Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 41 (15.1.1893)
- Date
- 1893-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Freies Blatt. Zitdenfeindliches aus Galizien.) Ans Vcinbcrg wird lind geschrieben: Unsere Judenfeinde protcstircn, wenn inan sie Antisc>nikcn schilt, gegen eine solche „Bcrdächtigung" und Ihnn sich etwas daraus zugute, nicht so zu sein wie die „Wiener" Ernst Schneider oder Georg Schönerer - Dieser Proteste ungeachtet handeln sie gern', int (leiste des Antisemitismus Fu neuester Zeit wird nicht nur der Adel zur wirlli schaftlichen Schädigung der bilden ermuntert, sondern auch die Bauern schüft, welche inan, obwohl'sie'hiesür sehr wenig Eignung zeigt, zum Klcinlzandel künstlich hcranzichcn will, nui den oiibcit in kleineren - Vandgeincinden wirthi'ckiaftlich den ks'araus zu »lachen. Bicllcicht werden die gakizii'chen Fndcnscinde den letzteren Zweck erreichen: keineswegs aber weiden sic ans diese Weise der Bauernschaft aufhelscn und der Mafsenanswandernng des Vandrollcs Einhalt Ihnn, was nur gelingen konnte, wenn mclw Arbeitsgelegenheit geichaisen und die Volute UtiiT wirchschattlichcr Ar heiler erhobt wurden — Ein P r z c in ns l e r Vocal Matt grin in maßloser Weise de» dortigen Bürgermeister an, weil er in Betreff einer -Vloüergeschichie, bei welcher ein junges Fudcnmädchen die Hauptrolle spielte, sich nicht dazu bcrgäb, Proselntenmachcrei zu sörddrn.' iLchlllsjlldkll O.Dcr StflntöÜiirgerV Unter diesem Titel erschien in Berlin eine vrnr^crncm onben geichricbciic Broschüre, welche iolgcndc Thesen sorniulirt: l. Wir sind nicht deutsche Fudcn, sondern dculsche Staatsbürger indischen (^lanbens. - Wir brauche» und fordern als Staatsbürger keinen anderen Schutz als den der vertai'snngsinäßigen 'liechte, :! Unter Glaube und unsere Bi oral beruhen nicht aus den Volum vergangener Fahrhundene, spnderu aus den An'channngen, die ^wir einer modernen nationalen Erziehung verdanken, l Wir gehören als sinken keiner politischen Pattei an. Tic polnische Anschauung. ist, wie bie rcligiö'e, die Sache/ves Einzelnen .'> Wir ttchen fest aut' dein, Boden der Rationalität.. (Wir haben-mit den Fnden anderer Vänder 'keine ankere Geineini'chan als die siatholikcn nnd Protestanten , Teuischlands ntit den Katholiken-nnd Protestanten. anderer >ander: i k:e (f'emeiuicha't der modernen Etlük «> Wir berdainiuen die unsitt liche.Handlung des Einzelnen, weg t^lanbens er sei: wir lohnen j jede Berantworlung >nr die Handlung des einzelnen Fnden ab und! verwahren uns gegen die Bcrallgcmeiiicrnng, mit der fahrlässige oder j böswillige Beurtheiler die Handlung des einzelnen Ariden der ('Vuimiiit heit der jüdischen Staatsbürger zur Vast legen. ' -Mylttj-Ö f)C Ölige. Ter ehemalige Mitarbeiter der „>irenz, zeitnng" und Rcdactcur der „Hannsver'schcn Bott", Tr. Ehrißoph t Mv-veiS de Fongc, richtete ans Zürich an den Borstand des Berlilier BcreineS zur Abwehr des Antisemitismus ein schreiben, welches besagt: „ och erkläre l);antt meinen Beitritt zum Bereut zur; Abwehr des Aniiscinilisntns, indem ich von der Uebcrzcugnng ans gebe, daß der vcrcinsmäßigc >iampf gegen politischen Schwindel undA Wucher noch noiliwendigep ist als der gegen ökonomischen! Fch be j merkejedoch, das; ich nur den politischen Antisemitismus für sittlich j verwerflich halte/ dagegen die Betämpfting des Fndenihnms ans rcli | oio'ein nnd vbilo'ovliischem «Gebiet sowie auch im gesellschaftlichen - )'ebcn für notbwendig halte.'' r % I l Läliilcr-Avrcnc. Der „Rector aller" Tcntschcn", Ahlwardt,! erhielt, wie das „Berliner Tageblatt" meldet, von den Primanern; des Schneidemühle! <>'iiilinanums eine Zustiinmuiigsadrcsse. Schülerj Adresse» lind allerorten eine antisemitische Svccialität. Auch in der ..Bttmark" kial>cn Vcute von der geistigen und sittlichen D.ualität Ahlwardk's cs verstanden, sich solche Znttimmuvgstnndgcbnngcn zu per fchafscj! Ans Sein Paraviefe der Aiuisriliitcit. - Es ist noch nicht lange her, daß wir über einen ausschencrregcnden Unsittlichkcitsvroccß anS Veipzig berichteten, bei welchem die Mitglieder eines antisemitischen ElubS eine hervorragende Rolle spielten. Und schon wieder ist der Oiaitttj der ob ihrer „ unverfälscht christlichen" Gesinnung berühmten Stadt mit einem.ähnlichen Teandalproecne verknüpft. Am 12. Tcecinbcr v. F nämlftl) erhielt die Veipzigcr Polizei .ttcnntuiß, daß bei der Witwe! von früh bis spät 'ich eine sehr nüclc, jedoch nicht ganz unbedenkliche i .^'esellschatt hcrniiitreibe. Einige EriininKiften verschafften sich Zutritt j und fanden die anoiinincn Mitthcilungen voll bestätigt. Frau >{. beiaß | ein onencs Waärenloeal,' zu welchem eine große Wohnung gehörte mit - drei Ausgängen. Funge und alte VcbcmänNer hatten hier ihre Zu i 'ainutenküntte. Am I.'' Teeeinbcr erschien die Polizei und verhaftete die anwesenden Tanten ohne Unterschied der Stellung. Fetzt crtt zeigte es sich, daß nnter den Bcsnck^rinncn des VöealcS sich sringc Kranen ans gtitent Han'c bcsanden, wölchc sich (Gewinnes halber so weil vcr ge"cn hätten. Auch ein höherer Polizeibcaintcr ging hier als -Storni» "galt ilt voller Uniform aus und ein: inan linttc cs jedoch hier nicht mit einer vereinzelten Erscheinung zu thuu. Aus Rache machte die verhaftete Witwe eine große Anzahl ihrer „E-oll ginnen" namhaft-, und Nr. 41. bis nun sind nicht weniger als sechzehn solcher Dnarticre anfgchobcn worden, Etattinnen angesehener Bürger, T-licht er der besten isainilic» wnrdc» in lluxrunki betroffen und verhaftet. Ein besonders trauriges- Zeichen der Zeit bildet der Umstand, daß sich 'unter' den/zahlreichen Berhastcten kaum den Kinderschuhe» entwachsene Tochter „feiner Familien" befinden, Ramcntlich eine Inhaberin von solchen Wohnnngen, Fräulein W., sah durchwegs nur „Damen besserer -Stände" bei sich, Tic veranstaltete ThccS nnd -Soupers im kleinen Kreise, wobei cS hoch hergiiig. Rachdcm der Wci» die Ete nittlher erhipt hatte, wurde gctänzt. Auch dieser Tanz bildet ein bc solideres Eapitcl, mit welchem sich die Sicherhcitsbchörde zu beschäftigen hat. Es ist festgcstellt worden, daß M ü t l c r. i h r c leiblichen Töchter zu dem schändlichen V c bc n S w a n de l anhielten. Man bringt diese ciitsepliche» Borgängc damit in Zusammenhaiig, daß eine früher in sittcnpolizeilichcr Rtkl)tnng bestandene D rgauisation im Fahre 1 ausgchoben, allerdings nach Fahrcst'rist wieder ci.igcführt wurde. Fnzwischen habe sich jedoch daS Vaster zu tief in den breiten Schichten der Bevölkerung eingewurzelt. Hunderte unbescholtener Mädchen' hatte das schlechte Beispiel bereits dcmoralisirt. Sehr schnell waren auch Kreise der sogenaiinten guten' Gesellschaft, die vermöge ihrer Bildung, socialen Stellung und vcrfcincrtcu VcbenSanschanuug hoch über den unteren Elasien-stehen sollte», von der Seuche ergriffen worden. Ter Seandal ist noch lange nicht beendet: noch täglich entdeckt die Polizei neue Hohlen dcS Vastcrs, verhaftet sic zahlreiche Frauen und Töckttec angcscheucr Bürger, Fluten Allen, wird der Proeeß ans Grund von zweierlei Paragraphen dcS Strasgcsctzes gemacht Schwerer Strafe lullt auch eilt sauberes Ehepaar entgegen, welches einen schwunghaften M ä d ck> c n h a » d c l »ach Hamburg betrieben hat. So also geht cs in Veipzig zu, in der Hochburg des sittlich entrüsteten AntisciilltismnS! Ta hätte ja Alercknder Berg.t d r Berfasicr der saslibcre» Schrift „F n d c n b o r d c l l e", eine recket nette (ticl^-gcnhcit, Studien über, weitere „Enthüll n n g e n a n s d n N k l c n H ä n s c t^n" zw machen, und unser braver vierdinicnsionalcr Abgeordneter S chlelingcr fände reichlichen Anlaß zu einer netten Dffeubarnng über den M ä d'ch c np übel. Rur Schade, daß cs sich in den vorliegenden Fällen ausschlicgtzch um Arier handelt, unter denen sich, wie,man nach dem Drt der Han^nng schließen Knut, wohl auch zahlreiche -Gesinnnngsgenosscn des Herrn Schlesinger befinden' werden, , . - X (viii jiiriittflcirtiliignicr Aus still, i Fn Bi ü n ch c n hat dieser Tage eilte Bersammlnng der „<>t c sc l l sch a f t für modern cs Vcbcn" stattgcsnitdcn, welche zu dem in Tcutichland unter dem Rainen I*-\ H cinz e bekannten, gegen das lleberwnchcrn der llnsiit lickstcit auf allen l^ebietcn, alw auch'in der Kunst und Vitcralnr sich wendenden l^csche'svqrschlag Stellung nahm. Weniger intcrcsianl jedoch als die diesbezüglichen Berhandlttngen waren die Berfnchc einzelner, zum größten Thcil aus -tiünstlcr, Schriststellcr und Fournalistcntrciscn sich reernlirender Theiliichmer, den Aiitifemitisinus auch in die Beraiknugeti dieser tt'cscllschastskreii'e ecinzitschmtiggcln. Das; dieser Bersuch kläglich gescheitert, ist ein erfreuliches und für daS geistige München ehrendes Ercigniß, Viachdent ntchrcrc Üicdtier zur Sache gesprochen batten, crgri's Redactcur A, Buch »er das 'Wort, um in dem internalionalen Haustncchtion aller Antisemiten die Bcrsanttnlttng für eine Fcrcrei zu et klären Er frage, wo die Künstler seien, welche von dem Gesetz gctrossen werden? Es seien nur Schriftsteller hier, Bertretcr der ntodernen 'liichtung. der Vitcralnr dcS Mistes. (Schluß rufe. Die wahren itnftlcr und die wahre nnft werden nicht durch das Gesetz irritirt. Wcim das so sorkgehe, so komme nach der l<-x Hcinzc ein andetes Gesetz, die I,-x uln-iintli .lenn-nl'-iii! „Gott sei Tank! Wir haben noch unser sittenrciiics.deutsches Auge! Diese F r c-tn d l t n g c verderbe n u u s c r c K u n st, unser B o l k . . . Rufe: Welckze Fremdlinge?) u n, natürlich die F n d c n!" Ticicn Worten folgte große Bewegung, ntnsomchr, als thatsächlich hervorragende -tiüuttler wie Fritz llhde und Andere zugegen waren. Schriftsteller Bicr-bautn wendete sich in energischen Worten gegen Buchncris AusstibrnNgen. Es sei infam, die Fndenfragc auch hier hcreinznspielen. Wer das könne, fei ein Heuchler! Hier sei ein Protest gegen diese innerlich sittenlosen Menschen am Platze, Fn dem daraus sich erhebenden, von den Autiscutitcn geschickt in Scene gefetzten Tnninlte verschafft sich Herr Panizza mühsam das Work, um den anwesenden socialdcmokratischcn Reichstagsabgcordncten von München Herrn v Bollniar aufznfordcrn, sich ebenfalls zu äußern, Herr v, Bollniar meinte: Eines könne er sagen, daß in einer Arbcitcrvcrsammlnng die Antücmitcn keine solchen Scencn hätten machen dürfen wie heute Abend! (Beifall. - Redner verbreitet sich über die.TagcSfrage. Ter Künstler sei nicht da, nnt cs allen alten Weibern recht zu machen. Wie habe sich die Bii'tnchncr nttramontanc Prcsic seinerzeit darüber ansgehalten, daß die „Münchner