Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 49 (12.3.1893)
- Date
- 1893-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441392--0489-4887015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Freie» Blat1. Nr. 49. rtürft Schwarzenberg proteftirte sehr energisch gegen die Rolle, in welcher man ihn La Halle auslrelen lassen, und eS wurde auch festgestellt, daß jene Erzählung ans falscher Jnt'orinalion beruhe. Tie Antisemitenpresse schreit ium Zzler und Mordio und verdammt die böse» „Judenliberalen", welche leichtfertig falsche Gerüchte ausstreue,l. Blätter, welche ihre ganze Existenz nur durch schamlose Berdächlignngen »nt bewußte fügen sriilen, erüreislen sich, über Leichssertigkeit in der Berbrejtung von irrige» Rachrichten strenge z» Gericht zu sitzen. Dafür, daß tie Entichiedendeii, mit welcher Fürst Schwarzenberg sich dagegen auslehnte, daß man ihn als Antssemiten-Pcotector ausgebe, für die Racenhetzer beschämend fei, scheinen „Schorualisten" dieser Sorte, nicht einmal Verständniß zu haben. «Laßt Euch nur von Ebristen curirrn!» Das „Deutsche Bolksblatt" vom!'. d. M bringt einen wnlhschnaubcnte» Artikel gegen jüdische Armen und Krankencassenärzte, der darauf hinausläuft, daS antisemitische Grundgesetz: „liauft nur bei Christen!" auch bei Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe iu.An Wendung zu bringe». Rach dem Regierungsprogramin erheische unser staatliches Leben ein friedliches Berhältniß ter einzelnen Eonfessione», Gesellschaften und Staatsbürger untereinander, uiid werte daher die Regierung Verhetzungen jeder Art mit Entschietendekl entgegentreten. ,Drr Mac Sinlev-Darif iu autiskmitischkr Beleuchtung s Tie Berliner „Bost", welche von Zeit zu Zeit den AntisemitiSinus, allerdings meist in verschämter Weise durch Eitale aus Antssemitenblättern, Wiedergabe, von wirklichen und angeblichen Aeußerungeu hochgestellter Persönlichkeiten :r, zu «nterftütze» bestissen ist, läßt stch aus London schreiben: „iKr. Phelps, der mit der .Elruria' von Rew-Lsark hier ankam, machte gelegentlich einer Eonversation an Bord des Schisses über den MacXinlky Tarif einige Bemerkungen, welche zur Zeit von weiterem Interesse sein dürften. Er sagte: Wenn man sich erinnert, daß zllin Beispiel noch vor zwanzig, ja zehn Jabren aus, dem Broadway in Rew:'wrk die Läden iämmklich noch alte, gute amerikanische Firmen trugen nild man heute den Broadway entlang wandelt und neben einem Juten eineu auderen Juden findet, io fragt man nach dem Grunde dieser Erscheinung. Tie Sacke ist einfach diese: Tie jüdischen Geschäftsleute haben die Mängel des alte» Zollverfahrens schmählich ausgebeutel dadurch, daß sie ‘{ne"ilnportirten Waare» weil unter deren WertK declarirten und so immense Zolldefraudalionen begingen, bei denen sie i'o viel profitirlen, daß^eS ihnen leicht gelang, alle Eon - rmrenz zu überwältigen und sich an die Stelle der reellen Geschäftsleute zu tetzen. Mag man.nun auch über de» neue» Daris denken, wie man will, er bat wenigstendas eine Gute, daß er dsn Zolldefraudalionen ein Ende gemacht bat. Ter MacKinley Tarif hat die Zolleinnahinen ter Bereinigten Staate» um .'<0 Millionen Tollars pro Jahr erhöht" Dazu bemerkt der „Reichsbole" trininphirend: „Älio dem Schwindel der amerikanischen Juden haben wir Die Maexinlr» Bill wenn nicht allein, so doch mit zu verdanken!" ES ist eine außergewöbiiliche Leistung, in so wenigen Zeilen so viel Unwahrheiten sammenzudräiigen. Unter dem „Mr. Phelps" kann nur der gegenwärtige ainerikaistsche Gesandte in Berlin oder der frühere amerikanische Gesandte in London gemeint sei». Run befindet sich aber Elfterer seil Wochen im Süden, und Letzterer wird erst demnächst mit dem Dampfer „La Rormandie" aus Rew- Rork nach Paris ressen, um an den Beraihungen der Behringsineer-Conserenz lheilzunehinen. Ueberdies würde sicherlich keiner von Beiden stch in der angegebeneu Wei''e aussviechen. Ter «ssewähroinann der „Post" venvechselt ferner die Zollverwallungsbill Marxinley's mit dem Zolltarif derselbe»: erstere sollte bekanntlich den Zolldefraudalionen. welcke, beiläufig bemerkt, sehr vielen christlicken Firme» nachgewiesen worden sind, ein Ente machen, während letzterer angeblich;um Schutze ter amerikanischen Industrie bestiminl ist.- Tie Ein. nabnien aus de» Zöllen sind denn auch nicht um 5o Millionen gestiegen, sondern last ebeissoviel gesunken. DaS gelammte Suflein MacKinley'S hat, wie die Congreßwahlen zeigten, schmählich Bankerott gemacht, und Mr. Psrover Cleveland bat in der Botschaft, welche er h»i Uebernahme der Präsidentschast erlasse», die von MacKinley betriebene Förderung einzelner Sonderinleresseu auf Kosten der Geiammtheil alS Krebsschaden der Republik bezeichnet, denen Beseitigung ein nationales Gebot sei. Vielleicht kommt nun die „Post" mit einem Petersburger Brief, welcher wiedeis einepr amerikanischen Marine csfieier die Worth in den Mund legt, taß bjuter Cleveland eigentlich die .\Iii:m<i‘ Nnxlitif T"niv«-rs>ell»* stecke. Wtz kaust man Eoufirmandeu Anzüge?) ^ns Chenlifitz in Sachsen :vild „ns geschrieben: Unsere Antisemiten arbeiten sehr stark in einer Art von Journalistik, in welcher sich die marktschreierischeste Reclaine auf daS Glück lickste inir der heftige» Idee de» AnriiemitisniuS verquickt. Sonst ivar es : einem Geschäftsmann nicht so leicht, fein aus Ladenhütern und verschossenem; Posel bestehendes Waarenlager an Mann zu bringen; heute wirft er einen mit . einigen antisemitischen Phrasen aiisgepntzten Reclainezettel in Form eine»! „Flug"- oder „Extrablattes" in die Welt, und das menschenfreundliche Werk ist ' gelhan. Tie Logik, mit welcher in solchen Flugblätter» alte, von Cavaliere» abgelegte Hosen oder wanzenstichige Occasionsmöbel zu den Fundamenlalfragen des Antisemitismus in Beziehung gebracht werde», ist oft rührend «am mir da vor einigen Tagen ein ans der großen Antisemitenstadt Leipzig versandte» I Extrablatt in die Hände mit dem Titel: „Wo kaust man Tonsirmandeu- I Anzüge?" Mit einer kühnen Volte springt das Schmutzblatt von dieser Frage j uicdia> in res, d. h. zur Beschimpfung der Juden. „Der Deutsche," heißt e», „vertraut dem Juden nicht aus Dummheit, sondern weil er nicht glaube» kaust, daß die verlockenden Anpreisungen der jüdischen Geschäftsleute nur auf Schwindel bertihe». Ter Deutsche hat Vertraue» zu seiner Obrigkeit und zu der Ge rechtigkeit der Gesetzgebung Er tagt sich: Wenn da« Alle» Lügen wäre», wa» die Inden in die Zeitungen setzen, so würde das doch die Polizei nicht erlauben! — Leider aber ist die Polizei und, die Gesetzgebung dem Judenschwindel gegenüber so gut wie machtlos. Seitdem die Jude»' Bai» berger'und Laster die sogenannte freiheitliche Gesetzgebung im Parlamente durchgesetzt haben, darf Jeder öffentlich lüge» und schwindeln, wie er Lust hat. Man nennt da» .Gewerbesreiheiss." Ist da» nicht köstlich? Aber es kommt noch besser. Bor Allem heißt e» »ach dieser kleinen antisemitischen Liebenswürdigkeit wieder zurück zu de» Eonfirmanden Anzügen die Brücke schlage». DaS ist sehr einsach. „Der Eonfirnianden-Anzug ist daS Kleid, mit dem der junge Mensch die Schwelle der Kindheit überschreitet, und hinauslriit in den Kampf »ms Dasein," sähet da» Flugblatt fort. „Ist da nicht recht die Frage am Platze: Was soll einst äu» „»seren Kindern werden?" — Gewiß eine schwierige Frage. — „Wie solle» fie ehijich bestehen im Leben, wenn alle Welt »nd wir selbst die Unehrlichkeit und den Schwindel unterstützen helfen?" — Ja, leider! Aber warum Ihun die Antisemiten daS? — „Kann uiiser Sohn, der ein Handwerker oder Kaufmann wird, sein ehrliches Forrkominen finde»," wen» ihr nicht ausschließlich bei Antisemiten kaufet, damit dieselben beständig »ichtS ihiin und eine kühle Blonde dazu trinken kölinen? „Kami »liiere Tochter jemals eine» rechtschaffenen Mann bekomme»," wenn ihr bei Juden ihren Confi rmanden-Anzug kauft?. Rein, gewiß niemals nicht, den» „die Confirmation ist eine christliche und deutsche Feier, »nd alle Elter» sollte» es al^ etwas Unschickliche« einpfindeu, ihr Kind ' in einem Judenanzuge vor de» Altar de» Herr» treten zu lassen! — Sie können nicht wi ssen, ob sie dadurch nicht vielleicht die ganze Zukunft ihres Kindes an den Juden verkauft haben." Die ganze Zukunft des Kindes ist also bedroht, wenn es in einem bei Juden gekauste» Anzuge zur Eoufirmation gehl und der „gemiedliche" Sachse, der »och immer seine Einkäufe bei Antisemiten besorgt, gehört wenigsten« dem „Geiste" »ach nicht Z» der anserwählte» arischen Raee Mahlzeit. s. d. Briefkasten. W.« Wien: Ter Gegenstand ist bereits erledigt V 2 , Vkatrixgasse Tie Angabe, daß der Abgeordnete von Kolomea und Eduard Kopp der Bereinigte» Linken angebören, ist zwar nicht witzig, verrätst aber eine» von Sachkennlniß nicht belasteten Skribenten und entspricht auch dem sonstigen figaro-parlamenlarischeu Niveau. Was die Angelegenheit de» >tii,I. n.ifd. Reustätter betrifft, so hat da« „Freie Blatt" bereits in Rr. 47 i» einer Münchener Eorresponden; constatirt, daß eine tendenziöse Entstellung des Vorfalles in den antisemitischen Blättern vorliege. Sowohl die Universität München al« auch das dortige Gericht stellten fest, daß von einer Unachtsamkeit Reustätter'», welche den Tod einer Wöchnerin verschuldet hätte, gewiffenhasterweise nicht gesprochen werden könne. Daß das „Deutsche Bolksblatt" die Hochschule und daS Gericht ignorirt, um nun die Münchener Assaire antisemitisch zu verwerthe», beweist wieder einmal die Gewissenlosigkeit dieser Herren „Schornalisten". Bergan, und. Hosman» v. Welle,ihos werden sich schon wieder vertragen. . (C. G. Frei: Für »nS nicht passend, soll jedoch venvendet werden; wolle» Sie sich daher in das Bureau deS Vereines bemühen. P. T-, Jägerndorf Der Nachricht, ^daß die „industriöse" Dame eine leibliche Cousine des Herr» Ernst Bergani ist, hat Letzterer bisher nicht widersprochen. Z«r gefälligen Keachtung! Wir machen unsere P. T. Leser ans die Noti; „Antisemitenhammer" ausmerksam! Beitrittserklärungen;um „Verein;ur Abwehr des Antisemitismus" werden entgegengmommen im Secretariate des Vereines, Wien, I., Parisergasse 4. Abo«nrme»t»anmrldungrn auf das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, l., Seilerstätte 10, jederzeit eutgegeu. Ebendaselbst werden auch einzelne Nummern abgegeben. ‘ L_ Probenummern zur weitere» Verbreitung des „Freien Blattes" werden Gesianullgsgeuosseu auf Berlaugeu bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber und verantwortlicher Redaeteur: Ernst Viktor Zenker. — Druck von Eh. Reißer & M. Werthner, Wien.