Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 37 (18.12.1892)
- Date
- 1892-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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feite s. '211 eihnacbts Hummer des „freien Blattes*. \ WeibncrcbLerr eines aßen Wieners l>011 Adalbert fiuffnrr. 1892. j"Jet als itt anderen fahren läßt die Iveibnachtsslimmung ans lieh wart’tt. bin rerdrießli nnd"3inwirkch und ärg're mi Uber alles Lebendige, das mir rer Auge» kumint. dl solche ftim münz is »nn grade rar Iveibnacbten höchst ungemütbli. Nit immer mar es so. fünft bab» mi die vorbereiliingen zu dem schönen Ebristussest mehr g freut als dieses selbst. Pie Rinder sein 'kämmen und bab'u, viel ram Ebristkin- und Knecht Ruprecht g'red't; sie sein kämmen mit ihr» Wunsch Zettel» f cbiilausweifen uzid bab'u rar mein' Aug» ihre ülutgab» g'macht mit an Fleiß, der für das ganze ^Xabr zu wünschen mar'. Dann aber a bab' i mit meiner Alten lange und ernste Beratbnngen 'pstag'n und Alle ausg'sebrieb'n, die zu beschenken sein, »nd was sie erhalten sall t>, und bab' wohl überlegt, wie ma dem. aber dem a Freud' mach» kann. Und da is über mi die rechte f limmnng kämmen, die Lust selber, in der i gealbmat bab. bat sie g'macht: würziger Tannendnst Geruch ran lvachslichtern und fsefterkueben scheint ste dnrebwebt zu bab'u. und Abends in der Dämmerstund' sein Erinnerungen ausg'stieg'n. süße, liebe Lrinne rungen, und Todte bam mi b sucht. 3'" Dunklen leuchteten plötzli unoeraenene Aug» aus/ die -er Mutter. die des Vaters. uiid wenn i die weinigen g'schlost» bab'. da mar's mir, als streiche a linde, weiche Sanb meine f tim. die einst t'altenlas war. aus der aber jetzt das f chicksal tiefe Furch» grab» bat. Da is mir das Berz so weich und warm g'ward'n. 's bat rascher als sunst im 3abr g'schlag'n, und lebendig is in 'mir der U'ille warn, alle Ulenschen.gleich zu lieb'n. Aber in dem beurigen Iabr will die sa selige und glückliche Iveib nachtsstiinmung nit kämmen. 3° sitz des Abends in meiner dunkle» Kammer, ganz vereinsamt mit gernnzelter f tim und arbeit' mi mit dem Eigensinn eines Kindes immer tiefer in die Mißstimmung hinein, such in all» Winkeln des Kapses lindes Berzens nach aU'm Widrigeil, was i erlebt bab'! Und all's Un> 'angenebme, Kränkende, fchmerzlicbe wirst mei pbantasie ans an großen Bauf'n^z'samm'. und in diesen schau i nun mit ingrimmiger Freud' hinein. Zerschlagene Bostnungen und vernichtete Träume. Kränsungcn des f tokzks? getäuschte Freundschaft — ach. viel des Bittren! Und da soll ma iw Weibnachtsstimmnngen Hetb», toll an so und so viele Menschen mit Liebe denken? Lieb'n sich denn alle Menschen untereinander? mach die Ang n mit an sebmeren f euszer zu, und da is mir. als ob plötzli a farbenprächtiges Bild vor mein' Gesichtskreis käm'. 3 leb' unter altes, liebes Wien, wie 's no von an steinernem Gürtel umschlosien war. Der alte f tejfel blicht so sreundli aus mi, der liebe Greis, der jedem U'icncr tief ins ßcrj g'wachs'n is. Und viele und viele Menschen leb' 'i a. a gii:miithines, fröhliches Volk, die wie die'Kinder lach» und scherzen, hn mein Ivien, mein schönes, herrliches ll’ieii! ■> Mit Entzück'n betracht’ i di. mit inniger Freud' schau' i aus deine Bewohner, deren herzliche G'mLtblichkeit von aller Welt gepriesen und bewundert wird. jdlötzli bedeckt a schwarzer fehlerer das entzückende Bild, nnd mir is. als ob a eisiger ftrom dnrel' meine Adern stoße. Und avieder wird s Liebt, nnd wieder feb' i a große, viel größere f tadt die i mit staunendem bewundern betracht! „lvo bin i?" frag' i bangend, nnd a ernste f tiniin' antwortet: „3,1 Ivien!" Mein« Blick' suchen, sie irr'» in dem Bäusermeer wie verlor'n herum, und namenlose Freud' erfüllt mi. als i mein’ 'guten Freund, den alten fte.stel, geflinden. 3 bab' ihn glei erkannt, trotz seiner neuen Kapp'», die ma ihm ans g'setzt bat, trotz seines grämllchen, mürrischen AusseH'ns. „lOas is dir, Freund?" frag' i, „fühlst dn di nit ganz tfc.imifei? in dem riesengroßen, mit stolzen zdalästen ningürteten neuen Wien?" „Ka fpur," gibt er mir mit grolleiidem Ton zi>r Antwoit; „'s war' mir am liebsten, wann plötzli a Erdbeben käm' und mi mit all de» prächtigen Bäusern, die s' um mi baut bab'n, und mit all' den Menschen, die da unter mir beriimzappeln, vernichten -tbät." „Aber Alter," red' i entgeg'n, „was bat dir denn die Gall' so ver bittert?" „Die Menschen, die Lent, die beut' in Wien leb»," ruft er mit Donnerstimme. „3 bab’ scho viel mitg'macht die viel'» hundert 3abr’. dfe i leb'; bab’a oft und oft mit schmerzlicher Betrübniß b'runterg'schaut.! den» mehr als amal is mei Wien schwer Heimg'sncht wor'n, aber der treue f in» seiner Bewohner, ihr festes Zusammenhalten bat manche dieser Wund», die der Krieg oder böse Krankheiten g'schlag'n bab'n. rasch vernarben lassen. Aber jetzt is a Krankheit in Wien, die das Wiener volksgemütb unheilbar vergiftet, die aus Menschen eftieit gemacht bat. 3 bin g'wiß a guter Ebrist, lieber Alter, und do schäm i mi, und zwar zum erstenmal, daß i a Glaubensgenosse jener vielen Leute bin, die die schöne EbristusleHre dazu beni'itz'n, um an Bürgerkrieg anzuzetteln. Mit iTTiTcrit Rachbarstaaten Hab» ma vieljäbrigen Frieden, denn unser guate Kaiser sorgt lcho dafür, daß nit nnnötbi das kostbare Blut seiner Bürger vergossen wird; dageg'n sein viele seiner Kinder, für die der Kaiser räterli sorgt, störrisch wor'n, sie stist'n Unfrieden ngid hab'n aus nns'ren g'mütblichon lvien a ftadt der Zwietracht nnd des Basses g'macht. Und das kränkt, das schmerzt mi, weil dadurch mei Religion, deren ältester Büter i bin, geschändet wird!" --Und wie der alte, f teste! so g'red't bat, da is mir plötzli klar wor'n, warum i nit in die richtige Weibnachlsstiminung kommen kann, nnd mit großer Erregung ruf i: „3a. es is wahr, wir Menschen selber rauben uns den Frieden, die Ruhe nnd Fröhlichkeit des G'mülbes durch nns're Leidenschasten, dnrch unser wildes, unchristliches Treib'». Das Berz is kalt wor'n, der f inn für das echte Glück bat sich abg'stumpst, drum hörn wir a nit die Weib nachlsb^tschast. die aller Welt den Frieden kündet!" Und als i' ausschau', is deb Alte f teste! verschwunden, nur i bab’ mi wieder g'sund'n in meiner klein', sinsteren Kammer. Aber der Zauber der Ehristzeit bat mi umsponnen, dichter nnd immer dichter, so daß i nir mebr von dem feb', was mi wie a böse Trud druckt bat, und i vermag die holde Botschaft zu versteh», die da verkülidet: „Friede den Men scheu, die streben gute Menschen zu sein!" Den lieben Lesern wünsch' i nun a, daß sie als' gute Menschen die Heiligen Festtage feiern .mög'n, und daß aus diesen heraus der Friede sie begleit ei n das neue^aHr! Denülpvüche. Reicht mitznbafien. mitznlieben bin ich da. fopbokles. Rur der liberale finn steht jeder Unterweisnna osten, und nur die liberale Doetrin ist einer Weiterbildung fähig. Es gibt Bekehrte vom Unalanben, abet nie vom Aberglauben. 3uiiins. -Ein Blirger genügt den Gesetzen nicht, wenn er sich begnügt, den f taatskörper nicht zu ben,trnbiaen; er soll auch keinen Büraer,-wer es ' u u t „ - . . ... ... , . sei stören ' Ifabrneit*liebe zeigt nch darin, daß man überall das Gute zn finden Montesauieu. und zu schätzen weiß. Goethe. Der Nachdruck lammtlicher Seiträtze ist nur gegen^vollftändige Angabe de«^ Quelle nnd des Anise» gestattet. Serausgeber nnd verantwortlicher Redaeteur; Ernst Victor Zenker. - Druck von LH. Reißer ch M. Werthner. Wien.