Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1892-08-21 · 20 (21.8.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
20 (21.8.1892)
Date
1892-08-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/4886575-5439132-5439219--0198-4886750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. Freies -J;on eine», reisende» Dentsch Amerikaner erhielt nuii vor Kurzem die „View '.Yorker ^lantS Leitung" folgenden bcachtenswcrthcu Artikel:" Deutschland Hot eine ganz besondere klaffe des Proletariats, dessen (Kcsahrlichkeit zuerst von BiSmarck klar iuS Vicht gestellt wurde: das Proletariat der (Gebildeten, Im letzten Sommerscmcstcr besuchten I-' (>'<>.'» Dlndeuten die preußischen llniversttätcn, dazu koninicn .noch ->'.'7 Hörer, so daß sich eine Gcsammtzahl von Ifi ö'.i-! Dkudiciciiden für Preuße» allein ergibt. Bei der letzte» Steuererhebung in Berlin bat sich hrrausgcstcllt. daß über die Hälfte der dort wohnenden Acrztc weniger als Mark (7UO Dollars) JahreScinnahmc habe. Diese beiden Thatsackicn nebeneinander gestellt, liefern eine trcsscndc Illustration -^eS soeialcn Elends in Deutschland. Der Arzt, welcher l'iOtll« Mark im Jabre verdient, ist inTscinem, Stande c,n ebensolcher Protc tarier und Pauper wie der schlesische Weber, ^der 7 '» Pfennige per Dag verdient Er ,u»:ß eine halbwegs anständige Wohnung haben, die' ihn mindestens IHN» Mark kostet, muß anständig gekleidet sein, ^ctd für Bücher und Jnslriiiiicnlc anSgcben und noch eine Masse anderer .. . Dlandee-ansgabe» bestreiten, wenn er nicht ganz nnlcrgehcu will. Aber >-t junge Venic bereiten sich aügenblicklich in Preußen allein ans die'e Vausbali» vor. da;» kommen VfiO1.* Juristen, die, wenn sic nicht die ebentalls überfüllte strcchtsanwallsearristrc cinschlagcii, jetzt, ikngcsähr zwolk Jalue warten müssen, bis sie als besoldete Beisitzer scsi an gestellt werden, und dann beginnen sic mit (Behältern, wie die Aerzkc in Berlin. waren willens, drei Jaliic zu studiere» und dann vielleicht ein liasi'es Vebeusaltev sich in allerhand elenden Dlcllnngcn als Hauslehrer. Bieare :c. herumzndi licken, bis sie endlich eine Dorfpfarre e>.gatkern, wo sie noch viel schlechter stehen alS die anderen studierten Venie Loch wozu die Beispiele unnütz vermehren? .(kein Vaud der Weit hat eine solche Maste von gebildete», »zu etwas Besserem'" er zagenen Nichlprodneentcn anszuweiicn wie Deutschland. Wenn ein Delni der .. best'eren. Dlände" nur bis zu seinem Jahre von den Eltern erhallen werden muß, können sie von C'lück sagen, wie lange es al er dauert, bis. dieser junge Man» selbst so viel verdient, daß er ..standesgemäß" leben kann, daS ist eine andere frage- Ucberall ivimmel! cs von Referendaren, ,forsteandidaten, Essieieren, Banclevcn, -inngen verziert, Post und Dteucrbcamren und sonstigen Aspiranten der sogenannten höheren Earrii-ren, die alle dciiv-Dkaak »insonft oder ' inr >'o gut wie umsonst dienen. Während sehr oft ein Mgitgcl an Beamten, die anständig bezahlt werden müssen, z B. an Richtern', sich merklicki macht, ist überall eine ,fülle von Unter, und Hilfsbeamren. die wenig oder niclits verdienen und dafür wenig oder nichts leisten. ' ' Dabei emp'ängi diese „höhere" Elaste stetigen Zuwachs von nuten. Lern biederen Dchnstcr hat nnglücklicherweisc ein halbverhungerter Velikei in Anerkennung eines umsonst besohlten Paar Driefels gesagt, . daß ''ein Lohn ein Talent hätte, weiches auSgcbildet werden sollte. 7er Junge har insolgc besten Theologie studiert, weil das am billigsten ist. Aber der Dchgsieriunge im Tatar würde cS als eine Schmach betrachten, wenn sein Junge nun wieder Schuster werden sollte, . und ioor'eri er seine letzte äkuh. damit der Dprößliug sich auch wieder mir die Hnngeilciderei eines „höheren Berufes" vorbereitcn kann. In dr.i.L Wu'e fordert das' Ni'M.-ssc «Iilip* der „höheren Stände", ir rrnemich l ei d> r großen .(Minderzahl, immer größere Dpscr und -scho.s'r inüt-.e! größere Unzufriedenheit, . denn das Nachhelfe» mittelst isich r H 'iaren hat auch seine (Kreuzen Do deckt ein Titclchen, cin.i Drden. iin wenig gepninpier Tand sehr oft einen knurrenden Magen, und ivenn die Iran Wirkliche «Rheime Sbersinanzräthi», die zu Hanse jeden Psennig ziveimal ljernmdrcht, damit sic „standesgemäß" leben kann, während ihr Mann mit Millionen rechnet, dann der Iran Banguier Jtzig in ihrer Egnipage begegnet, hat sic wenigstens die (Kenngihuung, sich zu sagen, daß jene „doch nur eine Jüdin" ist, und vielleicht tritt nun wieder die Iran Bängnicr Jtzig elwaS arro gauk ans, iveil sie weiß, womit die Iran (Keheimc eliath sich tiöstc't. - Do ist der unversöhnliche'Unterschied zwischen äußerer Dtelluiig mir Einnahmen der erste cchnnd zu dem Kamps, ivclcher gegen die jenigen ge'ühr.l wird, die durch ihre Einnahmen sich eine Dtellnug zu erringe» suchen, «nd das trifft, ans (Kründen, auf die hier nicht weiter tinzugehen ist, in erster Vinie die Juden. Dazu kommt aber noch, daß, obgleich noch immer, in ganz »»sinniger Weise den Juden eine .Masse ' i'ssenrlicher Vansbahncn, z. B die Post, die Dtcucrearrisire, die HssieicrS. lauibahn, die steichterearrii-re :e. m-rschloste» sind, die jungen Venic, die schon pon alten Leiten bedrängt werden, weil in alle» „höheren " fächern Ucbcrsüllung herrscht, in den freien »fächern aus talentvolle .luden stoßen, die als Aerzte, Rcchtsanwälic n s. w. rasch Earrivre inacnen unk viele christliche Evneurrentcn weit hinter sich lasten. Daher d e Klage» über die Bcrjudung der Fächer. Blatt.. Nr. SO. Nutz könnte ja daraus eine gewistc Eifersucht, eine Aeugstlichkeit »nd Antipathie erklärt werden, »msomchr, als zwcitauscndjährige Bcrfolgung und künstliche Unterdrückung in den ungebildeten Inden, wie bei den Negern in Ainerstka, Eigenschaften entwickelt haben, welche ja selbst nnt r de» eigenen (KlaubenSgcnossen Antipathie errege»; aber dies erklärt, noch lange nicht die Wnkh' und die Rohheit, mit dev die Jndcnhctzc gegenwärtig hier betrieben wird. Diese kann nur aus einer in imyicr weitere» Schichten um sich greifenden tluzufricdcnhcit gesucht werden. Sb mau nun „Hoch die Anarchie!" oder'„Nieder mit den Juden!" ruft, cs bleibt derselbe Wnthschrci des—oft nur nach seiner eigenen Meinung —• Darbendcn, der Andere berauben will, um sich selbst mehr Wohlleben ohne Arbeit zu sichern. Die Hebung der materiellen Vage deS Arbeiters hat in den anderen Schichten der Bevölkerung, schon iveil man doch die Unterschiede aufrecht erhalte» muß, auch den 'Wunsch »ach größerem Wohlleben erzeugt, ohne daß, gerade iveil der Arbeiter sick> eine» größeren Anthcil an de» Arbcitsprodnelcn sichelte, die Mittel zur Befriedigung im Berhällniß größer werden. Ter Innrer, dem höhere Vöhnc, kürzere Arbeitszeit, auswärtige Eon rnrrciiz, crzävnngene bessere fürsorgc für die Arbeiter, Mißernten und Mißwirthschaft eine» Thcil seiner Einkünfte geraubt haben, der aber mehr Aufwand als früher macht-, macht den Inden, der ihm (Kcld geborgt, jetzt für seine mißliche Vage verantwortlich. Der Handwerks meistcr, der cinsieht, daß der goldene Boden des JnnnngSwcscuS unter seinen fügen schmilzt und er zurücksinkt in den Arbcitcrstand, wenn er nicht Kraft genug hat, sich zum fabritantcn anfzuschwingc», macht den „jüdischen Vibcralismus" dafür verantwortlich, daß man ihn nicht künstlich in einer Stellung erhält, nachdem Dampf »nd Elektrirität und ArbeitStheilung ihn längst »»möglich und überflüssig gemacht habe». Alle diese Vcutc übersehen, daß der Jude von ihnen und ihren Borsahren selbst in eine Vage gebracht wurde, ivclche ihn viel besser als alle andere» Ventc befähigt,- die socialen Umwälzunge» der liegen wart zn überstehen und zu seinem Borthcil anSznnntzcn. Ausgeschlossen von allen Vausbahncn, in denen Jnnungswesc», familicncinflnß, Adels Vorrechte und sonstige »»gerechte Elastengesctzgcbung die Anstrengnugen des Einzelnen unterstützten und oft-ganz »nmöglich machten, war er stets ans seine eigenen Hilfsmittel angewiesen und mußte nur iiiil eigener. Kraft den ihm überall ciitgegentretenden Widerstand überwinden. Er war der erste sell’ma*!«* man, und als solcher hat er sich umso mehr Erfolge sichern können, je freier das feld wurde, ans welchem er sich bewegen konnte, während die halbe andere Well in Deutschland noch nach .den Krücken tappt, welche, sic früher gehabt, oder sic krampfhaft nntcr den Armeu hält, obgleich sic ohne sic besser fort tomnicn würde. ' * Bon einem »freunde der Abwehrbestrebnngcn crhnlt'en wir anS Prag folgende ^»schrift: , Die Antisemiten werden der deutsche» Regierung unbcgnci»: sie bewerfen hohe Rcgieruugsorganc und ganze (Gruppen solcher mit den anrüchigsten Aiiwürscn und haben cS erreicht, daß die Regierung selbst znm' Dchntze ihrer Erganc die (Berichte in Anspruch nehmen muß. Die alio, geehrte Redaetio», stehen nicht allein in der Abwehr, Die haben da höchst rcspeetable Mitarbeiter! Wer hätte das gedacht zu einer ,^eit, als Dlöckcr noch in Ehre» stand, als fürst Bismarck die antisemitische Bewegung seiner Beachtung würdigte und zur Bildung einer den Dtaatszwecken förderliche» fraetion für fähig hielt? Wie selten war damals ei» Manneswort von hoher Dkclle, welches sich offen und kräftig für die Wahrung der .Humanität eingesetzt hätte? Wenn wir die Anslassungr» der antiscinitischen Hetzer und. die Einreden mancher würdigen Herren gegen einander halten, so . will cs uns schier bcdünkcn, daß sic alle beide an der Wurzel znsaniincnhaltc», nämlich an der Wurzel der nationalen lleberhebung. Eine kräftige Politik ist schön, .doch auch hierin gibt es (Grenzen; sogar im mcnschcnmordendcn Kriege sind der'(Grausamkeit durch Dittc und Brauch (Kreuzen gezogen Was haben die zahlreichen Untcrthancn des russischen :>icichcS verbrochen, die vor einigen Jahren schaarcnwrisc durch das Machtwort der preußischen Regierung auö Deutschland aus gewiesen wurden? Rechtliche Arbeiter und Kleinhändler waren cs, von denen viele in Deutschland ihren Hausstand hatten. Ihr Bergchen war, daß sie genügsamer und billiger waren als andere, und daß sic nicht schnell genug sich assimilirtcn. Das Borgcben, deutsche Al beiter schützen zu wolle», war nicht weit her, nnd man machte zu (Künsten der (Kroßgrundbcsitzcr auch zahlreiche AnSnahmen. Rußland erhob gegen die BcrgcwalligNng seiner Staatsangehörigen keine Borstcllungcn. Waren cs .doch fast ausschließlich Polen, die, wen» deS ' Himmels (Kunst zum Ezarcnwort sich gesellt, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.