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Freies Blatt · 1892-09-11 · 23 (11.9.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
23 (11.9.1892)
Date
1892-09-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ab°»ntmt»«spreis: .®rt$an jitv 2lbux'l?r 5cs Antisemitismus l»aii)ia!|iig Jnit i’ofliuftiibung . fl. 2.50. B,ertcl,-hr.sl.—50. Mit Poft,ufe»d. fl —.«5. Ein,'In- Siuutma« i fi. Erschcliii au jc&ciu Soniltllgk, Redaction und Administration: Wien I, Keikerslätte 10. Rümmer 23. . ttlicit, II. ^cplrmürr - I. Jahrgang. Pio überlisteten Frommen. I (CvigvnalmiUt)eilmiij des „ftifim Blattes") | { , . V i ii5,!> 2cpirmlnT. „Iudenschutztruppe" — mit dieser der Cfalonialpolilit ent Ifanlen Bezeichnung hat die nntisemitische Schaudpresse die Aufgabe der Mitglieder des Vereins zur Abwehr des Autijcmitismns be . spöttelt. Allein die Bezeichnung „Schutztrnppc" ist eine zutreffende: sie gereicht de» Freunden der Abwehrbcstrebnngcn zur Chre, den Antisemiten aber zur Schande. Was ist die Aufgabe der Schutz truppen in afrikanischen Kolonie»? Sie haben Pflanzstätten enre'päischcr Cnltur und Gesittung gegen wilde Horde», Mil uicnschen gegen die Habsucht roher Sclavenhändler;n beschützen, efo ist traurig, daß dem so ist, aber thatsächlich haben die Abwehrrereine im Herze» Europas, i» Deutschle.nd und Oesterreich, eine, almliche Mission zu e> füllen. Jene verderbliche Bewegung, welche mit Schmähung lind Verfolgung der Hilden begann, richtet sich aber schon lange nicht mehr gegen diese allein. Auf die Proscripiions listen der Antisemiten wurde» als „Iuvenknechtc", „Iudeiigenoffen" :e. gar bald alle Äkänner gefetzt, deren humaner Sinn eine Be drängniig von Mitbürgern, deren RcchtSgefühl und Gcsctzeslreuc eine Verletzung der Rechte Anderer nicht zuließe». In neuester Zeit sind auf diesen Listen aber auch Raine» von Personen und Parteigruppen zu lese», die lange, nur zu lauge die aiiliscmilische Bewegung, wen» nicht unmittelbar, so doch durch wohlwollende Reutralität gefördert haben. Katholisch consrrvatioe Wortführer, Priester und Laien, werden Juden und Iudengenoss.» gleichgestellt, wenn sie i» irgend einem »falle cs wagen, dem anti . semitische» Gebote zuwider;»handeln. Mit vergiftete» Waffen habe» die journalistischen Strcilkräfte des antisemitische» Lagers die Abgeordnete» Graf Hohenwart. Abt Trcuipfels, Dr. Kathrcin :c. angegriffen, weil diese i» der Währuugöfrage nicht j ne» Stand punkl eiiigeuoiirmei, welchen das antisemitische Oberkommando aus Gründe» agitatorischer Zweckmäßigkeit gewählt Halle. Die Angriffe der Autiseinitcn auf Katholisch Conscrvative »ahme» seit dem Linzer Katholikentage derart an Heftigkeit zu, daß ei» älterer Geistlicher i» einem Gespräche über die jüngste» Heldcnstreichc der Antiscmitcil bitter lächelnd sagte: „Wenn das so weiter geht, werden wir de» Schutz . dcö Bereutes zur Abwehr des Antisemitismus »ölhiger haben als die Inden." In katholisch conservativen Kreisen bereut man cS, die antisemitische Agitation, deren Ziele man niemals billigte, a»S dem Grunde nnlerstützt zu haben, weil um» von ihr eine Stärkung der eigenen Partei erwartete und sic unschädlich zu machen hoffte. 'Optimisten der katholisch konservativen Partei sahen schon die Tage herannahe», in bene» Oesterreich Sine ReichSverlrctnng mit kalholischcvnservativer Mehrheit haben werde; auch Dr. Lbcnhoch scheint sich diesem Wahne hingegeben zu habe», als er vor Jahre» in einer Wiener Bersammlnng de» Dr. Lueger alS tünfligcn Führer einer großen Partei begrüßt halte. Der Zuwachs, de» die Katholisch Conservativen dadurch crhiellen, daß sich ihnen unter glcißncrischer Versicherung vollster Ucbcreiiistimmnng, trotzdem aber »»tcr Wahrung einer gewissen Selbstständigkeit Antisemiten anschlosse», war für sie sehr schädlich. Statt der erhofften Stärkung trat in ihren Reihen eiche Zerrütlung ei», die man daselbst vorher nicht kannte. Die Antisemiten, welche zur Bekämpfung der frcisiunigeii Bürger schast ihr Hauplaugentuerk auf den „kleinen Mann" gerichtet hatte», widmeten nunmehr den Cooperatoren 'und kleinen Beamten in den katholisch-politischen Casinos ihre besondere Anfiucrksamkcit. CS gelang, ihnen auch, einen Theil der Katholisch Conservativen vollständig nmzustimmen, gegen die ^Großen" in Staat »nd Kirche einzunechnicn und die Diseiplin im Parleiverbande ';» locker», »amcnllich aber die Auloriiüt der Kirchinfürstc» zu nnlergrabc». Auf einer ehrliche» Grundlage beruhte das Bündniß zwischen Katholisch Conservativen und Anliscmilen durchaus nicht. Die letzteren, darunter auch Leute, die in Glanbenssachcn ganz indisfercni sind, geberdcte» sich überaus tirchen^cundl'ch, um mit den wirklich kirchlich ('•'efiniiteil in nähere Berührung za treten und diese Be Ziehungen nachher für ihre besondere» Zwecke ansznnütze». Anderer seils habe», wie schon vorhin bemerkt wurde, die Katholisch Cou seroalive» tauch solche, denen der Anliscmilismus unchristlich und in seine» Coaseguenze» für daS Christeuthnm gefährlich erschien i den Aulistmiten-Vorschub geleistet, jedoch mit -dem Hintergedanke», die aniisemilische Bewegung in Bahne» zu lenken, welche zum ausschließlichen Triumphe clcriealer und conservativer Tendenzen führen würde». IedS Partei wollte von Hause aus die andere überliste». Wie sich zeigt, sind, aber, um mit Windthorst zu reden, die Antisemiten „früher aufgcstaiideu". Werden die Katholisch Consrroaliveii in Zukunft vorsichtiger sein und sich ans Allianzen mit den Antisemiten üherhäupt nicht mehr eiiilassen? Vo>loro»»». Bismarck und die 2lnti)emiten. Wir haben anläßlich eines vor .Kurzem erschicueucu Artikels der „Hamburger Nachrichten" betont, 'wie schwaukeiid daS Charakterbild! des Fürsten Bismarck erscheint, wen» mau seine;n verschiedene» Zeiten verschiedene Stellung gegenüber dem Antisemitismus beol»achtet. Fürst Bismarck wird aus Grund seines Verhaltens in diesem oder jeuri» Zeitabschnittenls-Protcekor der antisemitischen Wühler gestiert und von einem Theile der Raeeuhasscr abgötlisch verehrt, während andere Aulisemitc» ihn als Gönner Lassalle's oder als Frcutid Bleich rödcr's ans das entschiedenste vcrurtheile» In den Berliner „Mit theil ungcn a u S dem Verein zur Abwehr des Antis-cmi tismus" wird nun auf ciucu Artikel des „Grenz boten" vouz 'N'ovcmber >*s(> anfmerksam gemacht, welcher die erste Antisciuite» Petition an das preußische Abgeorducteuhaus einer ciugchendcu Be sprcchuug unterzieht und den Fürsten Bismarck von jeder Schuld rcinzuwaschcu sucht. In dem bctrcsfeiideu Artikel heißt cs: Tcr aruescmischcn Bewegung siebt der Reichskanzler ganz fern, obwohl niedrige Verleumdung die freche Behauptung wagt, er habe sie heimlich an gefacht. Wenn es einen Namen gibt, von dem -schon jetzt sicher ist. daß die Nach well ihn dem Fürsten Bismarck Znsprechcn wird, so ist es der de-; freiesten Äanne» seine-; Fahrhunderts, eine; Fahrhunderts, das in dem 'Wahne lebt, alle Bor urihcile. besiegt zu haben, um thätiger als irgend andere» an neuen Bornribeilen za schmieden. Ten Fürsten Bismarck'wird sein freier Blick auch in der Fndcn frage nicht znm Anhänger der sortichrittlichen Togmen machen, wohl aber die Rolrheil in der Benriheilmig der Juden al» M'enicken. von welcher die ami semitische Bewegung sich nicht sreihält, schwer vcrdainnien lassen. Außerdem muß diese Bewegung ihm gerade jetzt doppelt ungelegen kommen Cr ist mit dringendere» socialen Fragen beschäitigt, als daß er jetzt diese sociale Frage lösen tönme, die nicht dringend, aber sehr schwer ist, und deren richiige Lösung von Börans setzimgen abhängt, die im Augenblicke ans keine Weise zu erfüllen sind. lind was weil mehr ist: diese aniisemilische Lewegnng geht von de» speeifischen Feinden des Kanzlers ans, von den Wt amontaneii und von - der äußersten

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