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Freies Blatt · 1893-02-05 · 44 (5.2.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
44 (5.2.1893)
Date
1893-02-05
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freies Blatt. Seit« 2. Kiri<K» ein, die einer anderen Racc entstammen als. jene, die mit ihnen diesclbc Sprache reden? Wcr slavischcr'Abkunft ist n»d das Deutsche als Muttersprache spricht, ist nach dieser Definition kein Dlavc, denn er spricht deutsch, und er ist kein Deutscher, denn, er ist slavischcr Abstammung. Er gekörte also gar keiner Ration an. Abgesehen hievon keimt man von Manchem die Abstammung nicht, oder sic ist nicht rein, (gerade.unter den Antisemiten gibt cs manche Vcute, deren Ursprung nichts weniger in als nrgerinaniich. Wenn man nun die er walmle Definition zugrunde legi, so kann mir solchen f'eiuen keine '.si'ation etwas anfangen: das mag ja praktisch auch bei manchcr anti sentimchen >kor»pliac zuircsscn, aber theoretisch nicht. Die Definition in al'ö ibattächlich unbrauchbar. Das vornclimste Merkmal der Ratio nalität und dasjenige, das über ^ic nationale Zugehörigkeit des Ein zelücn entscheiden miisi. ist die Sprache. Zur deutschen 'A'alion ge börtn die Personen, deren-Muttersprache die deutsche ist. Die nationale Gemeilttcllasl ist eine geistige, datier erscheint freilich in allen (Gebieten geistiger Bethäiigung das Rationale, und z. B. auch Sitte und Kunst find Belbarignngsgcbicke des. Rationalen, folglich auch Merkmale der Rationalität. verbinden dieselbe ttrarion und trennen verschiedene '.'rationell Allein uittcr-allen Dsscilbarniigni des Gentes ist die. Sprache einmal die unmittelbarste, reichlraliigsic, engste—Dprechen und Denken bat die Menschheit zusammen gelernt, und sie batte nie das eine ge lernt olme das andere — sodann aber ist von diesem Merkmal am sichersten ^u■—t*rtilmiiiciT, ob cs beim Elnzclncn vorhanden ist: ob Einrr deutscher Dille bnldigl, oder ob er in seiner Kilnslaufsossnug deutsch in,- darüber fönnen ' die Urrheile i'elir mannigfach austaUen, aber welche Muttersprache er bat, das in leicht und bestimmt fest ziisieUen Selbstverständlich ' bängt die nalioiiülc Einheit oder. ('V iclliedenbeit auch von der räumlichen Bereinigung oder ('Ktrcnnthcit ab: die Portugiesen und Brasilianer bilden nicht eine einzige Ration, ob wohl sie beide portugiesisch reden. Der Plnlologc würde wohl nach 'weisen können, daß die Dvrache zweier solcher Böller zwar im Material die gleiche in. tag aber die Begrine, die Anschauungsweise, die mit den Begrisfen veiknüpsie ethische Dchäpung sicll allmälig immer weiter von einander eiiifcriien — wie cs, langsamer und;limal in Folge des eoii'ervircnden Einslnsies .der allgemeiilc» Dchreibknnsi laiigiainer, auch'dir ",'auie klnin. Wenn dies richtig ist, so in auch in einem solchen Fall die Dvrache al.ein obnc dass die geogravbiiche 'Drcn iiung als ein zweites Moment in die Belrack^ng hineingezogcn zu n<trden braucht ein. sicheres Kriierinm der Aatiönalitäk. Doch ein iolclies Eiligeben in die Fachiviisenschasi in unnölhig. Do viel ist klar: die Rationen n'.iierschcidcn sich nach den Dprachen, die 'A'atioiialilätcii verwandeln' sich mit dem Wandel der Dprachen, und der Cinzcl/e ist -national, der die nalionalc Dprachc redet. Hienach kann von einer jiidischen Ration nur ''o lange gisprochen werden, als das Hebräische die Muttersprache der Anden in. Aepi gibt es in Deutschland keine kenijchen Hilden mebr oder doch nur noch im eonscssionellen Duinc des Wortes Ante, sondern nur noch jüdische Deutsche." Vükgeiiall tommi sodann ans die geschichtliche Entstellung. des Anti semiiismils und seine Begründung ans ökonomischen »>rd mirlhschaftlichcn Motiven im Mittelalter izn sprechen, und fährt hierauf fort: „Die Andtn waren gebasit, aber sie waren -,11111 Dhcil woblbabend. Der nichl woblbabende Dbeil wurde obendrein verachtet. Ab rer pöliriichcn UnlerdriNtling und der' wirikichasllickcn Berelendnng eines Dheilcs von ilmai iolgie d'e gefellschaiiliche Aectnnng uüd das sittliche Hcrabblickcn ans' sie als ans eine verworfene Elane. Die damals so entstandene genihlsmäßige Abneigung bat sich bis beute erhallen, iu der einen '"'egei.t mebr als in der anderen und bei dieser socialen «Gruppe siaittt als bei :ener, ie nach dem Bttronenwerdcil von der Concnrrenz der e'ud'u Der .Antisemitismus macht ne sich jevt wieder -,n '.'iiiye. :Viit . tf'.vcv Ansnal:in ebeha ndlnng bat man die Anden aber auch soli darn'ch gemaeln. denjüdischen Dondergcisl künstlich erhalten, ja mancher Ante ball sogar das Antenlknm in Folge denen noch für eine Ration, eblvobi es Acine in Do lit ein jüdischer?,'aiionalisuins da ohne eine :nd:>'che Razion Das Alles würde sich erncnern und wiederholen, ir nn es beitt',likage den Anliscinitcil gelänge, ein Allsnahmcrechr für d: .inten durch,nscl.-en, ja es wiederboll sich jepr in einem gewissen Ma>s. -nt . n in Folge dev »Autenbepe in den Bersammlnngcn und ans ke:i Dtränen. Aber noch mehr Man darf auch annchmcn, dass die l'-ebe -Eniwicklnng der indischen Anitelligenz, in'. Folge deren wir Anten in einer rUViK ann.f'en aus mit allen N'ebieicn, nicht in dem Mage >lalkgesunden hätte obne. die Bcrfolgung, die dem Asiden immer ein Dvorn sein mnsiie, seinem Berrolger überlege» -,u werden, den Druck dnicii KIngkcil -,u paralnsiren. Wie dcm Weibe sagt man dcm Anden ".'in ^nid Dchlauhcii nach, aber jenes hat der Mann und dicsc» hat das christliche Capital gerade.n auf den Gebrauch solcher Cigcnichaftcn ve:n'ü'nt: und nun nennen die.Eont'crvativc»' das, wäs ihresgleichen Nr. 44. künstlich gezüchtet haben, .natürlich', ,Raturordnung', .unausrottbar', weit cs ihren Antereüe» oder ihrer Dummheit so paßt. Dtiminc» für die Gleichberechtigung der Juden wurden erst im vorige» Aahrhnndcrt vernehmbar. Alle Welt rühmt die Denker und die Philanthropen, die für das Menschenrecht der Inden gekämpft haben, l'cssing hat im .Philotas' den Gedanken der Tolcran; cingeführt in die deutsche Literatur, und sein ,'A'athan' ist das Hohelied des deutschen Idealismus. Am vorletzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhuiidcrts traten daun Männer wie v. Goßlcr und Dove, die der praltischcn Politik und den Brdürfiiisscii des wirthjchaftlichen Vebcus näher stauben, mit der Forderung des gleichen Rechts'für die Juden aus. Damals konnte in Berlin noch kein Jude ei» Grundstück erwerben. Dicsc Männer fragten: Ist das gerecht? Sind die Juden lischt ebenso treue Untcrthancn des Königs und nicht ebenso brave Bürger wie die Christen? Also ist cs billig, daß man ihnen auch dici'elbcu Rechte gewährt wie diesen. — Dvs war wieder eine phila». . thropische Begründung. Auf die Bcrhültnissc des Gebens wurde zwar cingcgangcn, aber man beschränkte sich darauf, Gerechtigkeit zu fordern. Der Appell an die Gerechtigkeit hatte keinen Erfolg. Ziemlich gleichzeitig erstand im Audcnthum die Richtniig, welche auf Theilnahmc der Anden am politischen und literarischen Vcbcii der sie umgebenden Eulturnation drang. . . . Zwischen damals und jetzt liegt die gewaltige cäpitalistischc Entwicklung des XIX. Jahrhunderts, Wir lernten die Ratnrkrast in den Dienst der Production stellen, sie an die Stelle animalischer Arbeitskraft setzen. Der Dampf bewirkte die ungeheuerste Revolution in der Dcchnik. Das Capital wird allmächtig, und cm imii enscs Eapital ward erfordert. Die Jude» hatten das Capital, darum mußte ihnen die Gleichberechtigung gewährt werden. Das Jutercsse der christliche» Gcrmailcn erforderte sic. So war cs nicht die Gerechtigkeit und keinerlei ideales Motiv, sondern das ökonomische In-, terrsie der herrschenden ('huppen, welches eine neue -— die dritte — Phase in dcm Bcrhültniß zu de» Jude» erzeugte. Rur zur Per voilstäudigung war »och eine Reihe politischer Maßnahmen nöthig, die Beseitigung von Ansnahinciscsetzcn aller Art, die Abschaffung von TiffcrciitialzöUen Mid — die Jüdcuciiiancipatio». Sic lag iu unserem eigenen Antcrcsie, nicht allein im Interesse der Inden, und sic lag eigentlich schon in der Eonscqucnz der, capitalistischcu Entwicklung als solche», die nicht verträglich ist mit Borrechtcn, die sich auf Geburt oder Religion griiüdcn. Was hat sich denn aber nun geändert, das; jetzt gegen die Gleichberechtigung der Jude» wieder zu Felde gezogen ivird? Die'capitali stischc Production bietct heute ein ganz anderes Bild als in der ersten Hälfte unseres Jahrhiinderts. An Eapital ist nicht mehr Maikgcl, der Zinssuß ist gesunken. Die Sninme der von den Arbeitern erzeugten Mehi-werthe, die durch die Dcchnik enorm gesteigerte Ergiebigkeit der Arbeit, das allmälig in die Production ciligestossene Eapital des Adels — der sein anfängliches ..< falle» ließ — alles dies zu samnicn schuf eine solche Fülle des CapitalS, daß das jüdische Capital dem christlichen nunmehr als entbehrlich, als eine lästige Concurrcnz erscheint. Au der Bekämpfung des jüdischen Capitals hat also in erster. Reihe das christliche G.oßcapital ein Interesse. Deshalb unterstützen christlickjc Großcapitalisten". mit großen Summen die antisemitische Agitation. Zum Dank schont, ja fördert der AntisemitiSinnS im Par lamcnt die Interessen des christlichen Großgrundbesitzes. Der verschiedenen ökonomischen Ursache entspricht die verschiedene pnichologische Rarur des Antiscmitismns beim Kleinbetrieb und beim Gelehrte», entspricht cs auch, daß sich der Judenhaß bei letzterem meist >«vher. und unanständiger äußert als beim erstcrcn. Wie der Anti senlitismus der (Gewerbetreibenden und der AntiscmitiSnius deS Ge lehrten sich in der Ursache und in der ethischen Beschaffenheit unterscheiden, io vermögen sic sich auch in ihren praktischen Forderungen nicht zu einigen. Würden die Inden ans Industrie und Handel vcr drängt, so würden sie um so stärker den gelehrten Berufe» zuströmeu. Erfüllte sich dagegen das Bcrlaugcn, die Juden von alle» autoritative« Stclluiigc» scruzuhalteti, so müßte ihre Cchlcurrc»; in Industrie und Handel um so stärker fühlbar werden. Entweder besitzen die anti scmitischeil (''ewerbetreibcilden, die sich der letzten Forderung anschlicßcn, nicht diezur Erkeniitniß dieser Folge ausreichende Intelligenz, oder die Forderung an die (Gesetzgebung, die Gebühr»ng als politische Partei ist nur Maske, und sie sind befriedigt durch den nnmittclbaren privatwirthschaftlichen Effect der Agitation: Kaust nicht bei Inden, sondern bei uns'. Die socialen Forderungen, welche neben den lediglich *1 pütgeilau scheint tiier entweder ausschllkßlich deutsche Berhäliniffc vac Augen zu haben oder die Begrisie (Ntoßcapilalist »nd Großgrundbesitz zu >de» tificircii Lei »ns in Denerreich fördern einaitder nur die Antisemiten und die katifuildicilbesitzer. t

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