Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 46 (19.2.1893)
- Date
- 1893-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441386--0455-4886984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Freies WM Ab°n„tmelltsprtis: Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Sanzjährig mit Postjusrudung . . fl. S.ro. Haldjährig fl. irr. BierteljShrig fl. —.er ' etnjdiK Hummern«kr. * Erscheint an jedem Tonntage. Redaction und Administraliou: Vien I. Jeitcrflättc 10. 9Iumnter 4(i. Wien, II). Februar 1893. . II. Jahrgang. Berthold Auerbach über den Antisemitismus. Berthold Auerbach war bei den Wiener Studenten des JahreS 1848 eine hochverehrte Persönlichkeit, nicht wenig seiner Dorfgeschichten wegen, noch mehr aber wegen seiner Uebcrsetzung der Werke Spinoza's und der fesselnden Biographie des großen D.nkers, welche er den Werke» vorausgeschickt hatte. Man trieb eben mit großem Eifer Philosophie und studirte nicht nur Hegel, Schelling, Fichte und Kant, sondern auch die ältere», und nainentlich der PanlheiSmuS hatte begeisterte Anhänger. Bei der chrfuychtsvollen Scheu, welche zu jener Zeit junge Leute älteren, berühmte» Persönlichkeiten gegenüber in ihrem ganzen Betragen einzuhalten pflegten, war cs selbstverständlich, daß ich den ebenso geistvollen als gemüthlichen Mann bei seiner damaligen An Wesenheit in Wien wie tausend Andere zwar kennen lernte, ihm aber nicht freundschaftlich nahe trat! Intimer wurden unsere Beziehungen erst Mitte der Siebzigerjahre, da ich, reifer geworden, eingehend über manche seiner Bücher geschrieben halte und ihm von Dr. Max Friedländer vörgestellt worden war; er war nun, da die Haare an seinen Schläfen sich lichteten, von ebenso faSci- »irendem Wesen wie in seinen jungen Jahren, von unwiderstehlicher Treuherzigkeit, einer zuweilen verblüffenden Schlagferligkeit im Gespräche und einer Fülle voir geistreichen Einfällen, daß man mit Recht von ihm sagen konnte, er spreche Anthologien, llnser Berkehr wurde nun inniger; wenn er in Wien anwesend war, sahen wir uns nahezu täglich, war er zu Hause, so standen wir in einem sehr lebhaften Briefwechsel. Auerbach war beinahe stets heiter, ja man kann sagen, seine Grundstimmung war eine sonnige, und alle die gehaltvollen Aphorismen, die von seinen Lippen fielen, waren, wenn auch nicht immer harmlos lustig, doch meist von hellem Humor überschimmcrt. Das sollte sich aber plötzlich ändern und der so starkgeistige und frohmuthige Mann wie mit einem Schlage verstimmt, ärgerlich und zaghaft werden. Das geschah, wie die nachfolgenden, bisher unveröffentlichten Briefe darlhun werden, von dem Tage an, da der Antisemitismus sich regen begann. Bezugnehmend auf ein zwischen uns stattgkfundenes Gespräch, hatte ich ihm geschrieben, daß cs seiner nicht würdig sei, sich durch eine derartige barbarische Albernheit die gnte Laune verderben zu lassen. Da erhielt ich als Antwort nach- 'tehcndes Schreiben: , Berlin, IN Lanner 1876. Ten warmen,Blickder Liebe spüre ich in Zhrcr Belrachtnahme, lieber 'ianzoni, und das lhut wohl, mir jetzt doppelt, pa ich in diesen Tage» gegen eine sich alS Wisfenschastlichkeit austhuende Frivolität;» kämpsen hatte. Sie werden gesehen haben, wie ich B . . antworten mußte. Leichthin sagt der Mann: ' 11 und die Deinen, ihr seid keine Deutschen. La« heißt >a den Boden und per- -nilichc» Bestand enlziche». Was bin ich denn, wen» ich kein TenN'cher bin,, avo aheim mit Sinn und Denken? Und tvenn auch ein Mann wie er mir sagen tollte: mit dir, für dich gilt die Ausnahme — wie könnte ich daheim sein, man ideell meine Zugehörigen auSwiese V Rur schwer verwindet sich er. ahrene Ruchlosigkeit. Es gehört eine unzerstörbare innere «rast dazu, um einerkeil« in. Betracht der Berwahrlosung des Geschmacks und andererseits i» Hin 'üick auf Unbill den Frohmuth zu bewahren und ruhig und stetig weiter zu ibeite». Um so Wähler und ermuthigender empfinbet man dann eine Betracht abnie wie die Ihre. Herzlich grüßend, Ihr Berthold Auerbach.! Run findet sich in unserem Briefwechsel eine ‘ längere Zeit nichts über de» Antisemitismus; gesprochen hatten wir wiederholt darüber, aber schriftlich schwieg er sich über die löidige Frage gründlich auS bis zu dem Jahre 1880. Da erhielt ich dann ans Berlin unterm 5». December ein Schreibe», in welchem es hieß: . . . T» kannst Dir kaum dcnkc», wie mir die insame Zudenhctze alle« Dichten und Trachten zerstört, und dabei die Unmöglichkeit, gegen solche Epidemie etwas zu thnn! Alles literarische Treibe» und Wirken ist mir jetzt lies verleidet/"iind ich lveiß nicht, wann ich au« dieser Stimmung herauSkommc Dein alter B. A. Ich erwiderte in einem langen Briefe, der darauf hinauölicf, daß es sehr schlimm wäre, wenn Pfänner wie er wegen eines Zeitwahnsinns, der in der Geschichte in verschiedenen Formen wiederholt dagcwesen, zaghaft die Flinte ins Korn würfen; da gelte eS zu kämpfen und zu bekämpfen, stark und unermüdlich. Er antwortete umgehend: Berlin, N. December lwo So gut wie Tn, lieber Freund, hat mir noch keiner gethan i» dieser bitterbösen Zrit. E« gibt gewiß Biele, die ähnlich deuten. Za, das Hol; ha, latente Wärinc in sich, aber »i» uns zu erivärme», muß es drenncn.^Du hast sreilich Recht i» Teinem Briese, ich sollte, meinem Meister nachfolgend, die TageSdinge sub specte aetemi betrachte», aber da;n bin ich im Affect eine« Dichters und Patrioten leider »och nicht fähig. Zch glaub«, daß Niemand in Deutschland von dieser Judenhetze tiefer gekränkt wurde alS ich. Zch habe leben« . lang all mein Dichte» und Trachte», Tag und Nacht, meinetwegen sei eS z» pathetisch gewesen, mit voller Hingebung für die sinnst und daS Batcrland, für die reine Erkcnnlniß cingefet:« Zch hgbe begonnen um Darstellungen au« dem Zndenlebe», fortgesetzt mit solchen ans dem Bancrnlebe» und suchte;u zeigen, wie die reine Pspcht allen Erscheinungsformen immanent ist. Und nun innß ich, bei, 70(ii nahe, die Barbarei erleben: ich kann mich nicht pessimistisch »tu_ krempeln, so daß man sich deffen begnügen muß, daß eS doch auch noch gute, reine Menschen gibt... Zch kann Dir nicht weiter Alle« darlegen, dentz es ist;» viel. Nur ein kleine« Beispiel: Zch traf i» diesen Tagen den mir gut de freundeten Maler G . , er sah mich traurig, nnd^ich iggte ihm das Allgemeine und daß ein Freund wie Eduard Heller, der Philosoph, mit dem ich >eii 1> kameradschaftlich lebte, sich von der Unlerichri'i der 7" iGesinnnngSgcnomn > anSschloß. WaS sagte G. . .? „Za muß mau denn in dieser Lache zu einer oder der ' andere» Partei gehören?" Lo steht man jedem Einzelnen inii.nz würdiger Gestalt gegenüber. Ader genug! Zch werde mich schon wieder zunün finden, obgleich die LebeiiSerneneinng in allen Tagen schwerer vorangeln als vordem. Zch wollte Tir nur sagen, daß Dü mir unk den Meinen idenen idi Deinen Brief las) lies wohlgethan. hast, irnd dessen werde jch eingedenk blciln» als Tein , Bcrih. Auerba >1,. Auf meine Erwiderung erhielt ich unterm 18. December I^-'O ein Schreiben, in welchem u. A. zu lesen: Zch fange an, mir die Jndenhetze^etwaS ruhiger zu betrachte», es zeigt sub ja, daß die Zuden nur da« erste und beaueme AngrisiSobject waren gegen den Liberalismus, und überdies wirkt die tapfere Lchrift Mommsen'S klärend und ermulhigend. ' — - Auf ein Schreiben, worin ich meine Berwundcrnng aussprach, daß er darüber stauirr, wie nun so manche Freunde sich nicht - farbecht, sondern wctterwendig erwiese», antwortete, er: Berlin, 161 Zauner , Za, lieber Freund, ich weiß nicht mehr, wer de» Unterschied von Memchen kennlniß und Menschenkennerei gemacht hat; vgzi jener, die, die p'nchologi'ei'.' Erkennt,riß bezeichnet, habe ich etwa«, von dieser, die sich auf den zveliuiannit.t'cn Schnellblick zuspitzt, habe ich sehr wenig, »nd zwar io wenig, daß icknon i-dcr ''l ■