Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 32 (13.11.1892)
- Date
- 1892-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Seite 7. Freies Schuld Der Jude muß verbrannt werde»! (Heiterkeit ) Und die Soldaten Mißhandlungen, die schon viel von sich reden machten und »och immer fort bestehe», würden nie Vorkommen, wen» die Borgesetzten deutsche Christen wären", jetzt sind, namentlich in Preußen, sämmtliche Osfieiere und Unterosficiere nur Juden; der Jude muß verbrannt werden! Der Redner (Förster) hat sehr richtig betont, daß der Besitz sich immer .mehr in wenige Hände concentrirt und in Folge dessen der Mittelstand fortwährend mehr zum sogenannten Proletariat herabsinkt. Daß aber wenige Personen ans Rosten de« Volke« in Glanz und Pracht leben und Millionen verdienen, auch daran haben natürlich nur die Jude» Schuld! Der Jude muß verbrannt werde»-! Ja, es ist eine anerkanllte Thatsache, daß der Grund und Boden sich immer »lehr in wenige Hände concentrirt und dieser Proceß ans Rosten der Menschheit vor sich geht. . Und wer ist nur schuld daran, daß die christliche Rirche Millionen und Milliarden an Grund und Boden und Capital verschlingt?- Daran haben nur die Juden Schuld! Der Jude soll verbrannt werden! Meine Herren! Ich befasse mich gern mit Statistik, weil man dadurch ein klares Bild der heutigen Berhältnisse belominen kann. Run, die deutschen statistischen Jahrbücher beweisen deutlich, daß die Rindersterblichkeit in den Fabrikscentrett eine sehr hohe ist. In vielen Industriestädten sterben in den Prolelaricrkreisen von 100 neugeborene» Mitt^OJi 72 und 73, bevor sie da? erste Lebensjahr erreicht haben. (Ruse: Hört, hört!) Die Tuntmen behaupten, daß eine Regierung sofort eing'reisen würde, wen» in riiLCiit Staate eilte so große Sterblichkeit bei den Schweine» voikomme» würde. Die Unausgeklürten behaupten, daß nur durch 'Roth und Cleud und mangelhafte Ernährnng gerade unter den Arbeitern so viele junge Rinder hinwbggerafst werden! Doch diese Ansichten, sind grundsalsch, denn nur die Inden haben Schuld au Alletu! Ja, meine Herren, ich bin auch der Au ichaunug, daß alle bou mir angeführten Uebelstände niemals vorgekommen wären, tvenn wir ei» judenfreies, christliches Tentschland hätten! Tie Herren Antisemiten haben also vollständig Recht! Ter Jude muß verbrannt werden!" Cs wird, uns leider nicht berichtet, tvelche Gesichter die antisemitischen Herren und besonders Paul Förster machten, alS sie sich so tut sibsurduui geführt iahe». ES muß ein Schauspiel sür Götter gewesen sein, aber jedenfalls eine Tragödie für die Agitatoren, die mit der Anssichr aus reichen Erfolg nach Jtölit gekommen waren. . (11 litte amtlicher Autorität.) .Bor einiger Zeit hat der antisemitische Wanderredner Tr. .Völlig in Lever» (RreiS Lübbecke im Regierungsbezirke Minden > eine Hetzrede gegen die Juden gehalten. Er producirte eine Güter schlächterliste aus Hessen, deren Angaben, wie der Reichstagsabgeordnete R i cke r t -aus Grund amtlicher Auskünfte dargelegt hatte, salsch sind. Ferner stellte er die Behauptung aus, die Inden seien durchweg« furchtsam, und führte atS Beweis an, bei Ausbruch der Cholera in Hamburg hätten die jüdischen Aerzte die Stadt verlassen. Solche Etttstelluitget'. mit» Lügen ^brachte, König vor einer zahlreich besuchten Bersamntlnug vor. Ter dieselbe beaufsichtigende Anttmann von Levern, Brnltus, sprach dem Hetzredner, nachdem dieser geschlossen, den Dank dafür au«, daß die Bersammlung so gut abgelauscn sei, und fügte hinzu: „Sie haben nichts gesagt als die Wahrheit, die reine Wahrheit^ und wir wollen Ihre Worte zu Herzen nehmen." Im Anschluß au diese Worte sorderte er die Bersammtnng 'aus, dem Dr. .Honig ein dreifaches Hoch auszubringeu, was auch geschah. Die „Mindener Zeitung" verössentlicht nun eine mit vielen Unterschristeu vetsehen?, an''den königlichen Landrath v. Oheim b gerichtete Beschwerde, in welcher es nach Schilderung des Sachverhalte« heißt: „Was also der antisemitische Rekner unwahrerweise sür seine Zwecke behauptet, da« ist ihm unter amtlicher Autorität vor 3tJO bis 400 Personen als Wahrheit be scheinigt worden. Tie Tragweite eines solchen 'Vorkommnisses ist leicht zu er messen. Wir glauben, daß die Vorgesetzte Behörde des AmtmannS Brnhns ebenso die Pflicht wie daS Recht hat, den genanitte» aufsichtsührenden Be amten wegen dieses, unseres Erachtens gänzlich ttnattgemessenen Berha.llenS zurechtzuweisen, und bitten daher, denselben zu veetifieirett, sowie im« Mittheilnng darüber zu machen." (Zarte Ritcksichk gegen antisemitische AuSscheeiiungeli.) Ter Teutscheonservalive Berei» in Breslau nahm in einer unter Vorsitz deS Ab geordneten v. Jbenptitz abgehaltenen Beriammluug folgende Resolution au: „Wix werden mit allen Mitteln die materialistischen Einflüsse auf die Denkungs weife wetlorer Volksschichten bekämpseu, tnögeu diese Etnstüsse von Juden oder 'Richtjuden auSgehen, und wir wollen es zum Bewußtsein der Ration bringen, daß ein christlicher Staat vor Allem auch einer christticheu Obrigkeit bedarf, und daß die Lehrer nnd Leiter unseres Volkes nur Christen sein müssen." Graf von der Recke Bol märst ein bat um Streichung des vom Vorstande be antragten Eingangssatze» der Resolutiou: „Wir verwerfen die antisemitischeu Ausschreitnngeu" u. s. w. mit der Begründung. eS liege kein Grund vor, sich hier gegen die Antisemiten erklären. Ter,Bitte des Grafe» avnrde auch bei der Abstiminung Rechnung getragen. ' (Tcr Llikliskmikismus in Hcsscn.) Ter Antisemitismus in Hessen, dessen Unterstützung durch Beamte ein in der votigen Rümmer de« „Freien BlatteS" reproducirler Ministerialerlaß bekämpft, scheint immer mehr aufWiderstand zu stoßen. So sollte in Letugee (Provinz Slarkenburo) eine Antisemitenversamtnluiig statt finden. Ein Saal stand nach großer Mühe zur Versügnng, aber es fehlte, trotzdem Vlakk. das Städtchen 5>t t»0 Einwohner zählt, an Zuhörern, weshalb der Atitisemitensiihrer Reuther ohne"ein Wort gesprochen zu haben, abziehen mußte. Bei der tandwirth schaftlichenDluSstellung in R ei n bach erhob sich n^kltrend der Mahlzeit ein Herr, um einen etwa« nach Antisstnitistnus riechenden Toast auszubringeu. So'ort ei klärten - zwei Landwirthe in ihrem Trinkipruät, daß in landwiithschasttichen Vereinen die Religion nicht in Betracht komme, und daß inan gegen das .Hereintrage» von Antisemitismus tu die Vereine Verwahrung einlegen titttffr. Der lebhafte Beisoll, der diesen beide» Rednern gezollt wurde, bewies, daß die große Mehrzahl der Anwesenden denselben Grundsshen huldigt. Vivant l-eqneuted'! Aus antisemitischen Plättern. (Zur Wahl des Fürfterzbischofs von Okmiiy.) Tie DRzhl des Consistorial kauzlers und Domherrn Tr, Theodor H ol> u zum Fürsterzbilchos von Olmütz hat die Anhänger und Verschleißer edes RaeenautisentitiStnitS sehr verstimntt. DaS Wiener Organ sür GeschästSantisetnitismus legte sich indesien ansangS große Reserve aus und markirte seinen Standpunlt bloß dadurch, daß eS die Lettern, welche das „Extrablatt" zur Verössentlichung des 'Wahlresultates gewählt hatte, als „ausnahmsweise große" bezeichnetc und-das Ergebuiß der Wahl ,)zni» »lindesten merkwürdig" fand. Ferner fügte eS einer angeblichen Aeußerung des HandelSministerS, welcher lvor dein Einlangen einer osfieiellen Wahlnachricht gesagt haben soll, er halte die Wahl deS Domherrn Dr. Rohn zum Fürsterzbijchos aus dem Grunde' sür sehr wahrscheinlich, „weil in Folge der bestehenden z!iskr süchteleien im Tomcapitel und der daselbst herrschenden nationalen und socialen Gegensätze die Annahme gerechtfertigt erscheine, daß zwischen Len osficiellen Caudidaten eine Einigung nicht erzielt werden konnte", die Bemerkung bei: „DaS spricht Bände." Für die Zueückhaltnng, zu welcher es im ersten Augen blicke einem Rirchenfürsten gegenüber bemüssigt zu sein glanbte, revanchirte sich » da« Organ sür GeschästSantisemittstnuS, indem eS den Ritter v. Gomperz, „ anläßlich seiner Berusung inS Herrenhaus alS Wollbaro», der bisher.nichts sür gemeinnützige Zwecke gethan habe, hernnterkanzelte. In Wirklichkeit ist Gomperz schon seit Jahrzehnten sür das Gemeinwohl nnermüblich thätig, aber aus der Aeußerung des Antisemitenblattes gegen ihn sprach ja nur der müh am unter drückte Aerger über die Wahl Tr Rohn« zum Erzbischof. Zu dieser Selbstbeherrschnug war jedoch das „einzige christliche" Journal Wien« nicht lange ver urtheikt. Es griff dann — tvie es scheint. Nach eingeholter Zustimmung seiner jetzigen Gönner — den zum Oberhirten von Olmütz Gewählten in brutalster Weise an, wozu freilich der Umstand beitragen mochte^ daß die der Pohrlitzer Linie derer von Rohn entstammenden Rinder Schönerer'« sich'rlich Verwandte des »eiten Ritchenfürsteu sind. — DaS „Vaterland" begrüßte den Fürfter; dit'chof Tr. Rohn sehr, respeewoll und sagte: „AtS sütsterzbischöslicher Seeretär und als Consistoriatkanzler hat er sich so sehr daS vollste Vswtrauen des vetstorbenen Cardinal« erworben, daß man sagen kann, in den letzten zwei oder drei Jahren habe saetisch er die Erzdiöeese geleitet. Ec soll dem Clern« gegenüber große Strenge und Energie bekundet j Kaden, aber in demselben Maße verbreitete sich jriit Rns alS ein um da» Wohl der Kirche rastlos thätiger Mann! Als Seeretär deS früheren Oberhirten, alS mehrjähriger Consistoriatkanzler und Theologieprofessor ist er jedenfalls mit den Personal- und sonstigen Lethältnissen der ErzdHeese tvohl vertraut. Sein Raine läßt nnzweiselhast erkennen, daß er ein Rach komme des Priestergeschlechtes de« alten Testamentes ist. Er hatte die Gnade, seinen Berus im neuen Testämente richtig zu.etkennen. Es s igt sich, daß die Hitdje gerade morgen (9. Rovember) das Andenken de« 'Rameuspatrons des netten Fürsterzbjjchojs Theodor seien, als ob die Tiöeese daran erinnert tverden solle, daß sie eben ein .Gottesgeschenk' erhalten habe. Möge er ihr ein solcheS"sein und die Tiöeese sich desselben recht anze erfreuen!" — Tie „G ermani a" enviderte auf eine au_fciciclbe gerichtet.' hämische'An . frage der „Rreuzzei tu n g", waS sie denn zur Wahl des Fntst-Erzbischoss Tr.. Rohn sage, Folgendes: „WaS wir dazu sagen? Zunächst, baß die Frage der .Rrenzzeitnng' einer irrigen Anssanung entsprungen Zu sein tcheini. Es ist, doch nicht ein Israelit zum Erzbiichos von Oltnnv gewählt, sondern ein Mann, der, nicht einmal selbst als Israelit gebore», bereits länger als ztvanzig Jahre katholischer Priester und erprobt im Dienste der Rirche ist. WaS sollten wir da Besonderes zu sagen haben? Wir fr'eitett tut«, daß bei dieser W a h l nicht e'i tt GeburtSvovrecht b eriidi t d)t i grr sondern, Wie es zweifellos geschehen ist, aus die Würdigkeit nud Tüch t igke i t gesehen wurde Dabei kommt die Herknnst eine» Caudidaten gar nicht in Betracht. Ist es denn der .Rrenzzeitnng' nicht bekannt, daß auch in diesem Jahrhundert das Judenthum der katholischen Rirche eine Anzahl heiligmäßiger Priester geliefert bat? Wir erinnern nur an die?!'. Ratisbonne und Ljbermaitu in Frank reich, an den Dompredtger Veith in Wie» lind Andere. Hier,hat die .Rreu; zeitnng', waS -wir zu sagen haben." tGkwaS Sclkklies.) Ter Galiztatier Ernst V ergani läßt in seinem Blatte drncken: „Die Angeklagten, die ungeachtet ihres hohen Alters noch unbescholten sind — tvaS für Galizianer ,immerhin alS etwas Seltenes be