Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 26 (2.10.1892)
- Date
- 1892-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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\ Freies Blatt m-„„ri»t„,svrkis: (Vrgall Zllr Abwehr des Antisenlitisnius. Ganzjährig mit Postzulrndung . . fl. 2.50. __ , -aldjabrig fl. I.S5. Bicricliädxg fl. Ei«,-in- Numm-rn ä ir. Erscheint au jcbcui Souutage. Rcdaetiou uitö Adininisttatiou: Vien I. K-ikerstätttt). Nummer 2>». Wir»,?. (»rtubrr I. Jahrgang. ^in ^lppell. Das Maß ist voll' Dieser Ruf mußte sich i» den IctMcu Tage» jedem Oester, cicher, dem au der Crlfrc seines Balcrlaiidcs gelegen ist, aus dem Herze» presse». Ja, voll übervoll! . . . So weit darf eö nicht koinme», daß eine Partei, welche Tücke, Arglist »nd Niedertracht auf ihr Banner geschrieben hat, das große Wort führt und die Welt glaube» macht: „In unserei» Vager ist Oesterreich!" . Der Antisemitismus, wie er sich i» der allerletzten Zeit cul faltet hat, ist in Tollheit und Tobsucht verfallen, Individuen, . welche nicht einmal die Eigenschaft „Halbbildung" für sich in Anspruch »chmcn könucn, wagen cs, in offieiellcr Persammlung der Vandesvertrctung gegen die Wissenschaft-anfzutreteu, sie herab;nsetze», sie zu schmähe», zu verleumde», zu besudeln! Da ist cs hoch au der $cit; daß ei» einziger schrei der Entrüstung und' der Berdainmung durch das ganze Vaud gehe. Nicht schweigen - dürfen wir mehr, nicht die Ansicht Iheilcu: Narren läßt man nnsloben. Nein, wenn Irrsinnige gefährlich, werden, legt man ihnen dir Zwangsjacke an, und diese Borsichtsmaßregsl ist nun auch jener unheilbringenden Schaar gegenüber anznw.nden, deren strebe» dahin gehl, Oesterreich aus der Reihe der eivilisirlen Nationen in die der Barbaren zu dränge». Unser Batcrland bietet der Welt bas Schauspiel, daß eine barlci ganz offen und unverhohlen auf daS ^id losgehl, eine nach Millionen zählende Gruppe von Mitbürgern dem allgemeinen Hasse preiszugebc», gegen dieselbe zu hetze», ja in deullichqn Worte» deren Bernichtniig zu predigen. In der arglistigsteis, nichts würdigsten Weise sucht diese Partei die desolaten Perhältnisse des rnssischen Staates zu ihren Zwecken zu verwerlhen und die ungebildete» Massen zu ähnlichen Ausschreitungen heranznziihe», wie sic drüben im höchsten Augenblicke der Roth, im Momente der drohendsten Eholcragefahr staltgefundc» habe». Stall daß die Gesnmmthcit sich einmüthig auf diese Epidcmiegefahr vo,bereitet, trachtet man dieselbe »och zu verdoppeln, zu verzehnfachen, indem man den ungebildeten, leichtgläubigen Theil der Bevölkerung auf wiegelt, ihn gegen die behördlichen Erlässe anfstachclt und ihm daS mittelalterliche Märchen aufbürdet, Juden 'und Eholera seien miteinander identisch. Veider ist das gemeingefährliche Jndividunm, das solches gc=> lha», durch chas heilige Recht der Immunität gedeckt und für den SlaatSanwalt unerreichbar. Wohl aber find wir alle berechtigt und verpflichtet, unseren Gefühlen Ansdruck zu gebe» und nach den letzten einpörcnden Borkommuissc» einen laute» Protest zu erheben. In erster Vinic rufen wir, der Berein zur Abwehr des Antisemitismus, diesen Protest in die Welt. Wir glauben aber, dies nicht allein in unserem Namen thun zu sollen, sondern im Namen der großen, erdrückenden Majorität von ganz Oesterreich! Der Zeitpunkt ist gekommen, da eö sich aufraffen heißt, da jeder seine Stimme abgebe» soll, der bisher geschwiegen, in der Meinung, die verderbliche Bewegung deö Antisemitismus werde in den Sand verlaufen. Um so besser, wenn sie in den litztcn Zügen liegt, wenn dieser tolle Aufschrei, de» wir in den letzten Tagen ver nominell, der Schrei der Agonie ist — um so nachdrücklicher müssen wir aber nun »och dieses Delirium bändige», den rasenden TollhäuSIcrn die moralische Zwangsjacke anlrgrn — und dies kann dadurch geschehe», daß unser Protest in allen Vandcn der österreichischen Monarchie ein lautes, ei» Alles übertönendeö Echo findet. Ei» Mißtrauens, ein Ent, üslungsvotum,-daS diese Gesell schast von unheilbringenden, genieingesährlicheu Radaumachern zu Boden drückt —: das verlangen wir, und das wird de» Nachbar Völkern den Beweis lief en, daß nn'er Baterland sich im entscheidenden Augenblicke aufgerafft hat, daß es nie nn> nimmer gewillt.ist mit einem Häuflein blindwülh^er Ianaliker und ver sichtlicher Streber solidarisch erklärt zu werden. Auf, zur Thai!.'.. Hie Gerechtigkeit hie Niedertracht!... A. Guiidaeear Freiherr v. Suttner." I)ans KuMidi-über den nationalen Antisemitismus. Haus >i»blich, .der sich eben ans der' Rückreise »ach Aincrita bc riaidet, Hai vo» Zürich ans an einen, schlesischen Vandsmann a» Schreibe» gerichtet, worin er sich ijber das politische Veben unseres Staates in. Allgenieinen, besonders aber über den Antisemitismus in seiner scharflressende» Weise ausspricht. Tic Worte des greisen Irciheits tänipsers beziehen sich znnir in erster Viuie ans den nationale» Anti srniitisnins und ans die l^esahrcu dcösetben für die deutsche Sache, sie bilden in dieser Beziehung aber auch die schneidigste Widerlegung jener soreirt nationalen Politik, welche sich ans die alleinige Hüterin der. reinen nationalen Ideale lsinänsspiell. Daß die Deutschen in Sester reich nicht jene Rolle spielen wie'die Ungarn in der jenseitige» Reichs - Hälfte, daran, meint kindlich, fei einzig ihre Uneinigkeit schuld. T«^. Widerstandskraft der.Dcntschböhuien liege in ihrer Einigkeit und (\Vschlossenhcit. Auch in Schlesien wäre es ähnlich gewesen, bis der Antisemitismus lani und Zwietracht und Per rat h ius deutsche Vager schleppte. Kindlich fährt sodann fort: „Por »Jahren sagte ich ancitcrnd tut Tcut'chc» Verein in Troppan: Man» kann nicnials zu sehr national sein! Und dieS betone ich heule nockf: der reine, wirklich .unverfälschte' deutsche 'Naiiouatisnius Hai aber nicht das «Geringste zu thnn mit dein Anlisemitisnins. Ve»lerer hat den reinen, berechtigten dcnlschen Nalionalsinn zu einer häßlichen Earrieatnr verzerrt, hat diesem verfälschten N«tionalismns jenes tra kehlende, grobe, lnhuniauc »nd dreschslegelariige Wesen cingeinipsi, welches cs jedem humanen, gerechten und freisinnigen deutschen Manne nninöglich macht, sich 'dieser Iraetion anzuschlicßen . . . Nalionalgcsinnie Dcntschc hat cS innerhalb/der dentfch liberalen Partei in Sesterreich wohl immer gegclnni: jedenfalls ist der deutsche Nationalsinn -nicht erst. von den Antisemiten erfunden worden. Schon 1e>-le< und. gab es viele führende Politiker, die, wie z. B. Zimmer und Vöhncr, Adolf WieSncr sowie die »leisten Tcntschböhincn, ans die Rationalität und ' Irankfurt wohl mehr (Gewicht legten, als ans die politischen Ireilieits fragen. Wie cS außerhalb deS ReichStmzeS in den Straßen Wiens und ans der Aula anssah, ist wohl »och allgeniqin besannt. Mir selbst trat, in Böklabrnck in S herbster reich im Sekober 1*4*, als ich die versaninielten Nationalgarden znin Entsatz von Wien ausforderte, ein Itortor jtii'is in scharfer Üeedc mit der Erklärung entgegen, das; die deutschen Sbcröstcrreicher ihre AngcN und Hossnnngcn nach Iranlniri gerichtet hätten, und daß sic sich um den halbslavi'chcn Reichstag in Wie» gar nicht weiter bekümmerten. Doch ,bildeten soivokw in dieser revolutionären Zeit wie-auch in den folgenden Jahrzehnten des Despotismus »nd der liberalen Re eonstrnetion die Nationale» immer nur-einen iniegrirendeil Theil der großen liberalen dentschen Partei und hießen sehr viele Juden als '"-rt i