Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-02-26 · 47 (26.2.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
47 (26.2.1893)
Date
1893-02-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441388--0464-4886992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AdouiicmeiitSpreiS: Ganzjährig mit Postzufendung . fl. 2.50. Halbjährig ft. l.L'-. Bicrteljöhrig fl. —.05 Einzelne Nummern 4 kr. Organ zur Abwehr des 2Jnti|cmiti:?mus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration! Wien ' I. Keiterstätte 10. Nummer 47. Wien, 2(>. /cbrunr 1893. II. Jahrgang. G>ut* in Aorneuburg. Zwei Ereignisse van der größten Tragweite bereiten sich in diesem Augenblicke vor/und stehe» im Mittelpunkte jdeS Interesses nicht allein der Wiener, svndern auch der ländlichen Bevölkerung RicderösterreichS im Allgemeinen. Während der niedcrösterreichische Vandkag sich bemüht, dein Gemeinderathe der ReichShauptstadt de» politischen Polissvnerien einer gewissen Partei zum Trotze die Möglichkeit einer ersprießliche» Thätigkeit zu biete», schicke» sich die Bürger der Wien benachbar-.n Städlcgrnppe an. zur Wahlurne zu schreite», um einen Bertretcr in die niederösterrcichische '.'andstube zu entsenden. Die Berathungen deö Landtages über die Abänderung des Wiener Gemcindestatuts und die Wahlen'im Siädlebezirk storneuburg Stockerau- Oberhollabrunn bilden, wenn sie auch lischt gerade in ursächlichem Verhältnisse zu einander stehen, doch ein Ganzes merkwürdiger Art. Sie zeigen uns die Antisemiten auf im Borhinein verlorencil Posten mit der schäumenden Wuth der Ohnmacht, mit allen Mitteln der Rohheit, Vüge, Berdächtigung und Jntrigue kämpfend. Wir nchinen Len AnriscmiNLmuö zu ernst, um ihn lächerlich zu sindcn; aber anwidernd bleibt das großsprecherische, eiseniresserische Gehaben der antisciiiitischen Presse und Bereinsrediicrei iegenüber der kläglichen Rotte, welche Dr. lqnotz, oer Eandidatus von storueuburg, spielt. Der ehemalige Päzanini auf der Prager Oberschmpck Saite, der einzige», die auf seiner Geige schnarrte, der Mann, der nur einmal politische Poraliösicht bewiesen, daiiials uänilich, ald er sein Mandat »och rechtzeitig nicderlcgtc, che cs hin durch den Unwille» seiner Wühler genommen wurde, muthete er städtische» Bevölkerung deö Waldviertels wenig Ehrgefühl und ^elbstbcwußtsci» zu, alö er von ihr die Auffrischung seiner ab- .edlaßten Tribunengröße forderte. Der Man», der vor wenigen fahren noch hoffnungsvoll von dem Angenblicke gesprochen, wo ie Asche deö österreichischen Franziökerls die heutige Erde Deuischinds düngen werde, läßt sich nnn durch Pattai mit „kaiserlich üerreichischen" Phrasen cmpfehlcn; der ehemalige Slinimgcwaltige .m Böhmisch-Lcipa dämpft nun den sonoren Ton seiner Stimme zu inigen urchristlichcn Munkeleicn herab, uni die Proteetio» deö chivarzen, Prinzen zu erlangen; und der Man», der einst — cs ist ja och nicht so lange her die Bestrebungen der Antiscinite», Zünftler und glühenden Verehrer dcS Befähigungsnachweises so arg ver urtheilt, weil sie dem Handwerke nichts, gar nichts nützen könne», ven derselbe Mann candidirt heute auf das Programm Luegers, H',i dem er einst gesagt, daß ihn alle Parteien auSgcspien hätten. Ein solcher Wm,del in den politischen Grundsätze» eines Mannes ,'t a» und für sich ekelerregend und widerlich genug, und niati, mint unwillkürlich auf den Gedanken, warum sich denn gerade e antisemitische Partei, und nur sie, mit Borliebe aus Renegaten, olitischen Kautschukmännern und perkrachten Größen reerntirt. »»dessen half auch die Protection deö Pattai, Lueger, Liechtenstein mb Schneider nicht, der Einfluß dieser Bierbankpolitiker erwieö >h außerhalb der Bannmeile von Wien durchaus nicht so mächtig, vie jene Bramarbasse so gerne glauben machen, und die Bürger n Stvckerau und Oberhollabrunn lehnten, wie man von ihrem vjnndcn Sinn erwarteck konnte, Herrn Knotz als ^Eandidaten uikeiid ab, während von denen Korneuburgö im entscheidende» Momente das Gleiche zu erwarten ist. Die überwiegend intelligente Bürgerschaft der genannten Städte ist eS offenbar müde, sich durch Männer vertrete» zu sehen, deren einzige Thätigkeit zwischen „Heil! Heil!"- und „Hepp! Hepp!" Rufen abwechselt, an deren ganzem Wesen nichts stark und kraftvoll ist als die Stimme, die parlamentarische Eingaben im Raine» ihrer Wählerschaft unterfertigen, ohne sich von dem Inhalte unterrichtet zu haben. Die Sache deö liberalen, patriotische» und um das Vaterland hochverdiente», von der Gunst, des Volkes getragenen und von der Gnade des Monarchen ausgezeichnete» Gegencandidaten Frefherrn v. Ezcdik mußte naturgemäß in dein Augeikbiicke gewonnen sein, da er auf den Plan trat, und diese Einsicht, der sich selbst anti semilische Verbohrtheit nicht verschließen kan», erzeugte jene ohn müchtige Wuth, die den Antisemitismus in seinen staats- und gcsellschaflsgcfährlichen Eonsequenzen zeigt. Die antisemitische Verlcumdnngösucht, die v>rwcgc»ste Entstcllnngstechnik, der brutale TerroriSinuö feiern draußen im nahen Wahlbezirke wahre Orgien, inan kann gottlob hinzuseycn, mit dem einzigen Erfolge, die antisemitische Partei selbst zu discreditiren. Der anarchistische Eharakte.r, - den der Antisemitismus überall dort, wo er weder durch Freibier noch durch das Argument der Fäuste im Rechte bleibt, an den Tag kehrt, zeigt sich vielleicht nur noch im niedcröstcrreichischen Landtage greller, in einer für Blinde greifbaren Form. Die Politik der gemeindcräthlichen "Antisemiten, die politisch weit über die Verhältnisse der Eommune lebe» und chik Versprechungen um so freigebiger sind, je schwieriger die Erfüllung derselben ist, da ja nachher die „verjudete Majorität" dafür ver antwortlich gemacht werden kann; diese ebensowenig vom christlichen alö vom deutschen Geiste cingegcbenc Taktik kehrte ihre Schneide zuletzt gegen die Antisemiten selbst, indem sich die in der Verheißung goldener Berge so freigebige» Herrschaften eines Tages vor die Alternative gestellt sahen, entweder das den Lehrer» und Beamten so oft verpfändete Wort zu brechen und gegen die Ans bessernng der Bezüge cinzutrelen oder für eine Erhöhung der Steuern zu stimmen und eS dadurch mit einem anderen-Theil der Wähler zu verderbe». Ilm diesem Dilemma zu entgehen, griffen die frommen Montagnards unter dem zimperlichen Vorg'ebcn, von der Majorität schlecht behandelt worden zu sein,;»»> ExoduS,,zur Abstinenz von den Bsraihnngcn deö Genieindcralheö. Sie, deren einzige Thätigkeit hier oder dort, deren politisches A und O int- Reden, Schreien, Scandalireu besteht, entzogen sich eine der vor nrhmsten Gelegenheiten, zu», Fenster hinauszusprechen, von gewisse» Wählern gehört und bejohlt zu werden. Die Sackgasse, in welche eine unlautere, unreelle Politik immer führen muß, wurde damit vollständig, und cs ist daher nur zu verständlich, daß die Anti semitkn nichts sehnlichcr wünschten alö einen Vorwand, »,» wieder, natürlich rumorend, in die Ge»iei»deslube einziehen zu können. Der einzige Hoffnungsstrahl, der. in diese selbstverschuldete Trübsal hiueinleuchtete, ging von einem Paragraph des Gcmeindestalules aus, nach welchem für die Berathnng gewisser, hochwichtiger Vor lagen die Gegenwart einer bestimmten, von den Liberale» in ihrer heutigen Stärke nicht aufzubringendcn Zahl von Gcmeinderülhen nöthig ist. Statt jedoch die antisemitischen pärmniacher in die Rathsstube zurückzubcrufen, war die einstweilen zu einer gewissen Unlhätigkeit verurlheilte - Majorität so »»liebenswürdig, die Abänderung dieses Paragraphen, welche sie schon früher im Vandtagc verlangt hatte, zu urgire», um dadurch die spcculaliven Abstinenzler kalt zu stellen. , Man wird nun allerdings die ohnmächtige, knirschende Wuth einigermaßeit begreifen, welche die Antisemiten anläßlich der Be rathunge» über diese Vorlage im Landtage an Allen auslasscn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.