Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 31 (6.11.1892)
- Date
- 1892-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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NlnniiiemciitsprciS: >S»n,jährig mit Postiuftiiduug . . fl. 2.50. Halbjährig fl. I.i5. Bicrtcljäsrig fl. —.05 tfuMchic Wummern 4 fr. 0i\$an zur 2lbuvl}u drs. 2lntifcmitismu: (fifdictitt au jcöcm'Sonntage. 'Jie&action und viomnüfttai^iii: IPicn I. §ciCcr(täUc 10. ÜHuninicr .‘>1. lUieu, (*. llimrnibrr 11192. , > I. Jahrgang. 2Ulerseelon. < Bo» Tr. Ve r n hard Münz Die Llälten des tzebens cnlvölkern sich, und zahlreiches Vebe» ergießt sich in die kleine» »»d große» Todlcustädle. wen» der November seinen Einzug in die tzande hüll. Die Natur bcreilct sich zuin Sterbe», und die Christenheit feiert das Fest der Todtc». Natur und Geist befinden sich im Einklänge miteinander, £ede und düster, wie in jener, steht es auch in diesem auS; der Menschensccle bemächtigt sich eine gepreßte, beängstigende Stimmung, welche sich in dem Rufe tzufl macht: „Alles ist vergänglich, Alles ist eitel." Alles ist vergänglich. Alljährlich an dem Feste der Todlen entringt sich dieser Seufzer dem Munde pietätvoller Ehrislen, und doch unterlassen cs Biele, aus der Vergänglichkeit alles Irdischen die sich mit unwiderstehlicher Rothwendigkeit aufdringcndc Moral zu ziehen, welche den Menschen laut und eindringlich mahnt, mit der ihm beschiedencn kurzen Spanne Zeit haushälterisch und sparsam umzugehen und nicht in sclvstsiichligcn Interessen anfzngehcn. Der Einzelnc vergeht, die Menschheit besteht. Darin ist Ziel und Zwecke des menschlichen Daseins ausgedrückt, dem Vcbtn die Richtschnur gegeben. Will der Mensch über seine individuelle Existenz hinauswachse», den iiidividucllcn Bestand überdauern, dann trachte er sich ei» gutes Andenken in der Geschichte der - M nschheit zu sichern, er befleißige sich nach Maßgabe seiner Kräfte der Erfüllung der ihm von der Natur gesteckten Aufgabe, in seinem äubjectiven Jch-Bewnßtfein eine wcsenseinheitlichc Wechselbeziehung mit der Dbjcetivität zu vollziehen und dabei zugleich traft einer Allgcincinhcil, mag diese nun in Sitte und Sittlichkeit oder in Recht und Staat oder in Kunst, Religion und Wissenschaft sich äußern, die Individuen zu umfassen und zu überragen. Er muß sich hilfreich, edel und gut gegenüber alle» Menschen ohne Unterschied erweisen, sie alö Brüder umarmen und sich.zu de» heileren Rcgioucli erheben, wo die reinen Formen des Wahren und Schönen wohne»: er wird jedoch seinem Ziele untreu, wenn er, nachdem vor hundert Jahren die große französische Revolution mit feierlicher, weithin vernehmbarer Stimme die Priucipien der lilifitc, egalite; lYateniiti'* verkündet hat, der Theorie von den Gastvölker» huldigt, Staatsbürger zweiter Elasse auerteniit, durch confessiouclle Unduldsamkeit sein Thlm und Treibe» bestimmenläßt. Es ist gewiß etwas Erhabenes und Hochsinnigeö »in die religiöse Idee/und der Mensch muß sic i» dem Heiligthum seines Herzens hegen und pflegen, denn sie gehört zu jencn centralen beuchte», welche das sinnliche Dasein verklären und erhelle», dem reden Werth und Inhalt verleihen; cs' ift aber ein vcrdamincnSwerther Mißbrauch der Religio», wenn man einen anderen Glauben mit dem Banne belegt und de» Krcuzzug gegen die Bekenner desselben predigt. Das Recht der Wahrheit ist ein unbedingtes, absolutes, das Recht der Ueberzeuguug aber ist ein relatives und darf mit dem Rechte der Wahrheit nicht verwechselt oder demselben gleichgestellt werden. Eben weil-jeder des Vcrnuiifigebrauchcs fähige Mensch ein- Riecht hat, eine eigene Ucberzeugnng und damit ein Gewissen zu haben, kann dieses Recht nur ein relatives sein, insofern die Menschen dabei nrthcilen und diese Urtheile nach Verhältnissen Geisteskräften verschieden sind. Die Intoleranz entsteht dadnrch, daß ein einzelner Mensch oder eine Partei ihre. subjcetioe UeberzAigung wie die obiccüve Wahrheit selbst für allein und absoliU berechtigt hält, . sich also mit der Wahrheit oder geradezu mit Gott selbst gleichmm idcntisieiri. Dadurch werden alle anderen Menschen mit anderen lieber zeugnugeu für rechtlos erklärt oder geradezu als Verbrecher gegen Gott betrachtet.' Auf dem Standpunkte, des menschlichen Rechtes muß ein Mensch dem anderen gleiches.stßechl auf eigene lieber zcugnng cinränmen, da bei dem llrthcil ijber^ die »Lichiigkeil der selben immer nur Mensch gegen Mensch, steht, nicht Mensch gegen Wahrheit oder gegen t^vtt selbst; den» . auch derjenige, welcher seine lleberzcuguug auf Goll^ selbst zurückführt/ thul dies mir kraft feines menschlichen llrthcits, das er einem anderen anensb lichen llrlheil gegenüber nie für absolut oder direct göttlich aas gebe» kauu. Ucbrigcns, wenn der Einzelne dem Anderen das Recht zugkstehcn muß, auch seine eigene Ueberzeuguug.zu haben, so ist nicht nöthig, daß er die Ueberzeuguug Anderer für gleich wahr hält wie die eigene, sondern jenes Zugcständniß^eisolgt, weil der Andere als Mensch ein gleiches Recht hat, selbst eine llebcrzeugung zu besitzen, nicht eine srenidc^wie ein Joch sich ans zwingen zu lassen,, fitblindlings unterwerfend. Daraus folgt, daß der Staat als Rechtöiustitut, nicht als Rcligionsbchörde oder Partei, dir Verpflichtung und die Aufgabe hat, leinen Burger» das Recht der eigenen lleberzengnng in gleicher Weise zu sichern, Wächter der Toleranz zu sein und die Eiiicn vor Vergcwaltignüg durch die Anderen zu schütze». Es ist ein Moment des mciischlichen und bürgerlichen Rechtes, seine eigene Ueberzeuguug zu haben, aber auch Pflicht, dieses Recht Anderen zu gewähren, um eben dadurch dem absoluten Rechte der Wahrheit, soweit es dein Menschen möglich ist, Rechnung;ü liegen. Wie würde eS doch der Eullur und Eivilisalion zu stauen komme», wenn die schwachen Menschen, solchen ErwägungenKiauni gebend, statt ihres uuduldsaincii Tagewerks mit verein en Ruinen an die tzösung - der großen, wcltbcwcgenden Probleme, wie sie die gegenwärtige Zeit heischt, heranlrütcn! C daß sic doch beizeiten — denn der Wahn ist -kurz, die Re»' ist lang - von dem durch seinen glühenden Patriotismus und seine ungestüme Menschenlicbe zum Gebens- und Menschcnvcrächtcr gewordenen Dichter Giaeomo' tzcopardi kernen möchten, welcher den Menschen in Anbetracht der Thalsächc, daß .die Ouitinihnen nicht selten arge, gran'ame Heiinsüchungen znjchickt, dringend ans Her; legt, sich zum Kampfe gegen diese, zur Eindämmung und womöglich zur völligen Ver Hinderung derselben durch vorsorgliche Maßnahmen zu einigen u» zu verbrüdern, statt durch Eifersüchteleien, Haß und Neid ein.' Kräflezersplillerung herbciznsühren^ und so den- Alisichreilungeu der Elciiicnle lc-chtes Spiel zu machen! Der zündend.', vackene, Vergleich, welchen Peopardi in dem Gedicht?: „Der Ginster oder die Blume der Wüste" zwischen der Rivalität der Menschen im Angesichte der der gesaminlcn Menschheit drohenden Gefahren und einer etwaigen wahnsinnigen Spaltung, welche im kriegsgelüminei unter den Kämpfern für dasselbe Baunei^ zum-Ansbruche kommen würde, zieht, verdiente in Wahrheit allgemein eingeprägt und l>e hcrzigt zu werden. Es ist jedem Menjcheiifreuiide aus der 2gesprochen, wen» der Dichter sich über den Mnlhigen also r »chmeii läßt: " Verbrüdert denkt er bille sich; eiiipiukei . - Von wahrer rieb', miischtießt er Tie Meuicheii und erivarler _ ' Leislaud, uiid teisicl ihn, rcoch und »MAachdruN,