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Freies Blatt · 1892-11-20 · 33 (20.11.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
33 (20.11.1892)
Date
1892-11-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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reres AbounemeiitSpreis: Ganzjährig mit Postzusendung . . st. 2.50. fl. 1.25. Vierteljährig fl. —.65 ^Einzelne Nummern 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint a» jedem Sonntage. Rrdaclio» »ud Vlöminiftrotion: Wien / I. Seirerstütte 10. - Nummer 33. Wien, 20. November 1892. I. Jahrgang. Die Arise in Ungarn. (Bon einem österreichische» Parlamenlarier.) Unser Bruderstaat jenseits der Leitha hat in de» letzten Tagen glücklich eine Krim Überstunde», die durch den grundsätzlichen Charakter ihrer Haumveranlassung diesen Staat in seinem Lebensprincip, in der Struktur seines ganzen Organismus bedroht halte. Will man genau wsssen, was einem am besten frommt, dann höre man nur hiü, was die Gegner an einem am heftigste» tadeln. Wer sind die erbittertsten Feinde Ungarns und seiner der. maligen Gestaltung? Sind es^nicht die unö wohlbekannten vereinigten Antilibetalen rouge et noir? Das liberale Ungarn ist ihnen ei» schmorzender Dorn im Auge; eö ist für dib sonst so siegessicherc Reaction im Lande ein furchtbarer Feind an der nächsten Grenze, ja i» beängstigender Nähe dcö Hauptguarticrs. Unsere Pseudogracche» wissen daher genau, warum sie Ungarn mit so uyersättlichem Hasse verfolge». Dieses Land ist i» der That, waSI es ist, durch den zielbewußten Liberalismus, dem es in all den stürmischen Wandlungen der letzten Jahrzehnte unentwegt treu geblieben. Ihm da»ken die Magyaren die von kräftiger Gesundheit strotzenden inneren politischen Verhältnisse, ihm in Folge dessen die bedeutende Präponderanz Ungarns dem Auslände gegenüber, ihm danken sie die unleugbare Gunst der wirthschaftliche» Verhältnisse des Landes, und mehr noch jene» erstauiilichen Aufschwung der geistig«n Cultur, derin der Geschichte der Civilisation eine vereinzelte Stellung einnimmt. Ungarn ist die lebende Illustration für die Segnungen jener Grundsätze, welche nicht nur die Freiheit, sondern auch die Gleichheit aller Bürger bcy Staates predigen und alle Schranke» der Confession und Geburt auS dem politische» und socialen Leben verbannt wissen wollen. In der That befanden und befinden sich die Juden in Ungarn seit Beginn des Verfassungölebenö keineswegs in der traurigen Lage von Staatsbürgern zweiter Ordnung, indem das Grundgesetz vom Jahre 1868 die Bekenner des jüdischen Glaubens mit denen der christlichen Confessionen als vollkommen gleichberechtigt zum Gcnllsse aller bürgerliche» und politischen Rechte anerkannte. Diese Gleichberechtigung der Inden und Christen besteht in Ungarn nicht bloß de jure, sondern auch de facto. Was den Juden bisher noch fehlte, war eine speciell im ungarischen Rechte begründete Gewähr, die sogenannte Reception, welche erst den legale» Schlußstein der vollständigen Gleichheit und Reciprocität aller Confessionen bildet.. Obwohl nun der Artikel 17 des Grundgesetzes vom Jahre 1868 keineswegs bloß aus dem Papiere stand, ist es doch nur erklärlich, daß den Juden in Ungarn die Reception. stets als letztes Ziel ihrer socialen EmancipaticknSblstrebungen vor Augen schwebte. Auch die freisinnigen Parteien waren sich jederzeit dieser letzten Pflicht bewußt, und der jüngst rerstorbcne Daniel Jrünyi war eS, der seit mehr alS zwanzig Jahren vor Beginn der Berathungen über das Budget deS CulluSministeriums regelmäßig den Antrag auf cndgiltige Lösung der interconfessioellen Verhältnisse einbrachte. Die harte Bedrängniß der jüdischen Confession und die Gefährdung ihrer politischen Rechte, welche von dem das Ende des Jahrhunderts ümdüsterndrn Antisemitismus auSgcht, verstärkte den Nachdruck, mit welchem die Juden, in Ungar», unterstützt durch die liberale Partei, ihre Reception forderte», und der Unterrichtsminister Csüky zeigte sich bereit, auch diesen letzten Stein in den-Bau der bürgerlichen Verfassung Ungarns zu füge». Bei der praktischen Lösung dieser Frage mußten jedoch neue Probleme anslauchcn. Das Grundgesetz vom Jahre 1868 gewährt de» Bekenner» recipirlcr Glaubciisgeiiossenschaften ü. A auch daS Recht des UebcrtriltcS von'einer Confessio» zur anderen und das Recht, mit Bekenner» anderer recipirtcr Confessionen Chen cinzugehen. Die Frage der Reception war daher nur im Vereine mit einer Revision des gar im Arge» liegenden ungarische» Chercchtes oder besser der vielen in Ungarn geltenden Chercchtc z» löse», und in der That stellte die Regierung anläßlich der Budgetdebatte im heurigen Frühjahr» durch die Minister Csüky und Szilügyi nicht nur die Cinbringung eines Gesetzes über die Reception der Jude», sondern auch die Regelung deS Chercchtes auf staatlicher Basis in nächste Aussicht. Diese Complicativn abr war cs, welche die Krise der letzten Tage heraufbeschwor. Obwohl die Ciuführung der Civilehe nur eine Frage rein civilrcchtlichcr Natur sein kann, wurde ihr — vielleicht zum md)f geringen Theilc deshalb, weil sie hauptsächlich de» Juden zugute kommen sollte — der Charakter einer kirchenpolitischen Frage aufgedrängt. - Wir wollen es dahingestellt sein lasse», von welcher Seite man dem mächtigen Strom der Bewegung in den Weg zu treten und die endgiltige Durchführung des liberalen Programmes auf consessionellem. Gebiete aufzuhaltcn suchte. Für uns liegt die Bedeutung jener Vorgänge jetzt, wo die Krise beigclegt ist, in dem mächtigen Widerstande aller liberalen Faclorcn in jenem Moment, wo Graf Szapüry die von der Regierung gemachten Versprechungen bezüglich der obligatorische» Civilehe nicht^ einlösen zu können erklärte. Cs gibt in der Geschichte deö contincntalen Parlamentarismizs wenige Fülle eines ähnlichen richtigen politischen CmpfindenS für gefährdete Grundsätze, einer ähnlichen Solidarität, als. die, zu der wir jüngskhin ganz Ungarn sich verbunden sahen. Nicht bloß eine, die liberale Partei, die Oppositionellen so gut wiedie Liberalen bewiesen durch ihre Haltung, daß man in Ungarn den ganzen. Crnst und die ganze Tragweite einer Nachgiebigkeit in Sachen kennt, welche wie die vorliegenden confessioncllen Probleme dem Liberalismus aus Her; greife» Nicht ui» -die Hegemonie der Juden im Lande handelt es sich, wie die Antisemiten ihre» naiven Lesern weismachen wollen. Der Oberrabbiner von Gran — wenn es einen solchen gibt — wird auch in Zukunft nicht die Cinküiiste eines Navob genießen, und die Rabbiner von KalocSa, Crlau, BeSzprim, Kascha« u. s. w. werden auch fürder nicht verfassungsmäßig Sitz und Stimme in der Magnatenlafel habe». Aber daß dem religiösen Friede», dessen sich Ungarn bisher erfreut, nicht aus gewissen Schwächen und Lücken der Gesetze selbst tödlliche Feinde erstehen, dafür will die liberale Mehrheit des ungarische» Voltes Bürgschaften und Garantien habe», und wer möchte ihnen das angesichts so mancher bcklagcnSwcrthcr Uebergriffc der Reaction in andere» Staaten verdenken? 1 ’ -- Die Spekulationen, welche von gewissen Seiten an die Krise geknüpft waren, sind zu Wasser geworden. Cs ist nicht nur zu keiner Spaltung der liberalen Partei gekommen, auch die Ge'ammlheit des Ministeriums erklärte sich gegen ihren Präsidenten Szapüry mit dem allgemeinen Rufe der öffentlichen Meinung für solidarisch, und die Voraussetzung, unter welcher der bisherige Finanzminister Wekerle die Neubildung deS Cabinets übernahm, war die Ciuführung der obligatorischen Civilehe, das erste Gesetz, mit welchem er vor das Haus treten will, wird das die Reception der Juden betreffende sein. Die bisherige» Mstglieder der Regierung — mit selbstverständlicher Ausnahme Szapnrh'S — sind

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