich- und Fidchi Insulaner, der Papuas und Patagonicr sucht uns im Wesentlichen auch der Antisemitismus zurückzuversctze». Und leider ist dieser Gesichtspunkt derjenige der Zeit im Allgemeinen geworden und hat selbst Vuitc erfaßt, die sich sormcll »och nicht zum Anti semitisinnö. und dessen Herolde» bekennen. . Allerdings nickt so ganz! So sehr sich auch Viele die erdenk lichste Mühe geben, den Geist der Eivilisatiou-in sich auszurotlcu und todtzuschrcie», er läßt sich doch nicht ganz unterdrjjcken und hebt. stelS ueuaüflcbend sei» Haupt empor. Als am letzten Diens tag '— wieder war cs ein sonniger Märztag — Fischhof's Sarg von einer endlosen Reihe treuer Verehrer gefolgt langsam über die Ringstraße geführt wurdeda konnte man die Beobachtung machen, daß auch das Publicum, welches zufällig dem Zuge begegnete und vielleicht zum große» Thcile ans strammen Partei güngern dkr Antisemiten bestand, scheu zur Seile wich und fast wie verlege» die Mütze rückte. Was war cs aber doch, was diese Leute, die vielleicht eine» Augenblick vorher einen eyuischeu Witz über die Judenleiche noch auf de» Lippen hatten, so plötzlich Achtling und scheues Stillschweigen gebot? Fischhof war ja lein GeldkrösuS, er hatte keine einflußreiche öffentliche Stelle bekleidet,

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