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Freies Blatt · 1892-12-04 · 35 (4.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
35 (4.12.1892)
Date
1892-12-04
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Seite f> Nr. 35. _ Freies bann werden wir von ihnen noch ganz andere Tinge zn höre» de kommen. (Abstinenz) Der 26. November war der Tag, an welchem man in der Wiener Gcmeindestnbe allgemein eine stürmische Sitzung erwartet hatte; cS war nämlich der Tag, an welchem die beide» rclegirte» (>'.- meiudcräihc Vu cg er n»d Steiner und mit ihnen der antisemitiichc Bürgerclnb w eder in den E'enicindcrath zurückkehrc» sollten. Allein die Galeriebesuchcr, welche sich zahlreich eingestellt halten, tarne» diesmal »m ihren Seandal, denn die Antisemiten er)chic»e» nicht, trotzdem ihnen kein § 60 mehr über den Weg trat. Tic Herren hatte» e’tf vo> gezogen, sich i» einem benachbarten ('iasthause als „Bürgerclnb'"' z» versammeln und daselbst eine „Et'Ilärnug" abznsasie», i» welcher Über daS Bc^haltcu der Majorität Beschwerde geiiihrt »nd schließlich-betont wird, daß sie beschlossen haben, sich bis auf Weiterem de» Be rath»»gen des GcmciudcratheS ferne jn halten. Bon dieser Erklärung — der Abstiuenzbeschtuß soll mit 60 gdgcu 6 Stimme», unter welch letzteren sich angeblich Vuegcr befand, gefaßt worden sei» — wurde Bürgermeister Tr. Prix am 26. Noveniber in aienutuis; ge setzt. Eine besondere Wirkung hat dieses Schriftstück auf de» (''emeiude rath, welchem cS in der Sitzuug vom 20. Noveniber von Bürger meistcr Tr. Prir vorgelegt wurde, ltidit ausgeübt. Ma» tan» fiel) von liberaler Seite gedulden bis zum Wiederzniammentritt des Vaud tageS, wo durch eine fd>on im Borjahre angeregte Statutenabändeiung der Absicht der auti'emitischeu (''emeinderäthe ein Strich, durcls die Nechnuug gemacht werden wird. Tieselbe ging, wie Vueger neulich selbst erklärte, dahin, das große, für die OtcaTifii nitq der für <"roß Wien in Angriff genommenen Arbeitsprojeete »billige Tarleheu z» vereiteln. Wenn dadurch der Ban der BcrkehrSanlage». einer Wasser leitnng für die Bororte ». s. w. auch weiters hingusgefchobcil wird, wissen also die Ai beiter und auch die antisemitischen -Kleingewerbe treibenden, bei wem sie sich hieiür zu bedanken haben. l^nrcchkgcwitstiit aiitistmitischc Tcnioiifirnntcii. < Aus P r a g wird gemeldet: Tcr üieetor der hiesige» deutschen technischen Hych schule, Professor O'intl, war zum letzten Eommcrse der Z'ese und 'lcedehalle deutscher Studenten nicht erschiene». TaS Fernbleiben (''iutl'S wurde von de» antisemitischen Studenten dahin gedeutet, daß er mit ihnen und ihren Bestrebungen s»mpathisire. Tieselbe» versanimeltc» sich deshalb im Hofe der Technik und brachten vor dem Vaboratorium, in welchem Professor ('sinkt arbeitete, Hoch' und Prositrnfe auf ihn a»S( Professor ("iutl trat a»S seinem Arbeitszimmer und wies in einer scharfen Rede die Teuioustranteu zurecht, indem er ihnen ihr nn« studentisches Benehmen vorhiclt. Tie Temonstranten zogen hierauf ab. Ans diesem Anlasse wurde am schwarzen Breite der technischen Hoch schule eine .finndmachiing affichirt, in welcher die Studenten vor weiteren Temonstrationen gewarnt werden. (Wieder das Blutmiirchcil.l Aus- H olles chau in Mähre» wird der „Neuen freien Presse" ein ,vall uiitgckheill, der von Nciiem beweist, wie leicht cs der böswilligen Berlcnmdnng gelingt, mit irgend einem Borgange, wobei Jemand überfalle» oder verletzt wird, das gehässige Märchen von der „Bliitabzapfung" und vom „rituellen Morde" in'Zusammenhang zu bringen und selbst für die verlogenste Tcnnnciation bei der ungebildeten Menge Eilauben zu finden. 0» der Nacht vom 16. auf den 10. November kam ein Mädchen, das in Hokleschan bei einem Inden bcdicnstel war, zur Polizei gelaufen und gab daselbst au. „die Inden hätten es abschlachlcn wollen". TaS Mädchen sei, nachdem es seine Arbeiten verrichtet hatte, gegen l l Uhr Abends zu Bette gegangen, aber bald nach dem Einschlafen dadurch, erweckt wyrdcn, daß drei Männer sich bemühten, cs zu binden und ihm die, Pulsadern zu öffne». Es sei ihm aber gelungen, sich de» Männern zu entreißen und sich blutend und unvollständig bekleidet zn flüchten. Bei der Polizei wurde nun daS Mädchen durch eine» Arzt untersucht, der aber alsbald erkannte, daß die' Schnistwiinden, deren rS etwa dreißig am Veite hatte, ihm unmöglich während, eines Hand gemengcS beigebracht worden sein tonnten: cS waren nämlich ganz nn bedeutende Schnitte, die ossenhar mit solcher Behutsamkeit und Bor sicht anSgcführt worden waren, daß sie nirgends tiefer als durch die Haut gingen. Auch vermochte die Tienstmagd bei der Einvernehmung' durch' die Polizei ihre Behauptung nicht zu rechtfertigen, daß eS Inden gewesen seien, die sie angeblich überfallen hatten und „umbringen" wollten,' da ihrer eigenen Aussage nach der ganze Borgang im ,Unstern slattgefnndcn habe. TaS Mädchen, welches diese Aussage» bei der Polizei gemacht hatte, wurde »ach seiner Einvernehmung einfach i» seine HciiiiatSgenieiiidc abgeschoben, (ln diejent Bcrfahren liegt aller dingS eine 'Bestätigung, daß die Polizeibehörde selbst die Angaben des Mädchens als Viigcn anerkannt hat. Aber man glaubt in Holleschau, daß es doch nöthig gewesen wäre, den ,vall vollständig auszntläre» »nd sicherzustellen, wodurch daö Mädchen bewogen wurde, mit feinen Blatt. Viige» an die Polizei hcrauzul.eten, . und auf welchem Wege es »ui die Bcrlevungen zngczogen Halle, die es da»» den .luven zur st legen wollte. Eine Aufklärung-durch die Bebölde stelll liä, nmiomelg alS geboten heraus, als sich das (''erlicht von einem ver'uchten. n Indien Morde" der (luden doch in der Stadt verbreitete und inan au viele» £ neu die Meinung anssirrach, es minie bei Vieler mmieriöic». (''eschichle doch ctivas Beidächtiges mit im. Spiele sein. , ■ lMori; Wtkllklllailll. > Aus Budapest wird uns geichriebeu: .1» allen Theilen - Ungarns rief die Trauernachricht von dem vlovliche» Ableben des ekceichstagsabgeordnele» M'oriz Wahrma»» die leb Hafteste Theilnahme hervor. Tri ^ausgezeichnete Parlamentarier beobachtete in jenen düstere» ragen, da auch Ungarn von dem Anti < semikismns verseucht war,, durchaus nicht die Zurüikhaltuiig, zu welcher * sich außerhalb Ungarns so viele seiner l'')a>ibensgcnossen in hervor ragender socialer Stellung aus' nichtigen (''runden bewogen studciz, ' Wahrma»», der Präsident des Jinauzausschusses, sonst der Mau» der nücl>ter»en Argumente,, der trockene» Ziffer», geißelte in öffentlicher : Titziing mit scharfen Wollen der Entrüstung das ruchlote Antisemiten > treibe», und daS Pistolenduell, welches er Deswegen in schon vorge rücktem Alter mit dem Hetzer Jstoez» halle,'steht noch in Aller Er inucrung. stceges .Interesse bekundete er auch bis an sein VebeuSeudc »iir die Abwchrbeslrebunge» im Bruderstaale £eslerreich. Ungar» verliert a» Wahrman» einen Patrioten von unerschütterlicher ("eünnungslreue, einen tenntnißreichen-Politiker, einen rastlose» .vorderer fortschrittlicher und humanitärer Zwecke >lnd wird ihm stets ein ehrenvolles Auge deuten bewahre». i , l Tciltschc-tsiescllfchail fiit' Clllijdlf (sllltNI. > (''eheimraih Professor Tr Jörstei Ineil in der Teutscheu (''escllschast für ethische Enltnr einen Borlrage „Zur Ethik deS*'Nation alismuS und die .ludeiifrage", i» welchem er ausführte: Ter übergroße, verkehrte Nationalismus liat sich ans allen, (''finden geltend gemacht und für viele niit'erer (Genossen im Auslände schwere Berhältnine siind Veidc» geschasson. Aehnlich steht ' cs mit der (Indensrage. .'ianu es der (''ei'ellschal'l für ethische Eult'ur ( verdacht weiden, wenn sie - heilte bereitezur Ethik dieser schwer ans linS Allen lastenden ,Trage klare Stellung nimmt'? Angesichts der großen Zahl und der Bedcnlnng her" der ("eiellschal'l beigclreleneu ' .Inden würde ein llingcres Schweigdu über diese Stellung nur als Feigheit und Unaufrichtigkeit'gelten kb»»e»:. also müsse man auch die .ludeiifrage heute bereits anregen (ln Amerika hat die ethische Be wegiiug ihre» Ansang genomme». ist sie begründet duve>> Professor ivelir 'Adler, einen .In&cn von höchster sittlicher Neinlicit und (''eistes stärke. Auch hier in Berlin traten in der Zeit der Borbereilung edle Juden der Bewegung bei: wir wolle» znsamnicu arbeiten, hieß es auch hier. Bald aber lanm, unsere jüdischen sireuudc nud'stellten an u»S das Ansinnen, sie ans dem Eomitü '»nd der ganzen Bewegung zn, entlassen. „Warum'?" fragten wir. „Ihr wollt die Schule aus den'Bauden, der christliche» £rlliodorie sreimacheu, alw lönucsii wir nicht mitkätiipseu." „Aber wir wollen auch Euch sreimache» von'de» Bauden der jüdischen £rlhodoric." Und sie blieben bei uns. (''egenüber den (''efahreu, die sich aus der eapitalistiicheu Bewegung 'ergaben," haben sich neue Este mente »ationalei; Art zusammkugesnnde». In dru Berichten über de» leiden soeialistiichen Parteitag .glaube ich eine iiehtige Auffassung für die Vage jener Bildungen gelesen zu haben. Tiechier und i» gewiss?» benachbarte» -' '.'ändern ans dem Bolke lastenden Uebelslände, die i» Tentschland n»d den erwähnle» '.'andern de» Vianien des Judenihnms trage»/ »inßle» dukchans richtig gewürdigt werde», jvrei.n Herzens haben überall im vorigen Jahrhundert-»nd im gegenwärtigen bis auf die letzten Zeile» die Inden mit unS für allen Joriichrilt, alles-(''»te gewirkt: im Eonenrrenzkeimps gegen »Trautrcizl) u»d England haben die jüdischen Vaudesgeuosseu uns treu zur Seile gestanden. In jene» Tagen gab cs aber auch keine Svur von einem Zusämmeuichlns; der jüdische» Männer, aus -unsere» Universitäten wenigstens; auf rein wirthschafilichem E'ebiele mag' er bestände» haben. Zum Tlieil beruht der heutige' Aüiiseiuilismus wohl auf Erfahrungen des einzelne» Jndi vidniims, die von einem gewich-» (''c-rechligkeitsgesnbl mit bestimmt stnd. Ter vom hochverehrten stcebner gebrauchte Ailsdruck „(Gerechtigkeitsgefühl" ist unserer Erachtens deplacirt: von einem solchen tau» wohl nicht die Nedc sei», weil» ei» Jndividutim für Schwächen und Vaster, die es bei Eiuzelueu ivahrgenomme» hat, deren Stammesgenossen samml und soudeiS gcstrast wisse» wilh T. :>c Ter beständige Zusluß des .Inden . thnms a»S den bcnachbarleii ilavischeu '.'ändern, wo sie nicht so frei »::V gleichbercchligt dastebeu wie bei-nus, hat »nsereui edleren Jndentbum zweifellos geschadet. Alter dem'ruhige» >iopse wird klar'geworden sei»', daß sich dem gegenüber heute auch ein. ganz einseitiger NaiionaliSmns bei »iiS eingebürgert .hat. Aus dem Stoß der .'{rärtf iiinlm'.-n im '.'eben der Natur alle Wirklinge»: im Menscheulebeu tritt hiebei aber leicht eine Tegeuerirung ein. Es könnte hiedurch die deutsche z.'c-alion

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