Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 20 (21.8.1892)
- Date
- 1892-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I «d-uiiementSpreis: (Df^ClU ZM' 2lblt>l,fyr £>CS ^!ntisemitismus. ' Rkdactio» und Administration: Ärgan zur Abwehr des Antisemitismus. SanMrig mit P°st,us«ndung II. Ü.5«. _____ _ IDiftl r-icrIcIj<ll,r.fl.-».MilP°stjusrnd.sl — ü.'>. (Sin,(Ine «,,mn»rn 4 kr. ErschtUlt g» jcdtlll LvUIltagk. - I. ^»cifcVftTxtto 10. Nllilimcc 20. ' lUicn, 21. -Ainutft 181)2. i I. JtnfirgaVg. Nicht antifemitcmein. Poii fiiifin Tcutschmahrer. ilud) Mähren ist nicht, wie cö für Feliicrstchendc den An jchein hat, ganz aiitifcmitenrein. Wohl kommt bei den Wollten i» die BcrtretnngSkörper, dank der geschickten ^eitniig der deutsch sortschrittlichen Partei in, tzandc, dculscherseilS der AlitiscinitisinuS ohne Feigenblatt stklen znin Borschein, und die deutschen' Anti semilen in Mohre» holten eS giößlenlheilS für angezcigt, nur in, Perborgenen zu wühlen, ein Bersteckenspiel;u treiben. den Journalen und in Bereiusversamnilungcn inocht sich indessen die antisemitische Bewegung auch unverhohlen geltend. Wir können bereits dreierlei Arlcn dcS AntiscinilismuS in Mähren wahrnehmen: Do ist zunächst die dcnlsch-nalionale Antiscinitcrci, deren Anhänger sich meistens ouS Advocote» und Fobrikonten in solchen hegende», wo die Slave» entschieden in der Minorität sind, re^ ernlircn. Zn dieser Aulisemilkiiarl gehören auch vereinzelte Acrzte, —Lehrer, Postorcn und eine erkleckliche Anzahl studierender Jünglinge. ' Waren doch unter jenen studentischen Berbindungc», welche vor kurzen, >n Wien aufgelöst wurden, auch der Berci» -der deutsch.n Sludentcil aus Nordniühren sowie die deutsch akademische» Bereine „Rabcnslcin" und „Krcinsiercnburse". Ferner macht sich das sogenannte „christlich-sociale" Reforinerthui», nämcnllich in den deutschen Slädtc» Mährens, breit. Seine Bcrtrclcr sind zumeist Slave», welche in dem AntiscinilismuS ein brauchbares Mittel zur Förderung ihrer nationalen Propaganda erblicken. Endlich habe» wir die Judenhctze rein tschechischer Prägung, eine alle Landes sille, welche noch in voranliscinitifchcr Zeit geübt wurde. Heut zutage werden nur der alten Kappe neue Schellen angehängl. Was die „Deutsch.Nationalen" anvelangt, so sind sie, von der hoffnungsvollen akademischen Jugend, lnren Ausschreitungen wir nicht allzu große Bedculung beilege», abgesehen, besonders in der Gegend von Schönberg, Römerstadt, Slernberg, Neustadt, Trübau und Zwillau verbreitet. Sie befleißigen sich in der Regel der größte» Zurückhaltung, ja sie verleugnen auch, wenn der Monisnt es erfordert, den Antisemitismus, in Folge dessen cs ihneis in früheren Jahren schon gelungen ist, ihrem Eandiväte» bei Reichs. raihSwahlcn in Trübau-Zwillmi zu einem Siege zu verhelfen. Gegenwärtig machen die „Deutsch Nationalen" und ihre publicisti scheu Organe wenig von sich reden. Weit regsamer und lästiger sind die „Christlich Socialen". Nicht etwa, alS ob die Besorgniß naheläge, daß sie ernstlich bcji Besitzstand der deutsch-fortschrittlichen Partei gefähr-de» könnte», aber sie vergifte», wie anderwärts, so auch in Mähre», daö öffentliche Vcbcn. Ihre Hetzblältchen ver breiten, unbekümmert um alle inzwischen erfolgten Nichtigstellnngcn, dir alten antisemitischen stügeiu Sie erzähle», daß die Juden Galiziens bereits 75, sage sünfuiidsicbzig Pcrccnt des gesammlen Grundbesitzes jener Provinz in ihre Hände bekommen haben, daß RothschsMM, saue sechzig Herrschaften in Böhmen angekauft hat, und deute» an, daß die „Judenliberalen" von Znoim, beziehungsweise von Jglau bei diesen Porarbeilcn zur Begründung der jüdischen Welt Herrschaft alö Helfershelfer milwirken. Ereignet sich in irgend einem Orte ein Unglücksfall, so wird er von den „Ehristlich. Socialen" in der schamlosesten Weise zur Perleumdung der Gegner oüSgebcntet. Sie veranstalten Bersammlüngen, -verschreiben sich Hetzredner auS Wien und machen die „Judcnlibcralcn" für alles Mißgeschick, sogar für Brände und Unwetter, verantwortlich. In jüngster Zeit geschah dies, anläßlich deö Einsturzes des „RänbcrthurniS" in Znaim. Dass reactionär« Machenschastcn in denlschcn Städten Mährens schließlich doch klüglich scheitern müssen, daß die übcrlviegcnde Mehrzakst duitschmährischer Bürger nicht auf Abwege zu bringen ist, zeigte am klarsten der Fall Vandsteincr in Nikolsburg. Aber das friedliche Zusammenleben der Bürgerschaft wird durch die „Ehristlich Socialen" gestört, welche übrigens auch das dcnlsch mährische Landvolk in Unruhe, zu versetzen fachen, ohne jedoch bisher nennenSwerlhe Resultate dieser sauberen Be mühungkn anfiveiscn zu können. ' - Ai» gefährlichsten erscheint uns die tschechische Spielart der Judcnhetze. Hier haben wir es mit einem Terrorismus zu ihun, welcher dcn Juden schlägt und den Deulschc» incint.' Tschechische" Organe Hetze» gegen Bürger israelitischen Bekenntnisses, weil diisc von ihrem Wahlrechte zu Gunsten der dcnlsch foetschriillichen Partei Gebrauch machen. Sic verlangen gewöhnlich von dcn Juden, daß diese selbst ihre Bürgerrechte null und nichtig.inächen, und wenigstens von dcn Wahlurnen sich fcrnhallcn sollen, wen» sie schon dein tschechischen Eominando dcn Gehorsam verweigern und nicht für tschechische BerlrauenSmünncr stimmen. Fstr den Fall, als die Juden cS wagen würden, diese ihm» vorgrschriibene Abstincnzpolilik nicht zu befolgen, wirkt ihnen mit wirlhschafllicher ' Bohcottirung und mit dem AntiscinilismuS der schärfsten Tonart gedroht. In einigen Fälle» kam cS auch schon zur Berwirllichung der Drohungen. * ~ : Bei den letzten Gemeindcwahlcn in Prößnitz erzielte diese Art des Antisemitismus einen momentanen Erfolg. Allein die Thal sache, daß die Regierung die Eonstituirung der ncugcwählten Pros; »itzer Gemeindevertretung ' fiftirt hat und die Erkenntnisse des BerwallungSgerichlShofcS über die bei dcnlselben eingebrachten Be schwerde» abwartcn will, bevor sie in dieser Angelegenheit eine cndgillige Entscheidung fällt, läßt die Folgerung lerechligl erscheinen, daß der in Pr>)ß„itz durch terroristische Mittet erzielte Erfolg nicht von nachhaltiger Wirkung sein und kcincswcg'S. zur weiteren Anwendung solcher Mittel ansporncn werde. Mil den- „Deutsch Nationalen" und „Christlich Socialen" werden di: deutsch fortschrittlichen Bewohner- Mährens schon selbst fertig werde». Gegenüber den Borstößcn slavischer Gcrngroße mit Hilfe ihrer traditionelle» und nur etwas »ivdernisirlcn Judenhctze haben aber die deutschen FlirtschritlSmänncr Mährens vollen Anspruch aus Schutz seitens der staatlichen Bcrwaltungöorgane. Aus der Gestaltung der Bcrhältnisfc nach der Bersetzung des Freiherr» von Prazak in den wohlverdienten Ruhestand schöpft inan auch wirtlich in deutsch-fortschrittlichen Kreisen die Hoffnung, daß eS fürder er möglicht sein werde, die gefährlichste Anlisemitenart 'in Mähren, die tschechisch terroristische, unseliädlich zu machen. Die Dudenhetze in Deutschland, Tchon" zu wiederholten Malen wiesen ivir darauf, hin, >vie die Judenhctze in Deutschland außerhalb dieses Reiches bcurkheitk ivird. Bor einiger Zeit sagte Earl B o g t in einer Rede, die er ans einem ihm zu Ehren' gegebenen Bankett in Gießen hielt, daß in England der i» Deutschland grassircndc Antisemitismus als ein "Niedergang der deutschen Eivilisation betrachtet werde und daß man cs gar nicht begreife'» könne, auS welchem Grunde ei» Bolk, daS einen Gothe, rineu Schiller und einen Messing besitzt', einen solchen Schandfleck ans seiner Ehre dulde-