Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 35 (4.12.1892)
- Date
- 1892-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 80% known words query
- IRI
…/4886575-5439132-5439249--0342-4886881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
y Nr. 35 . . freies f Nachdem Abgeordneter Dr. March et unter lebhafter Zustimmung die »eugefchaffene Parteiorganisation erörtert hatte, meldete sich Tr. Lueger zum Worte. Aus der Beriammlung wurde» Proteste dagegen laut. Auf Iiilcrve,ilion des Abgeordnete» Dr. .stopp ertheilie jedoch der Vorsitzende, Bürgermeister Schiefer, dem Tr. Lueger das Wort. In der Einleitung sagte Tr. Lueger, der Abgeordnete Tr. Bloch habe in offener Sitzung die nuglaublichsteu Be schimpsungen gegen die Anliicinilen vorgebracht, oh,»' zur Ordnung gerufen zu werden; er habe Schönerer Hochvcrraih vorgeworfen. (Rnfe^ Er hat nur dessen Leibblatt cilirt! Schlug!) Tr. Lueger ging sodann auf die Rede Wrabetz' iiber und behauptete zunächst, daß die Liberalen sich mit den Elerß ralcn verbündet hätte» Diese Behauptung rief einen arge» Tuunilt hervor, aus dein die Worte: „GcschichtSfälschung! llnsiu»! Lüge!" vernehmbar wurden, gkrst der Zntcrventio» dcS RegierungsvertrctcrS Grasen Stal »ach gelang ce>, die Ruhe herzusteUen, worauf Tr. Lneger, von.sortgesevic» Lchliikrufen unterbrochen, Über die Börsenstener und die Handelsverträge sprach. Hier eilirtc er einige Sätze ans der Rede de- Abgeordnete» 'Wrabetz, de» er iinincr „Brabctz" , nannte, worauf dieser sich an ihn mit den Worte» wendete: „Ich schreibe mich mit ,W' »nd nicht mit,V'; ich bin kein Ezeche, warum verdrehen Sie ineinen 'Jtaiiitii?" Als Lueger cntgcgnelc: „Ich kann's nicht a»dc>S aiiS'prechcn," machte Abgeordneter Wrabetz die mit schallendem Gelächter und dcinonstrativci» Bcisalle ausgenonnnene Bemerkung: „Tann werde ich hall Natt Lueger iinnier Lüger sage»."-'Rach diesem Zwischenfalle erhob Lueger den Borwurs ividcr die Linke, daß dieselbe uuS dein Säckel der Steuerträger das Geld -volirc, dainil die Ungarn ihre Sienelir rcforinire» tünncn. Wicde,r entstand, ein großer Speelakel, die Bersaininlnng wurde immer erregter, und als da»» Lueger den liberale» Abgeordneten zuries, daß dieselben durch ihre Abstinnnung für die Goldwährung dem Größeapital einen Ticnst erweu'en ivollte», da gab sich allgenicine Ent: riiitilttg in der heftigste» Weise kund. „TaS sind Berdächtigungen, Aushctznnge», die» wir uns nicht gefallen lasse» niiiikli!" scholl es dein Redner ans dein Saale entgegen, und dem kleine» Häuslein von Antisemiten, die für ihre» Führer ciuzulreten versuchten, winde arg zngesctzt. Richt ohne Mühe lonule Lueger, dein inan iuiuier zuricf: „Sagen Sie, ivas Sie wollen, wir hören Sie gar nicht au!", seine Red.' ioiT'cwn. Er zog über die Irnchl und Mebtbörse los, der es zuziischreibeu sei, daß die störu.erprei ir jetzt so niedrig wie noch nie stehen tHencrkeil und Ruse einiger Bauern; Sic stehn ja gar not nieder! Aerger als Zehent und Robot sei kc.r Sleuerzcheni. Uliier rauschendem Beifall ries nun der Bauer lliader dein Redner zu: „Rein, »ei», Herr Toctor, mir. gengan nöl ructivärlS, mir verftengan döS böfser, mir gengan nöt rückwärts, »a, na,. Herr T r. Lueger, nur d'Wahrheit!" Als Lueger noch weiter über die Bauer»frage reden wollte', wurde ihm laut zngerufen, er möge dies ansgeben, da er davon »ichis verstehe. Unter Bravorufen erklärte er denn auch, daß er;»>» Schlüsse eile, uni aber Noch über die ihn störende» Zwischenrufe Silage zu führe». (Rin'e: Sie habe» immer angesangcn!) Iin vorigen Jahre habe er in Groß-Siegharts nicht ein mal znni Worte kominen löunen (')infc: Weil Sie unS beleidigt habe»!', und letzt entbehre die Bersanimlung jedeS politischen Anstandes. lRnfe: Sie wollen uns vielleicht Anstand lehre». Sie, der ihn iininer verletzt bai!> Abgeordneter Tr. stopp nahm die liberalen Abgeordnelcii gegen die Ber dächtignng in Schutz, daß sie sür das Großeapiial gestimmt haben: jeder Ab geordnete stimnic »ach seiner Ueberzengmig. Wenn gesagt werde, daß Tr. Bloch die Aiiiiscinilcn unglaublich beschiinpsc, so brauche man dein nur die Thalsache eiilgegenzustellc», wie erst jn letzter Zeit Tr. Zucker seitens der Anliseiniien , »»fläthig besudelt ivorden sei — tos sei keine Manier. Tiejer To» sei erst durch die Anliseiniien, die Jedem nnlaniere Motive unlerschieben, ins Parlament hineingebracht worden. Tr. stopp schloß mit den Worten:. Wo es sich um praktische Arbeit handelt, da lhun wir immer mit, und zwar nicht mir als.Lbb geordnete, sondern als ehrliche Mäiiner. Ans dieser Baus sind wir geivählt worden, an dieser Basis Halle» wir »ncnlwegt fest. Abgeordneter Wrabetz verwahrte sich enlschieden gegen de» Borwur', daß er »nd srine Partei jeinals für-die Interessen drS GichßrapilalS eingtlreie» sind. AIS Tr. Lneger im Parlamente einen solchen Anwnrs spcciell gegen seine Persoiz richlele, habe er ihm mit einem beleidigende» Zurufe geaulwortet. den Lueger ans sich sitzen ließ. S^eute lönnle er diesen Zuruf wiederholen, da Lueger nnS Allen solche Gemeinheit impukirte.-(.Hochrufe.> Luegers Angriffe auf Ungari) erwidernd, sagte der Redner: „Wissen Sie, ivarnin ans die Ungarn so hin gebaut wird? . Weil sie sich ihre freiheitliche Gesinnung nicht rauben lauen. Deshalb.müsse» wir Tentschc Sesterreichs aber auch »»serei» Herrgotl danle», daß die Ungarn hinter »»ierem Riicten stehen und einen so sleise» Ract'cn be sitzen." (Lebhafter Beifall. Ruse: Iudenwirihschast! Gegenruie: Judenfresser! i Bürgermeister Stittinger aus Siarlstein beamragle, de» fortichrililicheil Abgeordneten Tr. Io>'es stopp, Tr. March et und 'Wrabetz das vollste Bertraueu auszudrückcn, was unlee Hochrufe» mit alle» gegen 17 Slinimen angenoinnic'n wurde. Hierauf »vurde die Perianunlung geschlossen Ten sonschrillliche» Abgeordneten lvurden zahlreiche Sralionen bereitet, denen gegenüber .vercinzelie Hochrufe aus Lneger kanni vernehinbar waren. Blatt. Seite :>. 2ll>lwardt. Am '.'coveiiiber begann vor dein Ländgeeichte! Beul» c". StrafverKandlung gegen Herma»» 'Ablwardr wegen Berleilindnng, be gangen durch seine ' „Iudentlinlen" betitelten Schaudschririr» Ein interessantes Bori^icl z>i"dieser Wrhaiidlnng bot die Ersatzwahl dinee Rcichstagsabgcordiicteu iui Wahltreiie Ariiswaldeariedeberg, weiche. damit schloß, daß Ahlwardt von allen Eanditaien die meinen stimmen erhielt Er lomnik unn in die Stichwahl mit dem frei - sinnigen Eandidatcn und wirh voraussichtlich ' im zweiten Wablgaiige - gewählt werden. Tie Eonservaliven, welche lange Zeit hindurch heimlich die anliscinitischc Bewegung iintcrslützl haben-, verlieren den Bod-n unter den srüßc», n»d der Radau AnliseminvmnS macht unter ihre» bisherige» Anhängern überraschend viele Proselntcn. Ahlwardl balle . im ersten Wahlgange beinahe dreimal so viel Stimme» als der confer vativc (s>cgencandidat. Allerdings waren die Wahlnuitricbe der Auii semiten außergewöhnliche.^ In' zwcinndsicbzig Bersammliiiigen verbreitete» sic, gefördert durch eine Anzahl edler »cittcrgutsbcsitzer und ehrwürdiger Pastoren, die schamlosesten Lügen. Tic Urheberschaft aller niißliebigen (besetze schrieben sie ihren l^cgncrn zu, und einer ihrer Agitatoren, ein gewisser Werner, gab sich io lange für den gleichnamigen Abgeordneten ans, bis dieser selbst ans der Bildfläche erschien. Sie hielleii. gegen das „größte Ranbthier mit trnluincni Schnabel" form liche Brandreden, "benützte» Schultindcr zur' Berbrciinng von Hetz schriften und verübten auch 't^ewaltthätigleilen, denen gegenüber die Obrigkeiten einzelner Srtichaslcn eine sehr weitgehende Tuldtamtesk an den Tag legten." ' . Ter Wahlsieg Ahlwgrdr'.s'wird, was mit Rücksicht auf die Motive sehr bemerkenSwerth in, von. soeialdeniotra'iicher Sa.te snmvatlsisch be- < grüßt. Tas Hanvtvrgan der deniichen Soeialdemotratie giblseiner Befriedigung darüber Ansdrnet, dgß die Auliicmitcn Tcntichlands bei ihren Stäuipken gegen die Inden verschiedene Behörden als läuilicli hinstellen und so deren Autorität vor Keinen Bürger» und Bauern erschüttern, daß sie ferner gegen die „jüdiicheAnsbenlu.ng" eine Empörung erwecken, welche - sicki bald gegen die Ausbeutung selbst kehren werde, und schließlich durch ihren Siamvs gegen daS alte Testament „eine Säule des Psassenihnins zerstören". llnzusrieden mit dem neuen Eollegen in dagegen Tr Böckcl, welcher ihm auch einen ungünstigen Abschluß seine« Proeenes voran.siagi - und im - „rsceichs Herold" schreibt:- „Ter Ind-entliurcn Proecß wird-ohne Irage mit einer Bernrthejlnng Ahlwardt's ende», denn solche Märchen, ivie sie Ahl wardi, dieser Si'rcbsschadender »ntnniim ich n Bewegung' in»' Tentich land, in seiner Sensalionsschl ist behauptet bat, sind eben nicht zu beweise», weil sie unwahr sind. TaS in auch dem . .Rcetor aller Tentschen', wie ihn eine Anzahl Berliner Mnmpivbrüdcr nennt, ganz egal. ' Ter Mann will Sensation mache» um jeden Preis." Ahlwärdt selbst gibt siel, über den Ausgang des Proeenes infoserne keiner Täuschung hi», als er nach einer Aenßeriing zu einem ürevorter. welcher ihn im <R-sü»gnisse zu Plötzensee ausgesucht hatte, anseine Berurtheilnng gesoßt in: er hont aber ans eine milde Strafe, die ntdit über drei Monate hinansgehen werde. lieber den Berlaui des „Indenslinten" Proeenes w.rden n>ii nad) . Abschluß desselben eingehend berichten l ilns drill Ähsirordlictrilllüllsc. -.'.t'der Sitzung vom'Ro vember hatten die Antisemiten einen >!i>'- iiuln-ni-:. >:,b.:n ihnen van verschiedenen Seilen im Ernst-und im Scherze iiianche bittere Wahr heit gesc^t wurde. S cts I e si » g e r führte über einen Zwl'cheiirni „Wie deä Esel zwischen zwei Heubnnd.In" - Silage, rvodurch der Ll!' geordnete Tr. :K, v >( r a n s reine stcede in der gorhergegangenen Sitzung unterbrochen Hatto. Er finde, daß' dreier Zwiicheinnida-- ganze Hans verletze, und fordec^ den Aogeordneien >e'.,rns ani, ’ieli zn ertlären, ob er dicie Absicht gehabt.habe. Tr R. v st rans gab ov. Erklärung' ab, daß er nui.der» Wbrie „Esel" dnrchäus leine veriön liche Beleidigung, beabsichtigt Hase. Heiterteil. Ee bitte, ei» 'wei.ia ans den t^edantrngang' der ücede S.liler'inger's cinzngehen. Es iei in der ganzen, Rede viel von Eseln, Piechern n i. r. die :>cede. Heiler teil:, »nd es »iag-^'daher eine gewjne Ideen Afsoeionon niiigeinie!' haben, ' als er üredner anr das - bekannte 'Wortspiel von dem Eie und den zwei Hcnbiindeln kam > 'Aber dieser Eiel sei belaiinilicli ein logischer, ei» aristotelischer Eiel : Scliallonde -Hellerleg Esci jenes änßeisi llnge Tliier, welches ansaenelli wird zwisclie» zioe: Henbündel» von ganz gleicher H'löße' .nnd in ganz gleicher Eiiisernniig. und welches in der fortwährciiden logische» tteberlegnzig. ivelchem H>» bündel gegenüber es die Attraetionstrais—.mehr' auf fieli -viele-» lauen