Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 45 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 45. Freies ijro&nnfl mit dem Stntiftmitilmu«.) Aus Prag wird uns geschrieben: T ie „ ~.'i c o t r i r I o ft* sagt in ihrer Nummer vom 6. t. M unter Berufung aus die ftn „freien Blatt" zum Abdruck gebrachte Zuschrift des Herrn Tr. S. Brumlik aus Selt'chan Folgendes: „Do facto gehl eS den in nationaler und i'ocialer Beziehung Nsts feindlich gegeuübcrstehcnden Juden gut, viel zu gut im Hinblicke auf ihre feindselige Haltung Es gibt diese Thalsache Zengniß eineiseitS von einer überaus großen Geduld und Güte des tschechischen Volkes, wie es airdererseils die llnansrichtigkeilunserer kleinen und großen' Führer tocuinrnlirl. Ein selbstbewußtes, energisches Bolk würde, unierstützt von gesinnungsehtlicheren Führern, schon längst die'em Mißverhültmß ein Ende gemacht haben: denn ein Mißvetbältiziß ist das Wohlbefinden und die Enlwicklnng des Zudeitthnms, ivelche uns Tschechen mit einem derartigen Gehaben in nalionaler und socialer Beziehung gedankt wird. Ein selbstbewußtes Volk, sagen wir, hätte die Inden gezwungen, eine moralisch ganz selbstverständliche Pflicht zu ersülleli, d. h. ihre feindselige Haltung aulzugebeU, oder' hätte Sorge getragen, den Zustand des Wohlbefindens der Juden um einige Grade. herabzuschranbeu. Im tschechischen Bolle ist bis zur Stunde der Aittisemitistmts nicht verbreitet, aber die böhmischen Juden mögen eingedenk sein, »aß die Hauptbedittgungeit für die Entwicklung des Antisemitismus im tschechischen Böhmen vorhanden sind, daß der^Anliieinitismus koinmen wirk und kommen muß, weint die Juden ihr Berhalten nicht ändern * , , , Wir glauben, der AnlisemitiStiitt» im „tschechischen Böhmen" braucht nicht,erst zu kommen, er ist >cho,i da, schon da gewesen oor der Geburt der „Neodvislost", denn er n>or ihr Bater Und dieses stind des Antisemitismus ist durch die scheinradicale Trapirung nicht schöner geworden. l Ter Jude Anzengruber. Ein bayerisches clerical antisemilikchcs Blättchen, das sich über den .TBsarrer von Xtrdifell" ärgert, bezeichnet Anzengruber als Juden Tem Hil-sarbeiler Änzettgrubers beim „Figaro", Herrn Masaidek, wird wohl Aehnliches nicht widerfahren: er schreibt nichts Zusammenhängendes und bringt nur im Schweiße seines edlen Angesichtes „lost Gedanken" znstände, welche hübsth im Lande bleiben und daher außerhalb der „Ostmark" keinem frommen Bruder im Antisemitismus die Laune verderben können. SudffdikN Entziehung.) Tie Ätttisemiteu älteren Jahrganges planen einen Einbruch in die Wahlkreise der Reuantisemilen. der Conserraiiven. Tas Organ der letzteren, die „Xrenzzeitung", droht'den Liebermann und Genossen für den Fall der Aussührilng diests Planes mit der Entziehung von Snbsidien. «RktiLipI Tas Organ der königlich sächsischen Regierung, die „Leipzi ger Zeitung", schien bcr ils vom AtttisemilismuS eitern worden zu fein, dm fiel nun aber wieder in denselben und schrieb aus Anlaß der Abfertigung, welche der preußische Mt'iiisterpräsidetff den Berehrern Ahlwardi's zutheil werden ließ. Folgendes: „Tas scheint uns zweifellos: für das Weien und die Bedeutung der antisemitischen Bewegung fehlt nicht bloß aus liberaler Seite das Bei stündniß; wir fürchten, auch in de« maßgebenden streifen der Reichshauptstadt unterschätzt mau die elementare Xraft dieser Bewegung Tieie Xraft aber entnimmt sie bei aller Unklarheit im Einzelnen ihrem llaren und allerivärts verstandenen Grundgedanken, daß die jüdii'che-Racc zu einem Einstusie gelangt ist, der ihr nicht zukomtnl. Ter Zeitpunkt scheint uns nicht mehr ferne zu liegen, wo dieser Gedanke trotz aller Schlacken, die der Bewegung uoch anhaslen. Ge- 1 ineingut aller Böller sein wird." Wie will das königlich sächsische Regierungsorgan den Einfluß der itidi'chen Rare ein schränken? Heraus mit positiven Bor schlägenl Soll es dem Grasen Limburg Slirum verwehrt werken, als Sprecher der;nm ÄttliiemilismuS bekehrten konservativen zu fuugiren, weil sein Großvater mütterlicherseits, Ebers, ein Jude war? Oder will das königlich sächsische Regierungsorgan im Sinne eines Tühring das Christenthum abschaffen und es durch die „nordische Gefühls- und ÄnschaiutugSiveise" ersetzen? sirause Gedanken.: Böckei'S ..Reichsherold" schrieb neuesteus: „Ein bürgerliches Gesetzbuch für ganz'Tettlichland ist unserer Meinung nach ein Nu Itnn. Tie Verschiedenheit der deutschen Stämme ist «o groß, die Rechts anschanung ist >'o verschieden, daß man getrost die Commission zur Beralhung dieses Unglücksbuches auflösen und das ganze Material ins Feuer werfen könnte". Zugegeben. Böckel, der bekannte hessische Antisemitenführer, hätte Recht, wo bleibt dann die Berechtigung des nationalen AinisemitiSmuS? Wenn schon die Teutichen — war wir übrigens trotz der Autorität Böckel's nicht glaubeu — in ihren Rechtsantchauungen >o auseinander gehen, daß eine gemeingiltige «Grundlegung der allgemeinsten Rechl»«ätze schon ein Ting der Unmöglichkeit «ein soll, warum kehren die Äntistiniten denn nicht zuerst vor den eigenen 8 la tt. , Thüren, und warum ereifern sie sich'dann so unbändig, wenn eine Anzahl Deutscher, die etst verhällnißmäßig spät in den Bestand der Nation auf geuomnten wurde, gleichfalls in gewissen Punkten von der Rechtsanschauung anderer Deutscher obweichen, was wir übrigens auch nur setzen, in dieser Allgemeinheit aber nicht zugeben. Der Fall zeigt unS wieder einmal, wie kraus die Gedanken gewisier Leute sind. (Wozu brauchen Juden Ehristenlippeu?) In München macht gegen wärlig ein auf der königlichen Frauenklinik vorgekommener Todesfall von sich reden, umsomehr als das „Vaterland" und die „Teutsche Volkszeitung", die Organe der dortigen Antisemiten, den bedauerlichen Unglücksfall in der sattsam bekannten Weise ansbauschen und ausschioteu Ein jüdischer Hörer der Medicin, R., batte vor einigen Wochen unter der Leitung des taghabendcn Assistenzarztes eine Geburt übernommen. Am Vormittage des fraglichen Tages beging jedoch R. den großen Fehler, sich in daS pathologische Museum der Frauenklinik zu begeben, um den weiteren Fortgang einer von ihm begonneneu Wissenschaft lichen Arbeit zu überwachen. Ausdrücklich steht fest und wurde in der silinik von -Herrn Geheimrath v. Winkel hervvrgehoben, daß R. weder eine Section vornah in, noch mit Leichemheilen in irgend eine Berührung kam. AIS nun die betreffende Frau acht Tage nach der Entbindung an einer acuten Infection ver ftärb und bekannt wurde, daß R. den Bei stoß gegen die Bestimmungen deS Institutes, wonach nur derjenige Student .eine Geburt übernehmen darf, der mindestens drei Tage hindurch sich vom Secirsaale sernhält, begangen hatte, beniächtigien sich die antisemitischen Blätter sofort der Sache und suchten unter den ungeheuerlichsten Verdächtigungen gegen das Judenthum überhaupt nach zuweisen, daß R. absichtlich einen Mord begangen habe. Sie stellen den Act so darals ob R. Leichenlheile zu irgend welchen mysteriösen Zwecken entwendet hätte. Unter allerlei Redewendungen wird erzählt, daß ft. sich zu geheimnißvollen, womöglich „i i tiieile tt" Zwecke» Lippen tuegidmttt und sein Ehrenwort ver pfändete, daß er überhaupt nichts am Eadaver zu lhun batte. Es ist, wie auS München mitgetheilt wird, allgemein bekaunt, daß 3t., ein fleißiger und streb sanier Sludent, schon seit Monaten eine Arbeit über die pathologische Anatomie der Lippen begonnen Halle, und daß er weder sein Ehrenwort gab, »och daß es ibm adverlangt wurde. Wäre das Unglück durch einen „Arier" geschehen, so würde der Todesfall wahrscheinlich aus Rechnung einer Inseclion aus unbekannter' Ursache geseyl worden sein. So aber wird die ganze Sache von den Autisemileu in ihren Blättern unter den sensationellen Ueberschriffen: „Ehrenwort eine« Juden", oder „Wozu brauchen Juden Christenlippen?" u. s. w. ausgeschlachlet. Brief Faften. Hilarikas. Tas-- antisemitische Witzblatt „Figaro" annoncirt französische Xaittschulatlikcl von drei Firmen, skennen Sie nid)! den BolksverS: Hciligcr Florian. ,veucrpatrc»». Bewahre unsre Häuser. ^ünd Ändren ihre an! * W. L i» Wahriiifl Tie Drohung Bergani'S, daß er bei den nächsten Wahlen den „Politiker" Banmaun bekämpfen werde, weil derselbe in selüein Lchanklocale dein . BolkSblatt" den Eintritt verwehrt, überrascht nnS nicht. Auckj die Form deS „Eingesendet", iveldze für diese Trohung gewählt wurde, ist anlisemitenüblich. ,Was den Bericht über Slcinwender's Auslassuugeu be trifft, so hätte es allerdings Status >,uo umeliere heißen sollen. Skeiuwender dürste es auch richtig gesagt haben, aber woher sollen das derartige „Schriftleiter" wißen? Anli-Auti. Sie wundern sich, daß Drumout nad) dem Bericht der „Tcutschen Bolkscloake" sich der Sympathien rühmle, „die er unter den Genoffen seiner Gefangenschaft gesunden hatte"? Wir hätten uns gewundert, wenn da« Gegentheil der Fall gewesen wäre. -Brüder 2- Warum stoßen Sie sich au dem Ausdruck „rückständig"? ZeitungsabonnementS werden doch allerorten im Vorhinein gezahlt. Prrnrgg. Wenn sich die „anständigeu Menschen" getroffen sühllen, so freut unS das. Aüf eine Polemik mit dem „Hausknecht aus dem Waldviertel" verzichten wir vorläufig, doch bitten wir, gelegentlich Ausschnitte zu sende» Besten Gruß. An unsere Lcmdkrger Aboilllkuteu. Tie ganze letzte Leinberger Post,wmde uns retournirt mit dein Vermerk: „Wurde nicht abgeholt." C 2-, Frankfurt a M Besten Tank, stammt nächste Nummer. Beitrittserklärungen;um „Bcrcin zur Abwehr des Aulifemitismus" werden enkgegengrilommen im Lcrrctariate des Vereines, i9ien, I., Pariscrgaffe 4. Abonnernrntsanmkl-ungen auf das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wie», I., Seilerstättc lli, jederzeit cnlgegen. Ebendaselbst werden auch einzelne -kümmern abgegeben. > Prodenummern zur weiteren Verbreitung des „Freien Blattes" werden Äcsiunungsgcnofscu auf Verlange» bereitwilligst zur Verfügung gestellt. * Herausgeber und ver-- .„»rtucher Redacteürr Ernst Victor Zenker. — Druck von Eh. Reißer & M. Werthner, Wien.